Die Sprache der Anderen, 15

“Es ist wichtig, das nie zu vergessen: Dass die Worte (und Zeichen) die Welt nicht s i n d. Die Begeisterung für Intertextualität etc. hat manchen dazu veranlasst zu glauben, dies sei anderes herum: Gehungert werde nur dann, wenn der Hunger gezeigt werde.

Tatsächlich wird die ‘konkrete Handlung’ aber immer sofort wieder ein Zeichen, da wir gar nicht anders können als die Welt mit Sinn aufzuladen. Deshalb ist dieses “Innehalten”, sich der Sinn-Freiheit für einen winzigen Moment zu überlassen, finde ich, auch so beglückend: der Austausch eines Lächelns – noch bevor es zum Zeichen wird und “etwas” bedeutet.”

MelusineB in einer Kommentarfolge zu Ihrer Besprechung von Markus A. Hedigers “Krötenkarneval”, drüben auf Gleisbauarbeiten.

TTag, 15. Juli 2010. First smile.

Eigentlich hatte ich mir gestern vorgenommen, auf jedes Gastgedicht ein Antwortgedicht zu schreiben, hab’ ich aber nicht geschafft… Sie sehen mir das sicher nach. Spät nachts kamen dann noch einige schwer benebelte posts und ein Limerick. Jetzt zuckts mich natürlich in den Fingern, das “Dichten kurz vorm Hitzeschlag” heute mit Limericks fortzusetzen.
Mal sehn – eigentlich ist zu viel zu tun. Andererseits hab’ ich den Verdacht, dass Reimen sich positiv auf andere Arbeitsprozesse auswirkt. Im Ernst! ; )

Mist. Heute liegt wirklich viel Arbeit an. Ich glaub’, ich leg’ mal los. Das erste Lächeln des Tages lässt noch auf sich warten.

Gedichte kurz vorm Hitzeschlag

Der Wasserbüffel schreitet froh
vom Ufer
in den kühlen Fluss.
Der Schreibtischhengst will ebenso!
Doch trennt ihn grad vom kann
ein muss.

22:56

Die Last der Erkenntnis

Der Pudel, dessen Lockenpracht
ihm unter solchen Graden
weit mehr als sonst zu schaffen macht
geht eine Runde baden.

Er schüttelt den berühmten Kern
sich aus dem Fell, den Brocken!
Nun ist ihm kühl. Das hat er gern.
Der Hund ist wieder trocken.

TTag, 14. Juli 2010. Slow motion. (slow ocean wäre besser)

Guten Tag. Jetzt hab’ ich aber wirklich d e n Trick, bei diesen Temperaturen nachts schlafen zu können: Haare waschen (je mehr man hat, desto besser), nur ganz sachte das Wasser herausdrücken und dann mit ihnen, nass, wie sie sind, zu Bett gehen. So hat das Haupt die ganze Nacht durch Kühlung, und man kann beim Aufwachen ein Gehirn begrüßen anstelle eines Eierstichs. (An meine jüngeren Leser: Das ist ein merkwürdiges Gericht, bei dem man verrührtes Ei mit Gewürzen und Milch in einer Porzellantasse in einem Wasserbad stocken lässt, um es anschließend in Würfel zu schneiden. Unsere Großmütter liebten das Zeug, meine zumindest hatte geradezu einen Eierstichfetisch)
Nun denn.
Mit meinem wilden, da über Nacht in alle Richtungen getrockneten Haarschopf bin ich bereit und willens, mich den laufenden Aufgaben zu stellen. Ah! Mein Drucker ist verreckt. Also neuen kaufen. Ohne Drucker kann ich weder meine Jobs vernünftig machen (das papierfreie Büro hat sich bei mir noch nicht durchgesetzt), noch Scans von Zeichnungen, die ich hier auf TT einstellen will.

Ach ja, einer Merkwürdigkeit ist nachzuspüren: vorgestern Nacht hat jemand Kommentare hier gelöscht, und zwar weder ich, noch derjenige, der sie eingestellt hat. Der Betreffende beklagte sich -zu Recht- am nächsten Morgen per Email bei mir, er sähe keinen Grund für meine Löschungen. Ich schrieb zurück, ich sei das nicht gewesen. Er: ich auch nicht.
Hm.
Ich erzähle Ihnen das nur, weil es mich beunruhigt. Falls Sie, liebe Leser:innen, in nächster Zeit hier etwas schreiben, das dann plötzlich weg ist, bitte ich Sie, mir keine Löschlaune zu unterstellen, sondern mir über Email Bescheid zu geben! Die steht im Impressum. Ich lösche nämlich höchst selten. Die Vorstellung, dass es jemand an meiner Stelle tut (und dazu in der Lage ist), finde ich äußerst irritierend.

L. hat übrigens geschrieben. Ihr Brief brach aber just an dem Punkt ab, an dem es spannend wurde, wie ich fand. Ich hab’ also beschlossen, auf die zweite Hälfte zu warten, bevor ich ihn hier einstelle. Ihr Dr. Sago jedenfalls wird zusammenzucken, wenn er ihn liest – ich bezweifle, dass er seine Patientin auf Dauer wird so beeindrucken können, wie er das bisher gewohnt war.
Hoffen wir nur, dass Sie weiterhin Neigung verspürt, ihn und uns brieflich an ihren Erlebnissen teilhaben zu lassen. Abnabelungsprozesse sind so eine Sache, da reißt der Dialog durchaus auch mal ab. (Na, auf L.’s Mitteilungsbedürfnis ist im Grunde Verlass. Hoff’ ich)

Ich würde gerne etwas über Überforderung schreiben, vielleicht sogar als Teil eines Texts über das Lügen, den ich angefangen habe. Da ich momentan hitz’bedingt aber nur über zwei Drittel meiner Denkleistung verfüge, kann das noch dauern. Hab’ ich schon erwähnt, dass ich diesen Sommer großartig finde? Und mit zwei Dritteln kommt man doch auch voran. Wenn auch in slow ocean.
In K übrigens ist von eins bis fünf Uhr nachmittags Arbeitspause. Die machen’s richtig. Seufz.

16:07
Auf jetzt! Nicht einknicken! Dichten!

TTag, 12. Juli 2010. Kellerassel müsste man sein.

Genau so hatte ich’s mir vorgestellt: seitdem ich zurück bin, ist kein freier Strich und keine außerjobmäßige Textzeile entstanden. Von den wenigen hier auf TT abgesehen. Na gut. Eine Woche ist noch kein Drama. Liebend und lachend war mein Ankommen, mein Gefährte erfand Dutzende neuer Geräusche, die Freunde hatten allesamt dieses Strahlen im Gesicht, das mir immer von neuem sagt, ja, das ist meine Stadt, hier leben fast alle, die mir nah und wichtig sind. Wahlfamilie. Wäre meine Schwester noch hier, es wäre perfekt.
Dennoch, ich vermisse K****. Meine Parallelwelt. Die Freizügigkeit, die mein Denken und Empfinden dort hatte.
Hab’ noch nichts zu berichten heute. Muss und werde mich in ein neues Projekt einarbeiten, das die Stiftung fördert, schon jetzt kleben die Unterarme am Schreibtisch. Egal, das Gehirn surrt einigermaßen zuverlässig. Sehr intensive, bildreiche Träume schickt es mir, als wolle es mich wenigstens nachts in die Regionen entführen, die mir dort auch tagsüber zur Verfügung standen.
Wenn es mir gelingt, mich die nächsten Stunden gut zu konzentrieren, kann ich heute Abend ins Atelier… drücken Sie mir die Daumen, liebe Leser:innen.

11:28
Übrigens – drüben bei Eugene Faust gibt’s Eisberge! : )

15:26

TTag, 9. Juli 2010. Von der Kargheit.

Wortkarg.

23:08
Ich hatte es heute morgen gespürt: das wird so ein Tag, an dem mir jedes Wort schwer fällt. In K**** hab’ ich an solchen einfach geschwiegen. Ging heute nicht, gestern nicht, eigentlich gar nicht, seitdem ich zurück bin. Ich weiß schon, warum ich mir das Schreiben als Metier ausgesucht habe: man muss nicht sprechen dabei. Ich gehöre zu den Leuten, die mitten in einem Zusammensein mit anderen plötzlich denken, sie wären vielleicht, doch, ganz sicher jetzt gerne allein.
Schon merkwürdig, das sieht mir keiner an. Wie gerne ich für mich bin. Ich wirke wie jemand, der Gesellschaft genießt. Tu ich auch; doch nach zwei, drei Stunden Reden kommt eigentlich immer dieser Impuls, mich zurück zu ziehen, zu lesen, die ganzen Worte sich setzen zu lassen. Am liebsten mag ich Zweiergespräche. Oder indirekte, schwebende, so wie hier. Gruppen strengen mich an. Stimmlagen. Meine nahen Freunde haben alle gute Stimmen, das ist kein Zufall.
Den gestrigen Abend verbrachte ich mit einem, dessen Stimme allein mich an so etwas wie verschont werden glauben lässt. Ich las ihm aus den L.-Briefen vor. Gut, sagte er, die Figur, die Sprache, das ist intelligent gemacht und stilistisch aus einem Guss. Weiter machen. Wie viele hast Du.
Zwölf, sage ich. Zwölf Briefe bisher. Doch ich brauche spezielle Bedingungen, um an so einem Text zu schreiben. Hier fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren und einzulassen auf so eine längere Arbeit.

Bin müde.
Verbringe die Nacht heute auf dem Land. Überall ums Haus quakts und zirpts; ein Dutzend kleiner Flugsauger haben schon an mir zu Abend gegessen. Jetzt sind die abgezogen, hoffe ich, zum Verdauen. Nur die grüne Schmeisse kreist noch hektisch hier rum, setzt sich, putzt sich die Flügel und saust wieder los. Die pennt aber ein, sobald ich das Licht ausmache; ich kenn’ das schon.

Schlafen Sie gut, Leser:innen.
Ich empfehle Leinenbettlaken für die Nachtruhe – bekam vorhin eins übergeworfen. Es riecht nach Schrank. Muss mal Lavendelöl hierher mitbringen.