Gewebeprobe: Contact your inner snail

Auf dem Luftkissen sitzend, der Wirbel wegen. „Halt Dich gerade, Mädchen.“ Sie kommt oft unversehens an Deck, ein stilles und durchaus wütendes Geschöpf. Kaum zu bändigen. Navigiert ohne Kompass. Braucht sie nicht, sie benutzt Echolot. Eben waren wir noch über Wasser.
„Bleiben Sie stark.“ Die Dame im Fernsehen. Was für ein Unfug: Stärke ist ein Kinderspiel, die können wir doch. Als Behauptung, aus dem Haupt kommt sie. Die Eingeweide aber sprechen in Windungen. Gewundene Botschaften. Das zweite Gehirn.
Selbst der lüsterne Körper wird geentert. Piraten, schwingen wir uns an Bord, nur Geben, Nehmen oder Verweigern. Kein Wunder, wir sollten zuerst unsere Kronen einschmelzen & Hasen daraus gießen. „Die Frauen um Dich herum sind mir alle zu dunkel“ flüstert der Weber morgens um zwei am Telefon, „Du bist es nicht.“ Er irrt, doch ohne Schaden anzurichten. Seine Stimme eine Hängematte, durchgebeult, schleift am Boden.
Wir kennen uns nicht; in seiner Welt bin ich eine andere. In eines jeden Welt bin ich eine andere, unsere Projektionen multiplizieren die Realität um einen dubiosen X-Faktor, mit sieben Brücken ist da lang’ nicht Schluß.

„Klar wollen wir sein, doch das Leben – mischt“ lese ich anderenorts. Ja, denke ich, der Anspruch auf Klarheit ist eine Beleidigung des X-Faktors, zu konzeptuell. Und wir zu riesig für den eigenen Kopp, die Pumpe, die Karosse: die bergen nur den Motor, die Strecke ist draußen, mit den anderen, in der Vermischung. Die durchaus fürchterlich sein kann, wie Blutverdünner, das Herz schlägt wieder, doch die Schnitte schließen nicht mehr. Beuteschiffe, die langsam voll laufen.
Doch zurück: halt Dich gerade. Wer nicht stark ist, braucht gar nicht erst mitzureden, doch das ist kein Problem, wir sind es alle. Ich kenne keine keine einzige schwache Person. Zuweisungen sind Kinderkram. Wie das Hemd, das ich heute trage, es hat viel zu lange Ärmel, so wollen es die Designer. Unten zwei Löcher, zum Daumen durchstecken. Strampelanzug. Immerhin, es ist nicht aus Frottee. Ich frage mich, wann sie Schmuck-Mullbinden für die Handgelenke anbieten. Ich bin am gerade sein nicht interessiert. Das ist was für Wirbel, nicht für Gehirne.

17:00
Regatta gestartet.

18:23
Bitte verwenden Sie die an Deck befindlichen Nebelhörner.

TTag, 23. August 2010. “Heul doch.”

Das schrieb ein alter, lang schon verstummter Freund gestern auf facebook unter den link zu meiner Schlingensief-Zeichnung.
Der Sauhund, dachte ich. Und löschte, wütend, link und Kommentar.
“Dieses kollektive Trauergeschluse auf FB ist schlicht widerlich und nervt” kam noch als email hinterher.
“Stimmt”, schrieb ich zurück. “Trotzdem. Ich bin keine Tussi.”
Heul doch. Das ist ein Kindersatz. Bis gestern hatte ich ihn ganz vergessen. Passt.

Guten Morgen.

15:11
Meine Seminar-Flipcharts sind völlig hinüber. Male gerade neue, die Herbstsaison startet bald. Warum ich so gerne mit jungen Leuten arbeite? Sie sind noch nicht gewieft.

Das Tainted Talents Wort zum Sonntag, 39. Ein Plädoyer für das Irgendwie.

Lang ist’s her, dass die Erwachsenen im Hause Kiehl ihrer pubertierenden Tochter bei Androhung – nein, gelogen – also bei Nichtandrohung von Strafe verboten, das Wort “irgendwie” häufiger als zwanzigmal täglich in den Mund zu nehmen. Was mir damals krass schwer fiel, denn es gibt keinen Ersatz.

Teenagern will und muss man vieles nachsehen. Doch ich hab’ schon die ersten grauen Haare, (die natürlich weggefärbt werden), stelle aber fest, das irgendwie hat sich wieder eingeschlichen. (Ebenso wie das “krass”, auf dessen wieder vermehrtes Auftreten in meinem Sprachgebrauch mich kürzlich jemand aufmerksam machte, doch dazu später)
Bin auch nicht die Einzige, übrigens, mit dem irgendwie. Melusine wollte es gestern gar wieder unter Strafe stellen, doch ich glaub’, das ist Herumhantieren am Symptom; es erfüllt ja einen Zweck. Und es gibt eine Wurzel für das Übel. Der kommt man nicht bei, indem man die Symptome unterdrückt. Wissen wir ja.

Sie merken, geschätzte Leser:innen, ich stochere mal wieder. Bin noch nicht ganz wach. Der Brombeerschaumweinschnaps von gestern hängt mir tief in den Zellen, vor allem den grauen. Um ehrlich zu sein, für ein ernstzunehmendes Plädoyer fehlt mir momentan noch die Kraft.
Ich kann also nur verkünden, es sollte eines her! Denn das irgendwie ist gar nicht mal so übel. Es verdeutlicht, der Sprechende befindet sich noch in der Findungsphase seiner Überlegungen. Der Gedanke ist noch nicht ausgegoren, doch er möchte trotzdem gerne beitragen, zu welcher Diskussion auch immer. Nur hab’ ich die Erfahrung gemacht, wenn ich warte, bis meine Erkenntnisse hieb- und stichfest sind, gehen viele Gespräche dahin, ohne dass ich ein einziges Gedankchen beigetragen hätte.
Ich bin sehr oft unschlüssig.
Und wenn ich mir sicher bin, gelegentlich mal, bin ich mir so extrem sicher, dass ich die Notwendigkeit des Diskutierens nicht mehr ganz einsehe.
Alles zwischen diesen Polen von Unschlüssigkeit und Überzeugung lässt sich mittels des “irgendwie” noch wunderbar in der Schwebe halten. Was zum Gelingen eines Gesprächs durchaus beitragen kann.

Ach, gerade überlege ich’s mir anders. Ich bin plötzlich doch dafür, das irgendwie unter Strafe zu stellen, meine Argumentation hat mich nicht überzeugt.

TTag, 17. August 2010. Wem gehört die Nacht?

Den Gejagten. Denen mit den Stimmen im Kopf. Den Verduzzis. Die mit sich selbst sprechen und sich Namen geben. Die trunken versuchen, die Sprachmauer einzurennen, die sonst niemand sieht, und von Schwalben delirieren.
Was soll ich dazu sagen?
Tainted Talents ist kein Schreibseminar. Wäre es eines, die bewährte Sache mit dem automatischen Schreiben wär’ sicher Bestandteil eines Aufwärmprozesses: tritt in Dialog mit Dir selbst, gib Dir Namen, lass Dich unterschiedlichste Sprachen ausprobieren. Zapf Dich an, breite Dich aus. Mach’ das eine halbe Stunde lang. Dann halt inne. Und versuch’ herauszufinden, ob sich ein Thema herausdestillieren lässt aus dem, was Du aufs Papier gebracht hast.
Dann, wäre dies ein Seminar, würde man weiterarbeiten. Das ist der Punkt. Aus der Entgrenzung würde – so man auf ein “Ergebnis” aus ist – irgendwann ein Brennen abgeleitet werden, etwas, worauf man sprachlich und inhaltlich hinaus will. Das automatische Schreiben ist eine Kreativtechnik, die wie ein warm-up vor dem Joggen dazu dient, die Muskeln im Kopf zu lockern, um in Folge dessen irgendwann zu einem “richtigen” Text zu gelangen.
Hier ist das anders. Hier könnte ich feststellen: Tagsüber sprechen hier die Moderaten und nach Mitternacht die Ver- und Ent- rückten. Ich müsste das nicht werten. Oder beschneiden.

Liebe Leser:innen, guten Morgen!

Und verzeihen Sie, vielleicht interessieren Sie solche sehr weblogspezifischen Überlegungen nicht. Mich aber schon. Ich interessiere mich für Leute, die suchen und tasten, die sich um sich selbst drehen, sich abstützend wie diese kleinen Viecher, die Wasserläufer auf den Seen. Die nicht untergehen, weil sie die Wasseroberfläche nur eindellen, aber nicht verletzen. Wie wäre es, wenn man auf der Sprache laufen könnte, ohne einzusinken? Schweben statt inhaltlich schrauben? Können in diesem Modus Sätze entstehen, die auch noch Gültigkeit haben, wenn sich der Wasserläufer schlafen legt?

Aber genug. Muss erstmal in die Gänge kommen…

Rinpotsche hat die Sache mit dem Suchen und Tasten übrigens auf den Punkt gebracht.
(Oder eher auf den Knoten : )

20:58
Wer hat noch Pulver zum Verschießen???