Parastou Forouhar – Stand der Dinge

Falls Sie sich wundern sollten, liebe Leser, warum es hier auf Tainted Talents plötzlich so politisch wird: Parastou Forouhar ist eine kluge, mutige Frau, eine Künstlerkollegin, und meine Freundin. Beharrlich geht sie ihren künstlerischen Weg, der auch, und immer wieder, ein politischer ist, obwohl selbst ihr manchmal die Felle wegzuschwimmen scheinen. Im Moment, da ihre Situation so instabil ist, sind die Freunde und Weggefährten natürlich sehr in Sorge, und wir versuchen alle, in den Medien, die uns zur Verfügung stehen, auf ihre Lage und ihre Arbeit aufmerksam zu machen.

Ich gebe hier Informationen weiter, die UFO UNO zu Parastou Forouhars aktueller Situation in Teheran zusammengestellt hat.

Ausreiseverbot für Parastou Forouhar
Als Parastou Forouhar am Samstag den 5. Dezember von Teheran nach Deutschland zurückkehren wollte, wurde ihr auf dem Flughafen der Reisepass abgenommen und ein Ausreiseverbot erteilt.
„Sie wurde nicht verhaftet, sollte aber am Montag im ‚Amt für Ausreiseangelegenheiten’ vorsprechen (…). Wie sie dort erfuhr, liegt beim Revolutionsgericht eine Anklage gegen sie vor. Diese hat jener Geheimdienst erhoben, dessen Mitarbeiter vor elf Jahren ihre Eltern ermordet hatten. Grund dafür sind offenbar Telefoninterviews, die Frau Forouhar im Zusammenhang mit dem Jahrestag gegeben hatte.“ (FAZ, S.7, Dienstag, 8. Dez. 09)
Im Rahmen von UFO UNO 2006 dokumentierte und kommentierte Parastou Forouhar ihren Briefwechsel mit der UN-Menschenrechtskommission, die sie um Hilfe bei der Aufklärung der Ermordung ihrer Eltern in Teheran bat. Mehr zu ihrer künstlerischen und politischen Arbeit

Sehr besorgt heute Katajun Amirpur in der Süddeutschen Zeitung, S.12: “Verdächtiges Gedenken – Die Künstlerin Parastou Forouhar wird in Iran festgehalten” von Katajun Armirpur
“… Bislang schien es so, dass Iraner, die im Ausland lebten und sich vornehmlich im Ausland äußerten, geschützter waren. Doch diese Art von Schutz gibt es offensichtlich nicht mehr. Deshalb besteht auch angesichts der Schauprozesse, die in Iran in den letzten Monaten stattgefunden haben, Anlass zur größter Sorge.”

Ebenfalls heute in der FAZ: “Die grüne Protestbewegung lebt” von Christiane Hoffmann
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/2130751_Regimegegnerin-Parastou-Forouhar-Barrieren-gegen-das-Gedenken.html

08.12.09
http://www.taz.de/1/politik/nahost/artikel/1/ausreise-aus-teheran-verweigert
FAZ, S.7 “Forouhar wird in Iran festgehalten”

Auch auf Facebook erscheinen ständig neue Links und Beiträge:
http://www.facebook.com/pages/Parastou-Forouhar-prstw-frwhr/208080254856?ref=mf

Schmelz

Und sowas nennt sich Advent.
Die ganzen Tannenbäume, die überall in diesen vergitterten Arealen rumstehen, riechen nach – nichts. Der Weihnachtsmarkt, über den ich heute Nachmittag nach einem Arbeitstreffen stolperte, kam mir vor wie die Kulisse für einen billigst produzierten Zwergenfilm. Und die Leute in der Fußgängerzone, die mit ihren blöden, wattierten Wintermänteln noch weniger Gespür für die Ausmaße ihrer Körper haben als sonst – darüber schweigt des Sängers Höflichkeit.
Wo, zum Henker, ist der S c h m e l z von allem?
Ich passe momentan nicht. Nachts schiebt mir jemand unentwegt Walnüsse zwischen die Backenzähne.
Knack.

Das Tainted Talents Wort zum Sonntag, 26

“Gute Story”

Eine gute story braucht einen überragenden Helden. Starke Feinde. Bewaffnete Kämpfe. Eine tragische Liebesgeschichte. Treue und verräterische Freunde. Und viel Tapferkeit, Grausamkeit und Sex.
Sagt Stanley Kubrik.
Okay.
Damit kann ich momentan allerdings nicht dienen.
Ich lese, räume auf, kaufe unnötige Handtaschen und Salat (immer viel Salat), erledige Korrespondenz, Textarbeit und Jahresabschlusskram, rüste meinen Rechner auf, denke nach, renne durch den Park, sehe Nachrichten, denke wieder nach, kämpfe mit meiner neuen Zeichnung (Ah! Immerhin ein bißchen Kampf!), besuche Lesungen, sortiere meine Kontoauszüge.
Von dem, was den Stoff für eine klassische Heldenreise ausmacht, bin ich momentan M e i l e n entfernt. Und wissen Sie was, Leser?
Meinetwegen, solange es so kalt ist und die Tage noch kürzer werden, kann ich auf Demonstrationen von Mut und Tapferkeit auch ganz gut verzichten.

Ja, bin noch da.

Denke über die neue Zeichnung nach, die “Safe House” heißen wird. Überlege, wie ich das Atelier warm kriege: Heizung installieren? Speck anfressen? Seilhüpfen? Ich könnte mir auch eine kleine Herde Schafe zulegen und um meinen Arbeitsstuhl herum gruppieren. Daneben gibt es ein Interview vorzubereiten. Und die Schreibwerkstatt mit jungen Migrantinnen, die nächste Woche beginnt. Auftragstexte sind zu schreiben. Laufen. Und Yoga. (Brauch ne dickere Yoga-Matte). Auf den Kommentar “Die Zeit, die Zeit” möchte ich antworten.
Die letzten Tage waren etwas anstrengend, hatte wohl eine nicht ausgebrochene Erkältung – nur Kopf- und Halsweh. Aber eben sehe ich, da steht ein fetter Regenbogen direkt vor meinem Fenster. Der entschädigt für vieles.

Das Tainted Talents Wort zum Sonntag, 24

“Ehrgeiz”

Ursprünglich von Ehre und Geiz. Die mittelalterliche Bedeutung von Geiz ist aber Gier – Ehrgeiz bedeutete damals also nach Ehre gieren und nicht etwa mit Ehre geizen.
Ein zwiespältiger Begriff. Deswegen ersetzen wir ihn inzwischen gerne mit dem englischen Ambition, das klingt weniger verkrampft. (Von Ambition “getrieben” würde man nie sagen, auch nicht von Ambition “zerfressen”)

Ich sprach in den letzten Tagen mit zwei Künstlern, die unterschiedlicher nicht sein könnten, außer in einem Punkt: Beide arbeiten radikal und kontinuierlich an ihrem Werk. Spezialisten in Sachen Ehrgeiz, könnte man meinen.
Der Erste versicherte mir, je mehr Druck auf ihm laste, desto leistungsfähiger würde er: Sein Ehrgeiz, ja Stolz, bestünde darin, niemals überfordert zu sein.
“Was ist Dein Antrieb?” fragte ich.
“Ich will Spuren hinterlassen. Ich will, dass mein Werk mich überdauert” erwiderte er. Die klassische Künstlerantwort: Ausweichend, aber solide.
Der zweite drückte sich anders aus: “Ich will ein Leben führen, das mich glücklich macht” sagte er. “Ich male, weil Malen das Einzige ist, was mich wirklich packt. Ich will den Flow.”
“Hm?”
“Diesen Zustand, der meinen schöpferischen Prozess begleitet” sagte er.
“Ist der dir wichtiger als das, was hinterher mit Deinen Arbeiten passiert?”
“Ja.”

Diffuse Aussagen. Man muss Stunden reden mit Künstlern, um zur Quelle ihrer Ambition vorzudringen – am Anfang versuchen sie immer, einen mit den bekannten Brocken abzufertigen: Sich in die Geschichte einschreiben, schöpferische Potenz, “nicht anders können” – die ganze Palette. Mach ich auch nicht anders, wenn ich gefragt werde.
Aber eines kann ich sagen: Die Idee, in meinen Werken fortzubestehen, wenn mein Körper mal nicht mehr da ist, motiviert mich kein Stück. Auch der klassische Ehrgeiz, sich schillernd aus einer Masse herauszulösen, ist mir eher fremd.

Ich mochte die Idee von Ehrgeiz noch nie. Obwohl ich ganz sicher Ambitionen habe. Nicht zu knapp sogar. Vielleicht ist es dieser angekoppelte Wettbewerbsgedanke, der mich so abstößt – der gesellschaftliche Kontext liegt mir einfach nicht. Die permanente Rede von “Leistungsbereitschaft” lässt mich schon fast automatisch auf Abwehr schalten: Zu laut dröhnt da die Instrumentalisierung mit.
Ich wollte mich nie um etwas bewerben. Ich wollte nicht gezwungen sein, Hindernisse aus dem Feld zu räumen, um meines eigenen Vorteils willen, schon gar keine menschlichen. Ich wollte auch nicht ständig Bereitschaft signalisieren, den Erwartungen anderer zu genügen. Ich habe ein geradezu unstillbares Bedürfnis nach Freiräumen.
Natürlich bleibt eine Künstlerkarriere auch nicht verschont von Zwängen, ganz im Gegenteil, wir kämpfen uns, wie alle anderen Arbeitenden auch, an den Vorgaben ab, die nun einmal “zum System gehören”.
Dennoch gibt es so etwas wie eine künstlerische Haltung. Sie ist keine Konfektionsware; man kann sie nicht kaufen, nicht erben und nicht leihen – jedenfalls nicht auf Dauer. Als ich beschloss, Künstlerin werden zu wollen, nein, eher eine zu sein, war es wegen dieser Projektion: Dass man als Künstler seine eigenen Regeln aufstellen dürfe. Sogar muss. Dass es möglich sein könnte, mit dieser speziellen Wahrnehmung (die man vor sich her trüge wie einen Schild) ein eigenes Revier aufzumachen.
Na ja. Damals war ich dreizehn.
Was geblieben ist: Die Haltung hinter einem künstlerischen Werk interessiert mich im Grunde nachhaltiger als das Ergebnis.
Ich hab’ eine ganze Menge geschaffen in den vergangenen Jahren – doch das, was ich nicht geschaffen habe, überwiegt bei weitem. Tausende verworfener, versickerter Ideen, Zeichnungen, Bilder, Texte. Ginge ich in der Beurteilung meiner Schaffenskraft nur von Ergebnissen aus, würde meine Bilanz eher ungünstig ausfallen: Sie würde verhagelt von allem, was unsichtbar geblieben ist.
Meine Ambition richtet sich aber mehr darauf, einen unverwechselbaren Blick zu praktizieren: Als Ausdruck einer Haltung, die auch außerhalb der künstlerischen Produktion wirksam wird. In den Zusammenhängen, in denen ich Lohnarbeit verrichte. Während ich durch den Park trabe. In meinen Beziehungen. Beim kochen, saufen, schweigen, denken, vögeln, bei einfach allem. Und: Ich will die Kontexte, in denen ich handle, durch meine Präsenz verändern. Mich in sie einschreiben. Alles, was ich bin – und kann – zielt auf diesen Moment ab, in dem Vermischung stattfindet.

Freude, leicht getrübt

Nachdem mal für ein paar Minuten der Himmel so aussah, als habe er sich ausgeregnet, warf ich mich vorhin in die Laufklamotten und auf die Straße. Auf dem Weg zum Park kam ich an zwei sportlichen jungen Männern vorbei, höchstens achzehn die beiden. Sie drehten sich zu mir, der eine pfiff, als ich herantrabte.
“Macht euch nur lustig über mich” grummelte ich, lief vorbei.
“Nein, nein”, rief der junge Mann mir hinterher, “Sie sind noch topfit! Das muss man Ihnen lassen!”
Sie ahnen, Leser, an welchem kleinen Wörtchen sich mein Unmut aufgehängt hat. Verdammt. Mit achzehn hält man jede Frau über dreißig für ne alte Mähre.