Kam mir heute unter:

»ich will das sagen, was ist – aber nicht das was sichtbar ist, nicht das was auf der oberfläche liegt, ich will das sagen was wichtiger ist – das ursächliche – das was im bewusstsein und auch im unbewusstsein überall geschieht – das was an den anfang und an das ende erinnert – das wesentliche in sachen und erscheinungen – das was chaos und ordnung zu einer einheit verbindet.
ich sage es so gut ich kann – mit dem ganzen unvermögen es zu sagen, stottere – spucke – plappere – kotze – drücke – schwitze – heule – brülle…
aber weil das wichtige so allumfassend ist – finde ich mich meistens bei einer rede über etwas anderes – und so fange ich immer wieder neu an.«

Gertrude Stein

Das Tainted Talents Wort zum Sonntag, 23

“Um den heißen Brei herumreden”

tät ich des öfteren hier, behauptete meine Freundin kürzlich. Ich schnitte Themen an, die ich nicht ausführte, mache Appetit, ohne nachzulegen.
“Beispiel?” fragte ich. Auf den ersten Blick fand sie keines. Vielleicht weiß ich trotzdem, was sie meint. In Abständen tauchen sie tatsächlich immer mal auf – Absichtserklärungen, mich zu bestimmten Dingen zu äußern, auf die dann lange nichts folgt.
Andererseits, ich bin kein Provider! Tainted Talents ist kein Seminar. Ich m u s s nicht liefern. Auch keine vollständigen statements. Irgendwie kränkt mich die Unterstellung, ich redete um den heißen Brei – denn was spricht dagegen, Dinge gelegentlich unausgesprochen zu lassen? Ich rede Tacheles, wenn’s darauf ankommt. Ansonsten versuche ich, nach und nach hier thematisch alles einzubauen, was mir wichtig ist. Ich will hier nicht schreiben, “wie mir der Schnabel gewachsen ist”: Es bekäme mir nicht. Ich muss Formatierungen finden für die Gebiete, auf denen sich mein Denken bewegt. Das braucht seine Zeit – und es ist kein spontaner Prozess. Mich interessieren die Weblogs nicht, auf denen die Leute einfach ihr Privatleben hinschütten.

Das Tainted Talents Wort zum Sonntag, 22

“knacken”

Heißt schlafen. Im Ernst. Erinnern Sie sich?
Weil ich dieses Wochenende ein intensives Seminar mit sieben sehr besonderen jungen Menschen hatte (Danke – ich weiß, dass Ihr hier auftauchen werdet), heute mal ein Wort aus meiner eigenen Jugendzeit. Benutzt niemand mehr: Knacken.
“Kann ich heute Nacht bei Dir knacken?” fragten wir unsere Freunde. “Pennen” ging auch, “knacken” war aber normaler. Keine Ahnung, wie das aufkam. Meiner Mutter entgleiste auf jeden Fall das Gesicht, wenn sie mich das sagen hörte.
“Ich bin volle Kanne eingeknackt in Reli” war damals ein absolut brauchbarer und normaler Satz. (Schwer vorzustellen, hm?)
Schade, die meisten meiner Jugendworte sind mir entglitten. Im Moment fällt mir noch “ätzend” ein. “Krass” war auch beliebt, mit der Steigerung “oberkrass”.
Vielleicht können Sie, werte Leser, ja noch ein paar beisteuern.

Zwischenstand

Ab morgen übers Wochenende ein neues Seminar mit den Start-Stipendiaten; ich schrieb früher schon davon. Freue mich. Ins Atelier kam ich diese Woche allerdings noch gar nicht, nun ist’s zu spät, heute mach’ ich Seminarvorbereitung.
Die neue Zeichnung schwirrt mir auf einer parallelen Ebene ständig durch den Kopf, ich sehe die Figuren vor mir, zeichne in Gedanken, das Atelier wartet. Nächste Woche, endlich.
Auch die neue Rubrik für hier ist in Arbeit, sie soll “Tainted Truth” heißen: Kurze Behauptungen aus allen Bereichen meines Denkens, derer ich mir selbst noch nicht sicher bin. Vielleicht auch nie sicher sein werde. Auch, mal wieder, als Einladung an Sie, werte Leser, sich hier reagierend zu vergnügen.
Erstmal, für alles Schöpferische, zumindest dessen Ausführung, brauch ich jedenfalls einen Schnitt: Erledigen, was getan werden muss, vorher. Dann die Leere einziehen lassen. Langsam ausrichten. Dann manifestieren.

Laufanweisung für eine Geliebte

So. Jetzt hab ich’s endlich raus. Meine regelmäßigen Leser wissen es: Seit mir vor Monaten der Chirurg aus Damaskus die Wirbelsäule aufschnitt, das Stück meiner Bandscheibe entnahm, das dort auf dem Nerv lag und das Ganze sorgfältig wieder vernähte, plage ich mich damit, meine Körperwahrnehmung zurückzugewinnen. Vor dem Schnitt war ich eine Süchtige: Ich rannte morgens zehn Kilometer, jeden Tag. Und fühlte mich wie ein Sack Fleisch, wenn ich’s mal nicht tat. Pure Droge, das Rennen.
Seitdem ich’s nicht mehr darf, kämpfe ich darum, einen Zuneigung zu der Art sportlicher Fortbewegung zu gewinnen, die mir von höchster Stelle verordnet wurde: Dem G e h e n. Mein Gott, wie schrecklich sie aussehen, die Geher. Alt sind sie auch, in der Regel. Und es gibt einfach ums Verrecken keinen Kick-off im Gehirn, so raffiniert man das Gehen auch betreibt.
Dachte ich.
Bis vor ein paar Tagen. Denn es gibt einen Trick. Zugegeben, ich hab eine Weile gebraucht, um darauf zu kommen. Der Trick ist, zu gehen wie eine Geliebte.
Vergessen Sie Kopf und Nacken, Arme und Beine – das kommt später. Zunächst einmal konzentriert man sich auf den Rumpf. Besonders den unteren Teil. Es gilt, ihn zusammenzuziehen beim Gehen. Rücken, Bauchmuskeln, Hintern, Beckenboden, alles schön fest zusammenziehen. Atmen nicht vergessen.
Und dann lässt man das Ding kreisen. Der Schwung entsteht (sorry, meine männlichen Leser werden das nicht praktizieren können) indem man sich vorstellt, man hätte eine kleine Kugel (sagen wir, von Murmel bis Tischtennisball, je nach Geschmack) zwischen den unteren Lippen, die es beim Gehen ständig in Rotation zu halten gilt. Ist man gelangweilt, bleibt sie stecken und ziept, ist man indes zu aufgeregt, flutscht sie einem weg und kullert auf den Weg. Man braucht also genau das richtige Maß zwischen diesen beiden Zuständen. Es hilft, sich diese Kugel in den ersten ein- bis zwei Kilometern langsam aufzubauen; beim Starten funktioniert’s noch nicht, man muss erst warm sein. Spürt man sie dann, nach einer Weile, verwandelt sich das Gehen in etwas anderes. Es wird zu einem Rollen.
Dann kann man die übrigen Gliedmaßen dazu nehmen: Kinn leicht, ganz leicht nach oben. Arme je nach Gusto ausschwenkend, aber sachte angespannt, der Nacken dagegen so locker wie möglich. Die Beine? Sind eh das geringste Problem, einfach aus der Hüfte heraus, kleine Schritte, und nicht auf die Füße kucken.
Tja. So einfach ist das. Wenn man’s mal weiß. Gehen ist gut, aber Rollen ist definitiv besser. Wenn man eine Frau ist. Falls es auf Ihrer Seite vergleichbare Modelle gibt, werte männliche Leser, lassen Sie es mich und die Leserinnen hier doch bitte wissen. Der Vollständigkeit halber. Und weil’s mich wirklich interessieren würde.

Männlich oder männlichweiblich gemixt?

Ist irgendjemand von Ihnen mal im Netz auf eine Idee gestoßen, wie man diese männlich orientierte Schreibweise auflösen könnte?
Bei meiner Arbeit als Online-Redakteurin stellt sich mir ständig die Frage.
Soll ich zum Beispiel “Autoren” schreiben und die weiblichen damit außen vor lassen, wie immer noch gemeinhin üblich? Oder “Autorinnen und Autoren”? Das durchzuhalten, verhaut einem jeden Text. Ebenso wie “AutorInnen”: Hässlich.
Nur noch die weibliche Form zu verwenden, ist auch keine Lösung, führt unweigerlich zu Missverständnissen.
Vor ein paar Tagen sah ich “Autoren&innen”, gefiel mir eigentlich ganz gut – bis die Korrekturleserin es mir beanstandete, weil sie meinte, das sähe wie ein Formatierungsfehler aus.
(Vorschläge?)

Das Tainted Talents Wort zum Sonntag, 21

“anheim fallen”

Seltsamer Ausdruck. So auf der Mitte zwischen “erwischt” und “zum Opfer” werden. Er gefällt mir, weil er einen eher mystischen Zugang zu Gefühlszuständen anbietet, für die wir in unserem Alltagsdenken oft ganz triviale Ausdrücke verwenden: Etwas macht uns “fertig”, oder gleich “kaputt”. Beliebter Anglizismus in diesem Zusammenhang: Der “Knock-out”. Dicht gefolgt vom “Burn-out”.
In diesen Begriffen steckt eine andere Zeit als in anheim fallen. Es ist ein Riesen-Unterschied, ob man sich von einer Depression fertig machen lässt – oder ob man ihr anheim fällt, finden Sie nicht?
Man fällt einer Sache anheim, die mächtiger ist als man selbst. Das kann eine Situation sein, ein Gefühl, eine Droge. In der Literatur ist es der Wahnsinn, dem man anheim fällt. Der Melancholie. Dem Vergessen, oder gleich dem Tod.

Doch um Sie an diesem wunderbar milden Sonntag nicht mit Düsterkeit zu beschweren: Es gibt auch die weniger bedrohlichen Formen wie das anheim geben und das jemandem eine Entscheidung anheim stellen.
Zum Glück fällt mir eben noch ein, man kann ja auch einer Leidenschaft anheim fallen… sicher auch mit beträchtlichen Risiken verbunden, aber doch um einiges attraktiver, als gleich ohne Umweg wahnsinnig zu werden.
Grins.
Auf jeden Fall möchte ich es Ihnen völlig anheim stellen, werte Leser, ob Sie sich heute der sonntäglichen Trägheit anheim geben, oder der Herbstmelancholie anheim fallen
Ich für meinen Teil begebe mich demnächst ins Atelier, um diese vermaledeite Zeichnung zu vollenden, deren, ich glaube mittlerweile vierte, Version ich in Arbeit habe. Es ist nicht beheizt, mein Atelier, nur ein kleines Heizlüfterchen zu meinen Füßen verhindert, dass ich der Auskühlung anheim falle.