Mund auf!

„Begriff ohne Anschauung ist leer
Anschauung ohne Begriff ist leer.“
Alexan der Kluge

He is the king. Abgesehen von meiner wachsenden Begeisterung für diesen Mann, der hemmungslos und unablässig eben dieses macht – Begriffe mit Anschauung verweben – stellte ich mir gestern Abend nach gefühlten vier Stunden Einblick in Alexander Kluges Welt auf SWR doch die Frage, folgende nämlich:
Diese unzähligen, fragenden, akzentuierenden „ja?“ in seinem Redefluss – was bedeuten die bloß? Merkt er nicht, dass das nervt?
Die Sache ist die, Herr Kluge ist nicht nur der King, sondern auch der gute Onkel.
Heute Nacht kam ich drauf: Der Mann hat sich im Laufe seines Lebens einen schönen, substanziellen Brei zusammengekocht. Sehr nahrhaft. Nun will er uns den füttern. Weil er aber weiß (im Gegensatz zu uns) wie enorm dick der Brei, wie viel davon vorhanden ist, gibt er uns das Zeug Löffelchen für Löffelchen. Einen für Mama, einen für Papa, und dann der ganze Rest der Familie. Wie der gute Onkel, der zu Besuch kommt.
Und jedes „ja?“ bezeichnet den Moment, in dem er sich vergewissert, dass wir runtergeschluckt haben, bevor er seinen Löffel wieder in den Brei tunkt.

Fundstück:

„Zwei Dinge bedrohen unablässig meine Welt: Die Ordnung und die Unordnung.“

– Von wem mag das sein? Fand den Satz eben in meinem Kritzelheft, ohne Nennung des Autors. Irgendwas daran muss mir gefallen haben, sonst hätte ich’s nicht notiert…

Yasmina Reza, die französische Dramatikerin

sagte über Sarkozy, den sie ein Jahr begleitet hatte:

„Sie haben gelesen, dass mir an Sarkozy sofort die permanente Ungeduld auffiel.
Eine Unfähigkeit zur Gegenwart. Solche Menschen sind ständig im Werden, als hätten sie Angst vor der Zeit, die verrinnt. Sie kennen nur die Zukunft. In der Mitte klafft ein Loch.“

Dann, einige Sätze später, sagt sie wieder etwas erstaunliches:

„Es geht mir um das Sein in der Zeit, um die tragische Einzigartigkeit, dass die Gegenwart abwesend ist.“

Und Reza fragt:“ Die Politiker, die Tatmenschen, umgibt ein Mysterium der Getriebenheit. Warum opfern sie ständig die Gegenwart?“

(Zitate: DER SPIEGEL 14/2008)

Ich meine, nicht nur Politiker opfern die Gegenwart: Wir genauso. Viele, die ich kenne, tun es. Einige nicht.
Ich selbst versuche oft, mich zu vergegenwärtigen. Während solcher Maßnahmen ist man isoliert. Sehr gewöhnungsbedürftig. Wenn man es noch nie versucht hat, unterschätzt man auch, wie aufwändig es ist.
Ich hab‘ darüber schon als Studentin geschrieben. Über die Frage, ob dieses ständige nach vorne in die Zukunft, in die Karriere drängen aus der Angst resultieren könnte, sich ansonsten beim Alleinsein mit sich selbst zu ertappen. In einem stillen Moment: Es bliebe nur Wahrnehmung, ohne action, ohne Manifestation, ohne Produkt. Das wäre sicherlich furchtbar.
Deswegen schnell weiter, weiter!

In extremis

„Sattheit enthält, wie jede andere Kraft, immer auch ein bestimmtes Maß an Frechheit, und dieses äußert sich vor allem darin, dass der Satte dem Hungrigen Lehren erteilt.“ Anton Tschechow

Ich habe dieses Zitat gestern auf einer Site gefunden, die sich „Sturmwaisen“ nennt. Es ist eine jener sogenannten „pro-Ana“ Seiten, die online über Passwörter wie geheime Zirkel funktionieren und die Magersucht verherrlichen. Man kommt nur auf die gefährlichen Abschnitte der Site, wenn man vorher im Forum hat nachweisen können, dass man anorexisch und bereit ist, das auch zu bleiben.

Oliviero Toscani hingegen, der Fotograf, der die berüchtigten Fotos für Benetton gemacht hat, hat kürzlich für eine Jeansmarke nackte magersüchtige Models fotografiert, von denen eines diese Woche doppelseitig in einer italienischen Tageszeitung abgebildet war. Die Kampagne wird vom italienischen Gesundheitsministerium gefördert. Headline: „No Anorexia“. Großes Geschrei natürlich in den Medien. (http://www.nolita.it/noanorexia/indexEng.htm)

Anton Tschechow starb 1904 44-jährig an Tuberkulose. Was er wohl zu dieser Sache zu sagen hätte? Hat die Verfasserin der „Sturmwaisen“-Site wirklich gewusst, wen sie da zitiert? Ist doch grotesk, oder?

Melancholische Beobachtungen über’s Denken,

leider nicht von mir, aber ganz in meinem Sinne:

„Der bedeutende Denker (…) wäre jener, der eine entscheidende Einsicht oder Idee hat und sie ausschöpft, der eine maßgebliche Entdeckung macht, einen zentralen Zusammenhang sieht; der fast „habsüchtig“ in einen Denkakt, eine Beobachtung und den darin enthalteten Keim investiert, das volle Potential nutzt. (…)

Wohingegen die große Mehrheit der Menschen, selbst wenn sie, sozusagen im Vorübergehen, von erlesenen Gedanken oder grundlegenden Beobachtungen gestreift sind, diesen keine Beachtung schenkt, weder zugreift noch übergeht zu ihrer Umsetzung. Wie viele Erkenntnisse gehen verloren in der gleichgültigen Flut unbeachteten Denkens, im ungehörten oder überhörten Selbstgespräch der täglichen und nächtlichen Hirnemissionen?

Warum sind wir nicht in der Lage, die möglicherweise fruchtbare Spannung, die von den immer wachen Bögen und Synapsen unserer geistigen Natur erzeugt wird, zu fassen und sie – wie bei einer elektrischen Batterie – in konzentrierter Form, als Potential, zu speichern? Es ist genau diese unendlich verschwenderische Erzeugung, für die wir bisher keine Erklärung haben. Der Verlust ist maßlos.“

(Auszug aus: George Steiner „Warum Denken traurig macht“, Suhrkamp 2006)

Hach!