Pseudo-Straßenkampf

Nachtrag Sylvester: Die Bevölkerung meines Stadtteils versammelt sich auf dem dafür geeigneten öffentlichen Plätzchen (Platz wäre wirklich zuviel gesagt) und startet den Raketenabschuss. Haufenweise Böller. Einige Jugendliche scheinen es darauf anzulegen, einem die Dinger zwischen die Beine zu schmeissen, die Erwachsenen spritzen auseinander, schimpfen. Hilft natürlich nichts, die Übeltäter sind in den Rauchschwaden nicht auszumachen. Ich stehe mit meinen Freunden etwas abseits, irgendjemand hat ein Sechserpack Raketen mitgebracht, dazu die obligatorischen Wunderkerzen. Die Verletzungsgefahr bei uns ist eher gering, solange wir uns die letzteren nicht in Nase oder Augen pieken.
Wie auch immer, plötzlich hält Freund T., der ewige Schelm, mir etwas hin, das ich als eben angezündete Wunderkerze identifiziere, ich nehme es und halte es in Erwartung des Funkenregens schön von mir weg. Er macht eine Geste mit den Händen. Ich verstehe nicht, es ist gerade ohrenbetäubend laut. Er nimmt mir das Ding wieder aus der Hand (es sprüht immer noch nicht, glüht nur an der Spitze) und fächelt sich den Rauchfaden in die Nase. Grinst. Nu drückt er es mir wieder in die Hand. Ich starre es an. Und meinem schwer beschwippsten Hirn wird langsam klar: Das Ding wird nicht losgehen. Das ist ein Räucherstäbchen. Weihrauch, wenn ich mich nicht irre.

Knieschwangerschaft

Ja, ich weiß, das ist eklig. Und als kluger Einstieg ins frische Jahr gänzlich ungeeignet. Trotzdem, heute Morgen, erwachte ich mit folgendem Traumfetzen: Ich entdeckte einen Kanal in meinem linken Knie, geöffnet und fleischfarben schimmernd. Alarmiert drückte ich an ihm herum und presste ohne Schmerzen zwei larvenähnliche, noch zusammengerollte Wesen heraus, die sogleich übers Parkett kullerten, in die Zimmerecke. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt.
Ich finde das reichlich widerwärtig. Aber Träume erzählen ist ja eh Blödsinn… also Schwamm drüber.

Kein Wort zum Sonntag. Aber ein offenes.

Ich habe mir oft noch keine Meinung gebildet, wenn ich eine haben sollte. Oder will keine haben. Oder gerate über die der anderen so ins Grübeln, dass ich verpasse, zum richtigen Zeitpunkt selbst eine in den Pott zu werfen. Allerdings ist es schon viel besser als früher: Da verstummte ich bei allen Gesprächen, die mehr als zwei Teilnehmer hatten.
Ich unterhalte mich nicht so gerne. Die Meinungen anderer irritieren mich: Warum scheinen sie sich so sicher? Welche Absicht steckt hinter ihren Äußerungen? Warum orientieren sie sich nicht erstmal neu, bevor sie all diese Antworten geben? Sollten Standpunkte nicht bei ständigem Informationsfluss auch ständig neu hinterfragt werden?
Ich tu’ mich schwer mit direkten verbalen Kontakten. Man merkt mir das überhaupt nicht an, was die Sache nicht einfacher macht. Es gefällt mir, einen Tag lang zu schweigen, auch zwei. Eine Woche, meinetwegen. Jetzt, nach den beredten Weihnachtstagen, schweige ich ganz resolut. Bis Sylvester mal mindestens. Ich werde meinen Mund nur zum atmen, essen und küssen benutzen. Das genügt völlig. Mein Sprachzentrum funktioniert momentan eh nicht besonders gut. Als wäre es im Winterschlaf.

Ist es in Ordnung, sich zum Jahresende mal zu vergegenwärtigen, was einem fehlt? Ja? Also los: Ich brauche mehr Biss. Mehr Unbedingtheit und mehr Durchsetzungswillen. Ich kann das auch anders formulieren: Ich muss meine Depressionen besser in den Griff kriegen. Schon allein, weil ich das Wort furchtbar finde. Weil ich auch nicht glaube, dass es viel bringt, sich einzugestehen, depressiv zu sein; man steigert sich da nur noch mehr rein. Handeln, nicht reden… Das Problem ist, ich handele durchaus, doch die Depression lässt sich davon nicht beirren.
Okay.
Ich fang noch mal von vorne an:
Das Depressions-Ding ist so alt, ich kann mich nicht erinnern, es mal nicht in mir gehabt zu haben. Es ernährt sich von meiner Substanz. Es ist weder durch Erfolge noch durch Anerkennung zu beeindrucken. Depression funktioniert wie Fettzellen: Die kann man ganz gut aushungern, bis es von außen so aussieht, als sei man schlank. Kaum aber schlägt man wieder über die Stränge, füllen sie sich neu auf und man ist so mollig wie vorher. Die Depression ist auch so ein Reservoir – man kann sie aushungern durch Handeln, Pläne und gute Ideen, dann glauben alle, man sei ein wunderbarer Kraftprotz. Ich krieg das immer wieder zu spüren.
Vor zwei Wochen hab ich eine Trainer-Schulung mitgemacht: Bei der letzten gemeinsamen Übung ging es darum, dem anderen anonym schriftlich zu spiegeln, wie man ihn wahrnimmt. Die Bemerkungen, die ich erhielt, hätten bestätigender nicht ausfallen können. Ich sei „temperamentvoll, absolut begeisternd, eine starke Persönlichkeit, eine Sprachakrobatin, spannend, energiegeladen“ schrieben meine Kollegen. Ein „ansteckendes Lachen“ hätte ich, sei „nachdenklich“, „offen“, „ausdrucksstark“ und hätte „gut strukturierte Gedanken“. (Ich hatte mir das ausgedruckt, damit ich’s nicht gleich wieder relativiere.)
Das merkwürdige daran ist – in diesen Momenten stimmt das sogar. Kurze Zeit später allerdings ist alles wie weggeblasen: Kaum bin ich nicht mehr „auf Sendung“, füllt sich die Depression wieder auf, als sei nichts gewesen.

Das Problem ist, dass es alles nur noch schlimmer macht, wenn man das Ding thematisiert. Ich zumindest bin schnell genervt, wenn andere anfangen, ihrerseits von Depressionen zu sprechen. Vielleicht, weil ich den Zustand selbst so gut kenne und weiß, reden bringt da nichts. Außer, dass sich die Zuhörenden hilflos und in ihrer eigenen Stimmung ausgebremst fühlen. Ein Depressiver ist ja nicht munter zu machen: Es ist ein sehr hartnäckiger Zustand. Trösten bringt nichts, ebenso wenig wie Mit-gefühl. Ironisieren hilft, aber nur für den Moment.
Das schlimmste – für mich – an diesen Zuständen ist, dass sie trivialer nicht sein könnten: Man verliert seine Individualität, seinen Glanz und seinen Schmelz darin. Selbst meine Sprache leidet darunter; sie wird schlicht. Eine Depression, so hart das auch klingt, ist für niemanden interessant. (Außer vielleicht für Leute, die sich beruflich damit beschäftigen, doch selbst da habe ich meine Zweifel. Wäre ich Psychologin, ich hätte lieber Paranoiker als Klienten. Oder Schizophrene)
Interessant sind Extreme – starke Gefühle… depressiv sein aber fühlt sich an, als wären weite Areale des Empfindens einfach betäubt. Übrig bleibt ein Knoten von Un-lust, der immer die gleichen, dummen Botschaften aussendet. In der öffentlichen Diskussion über dieses Thema wird immer mal wieder die Frage gestellt, warum das Ganze immer noch so ein Tabu ist.
Nun, mit einer von vielen Antworten kann ich aufwarten: Man kommt sich unglaublich banal vor, Depression zur Sprache zu bringen. Weil man sie nicht umwandeln kann: Es entstehen keine Geschichten daraus. Es ist ja nicht so, als empfinge man Botschaften von Außerirdischen, hätte den seltsamen Zwang, immer Dinge zählen zu müssen, oder glaubt, man würde von Dämonen verfolgt. Nee. Das Einzige, was man als Depressiver mitteilen kann, ist, dass man am liebsten sein in Schleifen des nicht-Wollens gefangenes Gehirn gegen ein anderes eintauschen würde. Das ist in einem Satz gesagt. Alles andere zersetzt sich im weißen Rauschen des Betäubtseins.

Unsichtbare Kaninchen

Das wurde nichts mit dem Laufen heute: Der Park ist einfach zu nass zum Benutzen. Extrem rutschig. Da ich ihn als mein Trainingsgerät ansehe, war ich fast ein bisschen beleidigt. Eine Runde lang zottelte ich durch den Schneematsch, dann brach ich ab. Immerhin, auch im Matsch war noch zu erkennen, dass hier anscheinend unzählige Kaninchen ihren Geschäften nachgehen, ich sehe sie nie, weil ich zur falschen Zeit laufe – sie sind nur früh morgens unterwegs, und spät am Abend.
Was noch?
Ich erledige die letzten Aufgaben vor den Feiertagen, Jobs abschließen, Wohnung aufräumen, Geschenke verpacken. Rechnungen. Die neue Zeichnung wartet im Atelier; ich hoffe, zwischen den Jahren wird Zeit sein, sie fertigzustellen.
Im ersten Quartal 2010 stehen mehrere Seminare an, viele Text-Jobs, dazu ein Auftrag auf der Ambiente und eine Lesung mit Ausstellung im Historischen Museum. Meine Online-Redaktion für die Crespo Stiftung braucht präzisere, auch einfallsreichere Organisation, da muss ich mich im kommenden Jahr noch besser reinfinden. Daneben die künstlerische Arbeit.
Ich bin lang nicht mehr rausgekommen aus dieser Stadt, außer, wenn ich Seminare in anderen Bundesländern hatte. Das schwierigste am selbstständig sein ist, sich Urlaub einzuplanen. Hab ich seit Jahren nicht mehr getan – deswegen gab’s dann auch keinen. Ich vermisse das gar nicht sehr; meine Reisen finden über Lektüre statt. Trotzdem wären ein paar nicht-fiktive Abenteuer nicht schlecht.

Zwischendurch denke ich auch immer mal wieder über Tainted Talents nach: Was will ich von diesem Blog? Es gibt Phasen, da bin ich ganz heiß darauf, hier präsent zu sein. In anderen kommt mir die ganze online-Selbstdarstellerei schrecklich belanglos vor. Was mir hier noch fehlt, ist eine Zuspitzung: Entweder ins Private – also mehr preisgeben – oder ins Übergeordnete. Was hieße, die Themen, die mich beschäftigen, hier bewusster zu installieren, mehr Behauptungen aufzustellen, aber auch mehr Fragen zu formulieren. (Wobei mir einfällt, dass ich kürzlich über den Unterschied von “Meinung” und “Standpunkt” nachdachte: Ein gutes Thema für das Wort zum Sonntag, muss ich mir vormerken)
Ich glaube, mein Fokus im kommenden Jahr wird der Umgang mit Zeit. Ich hab oft das Gefühl, mir meine Kreativität zu verbauen, weil ich zu viel auf einmal will und Vorgänge nicht sauber abschließe. Ständig zuppelt irgendwas an meiner Konzentration. Treibe ich das zu lange so, schaltet mein Gehirn dann auf Autopilot, dann erledige ich nur noch das, was auf meinen Listen steht.
Ein Satz des Künstlers Ai Wei Wei kam mir kürzlich unter, der mir für den Jahresanfang gut gefällt:

“Creativity is the power to reject the past, to change the status quo, and to seek new potential.”

Soweit erstmal, geschätzte Leser. Bleiben Sie mir auch im neuen Jahr gewogen. Und trauen Sie sich gelegentlich auch mal aus der Deckung… Ich hab mir das auch vorgenommen.

Schneemontag

“Was ist eigentlich mit dem Wort zum Sonntag?” fragt meine Schwester, die so gerne in meinem Blog liest wie ich in ihrem. Vorgestern kam sie aus England; sie lebt dort. Steigt immer erst mal bei mir ab, bevor wir für die Feiertage ins Elternhaus losziehen, Schwesternzeit, morgens Kaffee ans Bett, reden und lesen und entspannte Pausen, in denen gar nichts passiert – so was geht mit ihr wahnsinnig gut.
“Oh, das hab ich vermasselt gestern” sage ich. “Ich bin die lausigste Blogschreiberin aller Zeiten geworden.”
“Das würde ich für übertrieben halten” sagt sie. (sie redet wirklich so)

Gelobe Besserung. Eine der Angelegenheiten, die mich in letzter Zeit schwer unleidlich machten, ist jedenfalls ist schon mal gelöst, seit heute: Meine Freundin Parastou hat ihren Pass zurück und ist auf dem Rückflug nach Deutschland. Uff.

Der Autor Andreas Maier heute in der FAZ:

Auf meiner Couch (ich habe sie mir von meinem ersten Roman-Vorschuß gekauft) liegt ein Tuch mit Paisleymuster. Meistens lese ich auf dieser Couch, die Füße auf den Polstern und mich gegen die Seitenlehne lehnend. Um diese Seitenlehne etwas zu schonen, lege ich immer zusammengefaltet das Paisleytuch darauf. Manchmal, wenn es kalt ist, hülle ich mich auch in es hinein. Das mache ich seit drei Jahren. Mir wird in diesen Tagen allerdings immer eher mulmig, wenn ich das Tuch in den Händen habe.

Die Person, die mir das Tuch geschenkt hat, heißt Parastou Forouhar. Parastou Forouhar geistert gegenwärtig durch die Medien als „in Deutschland lebende Künstlerin, die im Iran festgehalten wird“. Normalerweise lebt sie in Offenbach, kaum drei Kilometer von mir entfernt, wenn sie nicht unterwegs ist zu ihren zahlreichen Ausstellungen. Parastou Forouhar ist international bekannt, sie war in New York, Istanbul, Wien zu sehen, sie hat für den Deutschen Bundestag ausgestellt, und wir beide haben uns 2006 als gemeinsame Stipendiaten in der römischen Villa Massimo kennengelernt, der bekanntesten deutschen Kultureinrichtung im Ausland.

Auf meinem Tuch, das ich jetzt bei beginnendem Winter öfter brauche, sind keine Figuren zu sehen, nur das Ornamentmuster. Parastou Forouhar ist eine Künstlerin, die oft mit Ornamenten arbeitet. Ihre Ornamente aber sind, im Gegensatz zu meinem Tuch, bei näherem Hinschauen immer figürlich. Sie tun sich grausame Dinge an. Geht man auf Parastou Forouhars Internetseite, wird man von einem Figurenpaar empfangen, die eine Figur ist an den Händen gefesselt, ihre Augen sind verbunden, die andere geht umstandslos auf sie zu, mit einer Gewalt, die nicht nach Wut, sondern nach Routine aussieht, und drückt zuerst ihren Kopf nieder, dann die ganze Figur selbst und drückt zum Schluß der nun am Boden liegenden Figur das Knie in den Hals. Es ist eine ganz kurze Animation, und sie beginnt jedesmal neu. Es hört nie auf.

Die Geschichte Parastou Forouhars hat mich immer eigenartig berührt. Ich kannte ihre Familie aus der Zeitung schon lange vor meinem Villa-Massimo-Stipendium, damals war ich noch gar kein Schriftsteller gewesen. Es war die Zeit, als ich an meinem ersten Roman schrieb, 1998. Es gab damals eine ganze Reihe von Morden unter iranischen Intellektuellen, und irgendwann wurde sogar ein ehemaliger Minister ermordet, ich erinnere mich daran, es war eine Zeit des Schlachtens, als seien sie alle vogelfrei geworden auf einen Schlag. Man war damals im Westen ziemlich schockiert, und es riß eine ganze Weile nicht ab. In der Villa erfuhr ich, daß der ermordete Ex-Minister Parastou Forouhars Vater Dariush war, auch die Mutter, Parwaneh Forouhar, war am selben Tag ermordet worden, mit zahllosen Messerstichen. Man kann im Internet Ausschnitte von Parastou Forouhar am Grab ihrer Eltern sehen, es sind erschütternde Bilder. Ich bin bei diesen Ausschnitten immer unmittelbar an Fritz Lang erinnert, wie er in den Nibelungen Kriemhilds Trauer in Szene setzt. Aber das eine ist Kunst, und das andere ist passiert.

Parastou Forouhars Lebensgeschichte ist aber, bei aller Grausamkeit, zu dringlich, um sich in pathetische Worte zu verlieren. Da muß man eher verkargen (wie es Parastou Forouhar in ihrer Kunst auch stets tut, meistens sind es ja nur noch Strichmännchen, die bei ihr die schlimmsten Dinge ausüben, foltern und morden). Mit der Zeit begriff ich, daß sich Parastou Forouhar von allen anderen Menschen, die ich kenne, unterscheidet. Ich meine nicht diesen unbändigen Willen zu leben, und zwar mit Freude zu leben, als sei jeder Tag ein Fest, ich meine auch nicht Parastou Forouhars Ernsthaftigkeit im Handeln und diese Selbstsicherheit und Gradlinigkeit im Tun, die, auch wenn sie von der Ermordung ihrer Eltern herrührt, einen künstlerisch manchmal geradezu neidisch machen kann. Nein, ich meine vor allem die Kraft, die all das kostet. Vielleicht begriff ich damals zum ersten Mal, welche Kräfte einem zuwachsen müssen, wenn es solche Umstände erfordern. Im Deutschen gebraucht man dafür das Bild vom Über-sich-Hinauswachsen. Nicht, daß ich gedacht hätte, daß Parastou Forouhars Leben durch den Mord an ihren Eltern gebunden war oder daß ihr dieser Mord so etwas wie ein Ziel eingab. Nein, ich sah jemanden vor mir, der ganz natürlich einfach so handeln mußte, wie er handelte. Und sie ist daran nie zerbrochen, sondern immer gewachsen.

Der erste Schritt war der Versuch, die Morde aufzuklären. Die Prozesse ließen auffällig viele Fragen offen. Die vergeblichen Versuche, vor Gericht die Hintergründe aufzudecken und die Auftraggeber zu ermitteln (angeblich hatten Geheimdienstmitarbeiter die Morde ohne Auftrag verübt), kann man auf Parastou Forouhars Internetseite nachlesen. Dann begann Parastou Forouhar, alljährliche Gedenken für ihre Eltern am Todestag, am 29. November, zu organisieren, die sich anfänglich zu Massentreffen entwickelten, überall auf den Straßen um das Haus der toten Forouhars herum, es kamen zahllose Menschen. Dem Staat war das offensichtlich ein Dorn im Auge. Die Treffen wurden immer größeren Reglementierungen unterworfen, zum Schluß wurde sogar untersagt, daß sich die nächsten Betroffenen zu einem kleinen Treffen im Haus der Eltern zusammenfinden. Dennoch fährt Parastou Forouhar jedes Jahr im November in den Iran, um dieses Gedenken zu ermöglichen. Sonst sterben ihre Eltern, wie sie sagt, noch einmal.

Nach Teheran gehen, bedeutet für mich, zu einem Friedhof zu gehen, hat sie einmal gesagt. Diesmal wurde ihr also bei der Ausreise der Paß entzogen. Man hat ihr mitgeteilt, den Behörden gefalle nicht, wie sie in im Ausland Interviews über die Zusammenhänge um den Tod ihrer Eltern rede. Ob sie ihren Paß in den nächsten Tagen zurückbekommt oder nicht, bleibt abzuwarten. Es ist zu wünschen, daß diese Situation nicht eskaliert. Worum es Parastou Forouhar allein gehen kann, ist nicht eine fluchtartige Ausreise, sondern eine Lösung, die ihr nicht nur ermöglicht, zu ihrer Familie nach Offenbach zurückzukehren, sondern auch weiterhin auf gesicherte Weise in den Iran und in das Haus ihrer Eltern zurückkehren zu können.

“Ahoi!”

ist die neue, schicke Begrüßung, wie mir scheint, ob am Telefon oder zum Einstieg per Email.
Heute, nachdem mir die für’s Binnenland doch eher untypische Formel nun schon wiederholt aufgefallen war, fragte ich mal nach.
“Liegt wahrscheinlich an der unsicheren Weltlage” erklärte Freund M. am Telefon.
“Du meinst, sie verlangt gerade nach besonders sorgfältiger Navigation, und deshalb sagen jetzt alle ahoi?” fragte ich, verdattert.
“So ist es” bestätigte er ungerührt.

Na denn.