Der Knast der freundlichen Gesinnung

Die Zelle ist gläsern, man spürt sie nur, wenn man an ihre Wände stößt: Neun Schritte lang, fünf Schritte breit, kleinere Schritte lassen sie größer wirken. Ein guter Ort; ein lebenslang vergeht dort schneller, als man Striche machen kann. Ich hab mich gewöhnt. »Wer bist Du?« fragen die Neuen, und mein Gesicht antwortet für mich, bevor ich dazu komme, einen Gedanken zu fassen.
Unser Knast ist groß, wir sind viele. Ich kann ganz nach hinten sehen, bis zur letzten, zur obersten und untersten Einheit, auch die Böden und Decken sind aus Glas. Wir verständigen uns mit Zeichen. Abends wische ich die Wände, die immer ganz bedeckt sind von den Abdrücken meiner Küsse. Wir sind alle freiwillig hier. Wir hauchen gegen die Scheiben und schreiben kleine Sätze. Längere sind schwierig, weil der Hauch so schnell verblasst.

2 Gedanken zu „Der Knast der freundlichen Gesinnung

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