Übungen zur Überwindung der guten Erziehung

Diese hier funktioniert nur, wenn Sie eine Frau sind.
Setzen Sie sich mit einer Decke auf die große Wiese in den Park, mitten hinein zu den anderen, die auf die gleiche Idee gekommen sind. Entkleiden Sie sich bis auf einen Bikini. (Sollten Sie in Arbeitslaune sein, nehmen Sie ihren Laptop mit, Stift und Block, Diktiergerät, oder einfach Ihr Gehirn, für die Übung ist das unwesentlich)
Trinken Sie eine Menge Wasser.
Verweilen Sie für mindestens drei Stunden. So lange auf jeden Fall, bis sich der Druck in Ihrer Blase nicht mehr ignorieren lässt.
Halten Sie noch ein bisschen ein.
Vergegenwärtigen Sie sich den Stau vor den sanitären Anlagen. Die unbefriedigenden hygienischen Verhältnisse inside. Ziehen Sie auch Büsche und Sträucher in Erwägung, hinter denen niederzuhocken grundsätzlich möglich wäre. Verwerfen Sie dieses: Sie sind träge, wollen Ihr Laptop nicht allein lassen, die Sträucher sind kratzig.

Nun die Übung.
Rutschen Sie auf Ihrer Decke ganz nach vorne, bis Ihr Po vollständig auf der Rasenfläche aufliegt. Nehmen Sie den so genannten Schneidersitz ein. Als wollten Sie meditieren. Legen Sie sich ein möglichst großes Handtuch über die gekreuzten Beine.
Schieben Sie unauffällig eine Hand unter die Abdeckung und entfernen Sie das kleine Stückchen Stoff, das Ihren Schritt bedeckt.
Sehen Sie sich um.
Die Übung ist besonders effektiv, wenn sie von lagernden Familien umgeben sind, gerne auch ein paar einzelnen Erwachsenen, die müßig den Blick über die Wiese schweifen lassen.
Nehmen Sie Haltung an. Rücken gerade, Arme hängen locker an Ihren Seiten herab. Konzentrieren Sie sich auf Ihre mittlerweile peinigend volle Blase. Reden Sie ihr gut zu. (möglichst ohne die Lippen zu bewegen)
Dann lassen Sie laufen.
Es kann ein paar Minuten dauern, bis Sie den Einhaltereflex besiegt haben. Lassen Sie sich davon nicht entmutigen.
Genießen Sie, wie Ihr Bach langsam und ganz natürlich ins Erdreich versickert, ohne Spuren zu hinterlassen. Schauen Sie sich um: Sollte jemand Ihren Blick suchen, erwidern Sie ihn, ohne den Strahl zu stoppen. Je mehr Menschen Sie in diesem Moment beobachten, desto höher ist der Erfolg der Übung einzuschätzen.
Fertig?
Greifen Sie nach unten, ziehen Sie das Bikinihöschen wieder in Form. Heben Sie das Handtuch von Ihrem Schoß. Befördern Sie Ihren Hintern mit einer schwungvollen Bewegung zurück auf die Decke.
Achten Sie bei Wiederholung der Übung darauf, nicht die gleiche Stelle zu wählen.
Gras ist sehr empfindlich.

Mal wieder Pfeifen im Ohr.

War wohl bissi viel in letzter Zeit.
Meine Renovieraktion hat bestimmt auch etwas mit dem Versuch zu tun, die eigenen vier Wände zum gesicherten Gebiet zu machen. Kontrolle über das Außen suggeriert Kontrolle im Inneren. Ist natürlich Illusion. Viele meiner Freunde, alle selbstständig, haben zur Zeit große Sorgen.

Aushäusig

Der Park leert sich langsam. Punkt sieben, das stete Plätschern des Wasserspiels verstummt. Die alte Platane wirft gerade Teile ihrer Rinde ab, meine nackten Unterarme lehnen an ihrem kühlen, frisch gehäuteten Stamm. Er hat eine Kuhle, der Stamm, in die mein Rücken perfekt passt.
Es ist das erste Mal, dass ich an dieser Platane sitze. Sie ist sehr freundlich. Deswegen, und weil ich von hier aus alles überblicken kann, hab’ ich sie ausgewählt. Eben schlendert eine Frau vorbei, sieht mich mit meinem Laptop sitzen. „Super Platz!“ sagt sie. Ich erwidere ihr Lächeln.
Wie ruhig es plötzlich ist. Nur ein paar Kinder, deren Mütter sich festgequatscht haben, toben noch um die Wasserspeier aus Sandstein. Pfandflaschensammler mit ihren Packrädern, Abfalleimer durchsuchend. Ein paar Verliebte: Vor allem Tauben. Die Männchen bauschen ihr Halsgefieder und drehen sich gurrend. Die Weibchen picken scheinbar ungerührt weiter, doch wer weiß schon, was in ihnen vorgeht.
Die Sache ist die, der Handwerker, der zur Zeit meine Wohnung auf den Kopf stellt, mag mich dort nicht haben. Obwohl er mir grundsätzlich wohl gesonnen ist, lehnt er es auch ab, von mir bekocht zu werden, er behauptet, das kompliziere die Situation nur, er bevorzuge seine Stullen. Ich finde das eigenartig, doch es liegt mir natürlich fern, seine Situation komplizieren zu wollen.
Er ist ein älterer, erfahrener Mann von sehniger Statur, der lieber seine polnischen Zuckerschaumwaffeln isst als meine Pasta. Auch den geblümten Teller, auf dem er die Waffeln in meinem Kühlschrank lagert, hat er selbst mitgebracht. Er arbeitet zwölf Stunden pro Tag, hart. Kann sich jede Zuckerwaffel leisten, die er in die Finger bekommt.
Er verzieht heimlich das Gesicht, wenn ich über sein Werkzeug stolpere und an frisch gestrichenen Türrahmen hängen bleibe. Ich weiß es, weil noch ein Zipfel der Grimasse in seinem Mundwinkel hängt, wenn ich mich umdrehe.
Gestern hab ich meine Espressomaschine an die neu installierte Steckdosenleiste angeschlossen und zum kollabieren gebracht. Fehler in der Elektrik. Nun ist ein fetter Rußfleck auf der frisch geweißelten Wand, und die Steckdosenleiste muss wieder runter. Obwohl ich für die geschwärzte Unglücksstelle nichts kann, missbilligt der Handwerker den Kurzschluss der Espressomaschine. Ich kann’s ihm nicht wirklich verübeln. Heute morgen gab’s Pulverkaffee.
Es wird dunkel im Park. Während ich aufstehe, signalisiert mir die Frau von vorhin: Ob sie jetzt meinen Platz an der Platane einnehmen könne? Ich nicke. Sie kommt herüber. Früher habe sie auch immer an dieser Stelle gesessen, erzählt sie. Und geschrieben.
Irgendwo spielt jemand ein Saxophon.

Psycho-Pilze

Mein Lohn für den WebBlock (super Wortschöpfung, explodedheadsnomore) ist mir nicht immer so klar. Doch Sie haben danach gefragt, also versuche ich mich an einer Antwort.
Dieser Block belohnt mich allein schon dadurch, dass er mich mit mir selbst in Verbindung bringt.
Sehen Sie, werte Leser, ich nenne meine Präsenz hier “Tainted Talents”. Das bin ich. Tainted Talents ist nicht irgendein schickes Label, es ist ein Zustand. Im besten Fall ein interessanter Zustand.
Denn ich spüre, seit ich denken kann, dass ich jedes meiner Talente mit einem Handikap bezahle, das direkt auf dem Talent wächst. Als Parasit. Wie ein sprechender Pilz.
Meine Bemühungen künstlerischer Natur richteten sich früher nun alle darauf, diese Psycho-Pilze aufzuspüren und zum Schweigen zu bringen. Mein wie auch immer geartetes schöpferisches Handeln von ihnen zu säubern. Das war nicht möglich. Pilze wachsen immer wieder auf dem gleichen Platz nach.

Vielleicht kennen Sie das ja selbst. Pilze sind starke Zweifel, oft destruktiver Natur, die einen daran hindern, die Dinge zu tun und für sich zu vereinnahmen, die einem wichtig sind.
Die Pilze in meinem Kopf sagten: “Lass das bleiben, Phyllis. Dieser Text ist belanglos. Dieser Körper hat keine Kraft. Diese Idee für eine Zeichnung lohnt nicht, sie ist nicht außergewöhnlich. Das, was du tust, unterscheidet sich nicht genug von dem, was andere tun.”
Sie nähren sich von Resignation, von dem, was ich nicht tue, deswegen sind die Psycho-Pilze der Feind in meinem Kopf. Loswerden kann ich sie nicht: Sie wachsen immer wieder nach. In Kolonien. Ich weiß nicht, warum sie sich so wohl bei mir fühlen; muss irgendwas aus meiner Kindheit sein.
Jedenfalls hilft da nur eines: Den Modus wechseln.
Mit der Einrichtung von Tainted Talents vor drei Jahren hab ich das gemacht, den Modus gewechselt. Hier ist alles erlaubt, jedes Thema gleich wichtig, und der früher so lähmende Zweifel ist Teil der Konstruktion: Ohne ihn gäbe es Tainted Talents gar nicht.
Und nach und nach fühlen sich die ganzen Pilzkolonien auf meinen Ideen nicht mehr wie Pilzkolonien an, sondern wie, na, sagen wir, bunte Schirmchen, die sich sachte im Wind wiegen.

Mobilchen

Das Wort “Arbeitsplatz” hat in mir immer schon leichten Widerwillen ausgelöst. Ich hab zwar in den letzten Jahren an allen möglichen Plätzen gearbeitet, hatte aber noch nie einen vertraglich abgesicherten Arbeitsplatz. Gut so, denn dann würde ich vielleicht inzwischen um ihn bangen. Stattdessen sitze ich in der Sonne in einem Straßencafe, mit Laptop und w-lan. Falls es mir hier zu blöd werden sollte, verlege ich meinen Arbeitsplatz in den Park. Schreiben kann ich überall.
Lohnschreiben muss ich im Moment nicht so viel, das geht erst ab September wieder richtig los.
So langsam kommt mir der Verdacht, dass ich vielleicht Ferien habe? Seltsam. Selbstständige tun sich schwer mit Ferien.
Nachher gehe ich ins Atelier, damit Tainted Talents bald wieder neue Bilder bekommt.
Watch this space!
Phyllis

Moin moin

Ja, es ist Sonntag, ja, es ist erst 8:57. Was mache ich hier am Rechner?
Ganz einfach. Ich pack’ ihn zusammen. Ab morgen wird meine Wohnung renoviert. Einfach so, mit mir und meinen Sachen noch drin, was immer die traumatischste Variante einer Wohnungsrenovierung darstellt. Weiß nicht, warum ich mir das antue. Doch, ich weiß es, aber jetzt, da das Ganze kurz bevorsteht, würde ich am liebsten einen Rückzieher machen. Wozu braucht der Mensch weiße Wände, wenn er einen funktionierenden Schreibtisch mit allen Kabeln und Geräten am richtigen Platz hat?? Args.

Guten Tag!

Auf diesem Blog tummeln sich neuerdings 7 Prozent Gäste aus Frankreich. Nein, nicht nur Klicks, sondern richtige, amtliche Leser, das sagt mir die Statistik. Was mich doch sehr verblüfft, dachte ich doch, dass die meisten Franzosen keine große affinitée zur deutschen Sprache besitzen.
Also, hiermit auch Bonjour les Français!

Ich muss los, hab die Laufklamotten schon an.
Bis später.