TTag, 28. August 2010. Versuch über die Dringlichkeit.

Ereignisse sind neutral, Ereignisse schaffen ist es nicht. Manche züchten die Taube mit gekringelten Federn, andere den Aidsvirus, irgendwo wird geboren, woanders mühsam oder schnell gestorben. Einer erholt sich. Hochwasser spült Leute und ihr Habe über die Straßen, dort hinten lässt jemand seine Yacht auslaufen. Wo ist der Wert der Ereignisse? In welchem Moment findet er statt? Und kann im nächsten verschwunden sein, während ein anderes gewinnt. Der Wert strategischen Handelns wird überschätzt. Alles sehr verwirrend. Fragen Sie mich bloß nicht nach einer klaren Aussage: würde mich komplett überfordern.
In einer Dokumentation über das Leben von Mutter Theresa, die ich vor Tagen sah, kamen Menschen zu Wort, die mit ihr gearbeitet haben in den Häusern. Else Buschheuer war auch dort, später. Die heilige Mutter sei ein Hardliner gewesen. Es gab diese Regeln. Kein warmes Wasser, kaum Schmerzmedikation, nichts war steril. Geld war längst genug vorhanden, nichts änderte sich. Moderne Geräte nicht willkommen. Alle steckten sich mit allem an. Schmerz bringt Dich näher zu Christus. Steh nicht vom Bett auf.
(Wie neutral ist das? Nicht sehr)
Ich stecke mein Haar hoch, während vor einem Pflegeheim in Kalkutta ein LKW mit Reis verschwindet.
„Ich könnte die gleiche Arbeit auch zuhause machen, da gibt es genug zu tun“, sagt die junge Italienerin.
Sehen Sie bitte in die Kamera.
Sie schiebt sich das Stirnband über die Locken. „Und effektiver“, sagt sie.
„Werden Sie zurück kommen?“
„Nein. Man ändert hier nichts.“
Sie reisen an, um zu helfen, immer noch. Jeden Tag. Sie sprechen die Sprache der Kranken nicht, wie auch. Sie ermächtigen sich, Hilfe zu leisten, Blicke, Mullbinden, Essnäpfe im Einsatz, auch Skalpelle.
„Manche der Freiwilligen nehmen Eingriffe vor.“
Sie beherrschen es nicht, doch sie ermächtigen sich. So, scheint mir, ist das. Anders, glaube ich, passiert nicht viel. Es handeln nicht nur jene, die wissen, was zu tun ist: es handeln alle, die von Dringlichkeit getrieben werden, welcher auch immer. Dringlichkeit ist eine Droge, an deren Anbau uns niemand hindert. Also los. Lassen Sie uns schaffen.
(Wer dringend will, bleibt im Schatten liegen. Wer weiß, wozu es gut ist.)

7 Gedanken zu „TTag, 28. August 2010. Versuch über die Dringlichkeit.

  1. “Ereignisse sind neutral” Sehe ich auch so.
    Wenn überhaupt, dann werden sie nur deshalb interessant, weil sie Episoden markieren – als Wendepunkte gewissermaßen.
    Aber wo findet Dringlichkeit statt? In mir? Oder vielleicht doch in den anderen, die mich an ihre Vergleichsmaßstäbe spaltfrei anpressen.

    • Mein Kommentar gefällt mir überhaupt nicht mehr. Hätte gute Lust, ihn unkenntlich zu machen.
      Manchmal scheint es sich doch zu rächen, sich an seinen parlamentarischen Gremien vorbei gestohlen zu haben…

  2. Überfall und Schein Alles was dringlich ist, wird unwirklich. Jedenfalls für mich. Vor vielen Jahren stellte ich fest, dass ich begonnen hatte, alles was ich mir selbst erzählte mit dem Wort “Plötzlich” zu beginnen. Zugleich änderte sich das Personalpronomen, mit dem ich zu mir von mir sprach. Es wechselte in die 3. Person Singular: “Plötzlich tauchte vor ihr…”; “Plötzlich wollte sie…” Was immer mir plötzlich geschehen sollte oder erschien, geschah oder erschien nicht mir, sondern ihr. Ein wenig später las ich Karl-Heinz Bohrers Text über “Plötzlichkeit”: http://www.suhrkamp.de/buecher/ploetzlichkeit_zum_augenblick_des_aesthetischen_scheins-karl_heinz_bohrer_11058.html
    Ich habe das Buch verloren, daher kann ich nicht nachschlagen, was es mir damals sagte. In der Erinnerung meine ich, dass es den Schrecken erklärte, mit dem das Plötzliche eindringt. Was sich nämlich so – plötzlich – aufdrängt, dringt ein. Das ist die Dringlichkeit. Die Dringlichkeit kommt vom Schock. Die Geschockte distanziert sich von sich selbst. Im Schock ermächtigt sich die 3. Person Singular (manchmal auch als ES).

    Seit Jahren ist mir das nun nicht mehr passiert. Dass ich mir selbst von mir als “sie” PLÖTZLICH erzähle. Aber das ICH tritt dennoch nicht aus dem Schatten. Bleibend geschockt? Nein. Sie handelt. A l s Ich. Der Schock wird (nach-)gespielt. Das ehemals Dringliche wird für die Bühne vermessen. Das ist kein Spiel.

    • dringlich versus passiv Seltsam, für mich ist Dringlichkeit durchweg positiv besetzt: sie steht für mich am anderen Ende der Antriebslosigkeit. Mit ‘unwirklich’ oder ‘plötzlich’ hat sie in meinem Fall nichts zu tun, da führt kein Assoziationspfad hin, ich glaube, ich verstehe gar nicht mal genau, wie Sie das meinen. Was für ein Code ist dieses ‘plötzlich’, was wird da auf dieses eine Wort zusammen gebrannt?
      Ich verbinde Dringlichkeit mit Zuspitzung. Und die ist wünschenswert, weil mich relativieren meistens dazu bringt, passiv zu bleiben.

      Was Sie da als Phänomen der Selbstwahrnehmung beschreiben, ist äußerst interessant: ich selbst kenne das nur von früher. In meinem Elternhaus wurden meine Schwester und ich oft in der dritten Person Singular angesprochen, sprachen auch von uns selbst in dieser. Das ging über Jahre so, bis wir das Haus – in semioticghosts Fall sogar das Land – verließen.
      Ich konnte in dieser Form immer ganz gut kommunizieren, muss ich sagen. Aber ich bin ja auch eine Distanzfetischistin ; )

    • dringlich und plötzlich Das kenne ich auch: Wie erst die Dringlichkeit (eines Termins zum Beispiel) mich dazu bringt, mich aufzuraffen und loszulegen. (Bei der Vorbereitung auf Prüfungen war es eben so). Was Sie aber in Ihrem Text beschrieben, schien mir ein anderes Phänomen anzusprechen (vielleicht ein Missverständnis): nämlich, dass sich einem “plötzlich” ein Handlungsimpuls aufdrängt. Man kann ihn nicht mehr auf seine Effizienz oder seine Legitimität prüfen, man muss “es” einfach tun. Zum Beispiel in Mutter Teresas Hospitälern arbeiten, obgleich der Verstand es als eine wenig effiziente und auch moralisch fragwürdige Handlung begreift. Das verstand ich unter “dringlich”. Dies Überfallartige, mit dem sich ein Ereignis oder ein Eindruck aufdrängt und quasi in einen eindringt und zur Handlung, zur Bewegung treibt. Es ist ein wichtiger Impuls, dessen (lebens-)rettende Funktion ich zum Beispiel bei Unfällen erfahren habe. Aber er ist auch gefährlich. Weil aus dieser “Dringlichkeit” entstehende Handlungen – vor allem symbolische – häufig unüberlegt und kontraproduktiv sind. (Hilfe für Mutter Teresas Projekte halte ich für ein Beispiel.) Ich selbst habe einmal geschockt am Straßenrand in einer Lichterkette gestanden, in die mich so ein Gefühl der “Dringlichkeit”, der Empörung über Rassismus in diesem Fall, getrieben hatte. Als ich mich umsah und -hörte, begriff ich: Das war falsch. Mein Anliegen blieb “dringlich”. Doch diese Handlung war unsinnig und stellte mich in falsche Allianzen.

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