Das Tainted Talents Wort zum Sonntag 4:

“salbadern”

Seit dem 17. Jahrhundert heißt das, langweilig, frömmelnd und seicht vor sich hin zu schwätzen, ohne den anderen zu Wort kommen zu lassen. Die Gesellschaft eines “Salbaders” ist äußerst ermüdend. Nicht wenige davon laufen noch frei herum, obwohl der Begriff längst ausgestorben ist. “Salbadern”, lese ich, hat sich aus “salbungsvoll” entwickelt. Hab allerdings heute keine Zeit, das nachzuprüfen. Oder über diesen paar Sätzchen hier zu brüten, bis sie lustig werden.
Denn das lustige, liebe Leser, kommt “nicht von ungefähr” (auch ein schöner Ausdruck), man muss sich ein wenig Zeit dafür nehmen. Die ich heute nicht habe. Weil Frau Mama mit Spargeln wartet. Und bevor ich nun weiter herumsalbadere: Abmarsch.

Praxistest

Früher, wenn man zum Arzt ging (oder zum Friseur, oder meinetwegen zur Fußmassage) war das “bitte nehmen Sie noch einen Moment Platz” völlig normal.
Heute heißt es: “Sie dürfen sich ins Wartezimmer setzen”. Auch: “Sie dürfen sich dort hinlegen”, oder, besonders schön, “Sie dürfen sich jetzt mal obenrum ausziehen”.
Was, zum Henker, ist aus dem guten alten “bitte” geworden?
Ich bin allergisch gegen “dürfen”. Das ist keine Pedanterie; ich regiere nur darauf, wie klein man damit gemacht wird. Wann hat sich das eigentlich durchgesetzt? Wer hat die ganzen Ärzte, Therapeuten und Sprechstundenhilfen darauf geschult, nie wieder “bitte” zu einem Patienten zu sagen -und gabs dafür eine Begründung?

Übrigens,

wer noch überlegt, wie schnelles Geld zu verdienen wäre: Ich empfehle das Beispiel meiner Physiotherapeutin.
Mein erster Termin. Sie knickte mich sorgsam einmal nach rechts, einmal nach links und einmal nach hinten. Nach vorne beugen musste ich mich selbst. Dann wies sie mich an, mich unter die Wärmelampe zu legen. Stellte das Ding auf zwölf Minuten, verabschiedete sich freundlich. Das nenne ich schnelles Geld. Ich glaub, ich leg mir auch ne Liege mit ner Wärmelampe zu, mit Münzeinwurf, und hole die Kreuzlahmen von der Straße.

Das Tainted Talents Wort zum Sonntag, 3:

“glimpflich”

meint “ohne größeren Schaden”.
Heute selten noch als “glimpflich davonkommen” verwendet. Ich mag die Redewendung, weil sie so bündig die Erleichterung zum Ausdruck bringt, die man empfindet, wenn man den Hals noch mal gerade so aus der Schlinge gezogen hat (noch ein Ausdruck, der es nicht mehr lange machen wird)
Versuchen Sie mal, liebe Leser, “glimpflich” durch ein modernes Wort zu ersetzen – keine Umschreibungen, sondern ein einzelnes Wort. Gibt’s da eins?
Tja.
Die Wurzeln dieses wunderbaren Adjektivs, GLIMPF für angemessenes Benehmen und UNGLIMPF als Beleidigung, sind verschwunden, womit natürlich auch ihre Ableitungen “glimpflich” und “verunglimpfen” auf der Abschussliste stehen.

Im Adelung, dem grammatisch-kritischen Wörterbuch der deutschen Mundart von 1793, meiner heutigen Wortquelle, bezeichnet GLIMPF die “Mäßigung in dem Betragen gegen andere, besonders die Bemühung, ihnen bey einer nothwendigen unangenehmen Behandlung alle unangenehme Empfindungen so viel möglich zu ersparen.”
Also ich finde, das ist erstrebenswertes Benehmen, insofern sollten GLIMPF und glimpflich dringend wieder in den Sprachgebrauch eingeführt werden. Denn was passiert, wenn man NICHT glimpflich davonkommt, wissen wir alle:

In diesem Sinne, liebe Freunde von Tainted Talents. Bewahren Sie Glimpf.

Mund auf!

“Begriff ohne Anschauung ist leer
Anschauung ohne Begriff ist leer.”
Alexan der Kluge

He is the king. Abgesehen von meiner wachsenden Begeisterung für diesen Mann, der hemmungslos und unablässig eben dieses macht – Begriffe mit Anschauung verweben – stellte ich mir gestern Abend nach gefühlten vier Stunden Einblick in Alexander Kluges Welt auf SWR doch die Frage, folgende nämlich:
Diese unzähligen, fragenden, akzentuierenden “ja?” in seinem Redefluss – was bedeuten die bloß? Merkt er nicht, dass das nervt?
Die Sache ist die, Herr Kluge ist nicht nur der King, sondern auch der gute Onkel.
Heute Nacht kam ich drauf: Der Mann hat sich im Laufe seines Lebens einen schönen, substanziellen Brei zusammengekocht. Sehr nahrhaft. Nun will er uns den füttern. Weil er aber weiß (im Gegensatz zu uns) wie enorm dick der Brei, wie viel davon vorhanden ist, gibt er uns das Zeug Löffelchen für Löffelchen. Einen für Mama, einen für Papa, und dann der ganze Rest der Familie. Wie der gute Onkel, der zu Besuch kommt.
Und jedes “ja?” bezeichnet den Moment, in dem er sich vergewissert, dass wir runtergeschluckt haben, bevor er seinen Löffel wieder in den Brei tunkt.

Das Tainted Talents Wort zum Sonntag:

Der “Haberecht”

Veralteter Ausdruck für einen Menschen, der immer Recht haben will. (Das war einfach, zugegeben)
Gehört in die gleiche Wortfamilie wie “Wagehals”, “Taugenichts” und “Habenichts.”
Meine Quelle erläutert zum “Haberecht” und seinen Wortcousins- und Cousinen:
“Diese Mannsnamen haben etwas gemeines an sich, daher sie Bauern, Räubern und plumpen Riesen beigelegt wurden.”
Meine Quelle behauptet nun, jene Bezeichnungen seien mit dem Untergang der veränderten soziologischen Verhältnisse aus der Sprache der Gegenwart verschwunden.

Was für veränderte soziologische Verhältnisse???
An Bauern und Räubern mangelt es nicht bei uns. Nur die Riesen scheinen weitgehend ausgestorben. Schade. Würde ich einem begegnen, käme es mir allerdings nicht in den Sinn, ihn anders als mit “Herr Riese” anzusprechen. Selbst wenn er noch so plump wäre.

Wortquelle: Nabil Osman “Kleines Lexikon untergegangener Wörter” Verlag C.H. Beck 1971

Trinkluft

Wenn ich die Arme sehr langsam durch die Luft bewege, die meinen Körper umgibt, spüre ich manchmal, wie sie von unsichtbaren Kräften durchströmt wird. Die Kante, auf der die Luft und mein Körper aufeinander treffen, hat ihre eigene Energie. Manchmal rauscht sie. Manchmal greife ich richtig mit den Händen aus, Augen geschlossen, wenn ich auf der Suche nach der Lösung eines Gedankengangs bin, ich ziehe die Finger wie Rechen durch dieses Kraftfeld, das mich umgibt und schaufle mir das, was ich brauche, direkt in Nase und Gehirn. So was konnte ich früher nicht.
Wir werden alle nachdenklicher, lernen, Energien zu schätzen. Zu dosieren. Hormone machen Dinge mit uns, die wir nicht immer verstehen. Früher dachten wir, Hormone, da geht’s darum, wie geil man ist. Süß.

Neues literarisches Format: Der dialogische Zacken

“Kommdochmalher”
“Na, alles klar bei Dir?”
“Dieser Wulst, wie abgeknickt”
“Du meinst den in Deinem Nacken?”
“Genau, der war gestern noch nicht da”
“Wächst da etwa was falsch zusammen?”
“An der Stelle bin ich doch gar nicht operiert”
“Und wenn sich die Halswirbel nun gekrümmt haben?”
“So was passiert doch nicht einfach so”
“Woher zum Teufel weißt du das”
“Keine Ahnung, einfach so”
“Ruf lieber Al-Fil an”
“Ja okay”