Hormonschmäh

“Individualität ist weiterhin eine leicht dekonstruierbare Konzeption, man muss nur ein paar chemische Eingriffe vornehmen, schon kommt ein anderes Verhalten ans Licht.”
“Klar. Wir sind steuerbar und werden gesteuert, unablässig, von unseren eigenen Hormonen oder denen der anderen.”
“All das Geschiss um Motive, was Menschen angeblich ideologisch befeuert zu tun, was sie tun?!? Im Ernst jetzt? Ist doch alles Pillepalle!”
“Hormone sind geheimnisvoller als jeder noch so feinziselierte Gedankengang.”
“…Und resistenter als jede Ideologie!”
“Ich, rein hormonell, bin beispielsweise zwei Frauen. Eine dauergeile, vorwitzige in der ersten Zyklushälfte und eine grüblerische, schwerer erregbare in der zweiten. Hab’ ich mir das etwa ausgesucht?”
“Nö.”
“Überall in meinem System kreisen die Botenstoffe… und ohne Produkte der Pharmaindustrie einzusetzen hab’ ich kaum Einfluss darauf, wie die ausgeschüttet werden. Vielleicht sind andere ja gewiefter; i c h kann mich jedenfalls nicht steuern. Obwohl ich’s gefühlt seit Jahrhunderten versuche! Seitdem wir bluten sind wir dem Unfassbaren ausgesetzt. Richtig?”
“So isses.”
“Meinetwegen hätte die Natur bei mir auf den ganzen Kram nach dem Eisprung komplett verzichten können. Mein System müsste nicht jenen Monat wieder auf halber Strecke dieses hormonelle Nest bauen, damit das verflixte Ei reifen kann. Ist doch Mist, ich wollte eh nie KInder! Wo bleibt da die Individualität?”
“Reine Fiktion, wenn du mich fragst. Aber jetzt komm mal wieder runter.”
“Okay. Meinetwegen.”

 

3 Gedanken zu „Hormonschmäh

  1. Eine, quasi, Antwort:

    (…)
    bis Du erbebend dahinsinkst,
    zieh ich mit der Zunge meine Line
    von Deiner Antihelix ein – eins in dem einen
    Organ | Dein ganzer mir einiger Leib,
    der mich umhüllt, den ich Dir auskleid
    mit Schwärmen aus, gepixelten gleichsam,
    Küssen, Béart, die doch mein Bild, viel wahrer
    als ich‘s von Angesicht sein könnt, sind,
    so in der | Auricula Vulva | wie‘s durch die
    Zervix hineingeht zur werdenden Mutter,
    die das Gehirn ständig ist –

    (aus: Die Brüste der Béart XXIV, (Entwurf, August 2019)

  2. Ich mag “zieh ich mit der Zunge meine line”. Das macht ein flirrendes Bild, weil es mischt: die Anrufung, der hohe Ton, dazu die Assoziation zu Koks und Sucht. Erbebend dahinsinken klingt sehr klassisch in meinen Ohren. Z u klassisch.
    Den Leib auskleiden … das wieder ist klasse. Und: Ob das funktioniert, in einem Gedicht über Körper mit lateinischen Begriffen zu arbeiten, die ihrerseits Fremdkörper im Text sind? Spannend.
    Man kann sich bewegen in diesen Zeilen, kann tasten oder unangetastet lassen: genau das ist die Magie, die künstlerische Arbeit immer bereitstellt.
    Sich bewusst in Das Andere hinzugeben zu können.
    So viel Freiheit schenken uns Hormone nicht.

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