Der Knast der freundlichen Gesinnung

Die Zelle ist gläsern, man spürt sie nur, wenn man an ihre Wände stößt: Neun Schritte lang, fünf Schritte breit, kleinere Schritte lassen sie größer wirken. Ein guter Ort; ein lebenslang vergeht dort schneller, als man Striche machen kann. Ich hab mich gewöhnt. »Wer bist Du?« fragen die Neuen, und mein Gesicht antwortet für mich, bevor ich dazu komme, einen Gedanken zu fassen.
Unser Knast ist groß, wir sind viele. Ich kann ganz nach hinten sehen, bis zur letzten, zur obersten und untersten Einheit, auch die Böden und Decken sind aus Glas. Wir verständigen uns mit Zeichen. Abends wische ich die Wände, die immer ganz bedeckt sind von den Abdrücken meiner Küsse. Wir sind alle freiwillig hier. Wir hauchen gegen die Scheiben und schreiben kleine Sätze. Längere sind schwierig, weil der Hauch so schnell verblasst.

Aus dem Gehäuse

Die Frauen kommen, Stipendiatinnen der Stiftung. Manche verschleiert.
»Es ist keiner außer uns im Haus, niemand wird hier hereinkommen« sage ich.
Da nehmen sie die Schleier ab. Wir sitzen um den großen Tisch, an Wochentagen arbeitet hier das Team der Crespo Stiftung, jetzt, über Ostern, ist alles frei geräumt für uns.
Kaffeemaschine läuft, der Caterer hat Obst und Kekse geliefert. Vor uns Blöcke und Stifte, keine der Frauen besitzt ein Laptop, also hab’ auch ich meines zu Hause gelassen.
Es sieht alles so harmlos aus: Papageientulpenstrauß auf dem Tisch, Post-it Blöckchen, Büroklammern. Ein Flipchart. Saubere, leserlich beschriftete Ordner, ein paar Fotos auf der Pinwand. Die Stühle sind alle rot, das gleiche Rot wie die Schalen für Kleinutensilien, die überall herumstehen. Ein freundliches Büro.
Dann die Worte. Die aus den Frauen herauswollen. Die leichten kullern flott über den Tisch, aber um die geht’s nicht, es geht um jene, die schon zu lange in verschlossenen Kammern warten. Die Schicksalsgeschichten, Flucht, Gewalt, Isolation. Nun sollen sie raus. Rauslassen ist das große Wort in dieser Gruppe. Aber wie? Und was, wenn man den Druck zurückliegender Ereignisse wieder weckt beim Schreiben, wenn die Kraft nicht ausreicht, das fehlende Vokabular einem wütende Tränen in die Augen schießen lässt? Diese Frauen sind erfahren und klug. Es tut weh, so zu sein und nur einen Bruchteil dessen, wer man i s t, nach außen bringen zu können. In ein paar Jahren werden sie es können, doch das ist im Augenblick kein Trost. Ich wünsche mir einen Zauberschlüssel. Vielleicht habe ich einen, denn sie fangen an. Ich liebe sie für jeden Satz, den sie schreiben. Ist mir verdammt egal, wie kitschig das klingt.
Sie merken, Leser, ich bin erschöpft, hab vor lauter Sprechen keine guten Sätze mehr übrig heute Nacht.

Ein Bild wandert

Erstaunlich, wie viele Leser heute von andererorts heranschlendern eines einzigen Links wegen.
So fühlt sich das also an, wenn man plötzlich Hunderte Gäste hat, anstatt der täglichen fünfzig.
Hm.
Interessant auch, wie mein »Frau im Schrank«-Foto in dem Blog, dessen Autor mich heute früh per Email bat, es verwenden zu dürfen, heftigere Reaktionen hervorruft als hier: allein, weil es dort in völlig anderem Kontext steht. Ich hatte des Experiments willen eingewilligt, ich kenne den betreffenden Blog seit langem, mir war auch klar, dass mein Bild für eine der dort üblichen Provokationen verwendet werden würde. Schien mir eine Gelegenheit mal – am eigenen Leibe sozusagen – den Effekt zu untersuchen, der eintritt, wenn man ein gleiches Bild unter gegensätzlichen Vorzeichen und mit unterschiedlichen Titeln präsentiert.
Die Versuchsanordnung ist gelungen; etwas mau ist mir trotzdem. Es gibt da einen Grat, auf dem man sich halten muss bei solchen Dingen. Auf dem ich sehr ungeübt bin, weil ich meistens alleine arbeite. Doch was rede ich … einmal geübt, schon gekonnt…

Aber vergleichen Sie einfach selbst:

Einmal geübt, schon gekonnt / III

Wie viele tausend Ideen hab ich ziehen lassen, weil ich so lange an ihnen feilte, bis sie dünn und langweilig wurden, nicht mehr trugen. Andere, weil sie nicht kontextualisierbar waren, oder schlichtweg zu gewagt. Wieder andere, viele, weil ich ihnen misstraute: Zu wenig Blut, Schweiß und Tränen hatten sie gekostet – wie konnten sie gut sein, wenn sie mir einfach so zufielen?
Alles eine Frage des Formats. In diesem nun wird nicht trainiert, nicht geübt und nicht zensiert: Alles ist gleich fertig.

Einmal geübt, schon gekonnt / II

Sie mögen sich gefragt haben, Leser, woher der Titel für diese neue Rubrik kommt. Erinnern Sie sich an Punks? An die Zeit, als sich Leute Gitarren kauften und sofort damit auf die Bühne stürmten, ohne üben, ohne Vorbehalte? Die Konzerte mochte ich nicht, die Idee aber wohl. Dieser ganze Selbstoptimierungsappell heutzutage geht mir schwer auf den Wecker. Das Leben als fortdauernder Versuch, Defizite auszugleichen? Künstlerisch ist das eine Katastrophe.

Mehr dazu später. Bin schon wieder schwer in Eile. Noch so ein Ding, das mir nicht passt: Eile.

Der Tainted Talents Ausflug zum Sonntag

Ich werd’ mich in seine aus Stein gehauene Badewann’ legen. Seine steinerne Schlange streicheln und den Granit, den Marmor, den Speckstein und die anderen, deren Namen ich nicht kenne, betasten. Auch den Steinbildhauer selbst, ein wenig (bei allem Respekt), einfach, weil er so wunderbar fest ist. Verstehen Sie mich nicht falsch, werte Leser, das wird ein Familienausflug; die Freunde kommen alle mit. Auch die Kleinen selbstverständlich. Vielleicht wird der Steinbildhauer ja seine Vogeltränke aus Granit für das Mittagsschläfchen unserer Kleinsten freimachen.