TTag, Mittwoch, 20. Oktober 2010. Opfern.

[…] Es ist uns so wenig verständlich geworden, daß es Opfer kosten sollte, wenn man etwas Bestimmtes will… will, Leserin, Leser, will – und dafür einsteht, selbst wenn es das Leben kostet. Wir möchten es, alle, ach so bequem. Bekommen’s, und nichts ist mehr wert. Das Bewußtsein, daß etwas Risiko sei, wird ersetzt durch das Wissen, daß es was kostet. Das Bewußtsein, daß etwas Anstrengung sei, Kraftaufwand, Energie, wird ersetzt durch die Sicherheit, daß es was kostet: Geld, nicht etwa Seele; Geld, nicht etwa körperliche Einbuße; Geld, nicht etwa Wagnis. […]

Auch wenn es ein Mann ist, der das Wort in den Mund nimmt, und männliche Beispiele anführt als jene, die Opfer bringen, gebracht haben, um Wert zu schaffen: ich denke unwillkürlich, alle Frauen wissen, von was er da spricht, auch wenn sie’s, wenn sie auch nur ein bißchen Lebensglück haben, nie Opfer nennen würden, vielleicht sich selbst, doch nie ihren Kindern und nicht der Welt gegenüber.
(Ich lass’ den Bauch mal beiseite – zum Empfangen und Gebären hat Melusine bedenkenswerteres zu sagen und Sie alle, werte Leser:innen, die Mütter sind)
Wir kaufen uns also unsere Lebnisse, statt sie zu er-leben, sie im Schweiße unseres Angesichts dem Gehirn, dem Körper zu entreißen, und wo dieses Wagnis nicht enthalten ist, entsteht kein Wert. Wo Behaglichkeit ist, entsteht kein Wert. Wo etwas leicht zu haben ist, ebensowenig. Wo für das Ersehnte kein Schaden an Leib und Seele “in Kauf” genommen wird, entsteht kein Wert.
Beispiele dafür gibt’s zu Tausenden. Und doch würd’ ich lieber ersticken, als das Wort in den Mund zu nehmen: Opfer. Sie sind unausweichlich, doch warum darüber sprechen? Gesprochen wird immer nur zum Zwecke der Manipulation. Wer will, soll sie erbringen, für den Everest, das Meisterwerk, den Weltruhm. Die Idee, etwas zu schaffen, das die eigene Lebensspanne überdauert. Unbedingt! Wir wären schrecklich dran ohne die Unbedingten. Als Waffe eingesetzt find’ ich’s allerdings problematisch – immer geraten da jene ins Hintertreffen, die den Weg geringeren Widerstands gehen wollen (oder nicht anders können): die sind für Opferbringer:innen die reinste Provokation. Denn mit dem Opfer geht gerne einher ein fieser Kandidat: Das Recht.
“Ich hab bitter bezahlt. Die Ware steht mir zu.” Doch was ist die Ware – und wer handelt mit ihr? Und wird sie nicht ebenso gerne als Statussymbol vor dem Publikum geparkt wie der Lamborghini des Neureichen vor dem Café?

Es ist im Sprachgebrauch eh nur noch die Hälfte vom Opfer übrig, und jene andere, die immer unsichtbarer wird, lässt mehr in mir anklingen:
Gabe.
Darbringen.

Fließen, nicht reißen.
Geht das?

13:34
Drüben in die Dschungel hat eine gewisse Edith88 unter ANH’s heutigem Reiseeintrag eine Attacke gegen mich geritten.
Interessant – was haut die Frau nach mir, ohne dass ich sie provoziert hätte (?) (Edith? Wo sind Sie? Kommen Sie zu uns! : )
Ich musste einfach antworten, die Sache hat mich irritiert amüsiert.
Immerhin – Frau 88 hat einen Impuls ausgelöst, der mich nur selten überkommt – mir einen neuen Nick zuzulegen:
Dr. Lola Stein.
(Marguerite Duras Leser:innen werden ahnen, wo er herkommt : )

22:34
Ich möchte … ach …

TTag, Dienstag, 19. Oktober 2010. Die Dame aus dem Sarong.

Jedes Mal, wenn ich in K**** bin, kaufe ich mir ein Kleid. Verlasse ich das Haus und wende mich nach rechts, ist da diese Boutique (man nennt sie hier anders, doch das spielt keine Rolle, es i s t eine Boutique), und in ihr steht eine winzige Dame. Ja, eine wirkliche Dame, es ist ihr Geschäft, und es heißt Sarong. (Lachen Sie nicht, so heißt es eben. Wie ein Wortschmetterling, der sich hierher verirrt hat. Wo sie es wohl aufgetrieben hat, dieses Wort für ihren Laden, die Dame?)
Im Sarong gibt es viele Kleider, alle aus dem gleichen, fließend eleganten Material. Die Kleider knittern nicht, dazu ist der Stoff zu schwer und zu glatt; sie fallen wie ein Seufzer über die Schultern und am Körper herab, man tritt vor den Spiegel: eine andere Frau. Wie schön, sagt die Dame andächtig. Sie hebt nie die Hand, um eine Falte zurecht zu zupfen: sie ist keine Verkäuferin.

Guten Morgen.
Auch von der Katze…

… die sich einen Dreck darum schert, ob ich je wieder eine Zeile schreibe.

… doch wer wills ihr verübeln.

Zwölfter Brief. Die Andere.

K****, Montag, 18. Oktober 2010

Ich grüße Sie, Doktor,

und ziehe am Regler, bis der Monitor das gleiche schmutzige Weiß annimmt wie die Wände des Hauses sehr früh morgens, wenn noch die Nacht auf ihnen ruht. Ich träumte von dieser kleinen, energischen Frau, die besser schreiben kann als ich. Wie gerne wäre ich gelobt worden, doch es war ihr Text, der die Miene der Lehrerin erweichte und mit einer Sehnsucht zeichnete, die ich hatte hervorbringen wollen, ich, ich!
Man reichte mir das Laptop der Kleinen. Wo sie sei, fragte ich. Sie käme wieder, erwiderte ein junger Mann, wir lagen zu vielen auf einer Wiese draußen – ein Campus, eine Schafweide, ich erinnere mich nicht – ich nahm das Ding, nur halb so groß wie meines, sah ihm in die Augen:
„Sie kommt wirklich zurück?“
„Ja“
und begann zu schreiben, ohne mich nach den Zeilen umzusehen, die ich hinter mir ließ. Wie ich diese Weide hinter mir ließ. Denn was hätte ich erwarten können, das nicht zuerst von mir selbst –

Ich liebe es, blind zu sein. Nein. Ich liebe es, unsichtbar zu sein. Nein. Wahrnehmen sollen Sie mich. Für wahr nehmen. Nehmen, fürwahr.
Ich war mir selbst nie wahr, nie wert, nie so, dass es reichte. Nur diese Rissigkeit, dass ich an der Haut meines Ellenbogens zog & es war genug von ihr da, dem Arm die Krümmung zu erlauben, das Biegen, & ich dachte, überall dort, wo nötig, ist zusätzliches Material, das mir Bewegung ermöglicht, warum ist das nicht so in meinem Geist, kaum bewegt sich der, reißt an anderer Stelle etwas auf. Kein zusätzliches Material, nichts. Ich denke im Schwund, in Rissen, die hinter mir nicht heilen wollen, ah, wer möchte das glauben, doch es ist so. Persönlich ist es. Als müsse ich alles Wasser, das mich trägt, jeden Tropfen einzeln aus mir herauswringen für ein bisschen Nässe auf den Rissen. Da blutet es sich doch leichter.
Glauben Sie mir nicht, glauben Sie der anderen. Es ist einfacher, wenn Sie mir nicht glauben, die gestrenge Lehrerin tut das ebenfalls nicht, sie sieht zur Seite, sie streicht den Mädchen über das Haar.
Ich habe kein Haar. Gullhiver die Wintermöve hat kein Haar. Ich biete keinen Widerstand, ich hebe mich kaum ab von den Flächen, über die ich fliege und meine Scheiße fällt pausenlos ins Nichts. Alles, was mir früher heilig war, Musik, Geschichten, Gegenstände, längst ausgeschissen. Ich schreie im Wind. Der Winter kommt. Noch. Nicht. Ich träume. Fliehe. Mir, mir können Sie nicht folgen, versuchen Sie es nicht, dort, wo ich bin, gibt es nichts zu verstehen, nichts zu schlafen, da wollen Sie sicher nicht hin. Meine Verbündeten werden durchsichtig, wenn die Sonne sie berührt, meine Schatten sind nicht anhänglich, meine Kunde erreicht kein Ohr. Also. Lassen Sie’s.
Die Andere leugnet das. Manchmal erreicht mich der Duft ihres Parfüms, der Klang ihres Lachens, während sie fort ist, oh, ich verstehe sie gut, ich binde ihr die Schleife morgens und sehe ihren schmalen weißen Waden hinterher.
Nichts. Bleibt. Von mir. Wenn sie unterwegs ist. Außer den Tieren. Ich bin Tiere, weiche und harte, sie immer schon Mensch, sie springt und lässt die Röcke wehen, damit ich sein darf. Ich verkacke mir die Federn. Oh Gott, wie ich es liebe, besudelt zu sein; wie ich es hasse, rein zu sein. Ich bin jene von uns, der nichts bleibt, der alles Errichtete unter Händen und Flossen und Pfoten und Flügeln zerrinnt; ich lebe in den Rissen, nichts, das ich anhäufe, hat Bestand, nichts hat Wert, von einem Tag zum anderen erlischt mir jeder Funke, jede Hoffnung, der Furor, der in mir wütet, bricht über jede Sicherheit herein wie ein Berserker und fegt alles hinweg, jedes Erinnern, jede Genugtuung, bis nur die: nackte: Ödnis übrig bleibt, splitternder Schiefer.
Ich klirre vor Schiefer, Schicht auf Schicht und alles dazwischen wird zum leblosen Gewese: s o bin ich. Jeden Tag aufs Neue erfinde ich Bilder, die mich nachts wieder verlassen, ich kenne keinen Stolz, ich bin mir selbst fürchterlich, ein Netz aus Unrat, in dem kein einziger Fisch hängen bleibt, nie; sie schlüpfen durch meine Maschen, manchmal erwische ich eines mit dem Munde, dann schwimmt es dort, bis ich es ausspeie, es schmeckt süß, sie schmecken alle süß.
Loben Sie mich.
Loben Sie mich dafür, dass ich schweige.

Ich überlasse ihr das Feld.
(Soll ich?)

Gehaben Sie sich wohl, Doktor.

J.

TTag, Montag, 18. Oktober 2010. Moskitos?

Irgendwelches Fluggetier
kackt offensichtlich nächtens
auf meinen Monitor & das
finde ich nicht rechtens.

Ist ein Irrwisch in der Nähe? Bitte zum Putzen antreten.

Übermüdung macht jegliche Ernsthaftigkeit zunichte ; )

19:57
Ich lese seit vier Tagen. Lasse, bis auf kleine Streifzüge, Geräusche und Düfte nur durch die offenen Fenster an mich heran. Gut, dass ich alleine bin: Niemand erwartet von mir, meine Zeit anders zu verbringen.
Hab’ den neuen Brief, Sie sehen’s, eingestellt. Eine Weile zögerte ich – Sie werden verstehen warum. Aber dieses Manuskript, so scheint es, schreibt sich seine Figuren selbst.
Nein: K**** schreibt sie.

Tainted Talents?

Wie könnte ein Talent beschädigt werden? Beinträchtigt? Wer könnte es kaputt machen und aus welchem Grund? Es gibt sie inzwischen zuhauf in meiner Umgebung: Die Leute, die früher einmal geglänzt haben und jetzt, zwanzig Jahre später, überall matte Stellen aufweisen, die nicht mehr blank zu polieren sind. Zumindest nicht von außen. Kein Zuspruch, keine Bewunderung bleibt an ihnen haften. Der Glanz kommt von innen – oder eben nicht. Manchmal kommt mir der Verdacht, dass die Angst vor den Verpflichtungen, die ein echtes Talent mit sich bringt, größer sein könnte als die Furcht davor, im Mittelmass hängen zu bleiben. Wer ein Talent hat, ist verdammt. Das Gefühl, ihm nicht gerecht zu werden, verlässt einen nie.

Alle auf Tainted Talents gezeigten Zeichnungen, Texte, Fotos und was sonst noch so anfällt, sind von mir, sofern nicht anders gekennzeichnet.

Phyllis Kiehl

TTag, Sonntag, 17. Oktober 2010. Yippiiee!

Ich hab’s tatsächlich geschafft! Bin wieder online mit dem verdammten Scheißding. Tschuldigung. So abgeschnitten zu sein hier in K**** hat mir den verdammten letzten Nerv geraubt, so unbeschlagen, wie ich in diesen Konfigurationsscheißdingen bin. Und ohne beschissenes Handbuch. Und seit drei Tagen denke ich, Phy, du kannst das, streng dich verflixtnochmal an, die Maschine hat ein logisch nachvollziehbares Innenleben, dann vollzieh’ es, zum Henker, logisch nach, warum sie nicht online gehen will. Weiweiwei die ist nicht schlauer als Du, die ist überhaupt gar nicht schlau, nur irgendwie durcheinander. Gib ihr neue Befehle. Aber welche?? Und in welchem verfluchten Fenster sind welche einzugeben?

Nu fragen Sie mich, wie ich’s gemacht hab’! Fragen Sie schon! : ) Grinns. Keine Ahnung! Rumprobiert. Nachgedacht. Bißchen was hier gedaddelt, bißchen was da, das meiste wahrscheinlich kontraproduktiv. Bis ich darauf kam, alle bisherigen Konfiguationen zu deaktivieren und eine ganz neue anzulegen. Neuer Name, neue Zahlen, neues Glück. Und siehe da: da bin ich wieder. Zuhause. Im Netz. Jauuul! : )

TTag, zweiter in K****, ansonsten auch Samstag, 16. Oktober 2010 (glaub ich°°) (huestel) Feinstaub.

Moin allerseits da hinten.
Sie haben sich ja heute Nacht noch somnabulisch ganz schoen verlustiert hier auf TT, unter Zuhilfenahme diverser wie ich befuerchte horizonterweiternder (wenn auch nicht erhellender?!) Substanzen, auf die ich hier in K**** wahrlich nicht weiter eingehen kann, ohne meine (ohnehin eingeschraenkte) Freiheit zu gefaehrden.
Ah, Sie ahnen es, ich bin immer noch ohne Netzzugang im Haus und darob auf dieses bedrueckend stickige Internetcafé angewiesen, um mich an die Welt, nein, an Sie, nein, an ach wen weiss denn ich zu wenden ; )

Nun ueberlege ich, wie ich den Text freigeben kann, den ich heute Morgen geschrieben habe – eigentlich gehoert er zu L. und Dr. Sago, andererseits ist es eine voellig neue Stimme und die ist so krass, dass ich noch gar nicht weiss, wie in den naechsten Tagen mit ihr umzugehen sein wird.
Also beschliesse ich hiermit, den Text noch nicht einzustellen und erstmal abzuwarten, ob das heute Morgen ein Kollaps war oder ein Neubeginn oder beides.
Immerhin, ich sitze noch hier.

Heute Nacht ist etwas seltsames passiert, uebrigens: ich bekam um 03:55 Uhr eine sms, vermeintlich von jemandem, den ich sehr sehr gut kenne… sie lautete: “dieses handy wurde im feinstaub verloren und kann dort abgeholt werden bitte dem besitzer bescheid sagen”
Heute Morgen fiel mir bei klarem Kopf zwar ein, Feinstaub koennte eine Bar sein, und die Geschichte schlicht die eines liegengelassenen Handys, aber heute Nacht um 03:55 baute sich die Botschaft von Verlust und Feinstaub so seltsam in meine spaeteren Traeume ein, dass ich sogar jetzt noch leicht verwirrt bin.

Bleiben Sie mir gewogen, liebe Leser:innen. Ich muss hier raus, erstmal, der Markt wartet : )

TTag, Freitag, 15. Oktober 2010. Alles K****.

Soweit.
Nur, dass mein Laptop behauptet, ich haette die Konfiguration fuer den Netzzugang geaendert, was nicht stimmt, und mich jetzt nicht reinlassen will. Ins Netz, meine ich. So dass ich jetzt im Internetcafé sitze und mit einer Tastatur kaempfe, die hoechst, ich wiederhole hoechst fremdartig ist. Ich tippe hier im Schneckentempo, waehrend die Ortsansaessigen an den Rechnern links und rechts neben mir drauflos pladdern, was das Zeug haelt. Mist. Ich wuerd ja mal offline bleiben ne Weile und das Ganze unter Omen einordnen, geht aber nicht – die Trips ins Ausland kann ich mir nur leisten, weil ich meine Lohnarbeit von ueberall machen kann. Solang das Laptop online geht natuerlich nur.

Sie verstehen, geschaetzte Leser:innen, ich muss raus aus diesem Café und nach einem technischen Wunderchen Ausschau halten.

Bis spaeter. (Hoffentlich ; )