Stimme zu/stimme nicht zu

“mein innerer putzfisch löscht gnadenlos alles, was seiner meinung nach nicht für die ewigkeit ist.” (gelesen auf http://twitter.com/elsebuschheuer)

Das tut meiner auch. Doch ich werde immer besser darin, ihn mundtot zu machen, den Putzerfisch. Denn – die Frage muss erlaubt sein – was schert mich die Ewigkeit? Die Gegenwart ist es, in der ich mich zu manifestieren suche. Und je kritischer der Putzerfisch, desto schwerer fällt es mir, überhaupt irgendwas zu produzieren.
Mehr Mut zum fragwürdigen!

P.S. Habe eine Gefährtin für den strengen Putzerfisch gefunden. Sie heißt Twink und verzeiht jeden Unfug.

Das Tainted Talents Wort zum Sonntag, 5:

“schwanen”

“Da schwante mir etwas” soll folgenden Ursprung haben: Wie die Lübecker Stadtzeitung (deren Existenz mir bei der heutigen Recherche zum ersten Mal bewusst wurde) berichtet, konnten sich nach dem Glauben der Alt-Lübecker Vorfahren die Jungfrauen der Stadt in Schwäne verwandelt und in dieser Gestalt die Zukunft voraussagen. Weil dabei meist nichts Gutes herauskam, nahm das Wort “schwanen” eine pessimistische Bedeutung an.
Behauptet besagte Lübecker Stadtzeitung.
Ich war mit diesem Bedeutungszusammenhang unzufrieden; immer werden die armen Jungfrauen für alles hergenommen, das irgendwie böse endet. Also konsultierte ich flugs mein etymologisches Wörterbuch, den “Kluge”, und siehe da, “schwanen” entspringt keineswegs den Orakelsprüchen depressiver Jungfrauen.
Liebe Leser, folgendes zur Erhellung: Es gibt das Wort “Olor”, das heißt “Schwan” auf lateinisch.
Und es gibt das Wort “olere”, das “riechen”, oder auch “wittern” oder “vorausahnen” heißt, ebenfalls lateinisch.
So dass die Redewendung “mir schwant etwas” als Scherz der Lateinkundigen anzusehen ist.
Du lieber Schwan! Darauf muss man erst mal kommen. Der Ausruf kommt übrigens aus dem Lohengrin, dessen berühmteste Arie so beginnt.

Eben fällt mir ein, es gibt noch einen anderen Vogel, der in dieser Weise orakelnd eingesetzt wird: “Nachtigall, ick hör dir trapsen” wurde in meiner Familie gebraucht, wenn man glaubte, den anderen eines Begehrens überführen zu können, das jener noch gar nicht geäußert hatte.
(Der Ausdruck stammt übrigens aus dem Lied „Frau Nachtigall“ aus „Des Knaben Wunderhorn“ und parodiert im Berliner Volksmund die Anfangszeilen der ersten und zweiten Strophe: „Nachtigall, ich seh dich laufen“)

So, genug.
Bleiben Sie mir gewogen, liebe Leser &: Einen schönen Sonntag allerseits.

Glück sells more than sex these days

In meiner Welt hat Glück fast immer etwas mit Abschottung zu tun. Und Wiederholung. Und schreiben können. Ich mag Sachen, die immer wieder kommen, vertraute Gegenstände, ein bestimmtes Licht. Es gibt den geringelten Kaffeebecher aus der Pariser Zeit, den ich nur an Tagen verwende, an denen ich sicher sein kann, nicht gestört zu werden. Solche Tage sind rar. Dann nehme ich morgens zwei der kleinen rosafarbenen Dinger aus der Kristallschale neben meinem Bett und stecke sie mir in die Ohren; sie schirmen mich ab, verlängern den Zustand direkt nach dem Aufwachen, in dem mir noch Fragmente der Traumszenarien durchs Hirn gleiten, halb durchsichtige Quallen, faszinierend, schnell unsichtbar werdend.
Ich liebe es, nicht so tun zu müssen, als ob ich Gesellschaft nötig hätte, nur, weil dies der verabredete Daseinszustand ist, ich mag Distanz.
Vielleicht ist es auch anders herum; ich kann nicht anders, als mich immer wieder von Gemeinschaften zurückzuziehen – und hab’ den Unwillen, ein selbstverständliches Zusammenleben zu etablieren, zum Kult erhoben. Aus seinen Schwächen Stärken zu machen ist viel leichter, als ich früher dachte. Hat aber auch was glitschiges, das allzu gut zu können. Vielleicht wäre es interessanter, die eigenen Schwächen ebenso auszureiten wie die Stärken, sich einsaugen zu lassen, um zu sehen, wie man überlebt. Irgendwann käme man dorthin, wo Radikalität ihre Domäne hat. Nach der bin ich immer auf der Suche gewesen, ihr heißer Atem zieht mich an.

Wer’s besser sagen kann, soll selbst eins schreiben –

Ein Pfingstgedichtchen will heraus
Ins Freie, ins Kühne.
So treibt es mich aus meinem Haus
Ins Neue, ins Grüne.
Wenn sich der Himmel grau bezieht, 

Mich stört’s nicht im geringsten. 

Wer meine weiße Hose sieht, 

Der merkt doch:
Es ist Pfingsten.
Nun hab ich ein Gedicht gedrückt, 

Wie Hühner Eier legen, 

Und gehe festlich und geschmückt – 
Pfingstochse meinetwegen – 
Dem Honorar entgegen.

Joachim Ringelnatz

Der schmale Grad

Es ist ein Grenzgebiet zwischen Verhüllung und Offenbarung, in dem Tainted Talents angesiedelt ist – immer wieder frage ich mich, ob sich auf diese Weise überhaupt Spannung aufbauen lässt. Und wenn ja, mit welchen Formen. Denn eins ist klar: Von dem, was ich weiß, was ich erlebe und empfinde, findet sich nur ein Bruchteil hier wieder. Warum? Einfach der Diskretion halber. Privates, intimes Handeln will ich nicht preisgeben, weil immer andere mit darin verwickelt sind, die ich nicht bloßstellen will.
Obwohl ich solche Geschichten auf anderen Blogs immer gespannt verfolge. Eigentlich hab ich noch nie jemanden aufgrund seines oder ihres Exhibitionismus geringer geschätzt, im Gegenteil. Könnte man echte Namen vermeiden? Blöd nur, dass sich der innere Kreis von Leuten, mit denen ich zu tun habe, von solchen Verschleierungen nicht austricksen ließe – sie wüssten Bescheid.
Früher hatte ich keine Scheu vor Enthüllungen. In öffentlichen Lesungen aus meinem “Journal intime”, wie die Franzosen das Tagebuch nennen, erkannte sich die ganze Riege meiner Vertrauten und Geliebten wieder. Der Unterschied lag in der Form: Öffentliche Lesungen haben eine ganz bestimmte Aura. Es braucht Mut, einen Text vor Publikum vorzutragen, viel mehr, als ihn in einem privaten Blog zu veröffentlichen, dessen Leser größtenteils anonym bleiben.
Die Courage, die ich aufbringen muss, um mich auf die Bühne zu setzen, Privates öffentlich werden zu lassen, verwandelt die Protagonisten meiner Texte in Kunstfiguren, so echt sie auch sein mögen. Es geht immer um die Form. Eine Lesung ist Inszenierung, gibt dem Text Halt, macht ihn zu einem Werk. Manchmal sogar zu einem Kunstwerk.
Was macht das Blog? Wo ist hier das formalisierende Element, wie entsteht hier die Aura, die Exhibitionismus interessant machen würde? Exhibitionismus kann ein bewusster künstlerischer Akt sein. Indiskretion nie.