Mein letzter Termin

im Kostüm für diesen Monat. Danach ist erstmal Schluß mit Pumps und Powerpoint, der restliche August ist Freestyle. Ich werd’ in Flip-Flops rumlaufen und mir abends die Tuscheflecken von den Fingern schrubben. Oder auch nicht.
Guten Morgen, Leser! Drücken Sie mir die Daumen, dass alles gut läuft heute – es ist einer dieser Termine.
Kommt die Agentur, für die ich als Freelance-Texterin arbeite, heute mit diesem Kunden ins Geschäft, springen auch für mich neue Jobs dabei heraus. Also rin in die Klamotten und ab.

Die Freundin, die gerade bei mir

zu Besuch ist, träumte heute Nacht von einem großen, blonden Mann, der sehr kleine Hände hat. Kinderhände. Sein Name sei Zvi.
Ich fragte, ob ich diesen Mann in einer meiner neuen Zeichnungen verwenden dürfe?
Ja, sagte sie.
In zwei Tagen beziehe ich mein neues Atelier.

Dann wird bestimmt auch Leroy wieder auftauchen. Das ist dieser kleine Kerl mit den spitzen Ohren.
Egal, an was ich gerade arbeite: Wenn meine Hand ohne Auftrag ist, kommt fast immer ein Leroy aus dem Stift. Muss wohl ein Alter Ego von mir sein.

Im Vorfeld der documenta 13

wird es eine Konferenz mit allen bisherigen Leitern geben. Hier ein Satz aus der Benachrichtigung, die ich eben bekam:

(…) “The Castello di Rivoli and documenta 13 are grateful that all the former directors, as representatives of the artists and the curatorial teams who together conceived, imagined, witnessed and dreamed documenta, have accepted the invitation and will reflect upon their ideas and experiences.” (…)

– warum ich das einstelle? Lesen Sie den Satz doch noch mal. Wie poetisch er ist. Texter, die solche Ankündigungen verfassen, sitzen an Schreibtischen in stickigen documenta-Büros inmitten hunderter Kartons mit Katalogen, umgeben von DVD’s und zerdrückten Kaffeebechern und besingen das Gefühl einer Kunst-Gemeinschaft. Ihre Namen erfährt man nie. Dabei sind sie es, die die Aura-Maschine am Laufen halten.

Im Hinterhof vor meinem Fenster Geräusche. Der Hausmeister kratzt mit einem metallenen Haken das Moos aus dem Belag.
Auf wie vielen Planeten leben wir?

Von wegen Sommerloch.

Sommerbeulen trifft’s schon eher. Ich glaub’, dieser Körper hier braucht mal Pause vom denken. Vielleicht ein dickes Kaninchen knuddeln. Die Nase in frisch gemähtes Gras stecken, Kirschen vom Baum pflücken, ne verdammte Pflanze umtopfen. Irgendwas harmloses.

Das Sirren

Luis Bunuel inszeniert die unglaubliche Catherine Deneuve als “Belle de jour”. Sie trägt Yves St. Laurent. Ihre schmalen Füße. Wie sie sich bewegt! Nur David Bowie als Hundertjähriger kann es an Einsamkeit und Eleganz mit ihr aufnehmen.
Diese eine Szene, sie träumt, sie ist auf einem Feld an einen Baum gefesselt. Wird von den beiden Männern mit Schlamm beworfen. Gibt es eine härtere Provokation für einen Franzosen, als die Deneuve mit Schlamm besudelt zu sehen? Wie dieser braune Matsch in ihrem Gesicht landet, verstört mich jedes Mal. Hab schon wieder wirr geträumt, nachdem ich den Film gestern Nacht sah.
Entschuldigen Sie, Leser, ich gehe hier einfach so davon aus, dass Sie ihn kennen!

Aber zum Teufel, immer noch hab ich nicht den blassesten Schimmer, was dieses sirrende Ding ist, das der Japaner in seinem Kästchen mit zu Madame Anäis bringt?

Irgendwelche Vermutungen?

Das Tainted Talents Wort zum Sonntag, 12

Die “Schrulle”

kommt vom niederdeutschen Schrul, womit vor dem 18. Jh. ein Anfall von Unsinn oder übler Laune, auch dauernde Verstimmung oder ein heimlicher Groll bezeichnet wurde.
Im Grimmschen Wörterbuch finde ich zur neueren Verwendung folgendes Zitat:
“Denn er bemerkte, dasz der Schulmeister über jeden Gegenstand so verständig dachte und redete, wie der gesetzteste Alltagsmensch, und dasz auch seine spartanischen Vorstellungen sich zu einer sogenannten unschädlichen Schrolle, oder zu dem, was man den Wurm bei einem Menschen nennt, gemildert hatten.”
Lässt man diesen Wurm indes in Gesellschaft zu sehr raushängen, gilt man als schrullig, ja “wunderlich”, und das ist heutzutage nicht nur bei Schulmeistern ziemlich verpönt. Wehe dem, der seine Benutzeroberfläche nicht sauber entwurmt!
Ich selbst pflege ja meine Schrullen. Sie danken es mir mit großer Anhänglichkeit.
Hm.
Unversehends wird man dann zur alten Schrulle.

Doch das dauert noch ein bisschen.

Die berühmte warum- Frage

kam gestern mal wieder von einer Freundin, die selbst kein blog führt, außer meinem auch keines liest: “Warum machst du das überhaupt? Und was ist mit den Kommentaren? Gehen dir die nicht machmal auf die Nerven?”
Nö, kann ich da nur sagen. Sonst würde ich die Kommentarfunktion abstellen; machen ja einige. Aber dann würde sich wirklich die Frage stellen, warum ich das überhaupt mache – reine, hermetische Selbstdarstellung interessiert mich nicht. Leute, die hier landen, sollten zumindest die Chance haben, mitzumischen. Ob mir das dann gefällt, was von außen hier ankommt, spielt keine Rolle, wichtig ist mir allein die Offenheit: Wer will, kann sich hier abbilden.

Blogs gibt es ja wirklich inflationär viele, einzurichten mit ein paar Klicks, dann kann man losplaudern. Oder fachsimpeln. Schönes Wort, übrigens, fachsimpeln. Manchmal entwickelt sich etwas über die Subjektivität des Schreibenden hinaus, inhaltlich, ästhetisch oder künstlerisch.
Für mich gelten hier auf TT eigentlich nur zwei Maßgaben: Kein Brüten, kein Training! Von beidem hab ich genug in meinem offline-Leben. Alles andere ist erlaubt.
Wie schwer es allerdings ist, sich Dinge außerhalb der täglichen Logikketten zu erlauben, wissen Sie selbst – da robbt man sich mühsam ran. Textlich, meine ich.
Und dann gibt es da noch meine Zeichnungen. Die erzählen ihre eigenen Geschichten. Viele Fragen bleiben mit Absicht offen: Betrachten Sie’s als Einladung.

watch out for tainted tigers!