TTag, Dienstag, 7. Dezember 2010. Culti Clashi.

Gestern während des ersten Tages meiner Schreibwerkstatt fand ein Mädchen, ich provoziere sie. Sie war beim warm-up teilnahmslos geblieben, ich hatte sie daraufhin ein wenig aufs Korn genommen, durchaus humorvoll, wie mir schien. Die Kleine reagierte dann auf nichts mehr, hängte die Haare übers Gesicht, nahm Schildkrötenstellung ein, nur die Beine zuckten, als wolle sie jeden Moment aufspringen und fliehen. So eine grollende Sechzehnjährige kann eine ganze Gruppe aus der Fasson bringen.
Hm.
In der Pause sprach ich mit den Kolleginnen, ließ mir von der begleitenden Pädagogin kurz skizzieren, mit wem ich’s zu tun hatte, was das Problem war.
“Die muckt” hieß es über mich, sagte die Pädagogin.
Interessant. Das Wort ist mir in diesem Zusammenhang noch nicht untergekommen.
Also was, die Kleine einzeln herausnehmen oder das Ding in der Gruppe ansprechen? Besser nicht einzeln. Besser, mich selbst exponieren, nicht das Mädchen. Also los.
– Hört mal, bevor wir weitermachen, sagte ich, es gibt da ein paar Unzufriedene in der Gruppe, die finden, ich hätte sie provoziert. Ich nenne keine Namen.
Sie sahen sich an, nicht mich. Man hatte geredet, in der Pause: Lassen wir die auflaufen.
– Haalo, wiederholte ich. Schaut mich mal ahan.
Widerwillig richteten sich die Augenpaare auf mich.
– Ich bin etwas frech manchmal, sagte ich. Ist so meine Art. Hat mit provozieren nichts zu tun; ich bin einfach unbefangen, denk’ mir da nichts böses dabei. Sagt mal, was los ist.
– Wir sind von unseren Lehrern nicht gewöhnt, dass sie frech sind, sagte ein Mädchen. Nur auf der Straße ist man so zu uns, wir hassen das.
– Verstehe, sagte ich. Aber ich bin keine Lehrerin, sondern Künstlerin, hab’ ich euch doch erzählt. Ich rede so, wie mir der Schnabel gewachsen ist, ich pass’ da nicht so auf. Wenn ich jemandem damit auf die Füße getreten bin, möchte ich mich hiermit entschuldigen, das war nicht so gemeint. Ihr sollt Spaß dabei haben, hier zu sein.
– Ich hab’ davon überhaupt nichts mitgekriegt, sagte ein anderes Mädchen.
– Ihr könnt euch jederzeit bei mir beschweren, wenn irgendwas schief läuft, sagte ich. Einverstanden? Dann bringen wir das in Ordnung. Tut mir leid, das Ganze, kommt nicht mehr vor. Will noch jemand was dazu sagen?
– Nö.
– Weitermachen?
– Ja.
Später kam das Mädchen zur Einzelbesprechung ihres Texts; ihre Beine zuckten nicht mehr. Wir sprachen lange, sie hatte sich ins Zeug gelegt, vor allem aber, sie hatte mir verziehen. Ich sah in ihr glattes, hübsches Gesicht: wie prekär es sein kann, sechzehn zu sein. Ich hatte das nach den vielen Seminaren mit Stipendiaten, die ich in letzter Zeit gehalten habe, kurz vergessen – es ist so leicht, mit Begabten zu arbeiten, unter “seinesgleichen” zu sein.
Die Kurse mit den schwierigen Schülerinnen laufen über die Stadt, nicht über eine Stiftung; ich verdiene da weit weniger. Dafür hab’ ich als Trainerin übers Jahr einen guten Querschnitt an Jugendlichen von träge bis hochbegabt; so will ich’s haben.

Heute war es übrigens genau dieses Mädchen, die gar nicht genug kriegen konnte. Und die das brennendste Gedicht schrieb.

TTag, Samstag, 4. Dezember 2010. Verkunstschnaufpause.

*Doing*

18:25
War übrigens im Kolumba in Köln heute. Peter Zumthor hat’s gebaut, ein Materialfetischist. Fahren Sie da mal hin. Das ist ein Gebäude, das alles heiligt, was darin hängt, da hängt ein winziger alter Jesus allein an einer gigantischen Wand, und gegenüber was gegenwartskunstartiges und dann vielleicht noch eine kleine Zeichnung rechts hinten, und ansonsten Leere und Licht, bis zum nächsten Raum, der auch Leere und Licht ist, bis auf eine Keramikmaske mit geschlossenen Augen auf einem steinernen Bett, und dann in den nächsten, und alles, der Boden, die Decke, die riesigen Fenster, die Schattenfugen, alles, sogar die Handläufe an den irrwitzigen Treppenaufgängen, alles wie ein Gebet. Verschlug mir glatt den Atem. Irre, das Ding.

TTag, Freitag, 3. Dezember 2010. IQ-Booster.

In Eile heute, Tusker eröffnet heut Abend bei Rehbein in Köln, vorher Bürokram. Anrufen, ob eher smart, sexy oder klassisch angesagt. Erinnert mich an meinen Vater, der früher bei meinen Vernissagen immer wie ein Sammler auftrat, extrem distinguiert und nicht allzu herzlich. Allzu herzlich ist eh schlecht, rumkumpeln bei Vernissagen — brrr.
Ich hab’ ne Brille, die mir zwanzig IQ-Punkte zusätzlich ins Gesicht schreibt, vielleicht nehme ich die dazu. Manchmal setz’ ich sie auch auf Seminaren ein, doch dann muss ich das von Anfang an tun – wenn die jungen Leute mich schon eine Weile kennen, kaufen sie mir die gekaufte Arroganz nicht mehr ab. Na, Köln ist unvertrautes Gelände, da steh’n mir noch alle Möglichkeiten offen, sogar der tief gehängte Haarknoten im Nacken zur IQ-Brille, das ist dann wirklich advanced. Fehlt nur noch ein Paar Perlenohrringe, wer welche übrig hat, bitte melden!
So, an die Arbeit. Nächste Woche noch mein wirklich allerletztes Seminar für dieses Jahr, dann pack’ ich mein Lehr-Selbst für ein paar Wochen in Kur. Und entgleise. Wenn ich’s noch kann.

Don’t work without back-up

22.39
.. und wie heute ein Freund schrieb: “Der Fühler der linken Schnecke betastet die Armbanduhr des Mannes, so viel erkenne ich; sie nimmt Kontakt auf. Was wollen Sie damit sagen?”
.. und wie ich darüber nachdenke jetzt. Das Gehirn, beim Zeichnen, ist ein Ort. Man kann da ohne Stift nicht einfach hingehen.

TTag, Donnerstag, 2. Dezember 2010. Soft cell.

Vier Künstlerinnen, fünfzehn Jahre geteilter Weg, und als die Mischnudeln gestern Abend von der Herdplatte weg direkt auf dem Tisch aufsetzten, wie früher, als man noch ohne Servierschüsseln und Serviette aß, na ja, Leser:innen, Sie können sich denken, uns wurde ganz anders. H. kann ja nicht kochen, hat sie auch nie bestritten, nur, wie jemand auch fünfzehn Jahre später immer noch aus dem Nichtkochenkönnen ein kulinarisches Dingeldong macht, bewundernswert. S. hielt das Blondhaupt zu nah an den Adventskranz (“Mein erster!” behauptete H.; ich hatte ihn gebastelt und mitgebracht, oh my kitschig heart), es roch dann mehr nach gegrilltem Haar als nach Nudeln. F. trug eine Tischdecke um die Schultern, von der sie behauptete, es sei eine Stola. Totaler Quatsch. Wir kramten in Erinnerungen, nicht zu sehr allerdings, weil H.’s Regale im Atelier so viel Lustigeres zum Kramen boten, die Frau ist ein Maniac, sie sammelt … doch lassen wir das. Alte Freundinnen. Früher hatten wir vier eine Band mit einem unaussprechlichen Namen, wir nahmen allerdings nur einen, wenngleich legendären, Song auf. Es gab eine Gegenband von Künstlerkollegen, die hatte aber keine Chance, die war auch, wie wir fanden, nur eine Behauptung.
Bin gerade etwas soft.

TTag, Mittwoch, 1. Dezember 2010. Im Namen des Herrn Rilke:

„ …und ich möchte Sie, so gut ich es kann bitten, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben, wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“

Mmmmmh.
Hm?
Hach.
Ach so.