Dreizehnter Brief. Es scheint, als ob –

K****, Freitag, 22. Oktober 2010

Bester Doktor,

ich lag friedlich in Morpheus Armen, als Ror klopfte und – wie immer ohne mein „Herein“ abzuwarten – ins Zimmer trat.
„Hirnloser Kerl, mich derart aus dem Schlummer zu reißen“ murmelte ich, mich aufrichtend.
„Keineswegs, Madame“ erwiderte er mit seinem süffisanten Lächeln (das ich freilich im Zwielicht der über die Scheiben gezogenen Vorhänge mehr hörte als sah) „um meine Geisteskraft ist es bestens bestellt. Mir schien nur, dass dieses“ – er beugte sich sacht mit dem Tablett – „keinen Aufschub duldete.“
Ich nahm das Couvert. „Wenn Sie die Güte hätten, Ror…“
Er verstand. Und verließ (rückwärts und unter Verbeugungen!) mein Gemach. Oh, wie er mich zur Weißglut treibt, dieser Mann, mit seinen Possen. Doch wie, andererseits –
Ihre Zeilen, erlauben Sie, dass ich offen spreche, sind mir unverständlich; wieder und wieder versuche ich, ihren Sinn zu erfassen, doch es will mir nicht gelingen. Wer ist jene J., an die Ihr Schreiben sich wendet, und warum, gütiger Himmel, lese ich Ihre Worte, ohne die vertraute Stimme dahinter zu vernehmen? Wenden Sie eine jener neuen Methoden an, von deren Erfolg man in gewissen Kreisen bei vorgehaltener Hand flüstert?
Nun denken Sie doch nicht, diese Dinge blieben mir verborgen! Erst kürzlich, bei einem der Abende im Institut, kam ein etwas windig aussehender Herr darauf zu sprechen, allerdings ohne meinen Beifall zu finden. Sie wissen, ich liebe das Theater, und dennoch … hüpft und springt mir das Herz wie ein gefangener Sperling, bis sich der Vorhang wieder schließt.
Die Vorstellungskraft, insbesondere die meinige, ist ein gefährliches Instrument. Sie wissen, wie leicht ich in Hysterie verfalle! Mussten Sie mir nicht oft genug auf Ihrem eigenen Diwan Ihren (…) zwischen die Lippen schieben, damit ich mir nicht die Zunge zerbiss? Dessen eingedenk bitte ich um Schonung. Keine solchen Briefe mehr. Ich werde Ror bitten, ihn zu verbrennen.
(Ah, da tritt er schon ein. Woher er nur immer weiß, wann ich ihn brauche ? )
„Kommen Sie.“
Und an den Tiegel mit jener Creme, die mir so wohltut, hat er gedacht. Nun, ich werde ihm, wenn er –

diesen Brief mitgeben, auf dass er alsbald in Ihre Hände gelangt, Doktor.

Aus der Ferne, jedoch keineswegs entrückt,
lächelnd
Ihre

L.

4 Gedanken zu „Dreizehnter Brief. Es scheint, als ob –

  1. Es scheint als ob… Werter Kollege,

    seit geraumer Zeit beobachten wir, dass die regelmäßige Korrespondenz mit Ihnen für die Performanz der Patientin von immer größerer Bedeutung wird.

    Ich sage Ihnen zweifellos nichts Neues, wenn ich noch einmal betone, dass diese Patientinnen wahre Schauspielerinnen sind; sie kennen keine größere Freude als die, alle zu täuschen, mit denen sie in Berührung kommen. (…) Wir haben gesehen, wie die Patientin auf die neuartige Methode anspricht. Jedoch erlaube ich mir noch kein abschließendes Urteil. Denn das Leben der Hysteriker (und vorderhand arbeiten wir mit dieser Hypothese, lassen uns jedoch gerne durch Sie auch zu einer anderen Interpretation des Verhaltens bewegen), das Leben der Hysteriker also, wie Sie uns überzeugend dargelegt haben, ist eine einzige Lüge. Sie legen die Maske der Frömmigkeit und Unterwerfung auf oder umgekehrt die der Frivolität und Amoralität, lassen sich wie Heilige oder Huren behandeln, während sie sich heimlich den verwerflichsten oder harmlosesten Handlungen hingeben. Sie benutzen gelegentlich eine im höchsten Maße unzüchtige Sprache (Sie haben sicher selbst schon erlebt, was für uns im Institut zum Alltag gehört). Dabei genießen sie nichts mehr als dieses Fallen aus der Rolle.

    Diese besondere Patientin nun nutzt in erstaunlich eloquenter Weise den bipolaren Charakter der Lust, um sich gegen das Empfinden zu schützen. Ein steter Wechsel zwischen dem „Willen zur Lust“ und dem „Willen zur Lustlosigkeit“, den Sie, werter Kollege, sich bei ihren jüngsten Interventionen in beispielhafter Weise zu Nutze machen. Ich bin beeindruckt und fasziniert. Wir werden die weitere Entwicklung aufmerksam verfolgen und Sie jederzeit auch unsererseits über unsere Beobachtungen unterrichten.

    Noch einmal möchte ich, geschätzter Kollege, mich auch im Namen des ganzen Institutes bei Ihnen für die Möglichkeit der Teilhabe an diesem Experiment bedanken.

    Hochachtungsvoll

    Dr. G.

    • K.P.I, z. Hd. Dr. G., K**** Werter Kollege,

      besten Dank für Ihre Einschätzung. Eben traf ein neuer Brief der Besagten ein; ich habe ihn noch nicht geöffnet, saß ich doch noch an meiner Replik auf ihren letzten, der beispielhaft jene Verdrängungssymptome offenbart, auf die Sie anspielen.
      Ein herber Rückschlag, nachdem sich die Patientin im vorangegangenen Schreiben zum ersten Mal von K**** aus als jene J. präsentierte, die ich bislang nur bei persönlichen Sitzungen erlebt habe.
      Ich will nicht verhehlen, dass die Entwicklung der Patientin L. für meine weitere berufliche Laufbahn nicht unmaßgeblich ist – meine Forschungen werden, wie ich hoffe, dem Krankheitsbild der Hysterie zu einer kompletten Neueinschätzung verhelfen.
      Das Risiko, die Patientin nach K**** zu schicken, war, wie Sie wissen, nicht unerheblich und nur dank Ihrer Mitwirkung realisierbar.
      Das Haus entspricht L.’s Vorstellungen orientalischer Raffinesse, dazu die wachsende Bindung an Ihr Institut: das Ensemble bietet jene Stabilität, die ich von hier aus nur bedingt gewährleisten kann.
      Neuen Berichten von Ihrer Seite sehe ich mit Spannung entgegen. Gerne werde ich Sie auch meinerseits weiterhin über relevante Formulierungen der Patientin L. in Kenntnis setzen.

      Hochachtungsvoll

      Dr. S.

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