Katzentag

… und weil meine eigene Zeichnung noch nicht fertig ist, hier eine neue Episode von “Simons Cat”. Ich mag Simon Tofield. Ich selbst zeichne ja ohne Katze, was sicherlich dem Gelingen meiner Arbeit förderlicher ist. Aber sehen Sie selbst.

Das Tainted Talents Wort zum Sonntag, 20

“jemandem gewogen sein”

Ich muss zugeben, dass ich diesen Ausdruck der Zuneigung wirklich sehr, sehr mag. Auch wenn er sich besser für Schriftliches eignet. Zum Beispiel als Abschluss eines Briefes (ja, die gibt es noch, die Dinger auf Papier) an jemanden, zu dem man ein freundliches, aber nicht unbedingt vertrauliches Verhältnis hat. “Bleiben Sie mir gewogen!” eignet sich trefflich, um einen Brief an eine solche Person zu beenden. Da schwingt ein gewisses Augenzwinkern mit, das uns in den üblichen Briefabschlüssen meist fehlt. Die sind entweder förmlich oder vertraulich, dazwischen gibt’s nicht viel.
Auch, um über Abwesende zu sprechen, kann man gewogen benutzen: “Die beiden sind sich sehr gewogen” passt zum Beispiel gut auf ältere Männer, die seit Jahren befreundet sind, ohne dass man sie als Kumpanen bezeichnen würde.
Bin ungeduldig heute, verehrte Leser&innen, mich drängts ins Atelier. Zum gewogen sein gäb’s noch einiges zu sagen, aber vielleicht kommt das heute mal von Ihnen? Ist ja Sonntag. Da könnten Sie doch mal ein Sätzchen oder zwei hier formulieren, während ich mit meiner neuen Zeichnung ringe.
Ja, auch mit Zeichnungen kann man ringen.

Buchmesse

Sie wissen ja inzwischen, Leser, dass ich mich zur Buchmesse nie selbst äußere. Was nicht hieße, dass ich sie nicht besuche, auch diverse Dinge von dort berichten könnte, nein, es heißt schlicht, dass mir die Zeit fehlt. Solange ich nicht dafür bezahlt würde. Wie die von mir geschätzte Andrea Diener, die auch dieses Jahr wieder für FAZ online das Buchmessenblog schreibt. Auf das ich hier gerne verweise.

Atelierwoche.

Ich arbeite an einer Zeichnung, die “You too can be like us” heißt. Einer meiner Freunde, mfree, der sich seit Jahren in Abständen stilistisch neu erfindet, trägt in seiner momentanen Erscheinungsform einen kleinen Button am Revers, auf dem das steht.
Buttons sind ja out, outer gehts nicht. Umso verwunderlicher, dass Mfrees neuer Hut, der Bart und die Frisur, ja sein ganzes Outfit ohne diese Botschaft irgendwie unvollständig wären. Was man in dem Moment begreift, wenn man sie liest. Es ist ein sehr kleiner Button; man muss nah rangehen.
Wie auch immer, es ist so ein Satz, der mir hängen blieb, und nun entsteht eine Zeichnung dazu. Nächste Woche wird wenig Zeit fürs Atelier sein, und ich will sie fertig haben, bevor wieder Textarbeit ansteht.

Das Tainted Talents Wort zum Sonntag, 19

“sich sputen”.

Auch früher gab’s massig Modewörter, das hier ist eines. Auch wenn es Mitte des 18. Jahrhunderts noch “sich spuden” hieß, aber die gleiche Bedeutung von beeilen hatte. Nachdem ein sehr gegenwärtiger Dichter das Wort bereits zum zweiten Mal in einer Mail verwendete, machte ich mich im Adelung auf die Suche nach seinem Ursprung und fand folgendes: […] “erscheint das wort in der litteratursprache bei schriftstellern hoch- und niederdeutscher heimat, gleichsam als dichterisches modewort, anfangs in der niederdeutschen form sich spuden: der prinz wirft alle uhren zusammen, schimpft auf ihre trägheit, dasz sie sich nicht spuden, und die stunde so schnell bringen, als seine leidenschaft es heischt.” […]

Ich erinnere mich, dass auch mein Vater jetzt muss ich mich aber sputen verwendete, allerdings in weniger romantischen Zusammenhängen als der Prinz. Er war es, der mir die Zuneigung zu veralteten Worten und Begriffen einimpfte, sicher, ohne sich dessen bewusst zu sein. In meiner Erinnerung an ihn sind es aber immer diese Worte, die bestimmte Bilder von ihm aufrufen; ich glaub fast, ich mach das “Wort zum Sonntag” für ihn, wo auch immer er jetzt ist.
Und natürlich für Sie, geschätzte Leser: Ich krieg ja schon manchmal mails mit Vorschlägen – die freuen mich ungemein.
(Ungemein. Noch so ein fast versunkenes Wort)

Ein eigenartiges Phänomen,

bekannt nur jenen, die ein Leben auch außerhalb der Netzwelt führen: Manchmal nimmt es einen einfach in Beschlag. Das offline-Handeln. So sehr, dass mein Selbstdarstellungstrieb (den der aus diesem Revier verschwundene explodedheadsnomore gerne als “Egoboosting” bezeichnete) ein wenig darunter leidet. Ich komm’ aber immer wieder zurück. Versprochen.
Will heute ins Atelier.
Vorher im Park laufen, die Wildgänse warten. Ich hab immer noch nicht rausgekriegt, wann sie abfliegen werden. Könnte mich natürlich einfach informieren, mit ein paar Klicks wüsste ich es, doch das wäre zu einfach. Lieber beobachte ich sie weiter und versuche, aus ihrem Verhalten die Zeichen für den Abflug zu lesen.
Bisher gibt’s keine. Stattdessen fressen sie Dreck. Na, Erde. Sie graben sich wie kleine Bagger in den Weg (überall sind diese Schnabelfurchen) und ruckeln heftig mit dem Hals, damit die Mahlzeit besser rutscht. Ein Häppchen Gras oder zwei zum Nachtisch. Und wieder Erde.
Rücksichtsvoll sind sie auch: Damit der Weg nicht dauerhaft an Substanz verliert, formt ihr Verdauungsapparat aus Gras und Dreck akkurate Röllchen, die die Gans fein säuberlich in Abschnitten von maximal vier Zentimetern mit dem Schließmuskel abzwickt und fallen lässt. Sowas nenne ich Instandhaltung. Von solchem Umweltbewusstsein können wir uns alle eine Scheibe abzwicken. Äh, schneiden.

Das Tainted Talents Wort zum Sonntag, 18

“Ghost Bike”

In London gibt’s eine Menge Leichen. Nein, ich meine nicht die im Keller der Finanzwelt, sondern wirkliche Körper. Die Rede ist von Radlern. Eine signifikant wachsende Zahl davon wird in London jährlich umgefahren. Und fertig ist die Leiche. Damit da nicht einfach weitergefahren und weitergekillt wird, hat sich (wie meine Schwester, die dort lebt, berichtete) ein neues Ritual etabliert: Die Ghostbikes.
Wo immer ein Radler zu Tode kommt in London, steht einige Zeit später ein Ghostbike an der Unfallstelle. Um – ja, was? Zu mahnen. Klar. Aber vielleicht auch, um etwas zu bannen, das im Stadtbild sonst keinen Ausdruck findet. Den gerade vergangenen Moment. Den im Niemandsland zwischen Gegenwart und Statistik.
Die ersten Ghostbikes sind nun auch außerhalb Londons aufgetaucht.

Parkschnipsel

Erinnern Sie sich an die beiden Jugendlichen, die mir vor einiger Zeit zwei Zeilen rappten, als ich an ihnen vorüber lief?
Sie läuft im Slow motion style an mir vorbei, Mann,
der Regen stört sie nicht, er macht sie high, Mann.

Den beiden bin ich nie wieder begegnet. Doch seit einigen Wochen läuft mir jeden Morgen ein Mann über den Weg, grauhaarig, mittleren Alters, Nickelbrille. Sein Gesicht ist rot und zerknittert, doch es hellt sich jedes Mal auf, wenn er mich sieht. Er hat ein strahlendes Lächeln.
Seitdem er mir auffiel, frage ich mich, wie er es schafft, im Gehen seine Süddeutsche zu lesen, die er, Runde um Runde ziehend, immer dabei hat.
Heute, mein style war noch slower motion als gewöhnlich, blickte ich ihm nicht ins Gesicht wie sonst, wenn ich nah genug bin, sondern warf einen Blick auf seine Zeitung: Sie war alt. Der Mann liest, jeden Tag, die gleiche Zeitung.