Von Zumutungen und anderen Gelüsten

„Schau’, sie leiden.“
„Ach was, nicht alle.“
„Sie leiden!“
„Was schert’s dich? Sie verbrennen sich im Kriegshandwerk. Rennen nach Trophäen. Sie glauben, wenn sie einen Krug zerbrechen, bleibt der andere heil.“
„Du etwa nicht?“
„Na, ich denke, das Ursache-Wirkung-Ding ist schwerer zu durchschauen als vermutet wird.“
„Du hast gut reden, Du willst ja nichts.“
„Wie kommst Du denn darauf? Ich will nur nicht kämpfen.“
„Schwachsinn, Du kämpfst die ganze Zeit!“
„Ich will einfärben. Das, was ich zu geben habe, stell‘ ich mir als Flüssigkeit vor. Nicht viel – ich hab‘ keinen Eimer voll. Eher eine Pipette.“
„Du hast eine auf dem Schreibtisch liegen…“
„Um mir das klarzumachen. Es entspricht mir, weißt Du. Man muss mit der Zeit lernen…“
„E i n e muss lernen!“
„Du mit Deinem Gender-Getue. Meinetwegen. Also, e i n e muss mit der Zeit lernen, wie sie beschaffen ist. Was sie sich zu-muten kann.“
„Schöne Vorstellung: etwas, das dem eigenen Mut hinzugefügt wird…“
„Ja. Der Teil, der weh tut. Mut allein tut ja nicht weh. Nur manchmal seine Auswirkungen. Die Leute haben ja auch nicht Angst vor’m Tod – nur vor dem Sterben.“
„Lenk‘ nicht ab. Was kann sich eine denn zumuten?“
„Na, mit zwanzig denken wir doch, wenn wir nur hart genug arbeiten, wird’s schon werden, das Draußen braucht unsere Einsichten, unseren Ehrgeiz, unseren Beitrag. Ist aber Quatsch. Das Draußen ist neutral. Es hat keinen Bedarf an Individualität. Es ist weder wohlwollend noch feindlich. Einzelne Menschen ja, auch Gruppen, aber nicht das Ganze. Niemand versteht das Ganze: dazu wissen wir einfach zuviel.“
„Du mit Deinem ominösen ‚wir’! Eier‘ nicht rum, Farah.“
„Sorry.“
„Also?“
„I c h denke, egal, was Du tust, ob Du Künstlerin bist oder eine Kneipe hast oder irgendwo in einem Büro sitzt, egal, es gibt im großen Maßstab niemanden, der Dir die Buchhaltung macht. Außer dir selbst. Die Zumutung besteht darin, diesem Umstand die Stirn zu bieten. Und es gibt keinen, der dich dafür belohnt, wie speziell Du bist.“
„Das kenn‘ ich anders.“
„Kann schon sein. Die Leute belohnen Dich aber nur, wenn Dein Speziellsein ihnen was bringt: es hat was konsumistisches. Sie nehmen Dich an, wenn Du etwas zu bieten hast, was sie nicht selbst produzieren können. Du wirst nicht deswegen Erfolg haben, weil Du speziell bist, sondern weil Du einen Bedarf befriedigst. Wenn keiner da ist, nützt Dir deine ganze Individualität nix.“
„Den kann man wecken.“
„Da landest Du schnell im Marketing.“
„Oder in der Religion…“
„Ja. Also. Wenn Du nicht darauf achten willst, ob das, was Du dir zumutest, auch gebraucht wird, musst Du entweder kämpfen oder einfärben.“
„Womit wir bei der Pipette wären…“
„… Und die Aufgabe darin bestünde, saugfähige Stellen im Gewebe zu finden. Da tropfst Du dann was von Dir hin und siehst zu, wie es sich ausbreitet. Manchmal mehr, wenn Du eine gute Stelle gefunden hast, manchmal weniger. Wenn Dein Gespür Dich im Stich gelassen hat. Dann verdunstet es.“
„Es?“
„Deine Gabe. Deine Kunst. Deine Lust. Manchmal sogar alles, was an Dir besonders ist, auf einen Schlag.“
„Man könnte Öl nehmen. Das verdunstet nicht so leicht…“
„Dringt aber auch nicht so schnell ein.“
„Kriechöl! Das verwenden sie in Salben.“
„Meinetwegen.“
„Und Du meinst wirklich, es geht auch ohne Kampf?“
„Keine Ahnung. Jede Raupe kämpft. Jeder Grashalm. Also, klar, wir kämpfen alle. Aber irgendwann merkst Du, welche Mittel Dir entsprechen. Ich mein‘, w i r k l i c h entsprechen: was sich natürlich anfühlt. Man verwandelt sich in sein Werkzeug. Manche werden hart, andere flüssig.“