Die Sache mit der Buchmesse

“Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen in riesigen Hallen, dazu labbrige Häppchen und zu viel Kaffee. Andrea Diener mischt sich unters Volk und berichtet von Neuheiten, Randerscheinungen und liebgewonnenen Traditionen eines schwer zu durchschauenden Großereignisses.”

Na ja, das schreibt FAZ Net über Frau Diener – sie selbst hätte es witziger formuliert.
Ich werde wohl nur punktuell registrieren, was sich nächste Woche auf der Buchmesse so alles tut.
Umso freudiger sehe ich gerade, dass Andrea Diener, deren granteliges, aber wunderbar humoriges Weblog “Reisenotizen aus der Realität” http://gig.antville.org ich immer wieder gerne lese, von der FAZ aufgefordert wurde, das Ereignis bloggend zu begleiten.

Und zwar hier: Buchmesseblog

Siri Hustvedt

gelesen, “The blindfold”.

Erstaunliches Debut, erschienen 1992 bei Sceptre. (Im Deutschen “Die unsichtbare Frau”)

War krank heute, deswegen las ich den ganzen Roman in einem Rutsch durch. Neun Stunden. Zeitweilig fühlte ich mich so hineingezogen in die Borderline-Psyche der Erzählerin, dass sich mir unter der Bettdecke die Haut kräuselte – dann musste ich mich aufraffen und mir beruhigende Süppchen kochen.

Vielleicht erzähl ich später, warum mich “The Blindfold” so bewegt. Bin krank und grantelig heute, keine guten Voraussetzungen für Buchkritik. Leg mich wieder hin.

Kitsch, meine Gnädigste, Kitsch!

Vor einiger Zeit ging ich bei mir im Viertel an einem Buchantiquariat vorbei, in dessen Auslage mir ein paar fette Bände ins Auge fielen: Angelique von Anne Golon, in der Ausgabe von Blanvalet, die den Namen der Heldin in Schreibschrift kursiv auf dem Titel trägt. Diese Umschläge sind mir unvergesslich. Ich sage nur: Stadtbücherei.
Ich stoppte kurz, ging dann aber weiter, weil ich einen Freund an der Seite hatte, vor dem ich mich nicht blamieren wollte. (Na ja, sagen wir, ich wollte ihm keine spontane Regression erklären müssen an einem bis zu diesem Zeitpunkt ziemlich erwachsenen Tag.)

Gelesen habe ich Angelique und ihre kiloschweren Fortsetzungen mit vierzehn – vielleicht fünfzehn, bis ich durch war; die Abenteuer der schönen, klugen und unbeirrbar tapferen Titelheldin zur Zeit Ludwigs des IVX peppten mein beschauliches Leben als Schülerin auf. Ich vermute, in meinem Kreis bin ich die einzige, die am Altar der französischen Kitschkönigin gehuldigt hat. Warum leugnen? Frau Golon hat prima recherchiert, schreibt man, das Leben am Hofe, die gesellschaftlichen, politischen…
Mir egal. Ich hätte den Stoff auch verschlungen, wenn er fiktiv gewesen wäre. Die Sprache gediegen, verkitscht, gefährlich nahe am Schund, aber eben doch kein Schund. Frau Golon wusste, wie man so schreibt, dass die Konstruktion hinter der Glasur verschwindet. Mag sein, sie trug fliederfarbene Spitzenhandschuhe beim Schreiben, blöd war sie nicht : )

Raschelnde Seide, Intrigen, Sex, höfische Etikette, haufenweise Rituale. Bürgertum und Gaunerzunft, auch dort Rituale. Schiffe. Kutschen. Sklavenhandel. Angelique ist eine Heldin, die sich niemals Erwartungen beugt, die von anderen an sie herangetragen werden, niemals lange. Wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie das will, hebt sie den schönen Kopf, lässt die grünen Augen funkeln, entzieht sich. Nicht ohne Blessuren davonzutragen: Die Männer bestrafen sie für ihre rebellische Art, indem sie sich die Schöne immer wieder mit Gewalt „nehmen“. Ai ai ai.
Überhaupt, der Sex, es gibt viel davon, alle Varianten, und es ist nicht so, dass Angelique mit ihren zarten Gliedern nicht manchmal auch eine grobe, eine erzwungene Vereinigung zu schätzen wüsste.
Eine für heutige Zeiten unmögliche Frauenfigur ist das, die Protagonistin der Anne Golon, einerseits eigenwillig, mutig, selbst bestimmt und so weiter, andererseits wird man immer wieder Zeuge, wie sie fleht, wie sie angesichts harscher Männlichkeit in die Knie geht, „besiegt“ zu werden wünscht.
Das liest sich seltsam kontrastierend, schlimmer als altmodisch, zweifelhaft wie der in allen Regenbogenfarben schillernde Teller, der ganz hinten in der Glasvitrine steht, weil man ihn schön findet und dennoch in den Hintergrund verbannen muss, weil er nicht „echt“ ist wie die anderen Stücke.

Die Franzosen haben Angelique geliebt. Madame Golon gilt als eine der Mütter des historischen Romans und hatte mit ihren erotischen Schilderungen den Ruf einer Skandalösen. Achzig Millionen Bücher sind von ihr verkauft. Ich weiß, das will nichts heißen, die Leute kaufen den letzten Müll.

Ein paar Tage später war der gleiche Freund wieder dabei, inzwischen hatte ich mir ein Herz gefasst, trat über die Schwelle, kaufte fünf Bände a 500 Seiten Angelique zum Spottpreis von fünf Euro. (Oh, der Verlust des Glamour!)
Große, schwere Tüte. Der Freund trug sie mir ohne zu murren nach Hause.
„Was willst du damit?“
„Hab ich gelesen, als ich fünfzehn war“ erwiderte ich. „Vielleicht schau ich mal wieder rein. Obwohl es sein kann, dass es nicht mehr lesbar ist heutzutage.“
Er schlug eine Seite auf und las ein paar Zeilen laut vor. Sah mich an: „‚Nicht mehr lesbar’ könnte zutreffen.“
„Ja, ja, schon gut“

Dann…

les ich’s eben heimlich im Boudoir ; )

was für ein

wunder, wunderschöner Herbsttag!
Alle im Hessenland sind wandern oder “in die Pilze” gegangen.
Ich nicht.
Ich räum meine Bude auf.
Und komm dann heute Abend vorbei, wenn die Pilze geputzt, geschnitten, aufs köstlichste verarbeitet und mit Semmelnknödeln (lechz) angerichtet sind…

Schreiben

Am Wochenende hab ich etwas gemacht, wozu ich sonst selten Gelegenheit finde: Nachdem ich meinen Seminarteilnehmern die Übung ausgeteilt hatte und alle Köpfe über die Tastaturen geneigt waren, setzte ich mich dazu und machte die Übung selbst. Es ging darum, eine Zeitungsnotiz in eine von mehreren stilistischen Formen zu überführen, die wir zuvor besprochen hatten. Seltsam, dass mir zu der kargen Meldung ein Gedicht einfiel – ich schreibe sonst nie welche.
Muss am Herbst liegen : )

Der Alte

Der Alte
schweigt seitdem.
Asche
hängt in
weichen, brüchigen Fetzen
von seinen Lippen.

Längst fort, schmeckt er sie noch,
brennende Luft.
Wie sein Heim niederging
im Flammenmeer
im Funkenregen
In der zärtlichen Berührung warmer Asche
auf alter Haut.

Wie sie floh,
die Kleine
wie hell ihr Körper
als die Flammen ihn fraßen.
Den Tod empfing sie
aus seiner Hand.

Wusste es nicht.
Sprang in weiten Sätzen
sprang um ihr Leben
riss seines im Sterben mit sich fort.

Der Alte
schweigt seitdem.
Asche
hängt Asche
hängt