Wust. Dienstag, 28. Juni 2011

(bedarf eigentlich keines Kommentars, oder? ; )

15:05
An der Wand neben meinem Schreibtisch hängt ein großer Spiegel, der zeigt eine zu allem entschlossene Frau, die momentan noch keine Ahnung hat, was das sein könnte. Paradiesisch, eigentlich. Eigentlich. Mehr eigen als tlich. Ah, Kopf, was tust du mir an?
Ich mach’ jetzt eine Liste, so. Und die gilt ab morgen.

21:57
Vorhin beim Training.
Ich: “Hör mal, ich finde es nicht gut, wenn wir mein linkes Bein weiterhin das ‘böse Bein’ nennen. Klar, es hat diesen geschädigten Nerv – aber böse? Das ist die falsche Psychologie.”
Trainerin, ohne zu zögern: “Okay, dann nennen wir es Lisa. Das klingt schwach. Und das rechte nennen wir Dolly, wie Dolly Buster, das klingt nach Kraft. Einverstanden?”
Ich: “Äh….”

Welche Brut. Montag, 27. Juni 2011

Keiner von ihnen sagte etwas, während ich mit meinem Brocken die Zeichen auf den Asphalt schrieb. Bis hierher und nicht weiter, rief ich leise, treten Sie zurück. Ja, sagte jemand, aber Du musst jetzt gehen.
Vergiss Dein Ei nicht, sagte eine Frau. Ich sah hoch. Sie hatte nichts an, trug nur das Instrument bei sich und natürlich das Kind an der Hand. Welches Ei, fragte ich, hier gibt’s nur Steine. Wer sind Sie überhaupt. Die Frau hob ihre kleine Trompete an die Lippen und blies drei Töne. Doremi? fragte ich. Sie machte eine ironische Verbeugung. Welches Ei, fragte ich. Sie deutete auf meine Rechte: Das da. Ich besah mir den Brocken; er war ganz schief geschabt vom Schreiben. Das ist doch kein Ei! protestierte ich. Es ist das einzige, das Du hast, sagte sie.

22:43
Ach ja: bin wieder zurück im Land! : )

Die Sprache der Anderen, 26

„Ich finde es gut, wenn du dich unsicher zeigst.“
„Wirklich? Du weißt, wohin das führt.“
„Nee, wohin denn?“
„Wenn ich zuviel frage, wirst du mich irgendwann nicht mehr für voll nehmen.“
„So ein Quatsch! Wie kommst du darauf, dass Fragen was mit Unsicherheit zu tun hat? Du zeigst, dass du neugierig bist, statt einfach einen Standpunkt zu markieren. Nur einen Punkt… wie ein Diskuswerfer ohne Diskus, der zufrieden damit ist, sich immer nur im Kreis zu drehen…“
„Aber du weißt, wo du mich findest. Ich muss klar für dich sein. Sonst begehrst du mich nicht.“
„Was soll das denn jetzt? Als ob es darum ginge!“
„Oh doch. Auch. Du und deine Harmoniesucht. Und wie du das Verirren in Kauf nimmst. Wie du, was du kannst und weißt immer wieder relativierst, fast zwanghaft. Stell’ dir einfach vor, ich würde das genauso machen. Würdest du dann noch mit mir ficken wollen mich dann noch begehren?“
„Das ist unfair! So wie du es darstellst, will wohl niemand so sein!“
„Lenk’ nicht ab! Würdest du?“

Lockstoff : Gleisbauarbeiten

Wir alle hier haben diesen nucleus. Bei manchen sieht er aus wie eine Feuerstelle. Eine Praxis oder ein See. Ein Urwald. Andere haben Netze. Es gibt Paläste und Nester, Ashrams und private kleine Vorführräume; er kann jede denkbare Gestalt annehmen.
Es ist eine Kunst, solch einen nucleus zu bauen und zu füllen – man trifft harte Entscheidungen. Es darf nur einen geben und er muss eher kompakt sein als groß. Damit sich möglichst nur Essenzen dort verbinden. Selbst wenn diese erst dabei sind, welche zu werden. Wenn der nucleus zu stark anschwillt, wird er beliebig, füttert man ihn zu oft mit geliehenen Stoffen, wird er beliebig, überlässt man ihn allzu lang fremden Blicken, wird er ebenfalls beliebig: er braucht wirklich größte Aufmerksamkeit, um eigen zu sein.
Verdammt selten kommt es vor, dass sich diese Dinger einander nähern – so vieles muss stimmen oder auf die richtige Weise falsch sein. Wenn es aber geschieht, entsteht eine Konstellation. Da rückt etwas in die Nähe, das auf eine Weise vertraut genug ist, die Befangenheit zu nehmen und gleichzeitig fremd genug, eine Unruhe zu wecken. Sie, die Unruhe, ist das Gebot, nicht auf den eigenen Kissen einzupennen.
Das Geniale an solchen Konstellationen: sie vergewissern, ohne schlaff zu machen. Es ist mit ihnen wie mit dem Duft von frischem Brot, der durch ein offen stehendes Fenster herein zieht: er macht die Lust, er sagt, da draußen wird gebacken, ersetzt aber nicht den eigenen Ofen.
Manchmal braucht man ja einfache Bilder)

Soweit das, was sicherlich für uns alle gilt.

Lassen Sie mich einen dieser nuclei benennen, die für mich eine unwiderstehliche Anziehungskraft haben: Die Gleisbauarbeiten. Sie kennen Gleise und See: diese Orte sind keine geheimen mehr, könnte man denken. Für mich aber schon. Immer, wenn ich dort bin, habe ich diesen Eindruck einer nicht vergleichbaren Nähe.
Selbstverständlich ist das Projektion. Na und? Was anderes könnte es denn sein? Konstellationen entstehen durch Projektion; die ist erst einmal egozentrisch. Dann verwandelt sie sich. Manchmal.
Ich weise auf das Offensichtliche hin: das, was dort passiert, ist von hoher literarischer Qualität. In meinem Fall geht das oft so weit, dass es mich entwortet. Was schade ist, denn Melusine will ja andere nicht zum Verstummen bringen, nur weil sie eine feine Sprache am Leibe hat.
Das weniger offensichtliche, das, wofür man Zeit braucht drüben auf den Gleisen: wie dort alles Stoff wird. Wie sich Erlesenes und Erlebtes transformiert, wie Areale entstehen und all die unterschiedlichen Stimmen und Laute eine Gestalt bekommen. Fleisch werden. Das ist überzeugend, braucht aber seine Zeit; man muss da eine gewisse Hartnäckigkeit entwickeln. All die Spuren laden ein, ihnen zu folgen, verführen aber auch massiv dazu, eigene zu setzen. Denken Sie an das Brot.)
Wie sehr mich das anregt: Diese Struktur. Die Manifestationen. Ebenso wie das Verfahren: die Übersetzung von Innen nach Außen. Dort an den Gleisen unterwegs zu sein, schafft den seltsamsten Gegensatz zwischen intim und unpersönlich, der mir bisher im Netz begegnet ist. Danke dafür.

Go to: Melusine B. auf >>> Gleisbauarbeiten

Dornen, verweht. Freitag, 24. Juni 2011

Während ich konzentriert schreibe, lese ich ungern anspruchsvolle Literatur nebenher: das wird schnell zu präsent und eindrucksvoll und lenkt mich ab. Schmöker sind mir in solchen Arbeitsphasen lieber. Ich hatte hier in K**** einen mit, den ich als Teenager schon mal verschlungen habe: The thorn birds / Die Dornenvögel. Das Buch ist offensichtlich schon durch viele Hände gegangen und eine Leserin hat vorne ein Foto hineingeklebt, das den Hauptdarsteller der gleichnamigen Fernsehserie zeigt. Ich weiß sogar, wer das war: meine Großmutter. Sie schwärmte für den stattlichen Priester ; )
Na, die Geschichte war fast ebenso erfolgreich und wuchtig wie das Vom Winde verweht – Ding; unnötig, sie hier wiederzugeben. Doch sie entführte mich nachts vor dem Einschlafen nach Australien. So sehr, dass ich im Traum manchmal selbst über die Koppeln ritt oder aus Meggies Kopf heraus der verklemmten Mutter meine Wut an den Kopf schleuderte. Von den Küssen des Priesters ganz zu schweigen! Und so sehr ich mich über mich selbst amüsiere und auch ein bißchen geniere beim Lesen: auf diese Abenteuerträume lass’ ich nichts kommen. Ich würde Sie ja, geschätzte Leser:innen, gerne nach Ihrem Lieblingsschmöker fragen, befürchte aber, Sie sind zu kultiviert und lesen Pynchon zum Einschlafen.

So. Ich pack’ mal meinen Kram zusammen.

Madam Kimono. Donnerstag, 23. Juni 2011

Das ist natürlich ein Klischee, doch da ihre Boutique nun mal so heißt, ist es zumindest nicht meines. Und Madam Kimono half auch sofort, nachdem ich von meinen Nöten berichtet hatte: ließ ihre Nichte kommen, die schrieb mir eine Zahlenreihe und ein Passwort auf und *bling* bin ich über einen anderen Anbieter wieder im Netz. Fast war ich versucht, aus schierer Dankbarkeit ein weiteres Kleid bei Madam zu kaufen, doch die K****- Kasse ist leer. Zwei Tage bis zur Heimreise. Manuskript liegt ausgedruckt neben mir. Womit belohne ich mich jetzt?
Hab’ Sie vermisst.
Seltsam, so ohne Netz; das Laptop kam mir plötzlich kastriert vor :; )x!

Cyber. Mittwoch, 22. Juni 2011

Privat-Internetzugang seit gestern Abend ausgefallen. Café gefunden. Hier aber ist Schreiben fast unmoeglich; komme mir vor wie auf dem Bazar. Irre laut reden die Leute hier drin. Tja, so gehts (kein Apostroph zu finden auf dieser verrueckten Tastatur) manchmal.
Hoffe sehr, dass morgen die Privatverbindung wieder steht.

Einen schoenen Abend allerseits!
Ich verschwinde jetzt wieder aus dieser Cyberhoehle ; )

Streik. Montag 20. & Dienstag 21. Juni 2011

Jnkjsöhslcsod ldkdä, jd dlkvs<dkvd Jnjkdnyläöyd dd cm!!! NkdhuTGjndj cöckvnsnn, jhjhf Kjöskäujkjt.
Dh kjhehcjs: Jdcdjhf, fvgrp, nurzeiüwiuu, unj Mfnveuz<üoqp9!!!!
Kjsdwdwij jdh d sbt dda. Mndcjd meikdoizkj cjh häw, Dcuzüqü’, DIUZFEJII!!!! K dhchdui sjbjgeoe, dkjiue, DCUZRJÄ XKFJHVSÖ, njjeiksäam dnciti. Dnvefpml e dniru???
Msneuzrbjhf!
Kjhi msdefse9 was: Nfueeoi nuherf nkgwiüütz, uer joieurtt kjhfe.
Dg.

Dhfeiu<ä<

TT

17:28

(schu astunlick daz koina frugt gagün wut aischintli gestriegt ward)

Dienstag, 21. Juni 2001
Aufgrund besonderer Umstände wird der Streik noch bis heute, 00:00 Uhr, fortgesetzt. Alles gestern Gesagte tritt hiermit außer Kraft: ich behaupte das Gegenteil. Mahnungen bitte direkt an Miss TT; ich hab’ mich um anderes zu kümmern.

xxx!
Phyllis

Danglin’ in between. Sonntag, 19. Juni 2011

Letzte Woche in K****. Roman soweit fertig für’s Lektorat. Hätte mich nicht schon das Schreiben alle Fingernägel gekostet, spätestens ab dem Moment der Abgabe wären sie eh fällig gewesen. Ein Kapitel, eine Sex-Szene, schreibe ich noch. Doch für die, zumindest für die erste Fassung, muss ich mich, glaub’ ich, betrinken, das schieb’ ich schon die ganze Zeit vor mir her.
Schwer, sowas zu schreiben; da ist immer so viel Projektion dabei. Im Tun. Aber eben auch im Schreiben. Da fällt mir ein, was Tusker vor ein paar Tagen am Telefon sagte: “Es dauert eine ganze Weile, bis du dich durch all diese Filme durchgevögelt hast und in deinem eigenen Körper ankommst.”
Vielleicht setze ich mir laute Musik auf die Ohren; so hab’ ich mein erstes Buch “Schummer” geschrieben. Komisch, die Hälfte meiner Gehirnleistung besteht auch heute noch darin, mir immer wieder Bedingungen zu überlegen, die mich in einen Zustand versetzen, in dem ich gut denken und imaginieren kann. Strukturen. Rituale. Settings. Manche sind über lange Zeit einsetzbar, manche sind zwanghaft und befremdlich, andere verlieren ihre Wirksamkeit und müssen ersetzt werden. Am stabilsten sind die, die ich für Seminararbeit und das redaktionelle Schreiben für die Stiftung angelegt habe, am anfälligsten jene, die freies künstlerisches Arbeiten betreffen. Wenn der Impostor da nur einmal schlechtgelaunt auf die Pauke haut, zerschallt das gesamte Setting.
Das ist Leiden auf hohem Niveau, ich weiß, so läuft das eben.

Na, ich geh’ jetzt mal die Szene vorbereiten. Die Aufstellung zumindest werd’ ich auch nüchtern hinkriegen ; )

Schönen Sonntag, allerseits!

Leise tuckernd,
TT

p.s. Drüben an den Gleisen gibt’s was zu >> unterschreiben. Morgen ist Weltflüchtlingstag.

Schwund. Samstag, 18. Juni 2011

Vielleicht, weil die Wolken heute so bäuchlings hängen, sagte er.
Nein, nicht deswegen, sagte sie.
Oder weil der Gifthauch deiner verdammten Lilien dich in böse Träume geschickt hat.
Sie schnupperte. Das wäre ein guter Grund, sagte sie, aber dennoch, nein.
Ah, jetzt weiß ich, sagte er, es ist wegen der Schildkröte; sie ist schon so lange weg.
Unfug, rief sie.
Alles, was man vehement abstreitet, sagte er, ist wahr.
Nein.
Doch.
So, ich habe dreimal geraten, sagte er, ich denke das reicht.
Sie stutzte. In meiner Welt kommt es immer auf den vierten Versuch an, sagte sie.
In dieser, sagte er, kannst du froh sein, wenn du einen hast.