Laufanweisung für eine Geliebte

So. Jetzt hab ich’s endlich raus. Meine regelmäßigen Leser wissen es: Seit mir vor Monaten der Chirurg aus Damaskus die Wirbelsäule aufschnitt, das Stück meiner Bandscheibe entnahm, das dort auf dem Nerv lag und das Ganze sorgfältig wieder vernähte, plage ich mich damit, meine Körperwahrnehmung zurückzugewinnen. Vor dem Schnitt war ich eine Süchtige: Ich rannte morgens zehn Kilometer, jeden Tag. Und fühlte mich wie ein Sack Fleisch, wenn ich’s mal nicht tat. Pure Droge, das Rennen.
Seitdem ich’s nicht mehr darf, kämpfe ich darum, einen Zuneigung zu der Art sportlicher Fortbewegung zu gewinnen, die mir von höchster Stelle verordnet wurde: Dem G e h e n. Mein Gott, wie schrecklich sie aussehen, die Geher. Alt sind sie auch, in der Regel. Und es gibt einfach ums Verrecken keinen Kick-off im Gehirn, so raffiniert man das Gehen auch betreibt.
Dachte ich.
Bis vor ein paar Tagen. Denn es gibt einen Trick. Zugegeben, ich hab eine Weile gebraucht, um darauf zu kommen. Der Trick ist, zu gehen wie eine Geliebte.
Vergessen Sie Kopf und Nacken, Arme und Beine – das kommt später. Zunächst einmal konzentriert man sich auf den Rumpf. Besonders den unteren Teil. Es gilt, ihn zusammenzuziehen beim Gehen. Rücken, Bauchmuskeln, Hintern, Beckenboden, alles schön fest zusammenziehen. Atmen nicht vergessen.
Und dann lässt man das Ding kreisen. Der Schwung entsteht (sorry, meine männlichen Leser werden das nicht praktizieren können) indem man sich vorstellt, man hätte eine kleine Kugel (sagen wir, von Murmel bis Tischtennisball, je nach Geschmack) zwischen den unteren Lippen, die es beim Gehen ständig in Rotation zu halten gilt. Ist man gelangweilt, bleibt sie stecken und ziept, ist man indes zu aufgeregt, flutscht sie einem weg und kullert auf den Weg. Man braucht also genau das richtige Maß zwischen diesen beiden Zuständen. Es hilft, sich diese Kugel in den ersten ein- bis zwei Kilometern langsam aufzubauen; beim Starten funktioniert’s noch nicht, man muss erst warm sein. Spürt man sie dann, nach einer Weile, verwandelt sich das Gehen in etwas anderes. Es wird zu einem Rollen.
Dann kann man die übrigen Gliedmaßen dazu nehmen: Kinn leicht, ganz leicht nach oben. Arme je nach Gusto ausschwenkend, aber sachte angespannt, der Nacken dagegen so locker wie möglich. Die Beine? Sind eh das geringste Problem, einfach aus der Hüfte heraus, kleine Schritte, und nicht auf die Füße kucken.
Tja. So einfach ist das. Wenn man’s mal weiß. Gehen ist gut, aber Rollen ist definitiv besser. Wenn man eine Frau ist. Falls es auf Ihrer Seite vergleichbare Modelle gibt, werte männliche Leser, lassen Sie es mich und die Leserinnen hier doch bitte wissen. Der Vollständigkeit halber. Und weil’s mich wirklich interessieren würde.

2 Gedanken zu „Laufanweisung für eine Geliebte

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