
TTag, 18. Juni 2010. Isometrie.
Gehen Sie mir weg mit mathematischen Räumen: ich spreche von Übungen. Mixen Sie dabei Yoga und isometrisches. Am besten, Sie legen sich erstmal hin. Sitzen geht auch, oder stehen. Im Prinzip geht es darum, Körperteile gegeneinander zu pressen und so in Spannung zu verharren.
Mittels der Muskeln versucht man, … Kontraktion und Dekon… ach, wie das geht, können Sie überall nachlesen. Wahrscheinlich wissen Sie es längst.
Mich persönlich interessiert bei all dem ja eigentlich nur das ankommen: im Körper. Einen inwendigen Dialog mit ihm zu beginnen. Die Grundempfindungen, die er so nach oben tickert, Hunger, Schmerz, Lust, Müdigkeit und so weiter – das sind keine Gespräche, sondern Impulse. Auf die erfahrungsgemäß so schnell wie irgend möglich reagiert werden muss. Ein richtiges Gespräch geht anders, oder? Wer von Ihnen über mehr als ein Paar Lippen verfügt, weiß, wovon ich spreche. Lieber Hans1962, ich muss Ihnen sagen, bei aller Fachkenntnis, die Ihr Kommentar kürzlich offenbaren wollte: rein anatomisch gibt es da eklatante Unterschiede in den Übungsabläufen.
Kühl heute hier, wer hätte das gedacht. Trotzdem, der diskrete Charme der Isometrie entfaltet sich unbekleidet am besten, das Frösteln vergeht nach zehn Minuten, ach, was sage ich, nach fünf.
Guten Morgen, liebe Leser!
Heute sprechen wir mal nicht übers älter werden, ok? Kein Wort! Ich zumindest habe beschlossen, bis zum Abend hin jünger zu werden. Hab auch schon so eine Ahnung, wie ich das anstellen werde.
Bis später.
20:22
L. ist sehr erschöpft. Nur stockend flüstert sie mir zu, was sich seit vorvorgestern ereignet hat, manchmal verstummt sie mitten im Satz. Ich sitze mit meinem Laptop auf dem Divan, lasse sie reden und schreibe mit. Das wird noch etwas dauern.
TTag, 17. Juni 2010. Trolle und Parlamentarier
Nichts, was ich gestern neben dem kleinen Tagesjournaleintrag schrieb, wurde vom inneren Parlament durchgewunken: ich konnte überarbeiten, wie ich wollte, die Abgeordneten da oben waren schlechter Stimmung. Irgendwann ließ ich’s – es gibt solche Tage, da hilft gar nichts, außer, das Medium zu wechseln.
Da nun L.’s Nachbar ständig betet, dachte ich mir, das könnte ich doch auch mal üben. Tat’s. Und wurde des nächtens (wie L. sagen würde) dafür von Trollen heimgesucht, die offenbar enttäuscht waren: zu wenig Bein, zu wenig Erotik, tönte die Klage, try harder. Sogar Janis Joplin wurde bemüht, die Ärmste! Ich möchte sehr bezweifeln, dass Strapse zu ihrem erotischen Repertoire zählten. Aber egal. Der Troll (denn es ist natürlich nur einer) soll sich abregen, nicht alle meine Fotos sind zum Animieren geeignet. Im übrigen schätze ich seine schnelle Intelligenz in klaren Phasen – er kifft aber zuviel, wie mir scheint, dann wird sie schlierig.
Guten Morgen, liebe Leser. rinnen!
Bin sehr neugierig, was der Tag bringt. Werde versuchen, die Abgeordneten allesamt zu knebeln heute! Durchregieren!
21:10
L. ist mir entwischt. Sie hat mir nur eine kurze, auf das Papierchen eines Zuckerstücks notierte Nachricht hinterlassen, dass sie in Kürze Bericht erstatten wird.
Grrr.
Einmal geübt, schon gekonnt, XIV

Das Abendgebet.
TTag, 16. Juni 2010.

Guten Morgen! Erstmal die Yogastunde.
14:16
So. Stiftungsarbeit erledigt. Ich muss ins Freie! Es ist so verflixt schön hier. Erinnern Sie mich daran, dass ich heute Abend über den diskreten Charme der Isometrie schreiben will. Und – natürlich – ist nachzusehen, was L. wieder angestellt hat.
Nachts in K****

TTag, 15. Juni 2010. Anmaßungen.
Guten Morgen, werte Leser. Bei mir ist’s gerade fast zwei Nachts – kann also sein, ich schlafe noch, während Sie jetzt hier vorbei schauen.
Ich muss sagen, L. hat mich ziemlich in Atem gehalten. Diese Frau! Ich weiß nicht, was ich von ihr halten soll. Doch sie braucht mein Wohlwollen nicht, das wird mir immer klarer.
Gut, dass mein Nachbar offenbar ebenfalls eine Nachteule ist: er hat mir die letzten Stunden freundlicherweise arabischen HipHop durch die geöffneten Fenster serviert. (Ich muss allerdings zugeben, dass ich erst jetzt, nachdem ich L.’s letzten Brief eingestellt habe, wirklich darauf aufmerksam werde)
Sie ahnen nicht, wie verlockend mein Bett aussieht gerade.
Unfug. Natürlich ahnen Sie es.
Bis später.
09:41 Uhr
eben überlege ich kurz, wie ich auf ‘Anmaßungen’ im Titel kam. Weil jedes Schreiben eine ist. Schreiben kennt viele An….’s: Aneignung, Anverwandlung, Anreicherung. (‘Augmented reality’ las ich kürzlich, sei der schicke Ausdruck dafür)
Heute werde ich zeichnen. L. braucht einen Ebenenwechsel, um sich neu zu sammeln.
Siebter Brief. Nicht jeder Schemel ist ein Königreich.
K****, 15. Juni 2010, des nächtens
Sie belieben zu scherzen, verehrter Dr. Sago,
– nicht wahr? Ich schwöre, von diesem Rabauken, der sich Regisseur schimpfte, hab’ ich nach meiner ersten Begegnung nie wieder gehört. Wie auch? Das Mensch weiß doch gar nicht, wo ich abgestiegen bin. Überhaupt, Ihr Zweifel an mir!
Sie fragen nach meinen blauen Flecken.
Ich will Ihnen nicht verhehlen, dass ich ein wenig selbst Schuld daran trage. (Nicht genug, dass meine Kniescheiben noch von vorgestern mit Schorf bedeckt sind wie bei einer Sechsjährigen. Peinlich bei den kurzen Röcken, die ich trage)
Nun denn! Ich pflege auf meinen Streifzügen durch die Stadt wenig darauf zu achten, welche Stadtviertel für Personen meiner Herkunft und Abstammung geeignet sind – und welche nicht. Hatten Sie mir nicht selbst geraten, ich solle mich ins Getümmel werfen? Was haben Sie sich nur dabei gedacht? Und, weit wichtiger noch, worauf wollten Sie hinaus? Ihr Vorschlag, der sich, je länger ich ihm nachsinne, wie eine Anordnung liest, der weitere folgen könnten – ich ahne! Schon will mir die Vorstellungskraft davon galoppieren…
Doch zurück: ich war nächtens unterwegs (Sie kennen mich, ich ruhe gerne über Tage und das hiesige Kima begünstigt diese Vorliebe), ausgestattet mit meiner Perücke No 2., der schwarzlockigen, von der Sie immer missbilligend behaupten, sie mache ein Zigeunerweib aus mir. Darüber ein Schleier gleicher Farbe.
Oh doch, Sie lesen richtig! Ein wenig Rücksicht auf Sitten und Gebräuche muss sein – bei allem Freigeist, dem zu frönen ich mir gelegentlich erlaube. Auch der Rock: ab achzehn Uhr bodenlang.
Jetzt lächeln Sie wieder, ich weiß es genau!
Nun? Denken Sie sich schon, was geschah in dieser Nacht? Noch nicht?
Sehen Sie mich vor sich: ich sitze, es wird bald Mitternacht sein, erschöpft am Rande eines überdachten Basars, mitten in einem der vielen Stadtteile von K****, fragen Sie nicht, welchem. Eben habe ich beschlossen, mir in Kürze ein Taxi rufen zu lassen. Ein freundlich wirkender Mann, der nahbei einen Stand mit frisch gepresstem Granatapfelsaft betreibt, scheint mir zur Ausführung dieses kleinen Dienstes geeignet – insbesondere, als ich ihm einen großzügigen Obulus überließ. (Ich war zu müde, das Kleingeld wieder einzupacken.)
Ich trinke meinen Saft. Die Nacht scheint mir hold wie eine frisch vermählte Landjungfer, trotz des emsigen Treibens, das um mich herum auch zu dieser späten Stunde seinen Lauf nimmt.
Sehen Sie mich vor sich?
Ich falle nicht weiter auf. Das Haar unter dem Schleier verborgen, das lange Gewand, meine dunklen, kajalumrandeten Augen… ich falle nicht auf. Glaube ich. Insbesondere, als meine Füße auch ein Paar jener schlichten Pantoletten aus Satin zieren, die alle Frauen hier tragen, und zwar – aufgemerkt! eine Nummer kleiner, als der Größe meiner Füße angemessen wäre. Alle einheimischen Frauen dieser Stadt tragen zu kleine Schuhe. Lachen Sie nur! Es ist die Wahrheit.
Ich sitze friedlich und unbehelligt auf meinem Schemel, als eine junge Frau in mein Blickfeld gerät, offensichtlich nicht von hier stammend; ich tippe auf das vereinigte Königreich. (Ihr Teint ist makellos, wenn auch leicht gerötet). Nachdem sie am Rande der Handelszone ein wenig herumgestöbert hat, überkommt sie wohl der Durst, denn sie eilt zielstrebig auf meinen Mann mit dem Pampelmusen Granatapfelsaft zu. Sie fragt. Zahlt. Trinkt. Und tritt (mein Blick ruht auf ihr) plötzlich an mich heran.
Und da reitet mich doch plötzlich der Teufel, Doktor!!
Ich frage sie in vermeintlich gebrochenem Englisch, ob ich ihr aus der Hand lesen solle?
„How much?“ fragt die Dame, ihren Wortschatz meiner geringen Beherrschung ihrer Muttersprache anpassend.
„One hundred *****“ entgegne ich aufs geradewohl, „very cheap!“
(Ich wieherte innerlich vor Lachen, Doktor, Sie werden es sich denken!)
„Oh, please, yes!“ haucht die Engländerin, sinkt schwer neben mir nieder, den Becher beiseite stellend, und streckt mir ihr fleischiges Händchen entgegen. Welches ich ernst in meine linke nehme, während ich mit dem Zeigefinger der rechten ein paar Linien entlang fahre.
Ich kürze ab: Sie wissen aus leidiger Erfahrung, wie gut ich fabulieren kann… am Ende jedenfalls reicht mir die beglückte Dame nicht hundert, sondern zweihundert ***** auf die Hand. Vor aller Augen.
Das nun hatte ich nicht bedacht.
Denn da sind die Weiber gleichen Gewerbes, derer ich erst jetzt gewahr werde, als sie -fast synchron- von ihren verstreuten Arbeitsplätzen aufspringen. Entschlossen drängen sie mir und meiner ersten (einzigen!) Kundin entgegen – ich habe, vor ihren Augen, in ihrem Revier ein Geschäft abgewickelt, das mir nicht zustand.
„Go! Quickly!“ dränge ich die Britin, schiebe sie von mir.
„What’s the matter?“
„Trouble, maybe fight“ raunze ich. „Go away!“
Kopfschüttend entfernt sie sich. Während ich mich innerlich wappne.
Und den heimischen Damen zuwende.
Sie ersparen mir, den Ausgang dieser ungleichen Begegnung zu schildern, nicht wahr?
Ich bin recht müde vom Schreiben, auch habe ich Ihre Aufmerksamkeit heute über Gebühr beansprucht. Doch lassen Sie mich noch anfügen, dass ich alle Blessuren der letzten Tage mit Stolz trage! Sie wären nicht der Mann, für den ich Sie halte, wenn Sie nicht wüssten, warum…
Ah… der Nachbar betet wieder.
Ich gehe zu Bett. Jedoch nicht, ohne zuvor einen innigen Gedanken zu entsenden…
als die Ihnen herzlich verbundene
L.
TTag, 14. Juni 2010. Vorsprünge.
Guten Morgen!
Nie hätte ich gedacht, dass die beiden Wildtauben (das sind die schweren mit dem weißen Halstuch), die zuhause immer auf der Birke vor meinem Fenster schnäbeln, mir bis zu meinem hiesigen Quartier folgen würden. Taten sie aber. Eine der beiden schickte sich eben an, auf dem Mauervorsprung vor meinem Fenster zu landen, gelang ihr aber nicht, er ist zu schmal. Tja, so isses manchmal, wenn man zu dick ist, kann man nicht landen. (ups, blöder Witz)
Irgendwie juckts mich ja manchmal in den Fingern, Ihnen zu erzählen, wo ich mich aufhalte. Doch L.’s Geschichte würde sich unweigerlich verändern, vielleicht auch verengen für mich, das will ich nicht riskieren.
So, ich werde mal nachsehen gehen, was sie treibt.
Haben Sie einen schönen Tag! Die Luft hier ist so feucht, dass ich mein Zeichenpapier im Kühlschrank lagern muss, sonst ist es nicht zu gebrauchen.
p.s. Sah eben nach Tagen mal wieder in die Twoday charts: Schach, Kochtopf, das Straßenmädchen, der Schädel des ANH und Nessy natürlich. Bis auf ein paar sporadische WM-Beiträge also alles beim alten. Erstaunlich, wenn man bedenkt, wie viele blogs geführt werden, oder?
Sechster Brief. Vom Hunger und anderen Misslichkeiten.
K****, 14. Juni 2010
Verehrter Dr. Sago,
Ihr Vorschlag kommt doch sehr überraschend. Gestatten Sie mir, Sie auf meine Antwort ein ganz klein wenig warten zu lassen?
Heute morgen vor dem Spiegel im Schlafgemach (seine Ausmaße sind enorm!) sah mir ein weißes Antlitz entgegen, das ich nur widerwillig als das meine erkennen mochte; der gestrige Tag (von der Nacht noch zu schweigen) hat seine Spuren hinterlassen: Ihre L. als Schneekönigin! Bizarr, nicht wahr, in dieser von dunklen Körpern bevölkerten Stadt? Auch die wenigen Westeuropäer, derer ich bisher ansichtig wurde, leben schon lange hier, wie mir scheint: ihr Teint ist fast ebenso verdorrt dunkel wie jener der Einheimischen.
Ich meide ihre Blicke, glauben Sie mir. Nichts stößt mich mehr ab als die Selbstverständlichkeit, mit dem sich unseresgleichen in der Fremde begegnet. Reist man tausende von Kilometern in die Ferne, um dieses Übelkeit erregende Zucken in den Mienen der eigenen Landsleute vorzufinden? Gewiss nicht!
Doch das interessiert Sie alles wenig, ich weiß …
Sie (darf ich es sagen?) brennen zu erfahren, was mir geschah seit meinem letzten Brief. Was mir nicht geschah… darüber haben wir in den letzten Jahren viel zu ausführlich schon gesprochen, nicht wahr?
Nun, ich kann stolz berichten, dass ich einen der schlichteren Ratschläge, die Ihre Depesche enthielt, seit gestern in die Tat umsetze: ich treibe Körperertüchtigung. Morgens, bereits vor dem Frühstück! Nicht, dass mir das leicht fiele; mein armer Körper jault und ächzt unter den zusätzlichen Belastungen, seit gestern gehe ich krumm. Doch ich halte durch! Obschon die blauen Flecken, die ich vorvergangene Nacht bezog, nicht dazu beitragen, mich friedlich auf Atem und Muskelspiel zu konzentrieren.
Ach, Doktor! Lassen Sie mir doch etwas Zeit. Ihre Zeilen – so drängend, so ungeduldig!
Mein Magen knurrt. Ich hungere mich aus… ganz den Vorgaben jenes Mannes gehorchend, der in der Heimat über meinen Körper verfügt. Wehe, ich würde nur ein Gran ansetzen, er mich bei meiner Rückkehr nicht mehr, von hinten in meine Rippenbögen greifend, von der Erde heben könnte! Er würde mich gewiss verlassen. Und so nähre ich mich von den allgegenwärtigen Düften der Speisen, die hier in zahllosen Pfannen und Kesseln mitten in den Straßen zubereitet werden.
Mittagsruhe, lieber Doktor…
Später! Versprochen!
Aus den Kissen winkend,
Ihre
L.