TTag, Donnerstag, 28. Oktober 2010. Vom eigentlichen.

Manchmal, während man Dinge erledigt, Auslöser sind nicht auszumachen, hält man doch inne und fragt sich, worum geht’s mir. Was ist mein Thema. Hab’ ich eines, gar zwei? Hab’ ich Fragen, grundsätzliche, oder laborier’ ich an Einzelteilen. Hab’ ich was aus den Augen verloren und wenn ja, was könnte das sein & ist es wirklich meines Ursprungs. Bestandsaufnahmen. Es gibt diese Behörde, die wird im Herbst aktiv. Anscheinend. Sie fasst zusammen. Sie hat nur zwei Stempel: Gültig und ungültig. Dazwischen ist Schweigen.
In meinem Fall ist der für mich zuständige Sachbearbeiter ein missgelaunter Kerl, der zweite Stempel ist ganz abgewetzt. Ich will ihn lang’ schon feuern, muss dazu allerdings eruieren, wer die verdammte Behörde leitet. Wäre ich es, der Kerl säße längst auf der Straße, möglichst mit einem Schild. Da fällt mir ein, ich könnte ein paar Bettelschilder formulieren, neue Rubrik, „Besser betteln.“ Hoffentlich kommt nicht gleich ein Veto von oben. Hab noch nie gebettelt, weißer Fleck auf meiner Landkarte, irgendwann mal da hinfahren, faire l’experience. Mit-fühlen können. Emphatietraining. (sitzt das h richtig?)
– Warum kannst Du nicht einfach erleben schreiben.
– Klingt so pathetisch.
– Faire l’experience ist manieriert.
– Mir egal.
Was ist mein Eigentlich? Vorsichtiger Blick around: haben die anderen eines?
Sprecher: Husch, zurück, ist doch irrelevant.
Ich stelle mir vor, ich sei ein Leuchtturm, was empfange ich, was sende ich.
– Leuchtturm? Wohl größenwahnsinnig, an Dir orientiert sich niemand.
– Doch.
– Du spinnst ja. Eine Boje bist Du vielleicht, aber kein Leuchtturm.
– Das hast nicht Du zu entscheiden.
Wie die mir dazwischenquatschen. Nichts als Teilpersönlichkeiten, spielen sich aber auf, als hätten sie das Sagen. Seit Jahren will ich ihnen Namen geben: Wer Namen vergibt, bezeichnet, hat die Macht. Bezeichnen ist wie heiße Luft auf Blätterteig, da trennen sich die Schichten.
– Lass das mit den Veranschaulichungen, Du verzettelst Dich.
– Stimmt, sorry. Aber lass mich Dir einen Namen…
– Sag schon, was Dein Thema ist.
– Der Körper.
– Gut, weiter.
– Identität, weibliche.
– Nimm’ den Schmuck weg. Alles, von dem Du denkst, es sollte Dir zugehören des Gefallens wegen, ohne dass es wirklich Teil von Dir wäre. Sag’ das Eigentliche.
– Na hör’ mal, das ist ein Tabu, warum sollte ich das tun.
– Weil dort das Namen geben anfängt.
– Ich geh’ erstmal eine rauchen, okay?
– Miststück.

13:55

22:26
Goo night everybody, see u tomorrow

TTag, Mittwoch, 27. Oktober 2010. Wie gern

würd’ ich blau machen heute…

… doch das Wochenendseminar ist vorzubereiten. Hm, womit belohne ich mich heute Abend … ?

11:39, Zwischenbericht
Erste Belohnungsvorschläge per mail und fernmündlich eingetroffen. Mein heimlicher Favorit: jener, der sich am schwersten in die Tat umsetzen lässt. Keimende Unruhe.

18:31
Wortkarg.

20:21
Es gibt Tage, da bin ich wirklich heilfroh, dass mein Gehirn ein paar Routinen abgespeichert hat, auf die es zurückgreifen kann, wenn ich nicht da bin.

TTag, Dienstag, 26. Oktober 2010. Ror Wolf.

Tusker, der meine Bewunderung teilt, saß mir die ganze Zeit mit zuckenden Lippen gegenüber, sein ganzer Bart vibrierte vor Vergnügen. Gestern Abend. Ror Wolf Hörstücke, irgendwann vor Jahren mal aus dem Radio mitgeschnitten. Ich freu’ mich so an der Sprache dieses Mannes, seinen merkwürdigen Themen – passt schon, dass Wolf rückwärts gelesen “Flow” ergibt – man rauscht, wenn man lauscht.
Kleine Texte, jeweils nur ein paar Minuten lang, mit Geräuschen, mehrstimmig gelesen, dazu ein paar Musiker, plaudernde Instrumente. Es gibt Künstler, die machen den Kopf frei, so einfach ist das.

19:05
Kein Wunder, dass mir vor lauter Wolf wieder das Schaf in den Sinn kommt heut’ Abend. Zeit, zu spielen.

TTag, Montag, 25. Oktober 2010. Eilend.

Tja, das wars dann wohl mit der ruhigen Phase. Stelle fest, hab’ doch einiges verbaselt in meiner Abwesenheit (wo kommt der Ausdruck eigentlich her, keine Zeit, das zu recherchieren gerade), die Liste der zu erledigenden Dinge labbert über die Schreibtischkante fast bis runter auf den Teppich.
Grrr.
Ach, L., ich beneide Dich!

11:00

Ungefähr so fühlt sich’s, ja:

(Das ist das Motiv auf meinem aktuellen Geschirrhandtuch, thanx to semioticghosts : )

11:35
Mein Roman Fat Mountain im literarischen Salon der Artissima in Turin!
(Aber warum gibt’s bei amazon nur “used copies”???? Beim Verlag nachhaken)

I am writing in regards to the curatorial programme of the Artissima, the international art fair in Torino.
I am in charge of producing a literary salon curated by Vincenzo Latronico, which will also include a “book show” by Maria Fusco: she would like to show Fat Mountain scenes by Kiehl.
I wonder whether I could buy two copies directly from you, as I only found used copies on amazon, from different countries.
Thank you for letting me know if we can proceed in this much more convenient way.

Best regards,
F. B.

17:08, Selbstgespräch
Bin so schlaff
so schlaff
ach so
schlaf

TTag, Samstag, 23. Oktober 2010. Antizyklisch.

Ein wenig irritiert mich, dass mein unmittelbarer Nachbar, der noch im Juni fünfmal täglich mit Inbrunst die Stimme zum Gebet erhob, diesmal so gar keinen Mucks von sich gibt. Anwesend ist er, aber eben stumm.
Morgen reise ich ab, doch der nächste Aufenthalt schwebt schon fest.
Viel zu tun noch heute, da liegen drei unfertige Zeichnungen. Geputzt muss auch werden. (von Hand, falls Sie fragen wollten, Frau Sowieso: die Wombats fliegen nicht gern)
Also los.

Bis später.

12:02
Der Regen ist ein Punk
er fällt so hart heute
als wolle er jeden Tropfen einzeln in die Dächer nieten.

19:25
So. Geputzt und gewaschen ist, zwei Paar Schuhe (jaja) hab’ ich noch gekauft, ein Schwätzchen mit dem Boutiquendame gehalten (“Ich liiiebe Ihre Zeichnungen”, sagt sie, “besonders die mit dem abgeschnittenen Kopf!”), eine geheimnisvolle Soße in einer Flasche gekauft (die so sündhaft teuer war, dass ich sie wohl nur tröpfchenweise einsetzen werde), das Telefon beim Saugen vom Tischchen gefegt, festgestellt, es ist kaputt, in die Stadt gerast, um ein neues zu kaufen (erfolglos, die Geschäfte haben schon geschlossen), gelüftet, dann die ganze Bude mit Papier d’Armenie ausgeräuchert (die absolut besten Duftblättchen der Welt, da können Sie jedes Räucherstäbchen wegwerfen, ich hab’ immer ein Heftchen davon einstecken, wenn ich reise),
was noch,
meiner wundervollen abwesenden Gastgeberin einen welcome back Brief geschrieben, die Lampen alle wieder dahin geräumt, wo sie ursprünglich standen, bevor ich hier meinen Arbeitsplatz einrichtete, nackt rumgelaufen und in alle Spiegel geguckt, ob noch alles dran ist (oder nicht doch ein bißchen mehr als nötig), gebadet, gymnastiert, einen absolut undefinierbar schmeckenden Brei gegessen, diskret gefurzt und
Schluss jetzt

TTag, Freitag, 22. Oktober 2010. Moderne Tabus.

“Alles wäre leichter, wenn wir einfach zugeben dürften, dass es nie aufhört, schwer zu sein.”

11:40
Sprachs, und

15:02
Parfümöl erworben. Sie werden sicher verstehen, warum:

18:24
Das Parfüm, Himmel hilf, macht alle Flugsauger verrückt, sie kommen von nah und fern.
In mir keimt der Verdacht, “Do it!” bezieht sich nicht auf das, woran ich zuerst dachte, sondern auf das, woran ich jetzt denke. Um’s mal präzise zu sagen.

00:10
Zweitletzte Nacht in K****. Nein, sagen Sie jetzt nichts.

Dreizehnter Brief. Es scheint, als ob –

K****, Freitag, 22. Oktober 2010

Bester Doktor,

ich lag friedlich in Morpheus Armen, als Ror klopfte und – wie immer ohne mein „Herein“ abzuwarten – ins Zimmer trat.
„Hirnloser Kerl, mich derart aus dem Schlummer zu reißen“ murmelte ich, mich aufrichtend.
„Keineswegs, Madame“ erwiderte er mit seinem süffisanten Lächeln (das ich freilich im Zwielicht der über die Scheiben gezogenen Vorhänge mehr hörte als sah) „um meine Geisteskraft ist es bestens bestellt. Mir schien nur, dass dieses“ – er beugte sich sacht mit dem Tablett – „keinen Aufschub duldete.“
Ich nahm das Couvert. „Wenn Sie die Güte hätten, Ror…“
Er verstand. Und verließ (rückwärts und unter Verbeugungen!) mein Gemach. Oh, wie er mich zur Weißglut treibt, dieser Mann, mit seinen Possen. Doch wie, andererseits –
Ihre Zeilen, erlauben Sie, dass ich offen spreche, sind mir unverständlich; wieder und wieder versuche ich, ihren Sinn zu erfassen, doch es will mir nicht gelingen. Wer ist jene J., an die Ihr Schreiben sich wendet, und warum, gütiger Himmel, lese ich Ihre Worte, ohne die vertraute Stimme dahinter zu vernehmen? Wenden Sie eine jener neuen Methoden an, von deren Erfolg man in gewissen Kreisen bei vorgehaltener Hand flüstert?
Nun denken Sie doch nicht, diese Dinge blieben mir verborgen! Erst kürzlich, bei einem der Abende im Institut, kam ein etwas windig aussehender Herr darauf zu sprechen, allerdings ohne meinen Beifall zu finden. Sie wissen, ich liebe das Theater, und dennoch … hüpft und springt mir das Herz wie ein gefangener Sperling, bis sich der Vorhang wieder schließt.
Die Vorstellungskraft, insbesondere die meinige, ist ein gefährliches Instrument. Sie wissen, wie leicht ich in Hysterie verfalle! Mussten Sie mir nicht oft genug auf Ihrem eigenen Diwan Ihren (…) zwischen die Lippen schieben, damit ich mir nicht die Zunge zerbiss? Dessen eingedenk bitte ich um Schonung. Keine solchen Briefe mehr. Ich werde Ror bitten, ihn zu verbrennen.
(Ah, da tritt er schon ein. Woher er nur immer weiß, wann ich ihn brauche ? )
„Kommen Sie.“
Und an den Tiegel mit jener Creme, die mir so wohltut, hat er gedacht. Nun, ich werde ihm, wenn er –

diesen Brief mitgeben, auf dass er alsbald in Ihre Hände gelangt, Doktor.

Aus der Ferne, jedoch keineswegs entrückt,
lächelnd
Ihre

L.

TTag, Donnerstag, 21. Oktober 2010. Count-no!-down

Warum lassen Sie mich eigentlich immer diese falschen Datumsangaben machen, liebe Leser:innen, haben Sie denn g a r kein Verantwortungsbewustsein? Eben erst hab ich das Datum des gestrigen Eintrags korrigiert, er hinkte um einen Tag der Realzeit hinterher. Ich vermute fast, Sie machen das mit Absicht. Soll se doch, scheinen Sie zu denken, was komm’ts für die da in K**** schon drauf an, was für eine Zahl über ihren Texten steht. Nix da! Diese Dinge sind nicht egal. Fragen Sie On Kawara.

Drei Tage bis zum Abflug. Ich schreibe das, um es sofort wieder zu vergessen; ich hasse Countdowns. Zeichnen will ich, der nächste L.-Brief reckt schon die Fingerspitzen aus dem Monitor (wohlmanikürte, im Gegensatz zu meinen) und eigentlich soll auch … doch nein, darüber besser nicht sprechen. Ah, dieses Ziehen –

(Wie finden Sie eigentlich mein fröhliches Opfer?)

Bis später, allerseits. Weitermachen.

12:42
Der Flaum der Tage.
Für einen kurzen Moment: verliebt.
Ins da sein.

22:24
So schwach die Verbindung ins Netz heute Abend, ein winziges Strichelchen, bin gehandicapt. Sehen Sie es mir nach, liebe Leser:innen – schnell im Reagieren werd’ ich heute Abend nicht sein, das Ding verlischt ständig. Ah, ich liebe Zeichenstifte, das analoge an ihnen ; )