Melancholische Beobachtungen über’s Denken,

leider nicht von mir, aber ganz in meinem Sinne:

„Der bedeutende Denker (…) wäre jener, der eine entscheidende Einsicht oder Idee hat und sie ausschöpft, der eine maßgebliche Entdeckung macht, einen zentralen Zusammenhang sieht; der fast „habsüchtig“ in einen Denkakt, eine Beobachtung und den darin enthalteten Keim investiert, das volle Potential nutzt. (…)

Wohingegen die große Mehrheit der Menschen, selbst wenn sie, sozusagen im Vorübergehen, von erlesenen Gedanken oder grundlegenden Beobachtungen gestreift sind, diesen keine Beachtung schenkt, weder zugreift noch übergeht zu ihrer Umsetzung. Wie viele Erkenntnisse gehen verloren in der gleichgültigen Flut unbeachteten Denkens, im ungehörten oder überhörten Selbstgespräch der täglichen und nächtlichen Hirnemissionen?

Warum sind wir nicht in der Lage, die möglicherweise fruchtbare Spannung, die von den immer wachen Bögen und Synapsen unserer geistigen Natur erzeugt wird, zu fassen und sie – wie bei einer elektrischen Batterie – in konzentrierter Form, als Potential, zu speichern? Es ist genau diese unendlich verschwenderische Erzeugung, für die wir bisher keine Erklärung haben. Der Verlust ist maßlos.“

(Auszug aus: George Steiner „Warum Denken traurig macht“, Suhrkamp 2006)

Hach!

4 Gedanken zu „Melancholische Beobachtungen über’s Denken,

  1. Aber es gibt ja vielleicht eine kleine pragmatische Lösung: Ein Notizbuch oder ein Diktiergerät! Zwar nicht für jedermann, aber das war ja immer schon so und sollte nicht zu Traurigkeit geleiten.
    xxx
    Clausi

  2. ach, ach Als wenn es so einfach wäre. Der Melancholiker leidet doch nicht unter dem Verlust der Ideen, sondern unter der Last diese aufgrund seiner Traurigkeit nicht verwirklichen zu können. Wie oft begegnen uns diese selbstbewußten unmelancholischen Macher, die auch noch den banalsten und oberflächlichsten Gedanken zu großspurigen Werken auswalzen, während die Melancholiker endlos lange den Gedanken hin und herwiegen, bis er vor lauter Bedachtheit alle Kraft eingebüßt hat.

    • wow, besser kann man’s nicht sagen. Mehr noch – so, wie du es beschreibst, fühle ich mich definitiv den Gedankenwiegern verbunden. Was im normalen Leben nicht immer so ist: Da werde ich manchmal ungeduldig, wenn jemand sein offensichtlich überzeugendes, originäres Gedankengut so lange mit sich herumschleppt, wiegt, wälzt und betastet, bis es ganz unansehnlich wird.
      Während ihn die Maulhelden rechts und links überholen.
      „Vor lauter Bedachtheit alle Kraft einzubüßen“: Die Formulierung ist weit schöner als der Zustand. Er ist mir bekannt. Damit er mir nicht vertraut wird, schmeisse ich täglich viele Kohlen ins Feuer. Wenn nötig, auch das Mobiliar.

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