Gleise und Achsen

Täglich gegen halb neun dieser energische PIEP vom Balkon, mit dem die Kohlmeise ihr Frühstück anmahnt. Zu diesem Zeitpunkt bin ich längst geduscht und eingecremt. Ich ziehe meinen leichten Kimono über, trete nach draußen, ergreife den handgeschnitzten Kochlöffel, den ich vor Jahren aus Kenia mitgebracht habe, tauche ihn in den Futtereimer und verteile Körner im Häuschen.
Wenige Minuten später der Meise zweiter charakteristischer Ruf: das Trillern. Die versammelte Hinterhofkolonie weiß jetzt, es ist angerichtet.
Nun kommen auch die blauen hinzu. Die sind vornehmer und gucken einen immer ein bisschen schief an. Blinzeln so unter ihren Käppchen hervor, als wollten sie sagen, na, was tust du denn noch hier, du Trampel.
Wie ich da so stehe, nackend in mein Stück Stoff gehüllt, bin ich recht kolossal. Klar. Im Vergleich zu diesen Luftschnuckelchen. Sie müssten es mir aber nicht so unter die Nase reiben.
Bei den Meisen ist es übrigens so, dass immer eine besonders keck und die Neugierige ist. Allen anderen scheint es zu reichen, dass sie Bescheid getrillert kriegen.

Was unterscheidet eine Gewohnheit von einem Ritual, warum erscheint mir das eine fremdgesteuert und das andere nicht? Ich wünsche mir weniger Gewohnheiten, merke ich gerade, weniger Echokammer, weniger Filterblase. Dafür mehr selbstgemachte Magie.
… Aber ich hab‘ ja ’ne Meise. Schon mal ein guter Anfang.