Psychopilzfarm. Freitag, 8. Juli 2011

Mitnutzung ab sofort.
Gute Hanglage weit nördlich vom Sitz der Vernunft.
Garantiert durchgeknallte Mitmieter, Anzahl steigend; Wartungskosten werden anteilig umgelegt.
Geregelter Ernteplan, bei Bedarf Namen und Datum vorne am schwarzen Brett eintragen.
Kontakt über Tainted Talents, bitte nur ernst gemeinte Zuschriften.

Die Kant – Briefmarke. Mittwoch, 6. Juli 2011

Was ich mir von dem gemerkt habe, passt auf eine Briefmarke. [Stell Dich gerade, Phyllis, Du schaffst das ohne ihn]
Nach allem, was Sie gestern schrieben, fühle ich mich etwas fremdartig. Als ob mein Gespür für Augenhöhe ein anderes wäre als Ihres. Ich taste mich da mal so hin, in Ordnung?
Fangen wir verkehrt herum an: Ihre Einwände sind mir nicht fremd. Ich werde augenblicklich aggressiv, wenn mir eine Person, die ich nicht kenne, mit diesem vermaledeiten Wort „dürfen“ kommt. Wenn ein „Du darfst“ oder „Sie dürfen“ von einer vermeintlich höher gestellten Person ausgesprochen wird. Man lässt sich ungern was gewähren. Es sollte entweder selbstverständlich sein, oder erkämpft werden, aber gewährt …? Grrr.
Das „du darfst“ hat’s mir trotzdem zugetan. Klar, niemand mag es in der Werbung und standardisiert, dieses „gönn’ Dir was“ ist schrecklich, als Spruch.
Aber im Privaten? Kein Zeichen von Gönnerhaftigkeit: ich hatte nichts Doppelbödiges im Sinn, als ich die beiden Sätze schrieb. Erst, seitdem Sie es mir vor Augen führten, schillert die Perfidie wie ein Ölfleck auf dem gestrigen Tag. Die will ich aber nicht haben!
Um in der schlichten Formulierung zu bleiben: ich hab’ kein Problem mit Augenhöhe; ich halte sie für selbstverständlich. Von dieser Augenhöhe aus käme ich nicht auf die Idee, meinem Gegenüber etwas verbieten zu wollen. Oder zu erlauben. Was aber passieren kann ist, ich möchte jemandem etwas vor Augen führen – so wie Sie es gestern taten. Einen Bedeutungszusammenhang, eine Vorstellung, eine Interpretation, was weiß ich. Ich möchte jemandem sagen, pass auf, meiner Ansicht nach ist die Sache so und so. Du darfst. Es gibt da etwas, das (uns) gewährt ist. Man spräche dann nicht als Absender, sondern als Bote. Und in dieser Eigenschaft auch neutral – eben nicht selbst gewährend, sondern aufdeckend. Vielleicht müsste man die Aussage dann relativer formulieren? Vielleicht so:

„Steht Dir ja frei, nein zu sagen. Und Du könntest auch sofort damit anfangen – bei mir zum Beispiel…“

(Klingt schon anders, gell?)
Mir ging’s aber eigentlich, eher grob, um eine Idee von Handlungsspielräumen, und welcher Akt diesen vorausgehen könnte: das wollte ich so schlicht wie möglich formulieren, um Missverständnisse zu vermeiden. Hat offensichtlich prima geklappt!
(hüstel)
Außerdem stoße ich seit einiger Zeit auf eine ganz unironische Neugier, mich mit den zehn Geboten zu beschäftigen. Allerdings nicht nach-vollziehend, denn, da gibt’s massig viel Kontext.; der verpflichtet dann gleich so sehr, ihn zu kennen. Lieber denke ich mir erst einmal etwas in die Hand… auch wenn damit offensichtlich guter Nährboden für Missverständnisse entsteht. Doch die sprössen ja auch nicht weniger, wenn wir alle Theologen wären, oder?

Der lässige Gestus

Klar: wir mögen die Künstler relaxed. Ich könnte Ihnen aber auf die Schnelle zwei Dutzend aufzählen, die toll sind und kein bißchen faul. Ebensowenig wie Schriftsteller:innen, Tänzer:innen, Musiker:innen usw. Hat auch zunächst mal gar nichts damit zu tun, ob sie im üblichen Sinne erfolgreich sind oder nicht. Wenn Sie Tagebücher oder Briefwechsel lesen, werden Sie merken, es gibt eine ganze Reihe, die arbeitet tatsächlich wie Beamten (obwohl ich von Beamten definitiv wenig weiß) nach geregelten Zeiten, soundsoviele Stunden am Tag. Ob man es dann öffentlich verkündet, dieses eigene Pensum, ist natürlich eine andere Sache: So eine Schaffermentalität gilt ja schnell mal als uncool, da tun manche vielleicht lieber so, als fielen ihnen die ganzen schönen Ideen einfach zwischen Frühstücksei und Morgenschiss aus dem Gehirn.
Der hat dann natürlich mehr Flair, der genialische Wurf, da kann man als Rezipient einfach denken, mei, das würde ich auch gern können. Ohne sich der Vorstellung aussetzen zu müssen, dass künstlerische Produktion nur zu einem Bruchteil aus Talent und Inspiration besteht, und zum Hauptteil aus …. brrrr… Arbeit. Und zwar kontinuierlicher. Und manchmal auch ziemlich angespannter.

Faulheit macht ganz gewiss den schöneren Gesichtsausdruck, aber nicht die bessere Kunst! Sag’ ich. Eigenartig, wie unsympathisch das Bemühen, besonders das angestrengte, auf manche von Ihnen wirkt. Und wenn man sich schon verheizt, sollte man tunlichst vermeiden, es anderen unter die Nase zu reiben, weil man sich damit sofort zum Besserwisser macht. Niemand mag Besserwisser. Ich übrigens auch nicht.
Doch wir unterschätzen dabei, wie sehr sich die Entscheidung, die künstlerische Produktion zum Hauptanliegen des eigenen Lebens zu machen, auf die Persönlichkeitsstruktur auswirkt. Ich meine, die meisten Künstler können nur ziemlich mühsam von ihrer Arbeit leben, wenn überhaupt. Klar, niemand zwingt sie, welche zu werden, aber lassen wir dieses alberne Argument mal beiseite. (Stellen wir uns bloß nicht vor, wie langweilig und steril es ohne jene würde, die sich ihren Worten, Farben, Noten verschreiben – ohne jegliche Sicherheit, dafür irgendwann einmal wirtschaftliche oder soziale Anerkennung zu bekommen.) Wie viele davon Genies sind? Raten Sie mal. Wie viele davon sind auch nach dreißig Jahren an der Kante leben noch nett? Hm. Einige. Aber nicht alle. Nettsein ist einfach kein Kriterium. Man muss nicht freundlich sein, um gute Kunst zu machen. Auch wenn es für die Selbstvermarktung, zumindest bis man ein stabiles Netzwerk hat, durchaus nützlich sein kann. Ich hab schon Künstler kennen gelernt, gerade in meiner Londoner Zeit, die brachten ihr Lächeln routinierter an den Mann als jedes Hollywood-Starlet.
Worauf will ich hinaus?
Ich bin dafür, die Rezeption einer Arbeit nicht von Sympathie für ihren Urheber abhängig zu machen: wenn mir eine künstlerische Position etwas bedeutet, darf der Künstler, die Künstlerin ruhig ein Arschloch sein. Oder unzugänglich. Oder ein Streber. Oder ein total wunderbarer Mensch. Egal ist mir das nicht: ich will eigentlich immer viel wissen. Es gibt ja die andere Schule, die dafür plädiert, ein Kunstwerk solle unabhängig seiner Quelle wirken und wahrgenommen werden. Völlig legitim – ich interessiere mich trotzdem immer für die Persönlichkeit, die hinter einer Arbeit steht. Ich stelle einfach immer wieder fest, ich hab’ dann mehr Zugang. Ob jemand den Weg dorthin wie einen Schild vor sich her trägt oder sich für die lässige Geste gernhaben lässt – Arbeit ist es immer.

22:33
((off topic: Wo ist eigentlich sowieso abgeblieben?))

Safe house. Samstag, 2. Juli 2011

Da dieser Morgen zwar zugig und kühl, nichtsdestotrotz aber ein samstäglicher ist, beschloss ich soeben, ihn dem Müßiggang zu widmen. Sowas kommt vor. Man gönnt sich ja sonst auch alles. Der Lauf des Tages wird das Auffinden einiger wunderbarer Freunde mit sich bringen, die mir ob meiner zweimonatigen Abwesenheit zwar nicht grämen, aber dennoch ein wenig beschwichtigt werden wollen. Inklusive der Versicherung, dass ich den verbleibenden Sommer (wo isser nur gerade??) in der Stadt zu bleiben gedenke, bevor die Seminar- und damit Reisesaison wieder losgeht. Ah, und mein Atelier wartet!

Sie sehen, ich muss erstmal raus. Möchte Ihnen aber noch schnell sagen, dass dieses Gespräch über Rezeptionsfragen für mich ein sehr wichtiges ist, vor allem, da es so viele neue nach sich zieht. Ich habe den Beitrag, wie Sie gesehen haben werden, inzwischen der Rubrik “Textsammlung: Über Kunst” zugeordnet und werde sicherlich auch das ein- oder andere Zitat daraus noch einmal einzeln zur Geltung bringen, indem ich’s bei “Die Sprache der Anderen” plaziere.
Ihre vielfältigen Reaktionen jedenfalls gerade zu diesem Text haben gezeigt, dass sich hier auf TT Leute versammeln, die gerne über Kunsthandeln/Rezipieren/Kommentieren auf “ungeschützte” und dabei konzentrierte Weise sprechen wollen. Orte, an denen man sich im Netz in diesem Ungeschützten trotzdem sicher fühlt, sind gar nicht mal so selbstverständlich, wie man denken könnte. Bin sehr froh, dass das hier geht. Das liegt an Ihnen, geschätzte Leser:innen.

Schönen Samstag allerseits! : )

Herzlich,

Rezeptionsfragen, ff

Bescheidenheit ist etwas, das offensichtlich gerne mal mit Selbstbescheidung, ja Demut verwechselt wird. Das ist falsch, denn: sie ist ein Modus. Gestern >> kommentierte ich unter einer Opernkritik in die Dschungel, woraufhin mir jemand, der sich Impostor nannte, riet, ich könne ja ruhig der Oper und ihrer Sogwirkung verfallen, mich aber doch bitte nicht “so freundlich, höflich und bemüht” dazu äußern. Mich irritiert das. Hätte diese Irritation nur mit dem etwas schärferen Ton zu tun, der drüben herrscht, ich würde mich nicht weiter dazu äußern. Ich glaub’ aber, es geht darüber hinaus. Ich vermute da eine Behauptung – oder sagen wir Annahme – die Rezeption von Kunst sei etwas, das einem einfach so zufiele, ohne Vorbildung. Intuitiv, sozusagen. Da müsse nichts gelernt werden. Da wäre keine (durchaus genüßliche) Bemühung im Spiel. Da könne, mit gesundem Selbstbewusstsein, einfach zugegriffen werden.
Ich kann das aus eigener Erfahrung nicht bestätigen. Ob ich nu ins Theater gehe, ins Ballet, in die Oper, oder in eine Ausstellung mit Gegenwartskunst: Ich werde immer mehr davon haben, wenn ich neben meiner Intuition auch auf Erfahrung und bereits Verknüpftes zugreifen kann. Klar – die unverbildete Reaktion hat ihren eigenen Reiz; die gebildete wirkt manchmal betulich dagegen, oder starr. Für mich ist es trotzdem interessanter, künstlerische Erfahrungen mit jemandem zu teilen, der oder die sich auskennt. Manchmal, wenn ich mich selbst auch auskenne, wird’s dann ein Fachgespräch. Tu ich’s nicht, schalte ich auf Lernen um und hör’ mir das erstmal an. Ich nehme mir Zeit. Ich steige auch ein ins Gespräch, klar, aber eben in dem Wissen, dass es da ein Gefälle gibt. Da kann Bescheidenheit manchmal ein ganz angenehmer Grundton sein. Das nimmt mir nichts von meinem eigenen Erleben, sondern fügt etwas hinzu. Sollte doch eigentlich auf der Hand liegen (?) Lernen wollen ist jedenfalls kein Eingeständnis fehlenden Selbstwertgefühls.
So. Muss einen Text für die Stiftung schreiben jetzt. Würde mich aber sehr interessieren, wie Sie das sehen, geschätzte Leser:innen.

Donnerstag, 30. Juni 2011
Hier sammelt sich seit gestern einiges an Denkfutter, deswegen heute kein neues Tagesjournal. Möchte lieber Ihre Beiträge und Interaktionen nochmal lesen und eventuell reagieren. Vielleicht schalten sich ja heute noch ein paar neue Stimmen dazu. Blödler, übrigens, lösche ich weiterhin – ich hab’ nichts gegen Albernheit, aber es gibt so ein Gespür dafür, wann die einem Thema etwas hinzufügt und wann sie schwächt… und dieses Gespür erwarte ich einfach von TT-Kommentator:innen! ; )