Am Rande:

Würden bitte alle sofort diese Schutzhüllen schreddern, in die sie ihre blöden kostbaren Handys stecken? Wie sieht das denn aus, wenn man einen Anruf entgegen nimmt und erstmal das Gerät aus dem Kondom ziehen muss? Hm? Weg damit.

Wenn die Haut rebelliert

Neurodermitis, meine alte Freundin. Mein anderes Gesicht. Heisses Wasser schwappt von innen gegen die Haut; die Flut kommt.
Warum ich das einstelle? Weil mich glatte Oberflächen zunehmend weniger interessieren, an mir nicht, an anderen nicht.

(Nachtrag: Ich musste das Selbstporträt entfernen, das zu diesem Beitrag gehörte. Hat mich zu sehr irritiert.)

Das Tainted Talents Wort zum Sonntag, 33

Angst, sprach gestern mit Mahmegani darüber, vor der Erwartungshaltung der anderen: Ihr ausgeliefert sein. Überforderung, meint er, ein altes Motiv. Müsse aus meiner Kindheit stammen. Meine vergeblichen Versuche, die Ehe meiner Eltern »heil« zu machen. Na, so vergeblich waren sie nicht.
Wir hörten diesen Schweizer Psychotherapeuten im Radio vor einiger Zeit – ich erzählte schon in einem älteren Beitrag davon -Josef Giger Bütler. Mahmegani hatte die Sendung aufgenommen. Bütler sprach über Depression.
Bei jedem zweiten Satz des Mannes dachte ich, er meint mich, Mahmegani ging es genauso. Der Begriff, mit dem wir beide uns sofort identifizierten: Überforderung. Da hat ein junges Gehirn zu früh schon übermäßigen Druck ausgehalten, zu viel Verantwortung übernommen.
Wer jetzt einwenden möchte, es gäbe da doch wohl noch ganz andere, härtere Fälle als uns, Traumata, Menschen, die in ihrer Kindheit weit schlimmeres erlebt haben als die entfremdete Ehe ihrer Eltern: Willkommen. Denke ich auch ständig.
Seit ich mich selbst reflektieren kann, sag’ ich mir, ich hab’ kein Recht, mich als beschädigt oder leidend wahrzunehmen. Mein Zustand, herrscht mich eine Stimme in meinem Kopf an, sei ein Kinderspiel gegen das, was andere durchmachen mussten und müssen.
»Ein Kinderspiel«: Wie unheimlich dieses Wort klingen kann, wenn man ihm nachlauscht.
Sich auf diese Weise zu relativieren ist eine Sackgasse. Wohlfeiler Trick dem eigenen Selbst gegenüber. Damit man weiter funktioniert. Einigermaßen unauffällig bleibt.
Funktionieren: Ich erinnere mich, die Geschichte liegt drei Jahre zurück, ich war mit einem englischen Galeristen befreundet. S… ist ein bekannter, im Kunstkontext mächtiger Mann, physisch sehr präsent, kräftig im Körperbau. Trägt perfekt sitzende Anzüge. (Ich gestehe, wenn mit Stil getragen lassen mich Anzüge nicht kalt)
Betritt S… einen Raum, formieren sich die Leute wie magnetische Fischchen zu ihm hin, halb gierig, halb ängstlich; ich hab’ das immer wieder beobachtet. Viele kuschen vor ihm, seine Mitarbeiter, die Kinder, nicht wenige seiner Künstler. Auf jeden Fall, der Mann war und ist Macht gewohnt. Diszipliniert. Eisern mit sich selbst. Wir waren seinerzeit in New York bei einem Künstler zu Gast, L…W…, ein offenbar langjähriger Freund; ich selbst hatte bis dato nur seine Arbeit gekannt. Charismatische Persönlichkeit, gut gealtert. Zu dritt verbrachten wir den Abend an einem offenen Kamin, redeten, sahen uns Arbeiten an, tranken Whiskey, ganz klassisch. Als wir uns verabschiedeten, sagte L…W… dicht an mein Ohr: »Take care with S., will you? He is very fragile.«
Ich nickte nur. Zurück im Appartment erzählte ich ihm von diesem Satz. Er war wie hypnotisiert. »It’s true, you know..« sagte er, auch Wochen später noch staunend, »…I am very fragile.«
Klang durchaus bizarr aus seinem Mund. Sieh’ an, dachte ich, aus einem einzelnen, wohlmeinenden Wort hat sich für diesen mächtigen Mann eine neue Fläche geformt. Als hätte ausnahmsweise mal jemand seiner inneren Ausstellung ein Podest hinzugefügt. Darauf legt er nun einen Teil von sich: jenen Geist von Erschütterbarkeit, für den er vorher keinen Namen hatte, keine Legitimation, erst das Wort des Freundes hat dafür Platz geschaffen.
Ich hatte wirklich den Eindruck, S… war von »fragile« bezaubert. Es machte ihn frei, diesen Aspekt von sich verstanden und benannt zu wissen. Mich rührte das.
Nach einigen Wochen ließ der Effekt allerdings nach. Er verlor das Interesse an seiner Verletzlichkeit und wandte sich wieder seinen Stärken zu.
»Ich brauche mindestens dreißig Prozent meiner täglichen Energieressourcen allein dafür, meine Denkwege von dieser Angst frei zu schippen. Damit ich mich normal bewegen kann. Ich hab’ eigentlich immer Angst« sage ich zu Mahmegani.
»Dafür kriegst Du das, was Du machst, verdammt gut hin« sagt er.
»Ich hab’ genug Energie zur Verfügung. Irgendwann lässt die aber vielleicht nach.«
»Dann ziehen wir aufs Land, laden die Freunde dazu und buddeln im Garten nach Kartoffeln. Mach’ Dir keine Sorgen.«

Auf meinem Schreibtisch

Ein Kaufbeleg des “V”-Magazins “The size issue” (lesen, wenn angekommen)
“What matters now” von Seth Godin (gelesen, danke mfree!)
Terminübersicht für SABA – Stipendienprogramm der Crespo Foundation (hingehen)
Ein kleines online- Handbuch über Interviewtechniken (lesen)
Die Veranstaltungstermine der Crespo Foundation, deren Website ich betreue (besuchen)
Eine Einladungskarte für ein Percussion Konzert im Haus am Dom (empfehlenswert, hingehen!)
“50 Erfolgsmodelle”, erschienen bei Kain und Aber (gelesen)
1 CD mit Texten der Teilnehmerinnen meines letzten Schreibworkshops (archivieren)
Meine neueste Zeichnung “Safe House” (einscannen)
Mein Gesprächsprotokoll-Buch mit Notizen meines letzten Arbeitsgesprächs (auswerten)
Notizen aus der heutigen Online-Recherche in Sachen Webredaktion für die Crespo Foundation (übertragen, in konkrete Arbeitsschritte umsetzen)
Mein Terminkalender (aktualisieren)
Ein Brief (in der Tat, ein richtiger B r i e f) eines Frankfurter Professors, der mein Buch “Fat Mountain” gelesen und kommentiert hat (antworten)
Meine To-do Liste für heute (möglichst wenig auf morgen übertragen…)
1 Serie Fotos, die ich gestern von mir inszeniert habe (archivieren oder veröffentlichen)

Aiii. Und der Tag schon halb rum. Immerhin hab ich das Verlinken jetzt mal geübt.

Krass,

die Schulterpartie nach einem Tag am Rechner. Beton. Stelle eben eine Anzahl kurzer Geschichten zusammen, die publikationsfähig sein könnten. Weiß der Geier, warum ich so lange damit gewartet habe. Morgen gehe ich ins Atelier, um nicht zwei Tage hintereinander in dieser vermaledeiten Sitzhaltung zu verbringen.

Das Tainted Talents Wort zum Sonntag, 32

»Haltung«

Aufwändig, dieses: »Hier stehe ich.« So aber tritt man aus der Isolation, nicht nur beim ersten, sondern auch beim zweiten, dritten und hundertsten Mal. Indem man inhaltlich und wertebezogen verortbar ist. Nur auf diese Weise eröffnet man sein eigenes Revier, kann Mitstreiter um sich scharen, Gegner herausfordern, Loyalitäten wecken.
Ich hab’ für meine Schreib-Seminare ein Kästchen mit hundert von mir formulierten Fragen drin, aufkaschiert auf Karton; die auf rotem Hintergrund sind einfach, die blauen schwer. Man zieht ohne groß hinzusehen eine Frage heraus. Die Teilnehmer mögen das Gefühl, ein Los zu ziehen. Eine meiner blauen Fragen lautet: »Für was würdest Du kämpfen?« Das Ding ist schwieriger zu beantworten als »Gegen was würdest Du kämpfen«, denn »gegen« ist reaktiv, während kämpfen »für« eine Sache erstmal voraussetzt, dass man in sich selbst nach Inhalten sucht.
Haltung entwickeln meist nur jene, die starke Motive haben, deren Wurzeln bis in die Kindheit reichen. Sie zu erkennen, abzugrenzen und vor Ausbeutung oder Vernichtung schützen zu müssen, erzeugt Haltung. Wer sich nicht angegriffen fühlt, tut sich schwerer damit: Da reicht es meistens, Meinungen zu entwickeln. Für Meinungen zu kämpfen ist allerdings nicht sehr befriedigend – sie werden relativ, wenn der Wissensstand sich verändert. Eine Haltung dagegen lässt sich von faktischen Argumenten nicht außer Kraft setzen, muss auch nicht unbedingt logisch begründet sein. Der Sohn einer Freundin, damals um die neunzehn Jahre alt, sagte einmal nach einer heftigen Auseinandersetzung zu ihr: »Du hast Recht. Aber was ich sage fühlt sich besser an.«
Ich fand diese Verweigerung von Abstraktion charmant. Kindern und Jugendlichen gesteht man so etwas zu, Erwachsenen weniger – wir sind gehalten, nicht rein aus der Emotion heraus zu argumentieren, denn das setzt eine emphatische Leistung beim Anderen voraus, zu der oft die Bereitschaft fehlt. Also erwarten wir voneinander, abstrahierende Schlüsse aus unserem privaten Empfinden ziehen zu können. Etwas zu wollen. Für etwas zu kämpfen. Für eine Idee, eine Sache zu kämpfen, die womöglich über die Sicherung eigener Bedürfnisse hinausgeht.
Wer macht das?
Alle, die ihre Vorstellungskraft in Anspruch nehmen. Haltung ist unabhängig von Lebensmodell und Beruf; alles, was sie braucht, ist ein entsprechend starker Antrieb. Er muss so stark sein, dass er gegenwärtige Befindlichkeiten zugunsten einer wie auch immer gearteten Manifestation in der Zukunft hintanstellt. Haltung akzeptiert keinen Schnupfen und lässt sich von psychosomatischen Symptomen nicht beeindrucken.

Sie sollten sich wirklich

“Ein ernsthafter Mann” im Kino ansehen. Komme eben heraus und bin, wie immer bei den Arbeiten der Coen-Brüder, ernsthaft beeindruckt. Zu müde gerade, um selbst etwas über den Film zu schreiben. Wer gerne mehr wissen möchte, nu ja, zum Beispiel in der taz kann man das gröbste nachlesen.
Was mich übrigens (wieder mal) auf heftigste irritierte im Kino: Die Leute lachten und stöhnten, als flimmerte ihnen eine Komödie am Auge vorbei. Was ist nur mit denen los? Muss man denn auch als Erwachsener noch jede Art von Betroffenheit durch Lachen von sich abschütteln? Oder fanden sie’s gar wirklich lustig?
War es nicht. Die Bibel war noch nie erheiternd – und “Ein ernsthafter Mann” erzählt die Geschichte eines modernen Hiob. Anders als in der Bibel gibt’s aber kein schönes Ende. Seien Sie also gewarnt. Aber gehen Sie trotzdem rein. Meinetwegen lachen Sie auch. (Immer noch besser als knackende Maischips)

Nie bist du ohne Nebendir

Eine Wiese singt.
Dein Ohr klingt.
Eine Telefonstange rauscht.

Ob du im Bettchen liegst
Oder über Frankfurt fliegst,
Du bist überall gesehn und belauscht.

Gonokokken kieken.
Kleine Morcheln horcheln.
Poren sind nur Ohren.
Alle Bläschen blicken.

Was du verschweigst,
Was du andern nicht zeigst,
Was dein Mund spricht
Und deine Hand tut,
Es kommt alles ans Licht.
Sei ohnedies gut.

Joachim Ringelnatz