TTag, 8. September 2010. Das Manifest reloaded.

»We got the magic. Es kommt immer etwas heraus. Heraus muß es! Es muß. Geschlossene Kreisläufe führen zu immer gleichen Ergebnissen, wir suchen das zu vermeiden, wir rüsten auf, füllen die Depots, wir arbeiten mit Ablegern, wir haben sie: Wir haben die Attitüde.
Genauer, wie wir es sagen, kann es nicht gesagt werden, glasklar sagen wir es, das ist der Job, in diesem Job gibt es keinen Ausschuß, alles ist Material, alles ist gleich fertig. Bravo! Wir applaudieren uns mit großzügiger Gebärde. Wir sind einfach gut, wir springen nicht, wir setzen über, wir docken an, Abgründe sind nicht von Belang, wir sind geschmeidig und intuitiv, Zeit spielt keine Rolle, die Müden sind bald wieder wach. Wenn wir verlieren, geht alles zugrunde. Glauben sie an uns! Eine Bande ist immer erfolgreich. So ist das. Die Unglücklichen sind bald wieder glücklich. Es kann gelingen! Es gelingt, ob im guten oder im schlechten. So lassen wir es angehen. Wir sind das leere Blatt. Wir sind auf alles gefasst.
Wir denken nicht nach, wir denken selbst! Wir huldigen jedem Zwischenfall, absorbieren jegliches Mißgeschick, wir sind rund, wir wachsen auf jedem Niveau, keines gehört uns ganz und keines gehört uns gar nicht. Wir wachsen radial und auf jeder Ebene. Hier sind wir!
Wir vertrauen ohne Verluste, so will es die Praxis. Hinter uns schlurft der Zweifel. Vor uns gibt es nichts. Es kommt. Es kommt heraus. Es muss immer heraus. Drücks raus. Drücks raus raus! Es muss! Wir rüsten auf, wir beschleunigen, wir legen das Tempo vor, wir lassen die Wanderer weit hinter uns, wir überwältigen den Anschein, wir kommen.
Wir arbeiten mit Ablegern, wir denken vegetativ, treiben Luftwurzeln, wir sind das Gewächs, wir sind üppig und schnell, die Praxis verlangt nach uns, wir kommen. Wir integrieren fremde Muster sanft und schmerzlos, geschmeidig, intuitiv, pralles Wachstum, schnelle Umarmungen. Genauer, wie wir es tun, kann es nicht getan werden, gleißendes Licht für rasendes Wachstum. Das Gewächs zuckt und ruckt, drückt, drückt, schneller, gieriger, voll elastisch, kraftvoll und gnadenlos elegant.
Wir haben sie.
Wir haben die Attitüde.
Die Müden sind bald wieder wach, die Unglücklichen bald wieder glücklich.
Jedes Wort an der richtigen Stelle, atemlos, wir reißen sie an uns, die zerbrechlichen Dinger, wir dopen sie, dass ihnen das Blut rausspritzt, heraus muß es, glühend heiß muß es sein, jedes Wort ein Brandeisen, wir dienen, wir hofieren, wir nähren uns, wir sind randvoll, jeder Pulsschlag ein Ereignis, jede Wahl richtig, heraus, es muß immer heraus, wir demütigen den Anschein, wir sagen, wie es ist, ist es so?, ja, so ist es, genau, weiter, wir steigen sofort ein, sofort?, ja, ohne Vorbereitung, ohne Ablenkung, ohne Wissen.
Wir setzen nichts voraus, wir sind ganz und gar uninformiert, doch wir haben überhaupt keine Angst, wir denken vegetativ, treiben rasende Ranken, wir sind gedopt bis zum Rand, fehlerlos, glasklar, eigennützig und schlau.
Nichts kann uns aufhalten.«

Guten Morgen, liebe Leser:innen!

Fünfzehn Jahre liegt dieser Text zurück. Und falls Sie denken sollten, er sei ironisch gemeint gewesen – Pustekuchen. Ich schrie das bei Lesungen in die Menge. Und die Bande gab es tatsächlich. Gibt es heute noch, doch sie hat sich verändert … wie auch nicht? Wir wissen jetzt besser, was Z e i t ist. Wir sind alle tief geworden; die Luftwurzeln haben sich festgemacht, die meisten jedenfalls. Manche von uns sind beschädigt, nein alle, und wir stellen verwundert fest, eben ob dieser Beschädigungen noch inniger geliebt zu werden. Wir pflegen auch eine gewisse Ökonomie des Denkens inzwischen: weniger Wirbel, mehr Manifestationen. Ja, ich glaube, das ist es: wir sind vom Manifest zu den Manifestationen gelangt.
Manchmal allerdings fehlt mir dieser grandiose Irrwitz, mit dem wir früher Behauptungen aufstellten, ohne sie einlösen zu wollen.
Ich werde wohl ein neues Manifest schreiben. Ich weiß, die Dinger genießen keinen guten Ruf, egal. Vielleicht werden’s auch die neuen zehn Gebote, wer weiß?
Gegen das, was uns im Herbst an Verzagen bevorsteht, hilft nur Vermessenheit.
Behaupte ich ; )

12:47
Dr. Schein hat übrigens momentan das denkbar kürzeste Manifest im Angebot. Dafür gibt’s den Wichtel des Tages:

TTag, 6. September 2010. Yelp.

Hab’ Computerstress. Das Ding, ausgerechnet, da mir eine höchst arbeitsintensive Woche bevorsteht, lässt mich nicht ins Netz: kann den Server nicht finden, behauptet es. Dabei hab’ ich nichts, wirklich gar nichts an irgendwelchen Einstellungen verändert. Jetzt hab’ ich mir diesen Web-Stick besorgt, dessen Datenübertragung aber viel zu langsam ist.
Anyway, liebe Leser:innen, ich hab’ keine Zeit, mich darum zu kümmern, muss mit diesem Provisorium zurande kommen. Melde mich später zurück, wenn die dringlichste Terminarbeit erledigt ist –

14:42
Manchmal steht man eben einfach wie der

vorm Berg.

(den Berg zu zeichnen, fehlt mir grad’ die Zeit : )

TTag, 1. September 2010. Back to basics.

Guten Morgen!
Hab’ mal wieder einen Werbejob “auf” meinem Lieblingskunden. (Man sagt “auf” einem Kunden texten, was mich schon immer amüsiert hat.) Kommt mir sehr gelegen, ist aber wie immer dringlich, also los. Bis später : )

19:08
So, fertig und abgeschickt. Derweil plagt mich aber ein solcher Allergieschub, dass ich kaum noch aus den Äugelchen gucken kann. Sehen Sie’s mir nach, dass ich dieser Tage so knapp bei Wort bin; es beutelt mich gerade. Ist nicht das erste Mal, aber immer wieder beeindruckend, was der Körper so aus dem (der?) Lameng an Allergiesymptomen hochfahren kann. Nein, ich mosere nicht, kein Stück, niemals, vielleicht ein bißchen… ; )
Das Wort “verdrossen” wäre in diesem Zusammenhang sicher nicht unangebracht.
Und hier verschwimmelchen die Buchstabelchen.
Also Schluss!

TTag, 28. August 2010. Versuch über die Dringlichkeit.

Ereignisse sind neutral, Ereignisse schaffen ist es nicht. Manche züchten die Taube mit gekringelten Federn, andere den Aidsvirus, irgendwo wird geboren, woanders mühsam oder schnell gestorben. Einer erholt sich. Hochwasser spült Leute und ihr Habe über die Straßen, dort hinten lässt jemand seine Yacht auslaufen. Wo ist der Wert der Ereignisse? In welchem Moment findet er statt? Und kann im nächsten verschwunden sein, während ein anderes gewinnt. Der Wert strategischen Handelns wird überschätzt. Alles sehr verwirrend. Fragen Sie mich bloß nicht nach einer klaren Aussage: würde mich komplett überfordern.
In einer Dokumentation über das Leben von Mutter Theresa, die ich vor Tagen sah, kamen Menschen zu Wort, die mit ihr gearbeitet haben in den Häusern. Else Buschheuer war auch dort, später. Die heilige Mutter sei ein Hardliner gewesen. Es gab diese Regeln. Kein warmes Wasser, kaum Schmerzmedikation, nichts war steril. Geld war längst genug vorhanden, nichts änderte sich. Moderne Geräte nicht willkommen. Alle steckten sich mit allem an. Schmerz bringt Dich näher zu Christus. Steh nicht vom Bett auf.
(Wie neutral ist das? Nicht sehr)
Ich stecke mein Haar hoch, während vor einem Pflegeheim in Kalkutta ein LKW mit Reis verschwindet.
„Ich könnte die gleiche Arbeit auch zuhause machen, da gibt es genug zu tun“, sagt die junge Italienerin.
Sehen Sie bitte in die Kamera.
Sie schiebt sich das Stirnband über die Locken. „Und effektiver“, sagt sie.
„Werden Sie zurück kommen?“
„Nein. Man ändert hier nichts.“
Sie reisen an, um zu helfen, immer noch. Jeden Tag. Sie sprechen die Sprache der Kranken nicht, wie auch. Sie ermächtigen sich, Hilfe zu leisten, Blicke, Mullbinden, Essnäpfe im Einsatz, auch Skalpelle.
„Manche der Freiwilligen nehmen Eingriffe vor.“
Sie beherrschen es nicht, doch sie ermächtigen sich. So, scheint mir, ist das. Anders, glaube ich, passiert nicht viel. Es handeln nicht nur jene, die wissen, was zu tun ist: es handeln alle, die von Dringlichkeit getrieben werden, welcher auch immer. Dringlichkeit ist eine Droge, an deren Anbau uns niemand hindert. Also los. Lassen Sie uns schaffen.
(Wer dringend will, bleibt im Schatten liegen. Wer weiß, wozu es gut ist.)

TTag, 27. August 2010. Unwirsch.

12:10
Ich stelle gerade für mein nächstes Seminar Kreatives Schreiben eine Liste toller URL’s zusammen. Teilnehmer:innen sind Stipendiaten zwischen siebzehn und zweiundzwanzig, Herkunft cross-culture.

Suche nach websites, die für junge Schreibende interessant sein können – vielleicht haben Sie ja zufällig einen Tipp?
Oder kennen Sie sites, die experimentelle Sprache anbieten? Nur eben nicht z u abgehoben.
(Und vielleicht wissen Sie zufällig von einer site, die anbieterunabhängig leicht verständlich erklärt, wie man sich ein weblog bastelt…?)

Grüße von Schreibtisch zu Schreibtisch ; )

19:30
Jenen, die hier und per mail zu meiner Liste beigetragen haben: danke!
Jemand, übrigens, sollte sich auch ums Wetter kümmern, bevor’s zu spät ist. Bitte abstellen. Das gesamte Wetter.

22:30
Eben fällt mir auf, ich hab’ die letzten Tage tendenziell ziemlich grantige Stimmungen hier vorgegeben, doch niemand von Ihnen scheint sich angesteckt zu haben.
Ich erkläre dies zur guten Nachricht des Tages.
Viele hatte er nicht zu bieten.
Stop, Phyllis, Du meckerst schon wieder. Streng’ Dich lieber mehr an.
Bei was?
Bei allem.
Nein.
Wie, nein.
Einfach nein.
Trotzkopf.
Mir egal.

Keine Angst, ich schließe, obwohl ich so babbelnd noch einen Meter weiter machen könnte. Die Marbach-Leute werfen mich sonst aus dem Archiv.

TTag, 25. August 2010. Touch me.

“Mir geht’s gut, ich brauch’ ihn nicht mehr. Willst Du meine übrigen Termine bei ihm haben?”
“Ich hab’ meine Spezialisten gerne in Reichweite, achzig Kilometer, ich weiß nicht…”
“Probier’ ihn einfach mal aus. Was er macht, ist ziemlich beeindruckend.”
“Du willst ja nur, dass ich danach zu Dir zum Kaffee komme.”

Guten Morgen.
Eigentlich steht heute zu viel Arbeit an, doch der Mann soll Wunderhände haben.
Hmmm.
Ich schwing mich mal in den Sattel.
Autsch.
Bis später : )

16:48
Der wohltuende Effekt jeder manuellen Therapie erlischt, wenn man auf dem Hin- und Rückweg zu ihr im Stau steht. Arrgh.

18:56
Tag fast ohne Worte. Die haben andere heute. Und wie.