Flirt du jour

Sie fährt mit dem Taxi zum Albino, sorgfältig gekleidet; für die Kombination von nachlässig und aufregend hat sie Stunden vor dem Spiegel verbracht. Er öffnet die Wohnungstür, sie sieht sein Gesicht, macht nichts, sie küsst ihn unbeirrt, bis es sich richtig anfühlt.
“Gib mir zu trinken.”
Eine improvisierte Wohnung, sieht aus, als wäre sie noch nicht lang bewohnt. Sie lehnt in der Tür, kleine Bewegungen, lässt sich von ihrem Körper umspielen. Der Mann bleibt bei sich. Zischt minutenlang weg beim Küssen, verdreht die Pupillen.
Sie kannte schon mal jemanden, der verschwimmen konnte. Er züchtete weiße Kristalle, die er durch Meditation zu beeinflussen suchte. Sie fand ihn oft im Jogasitz vor den Metalluntergründen sitzend; sehr langsam goß er gefärbte Flüssigkeiten über die heranwachsenden Kulturen. Während er wartete, dass die Kristalle die gewünschte Farbe annahmen, hatte er sie jedes Mal fachmännisch verführt und dabei die Pupillen verdreht. Sie fand es unheimlich. Als ob er die Kristalle mit ihrer Essenz düngen würde.
Wäre Realität doch so leicht herzustellen wie Erinnerung. Der Albino flüstert etwas, sie lässt sich auf das Sofa vor dem Bücherregal treiben. Sie schließt die Augen, sie weiß nichts von diesem Mann. Sie konzentriert sich nicht.

Flirt du jour

„Schau mal aus dem Fenster.“
Sie öffnet, er sieht nach oben, Mobiltelefon am Ohr, das Cabriolet ist minuscule und ein Oldtimer, der Mann weder noch.
„Ich komme!“
Sie rauscht aus der Tür, schwarz mit viel Haar.
„Das hier ist mein Revier. Ich nehme an, wir verlassen die Stadt?“
Er nickt und lässt den Motor an.
„Sag mir wenigstens, wie er heißt!“
„Das spielt keine Rolle.“
„Sind wir angekündigt?“
„Hiermit.“
Er zieht einen Briefumschlag aus der Tasche seines Jacketts und reicht ihn ihr. Sie wirft einen Blick auf den Inhalt, lässt langsam die Hand mit dem Couvert sinken.
„Zufrieden?“
„Fahren wir.“

Flirt du jour

„Du warst schon immer hochmütig“ behauptet der Athlet.
„Quatsch.“
„Und wie. Du bist eine ‚dann eben nicht‘ – Frau.“
„Was soll das heißen?“
„Du erwartest, dass die Menschen sich so verhalten, wie du es dir vorstellst. Tun sie’s nicht, lässt du sie fallen.“
„Du verwechselst mich mit jemandem“ sage ich.
„Unmöglich.“ Der Blick, den er mir zuwirft, ist hochmütiger, als meiner je sein könnte. Lange her. Er ist um keinen Tag gealtert, der Mistkerl, wie macht er das? Oh, ich weiß, wie. Ich lege mein Messer neben dem Steak ab, tupfe mir die Lippen.
„Ziehst du dein Hemd aus?“ Ich will das sehen. Die rippeln sich ja geradezu unter dem Stoff.
„Was bietest du?“
„Ich widme dir meinen nächsten Roman, reicht das?“
Da ist er wieder, dieser Blick. „D’accord“ grinst er.
„Bei dem Preis sollte ich es eigentlich selbst ausziehen dürfen.“
„Bedien‘ dich.“

flirt du jour (comme les garçons)

Fünf Minuten vor Verstreichen der Frist tippt sie ein paar Sätze in den Touchscreen.
Schon einige Sekunden später leuchtet das Display auf.
»Ich bin erschöpft…«
»Das spielt keine Rolle.«
»Kennen Sie das, wenn man den Körper vergisst, weil man ein paar Tage nur nachgedacht hat?«
»Das ist mein Normalzustand.«
»Meiner nicht. Doch heute habe ich keinen Glanz. So kann ich Ihnen nicht gegenüber treten.«
»Wie Sie meinen. Was möchten Sie nun tun?«
»Mich baden, lesen. Ein Glas Cremant trinken.«
»Nein. Kein Buch. Lassen Sie nur die kleine, orangefarbene Lampe brennen. Dann rufen Sie mich wieder an.«
Sie erinnert sich an das Licht in der Herrentoilette, gelblich und sehr schwach. Wie er voraus gegangen war, um sich zu vergewissern, dass niemand an den Urinalen stand.

Flirt du jour

»Der Austausch verbaler Information wird überschätzt« sage ich.
Wir haben unsere Bahnen gezogen, nun liegen wir und beobachten die anderen Schwimmer.
Er denkt jetzt, weiß ich, er habe mich mit der Schilderung seiner akademischen Laufbahn ermüdet. Hat er nicht. Ich betrachte seine Waden. Ein Mann mit solchen Waden bekommt von mir alle Zeit, die er braucht.
»Ein etwas eigenwilliger Standpunkt« sagt er schließlich.
»Durchaus.«
Etwas liegt in der Luft, könnte aber auch Chlor sein. Ich bin zu träge, mich zu erklären. Der Tänzer, der meinen rekonvaleszenten Körper zur Zeit atmen lehrt, behauptet, das könne man immer und überall machen. Also atme ich.

In der Schneekugel

„Es schneit so stark…“ sagte sie leise.
„Aber meine Teure, Sie weinen?“
„Der Mond… ich kann ihn nicht sehen. So viel Schnee…“
„Möchten Sie umkehren?“
„Ja, bitte.“
Er gab Zeichen, den Schlitten zu wenden. Einen Moment lang strauchelte der Wallach auf der vereisten Bahn.
„…“
„Was sagten Sie?“ fragte er, doch sie antwortete nicht. Ihr blasses Gesicht verschwand fast im üppigen Kragen ihres Zobelmantels. Wie kalt es war! Unauffällig bewegte er die Füße unter den Fellen, um sein Blut zum Zirkulieren zu bringen. Er dachte an frühere Jahre, andere Damen, und sein Herz wurde schwer. Dann, als er schon fast nicht mehr daran glaubte, kamen die Lichter. Am See wurde gelacht.
Der heitere Laut löste sein Gemüt. „Die Schlittschuhläufer sind noch draußen! Wir kommen rechtzeitig zum Tee“ rief er durch die wirbelnden Flocken. Seine Stimme klang lauter als beabsichtigt.
Wieder schwieg sie. Erst, als er ihr sie beim Herabsteigen stützte, wandte sie sich ihm zu: „Warum haben Sie ihn mir nicht geholt?“
„Wen geholt?“ fragte er.
„Den Mond!“ rief sie.
„Aber wie hätte ich…?“ protestierte er. „Sie wollten nach Hause!“
„Sie haben mir nicht zugehört.“
[…]