Hormonschmäh

“Individualität ist weiterhin eine leicht dekonstruierbare Konzeption, man muss nur ein paar chemische Eingriffe vornehmen, schon kommt ein anderes Verhalten ans Licht.”
“Klar. Wir sind steuerbar und werden gesteuert, unablässig, von unseren eigenen Hormonen oder denen der anderen.”
“All das Geschiss um Motive, was Menschen angeblich ideologisch befeuert zu tun, was sie tun?!? Im Ernst jetzt? Ist doch alles Pillepalle!”
“Hormone sind geheimnisvoller als jeder noch so feinziselierte Gedankengang.”
“…Und resistenter als jede Ideologie!”
“Ich, rein hormonell, bin beispielsweise zwei Frauen. Eine dauergeile, vorwitzige in der ersten Zyklushälfte und eine grüblerische, schwerer erregbare in der zweiten. Hab’ ich mir das etwa ausgesucht?”
“Nö.”
“Überall in meinem System kreisen die Botenstoffe… und ohne Produkte der Pharmaindustrie einzusetzen hab’ ich kaum Einfluss darauf, wie die ausgeschüttet werden. Vielleicht sind andere ja gewiefter; i c h kann mich jedenfalls nicht steuern. Obwohl ich’s gefühlt seit Jahrhunderten versuche! Seitdem wir bluten sind wir dem Unfassbaren ausgesetzt. Richtig?”
“So isses.”
“Meinetwegen hätte die Natur bei mir auf den ganzen Kram nach dem Eisprung komplett verzichten können. Mein System müsste nicht jenen Monat wieder auf halber Strecke dieses hormonelle Nest bauen, damit das verflixte Ei reifen kann. Ist doch Mist, ich wollte eh nie KInder! Wo bleibt da die Individualität?”
“Reine Fiktion, wenn du mich fragst. Aber jetzt komm mal wieder runter.”
“Okay. Meinetwegen.”

 

Flirt du jour

„Wer bist du in Paris?“, fragte er. „Wen sieht der Mann, der im Café neben dir sitzt?“
„Ich bin eine andere als sonst“, schrieb ich zurück. „In früheren Jahren trug ich Kleider und High Heels, Hüte und Handschuhe; ich war vorwitziges Fleisch in den Auslagen der Stadt. Es gab Seide und ein Boudoir und wer mir draußen galant den Arm bot, wurde nicht abgewiesen.“
„- Und dieses Jahr?“
„… trage ich ausschließlich schwarze Trainingsoutfits und bin immer ein bisschen unter Strom. Ich hab’ meine neuen powerbeats-Kopfhörer samt Playlists in den Ohren und ein rotes Handtuch um den Hals. Eine abgeriegelte Figur, die Resonanz erzeugt, weil sie die Titten zurrt und ihren Bizeps aufpumpt. Dazu knallroter Lippenstift und Sonnenbrille.“
„Eine andere Ebene. Eine größere Hürde, zu dir durchzudringen. Und nur offen für die, die das meistern. Interessant.“
„Nur für Männer, die Körperspannung haben, nähme ich dieses Jahr die Stöpsel aus den Ohren.“
„Ich würde dich auf keinen Fall ansprechen – nicht, wenn wir nicht zufällig nebeneinander an der Bar ein Getränk bestellten und Augenkontakt hätten, der länger als eine Sekunde dauerte. Ich hasse es, als derjenige zu starten, der ‘den ersten Schritt macht’. Es ist dann nicht mehr gelevelt, weil mein Interesse schon augenscheinlich ist.“
„- Aber…?“
„… würde ich im Apartment neben dir wohnen, ich würde auf dem Flur jedes Mal anhalten, ruhig atmen und versuchen, dich zu hören. Bei was auch immer.“
„Ich hab’ mich gehen lassen dieses Jahr, hab’ immer wieder die Kontrolle verloren, das ist auch physisch augenscheinlich geworden. Jetzt ändere ich das wieder.“

 

Zwischenstand for ever

Das Chronische kommt gegen das Akute nicht an. Niemals. Jene, die ringsum akut um ihr Überleben kämpfen scheinen immer mehr im Recht zu sein als jene, die schon ein kalter Regentag depressiv machen kann, oder das Leben als solches. Subjektiv aufgeladener Schmerz ist moralisch nicht mehr tragbar, wirkt narzistisch. Also drückt man’s weg.

Doch der Rückzug auf politisch untadelige Positionen ist ein bisschen wie Marmelade einkochen: als Belohnng kriegt man was Dickflüssiges hinter Glas mit einem Etikett drauf, das nicht mehr abgeht.

Schall und Rauch.

Die Hinterlassenschaften von Ereignissen: wie sie dröhnen und dicken Rauch spucken. Außerhalb der Shows zu leben!

Doch was gäbe es dort zu gewinnen?

Heut’ Nacht hat sich ein kirschgroßer Parasit in meine Wange gebohrt. Ich riss an ihm, wohl wissend, dass die Widerhaken an seinen langen, sehr dünnen Bohrwerkzeugen mir ein Loch ins Gesicht würden reißen. Je wilder ich zerrte, desto mehr Gift, wie einen heißen Strom, fühlte ich in meine Wange fließen, doch ich ließ nicht ab, bis du starbst. Metamorphosen, wie es scheint, sind nicht die ruhigen Wochen im Kokon, Metamorphosen sind geifernde Ungeheuer; im Kokon ist die Hölle los. Ah, mein Leitlicht, immerzu führst Du mich zurück ins Niemandsland, warum darf ich nicht wandeln auf sicherem Pfad, warum muss ich so viele sein. Lieber ein weiser Weg als ein solcher Wegweiser!

„Ich kann mich nicht abgrenzen“, erzählt meine Freundin, „ich spüre die Kriege, jede Minute, ich spüre die Zusammenrottungen, die Ungerechtigkeiten, die blanken Gefühle, jeden Tag dringen sie erneut in mich ein und so viel ich auch tu’ und kämpfe, mich hinzuwerfe, um ein bisschen das meinige zu tun, es lässt niemals nach.“

Sie ist blass, trägt die Schauplätze von Gewalt und Verwerfungen im Gesicht. Sich das Gift der Ereignisse aus der Wange zu reißen: da bleiben Krater zurück.

Sehr nah von mir stirbt derweil jemand, den ich lang’ schon kenne, ganz real. Der Körper will nicht mehr, ist alt, doch die mörderisch gewissenhaften Maschinen halten ihn sorgsam hier fest. Anderswo werden Körper einfach so hingeschmissen, als wären sie nichts, gälten nichts. Sie fallen. Keine Zeit zu siechen, drüben in den Bergen, drinnen im Meer.

Alles ist gleichzeitig: wie oft schon wusste ich das. Und alles ist bereits da.
Es gibt kein Ende, für gar nichts. Nur Bewegungen.
Im Schall. Im Rauch.

Gespräche mit Farah Day, ff

„Lass uns doch abends aus der Summe unserer Handlungen einfach mal jene rausrechnen, die nur reflexhaft kompensiert haben, was wir nicht tun konnten. Was wiegt dann schwerer, das Beabsichtigte oder das Stattdessen?“
„Na, das Stattdessen!“
„Warum?“
„Weil es so viel mehr davon gibt.“
„Wie groß ist der Spalt zwischen Absicht und Stattdessen?“
„…?“
„Wir müssen herausfinden, was sich dort abspielt. Wir wollen etwas… und dann machen wir etwas ganz anderes. Zwischen Absicht und Handeln muss also was passiert sein.“
„Ich nenne es Umschwung.“
„Okay, nennen wir’s Umschwung. Wie fühlt sich das an?“
„Echt.“
„Also wie das, was wir eigentlich wollen?“
„Yep.“
„Magst du diese Wahrheit? Verträgst du dich mit ihr?“
„Nicht wirklich. Du etwa? Sie macht uns träge. Unsere Ersatzhandlungen bestehen aus Essen und Fernsehen. Leider. Als Kind lief das anders.“
„Allerdings!“
„Als wir klein waren, versuchte uns oft jemand zu sagen, was wir tun sollten… und dann haben wir was komplett anderes gemacht.“
„Weil es sich richtiger anfühlte.“
„Was die uns gesagt haben, war ja fremdbestimmt.“
„Oder ein Befehl…“
„Was man als Verweigerung gemacht hat, war keine Kompensation.“
„Sondern das, was man eigentlich wollte.“
„Es war immer spannender und interessanter als der Befehl.“
„Inzwischen aber sind wir diejenigen, die Absichten erklären und Befehle ausgeben. An uns selbst.“
„Klingt eigentlich erstrebenswert.“
„Aber das Kind in uns wehrt sich! Und zwar nicht, indem es etwas Interessanteres vorschlägt, sondern indem es Essen und Passivität und bewegte Bilder verlangt.“
„Die Rolle, die früher die Erwachsenen innehatten, haben jetzt wir. Wir sind am Steuer. Und das Kind reagiert.“
„Mit Widerstand! Die Absichten der Anderen brachten uns damals dazu, auf bessere Ideen zu kommen…“
„Wohingegen unsere eigenen das Kind in uns offenbar nur dazu verleiten, sie zu sabotieren.“
„Genau. Essen, Verstecken, unsichtbar werden.“
„Warum ist es so passiv? Da müssen wir ran.“
„Weiß ich.“

Hektor hat Angst

Es fällt ihm heute schwer, sich zu vergegenwärtigen, was er empfindet. Sicher gibt es einen Experten? Hektor wendet sich an sein TV. Es gibt immer Experten. Sie treffen sich in Runden und lassen ihn zuhören. Nonstop.
„Man unterscheidet sechs Basisemotionen“, erläutert einer von ihnen gerade. „Diese sechs sind nicht erlernt, sondern genetisch bedingt.“
Hektor, drinnen im Wohnzimmer, neigt verständig den Kopf.
„Sie werden kulturübergreifend bei allen Menschen in gleicher Weise erkannt und ausgedrückt“, fährt der Mann fort. „Es sind Wut, Trauer, Freude, Überraschung, Ekel und Angst. Die bestimmen uns von ganz unten.“
Gottseidank, denkt Hektor. Es gibt also eine Liste.
„Ist das nicht ein wenig zu übersichtlich?“, fragt der Moderator, der nur Moderator ist.
„Aber ja“, erwidert der Experte kühl. „Es gibt ja noch Verachtung. Und dazu Scham, Schuld, Verlegenheit und Scheu.“

Plausibel, findet Hektor.
Er selbst hantiert erratisch mit seinen Gefühlen. Die meisten Challenges auf Arbeit lassen sich besser erledigen, wenn er nicht weiß, welcher Motor ihn gerade antreibt. Wenn man voll in Fahrt ist, muss das Ding laufen. Fertig. Und die Karosserie muss sitzen. Den Unterbau zu zeigen kann Hektor sich nicht leisten. Plötzlich wäre er exponiert. Nicht ausgeschlossen, dass die Experten dann über ihn talken würden. Aber eben nur über ihn.

– Ob er dann verlegen wäre? Hallo? Es ist kein Zuckerschlecken, ein Beispiel zu sein! Man müsste hart trainieren, um damit umgehen zu können. The biggest Looser.
Hektor überlegt, ob er das Programm wechseln soll, bleibt dann aber am Ball.

Angst und Scham sind seine ältesten, verlässlichsten Gefühle. Spürt er nicht immer eher seine Bedrohungen als seine Möglichkeiten? Der Wert seines So-Seins würde ihn nicht davor schützen, unter die Räder zu kommen.
(Oder?)

Es kommt auf dich nicht an, raunt der Experte. Du hast keine Bedeutung und es gibt keinen Schutz. Tu’, was angesagt ist, und geh’ danach in Deckung, bevor dich jemand angreift. Das ist die verfickte Challenge. Versau’s nicht.

(- Hat der das eben wirklich gesagt?)

Ratschläge finden in Hektors Leben nur wenige statt, seitdem er kein Kind mehr ist. Die kommen durchweg von Männern und zielen darauf ab, ihn zu optimieren. Frauen finden ihn meistens super, aber die sind einfach zu nett, um wahr zu sein. Befürchtet er.

Er streckt die Oberschenkel, die vom langen Sitzen ein wenig krampfen.
Wie er sich dafür schämt, sich als wertlos zu empfinden! Nach allem, was er geleistet hat! Nach der Anerkennung, die ihm immer wieder gezollt wird!
Ge-zollt!
Wie kommt es, dass all die Likes ihn nicht vor sich selbst schützen können? Ist er etwa dumm? Beschädigt? Schwach? Machtlos?
Der alte Loop.

Hektor schließt die Augen. Fast unmerklich sinkt seine rechte Hand in seinen Schritt.
Und jetzt,
endlich,
darf er kriechen.
Unten sein.
Die Challenge ist vorbei.

Er sollte sich schämen für seinen Gehorsam, doch tatsächlich ist der jedes Mal ein Sieg. Hektors Wert bestimmen nun die Experten. Was für eine ungeheure Befreiung, dafür nicht mehr zuständig sein zu müssen! Wie könnte er sie nicht lieben, ihnen nicht verfallen?
Er und die Experten sind eins, sind die gleiche Person: Hektor macht sie zu vollständigen Menschen. Und sie ihn.
Er legt den Kopf nach hinten.