TTag, Mittwoch, 6. Oktober 2010. K**** & Kacheln.

In einer Woche fliege ich nach K****. Nicht lang, zehn Tage, mehr ist nicht drin diesmal. Vorher ist diese Liste abzuarbeiten, die rechts neben mir liegt. Scheißlange Liste. Konzentrationskram. Fällt mir schwer im Moment, konzentrieren. Oder sagen wir’s so, ich hab’ eine Phase, in der mir die Gehirne der anderen alle knackiger vorkommen als meins.
Die krieg’ ich immer mal: Phasen ohne Turbo. Gefühlt, zumindest. Ist ja alles da. Nur zäher als mir lieb ist. Wohlwollen mir selbst gegenüber: warum krieg’ ich das bloß nicht hin. Nur, wenn ich im Studio schwere Hanteln stemme, hält mein inneres Parlament mal still. Kurzfristig. Meinetwegen könnten die alle nach Hause gehen, ihre Abstimmungen fallen eh nie wirklich zu meinen Gunsten aus. Immer muss ich sie austricksen, die Klugschwätzer.
Gestern schrieb mir eine junge Frau, die am Wochenende in meinem Seminar war, ein Phyllis-Gedicht. Als Dankeschön. Ich war schrecklich gerührt. Meine Schwester, der ich’s nach England ins Telefon las, sagte nur: wow. Das muss auf ne Kachel und in Dein Klo.
(S., falls Du mitliest, das war ein Kompliment. Meine Schwester hat englischen Humor! : )
Liebe Leser:innen, guten Morgen.
Ich mach’ mich besser mal ans Werk.

– Und Sie? Agenda oder Antiagenda?
Lassen Sie doch mal von sich hören –

10:35
Kennen Sie eigentlich diese random Funktion? So eine Art automatischer Text-Shuffle. Eugene Faust – mal wieder – hat was tolles zum spielen : ) Klicken Sie einfach zu ihr rüber.
Verblüffender Effekt. Man gibt oben in die url-Zeile “http://hier Ihre url/randomText” ein und bekommt in einer Sekunde einen surrealen, aus der eigenen Textmasse generierten Wolpertingertext. Bei jedem “Seite neu laden” einen neuen. Schon erstaunlich – die klingen teilweise besser als das Original.

15:30
Tainted Talents randomisiert:

In der Schneekugel Yasmina Reza, die französische
was über Egoboosting schreiben, speziell (aber nicht nur) für explodedheadsnomore, aber mein Ego ist so eine Ahnung, wie andere Weidetiere, Kühe oder Gnus, die sich „Sturmwaisen“ nennt.
Es ist so heiß geführt wird.
Eine Frau, ein Mann.
Beide sprechen akzentuiertes Französisch.
Seit einer ganzen Weile gehen die Stimmen auf und man will unbedingt hin.
An anderen weckt solches Verhalten meine schlimmsten…

(I love it.)
((by the way: Was ist eigentlich aus explodedheadsnomore geworden? Sind Sie noch da draußen??))

TTag, Dienstag, 5. Oktober 2010. Als sie dort war.

Hätte sie alles tun können. Und tat’s nicht. Tat’s nicht.
Dahin will sie, sagt sie. Wo kein Licht, kein Fehlen ist. Wo das Deuten aufhört. Wo das ist ist.
Wie sie sich bewegt: als wäre sie zwei, und die erste immer eine Sekunde zu spät.
Wie, fragt sie, wäre das, wenn ich aussähe, wie ich bin. Dort. Drin. Wer riefe mich, riefe den Namen, wartete, scherte sich nicht um Augenschein, nur um den Schein der Augen. Sehen Sie mich an, sagt sie: zwei Flammen.
– Sie spielen Theater?
Sie schüttelt den Kopf. We are Alcatraz, sagt sie. No way out.
Warum sprechen Sie Englisch.
Warum nicht, sagt sie. Öffnet die Lippen. Langsam. Lässt ihr Ding sehen.
Hübsche Zungenspitze, sage ich.
Nicht wahr?
Haben Sie Lust, mit mir abzuhauen, fragt sie. Ich brauche jemanden.

TTag, Montag, 4. Oktober 2010. Was wäre, wenn … ?

… dieses Objekt der einzige Hinweis auf eine Person wäre, die Sie morgen zum ersten Mal treffen interviewen werden.
(Sie sehen, ich denke immer noch in Aufgabenstellungen : )

14:03
rrring:
“Ich mache einen Dokumentarfilm über Leute, die aus unserer Generation in Frankfurt noch Kunst machen. Die Förderung ist durch. Bist Du dabei? Wir würden zu Dir ins Atelier kommen.”
Ich horche diesem “noch” hinterher. Will ich etwas über Leute wissen, die n o c h Kunst machen? Oder selbst dazu gehören?
“Mein Atelier ist tabu” sage ich. “Niemand außer mir und der Instanz, die es verwaltet, weiß darüber Bescheid. Ist so vereinbart.”
“Huh, jetzt machst Du mich aber neugierig! Ist es hier in Frankfurt?”
“Ja”
“Ich glaub’, ich weiß, wo es ist!”
“Unmöglich. Ich empfange dort nicht.”
“Wir machen einen Innendreh, okay? Das Gebäude würde man gar nicht erkennen, wenn es so geheim bleiben soll..”
“Darum geht’s nicht. Ich hab’ versprochen, keinerlei Informationen über den Standort öffentlich zu machen.”
“Frag doch nochmal nach..”
Werde ich nicht. Weil ich die Antwort schon weiß.
“Rufst Du mich an?”
“Ja.”

TTag, Samstag, 2. Oktober 2010. Ja sagen.

Für immer Ja heißt das Bändchen.
Immerhin, das Seminar ist im katholisch sozialen Institut, da liegt nicht einfach eine Bibel in der Schublade: es gibt eine richtige kleine Bibliothek in meinem Zimmer.

“Für immer Ja” von Dominik Schwaderlapp.
Erschienen im Pattloch Verlag.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.
Bis nachher…: )

JA!!

15:27
Ich wünschte, ich könnte Ihnen ein Bild dieses Semiarraums zukommen lassen: es ist der schönste, in dem ich je gearbeitet habe; wir sitzen hier wie die Maden im Speck. Gelegentlich kommt eine sanfte weibliche Person, räumt Geschirr ab und bringt frische Krapfen.
Die jungen Leute, erstaunlich, wie konzentriert sie sind und wie still, nur die Tastaturen klicken leise.
Sie hören Musik über Kopfhörer. Hab’ ich früher auch gemacht.
Oh, L. sucht meinen Blick: muss weiterarbeiten.
Ja sagen fällt unglaublich leicht heute.

22:58
J a, Herr Schwaderlapp! Aber das ist jetzt wirklich mein letztes!

TTag, Freitag, 1. Oktober 2010. Kreativschelte.

Zu den Kreativ(ärgs)seminaren will ich noch etwas sagen. Da traten gestern einige Meinungen zutage, geschätzte Leser:innen. Von Placebo war die Rede, von Belehrungen und davon, wie es schade sei, dass Menschen nicht einfach aus dem Alltagsleben heraus kreativ sein könnten.
Vorweg: kreativ sein hängt mir zu den Ohren raus. Gräßliches Wort. Keiner meiner Künstlerkollegen würde sich selbst so nennen, auch während des Studiums ist es, soweit ich mich erinnere, kein einziges Mal gefallen. Worüber wir gestern sprachen, ist Kunst. Künstlerisches Schaffen. Wie Leben Material wird. Das hat nichts mit Seminaren zu tun und auch nur sehr am Rande mit dem, was heutzutage unter Kreativität subsumiert wird.
Seminare also. Oder workshops.
Die Kreativtechniken vorstellen.
Haben mit Kunst nichts zu tun.
Sie wollen, im besten Falle, Leute aus ihren Routinen locken. Eben nicht belehren. Eben nicht, Fragen im Keim ersticken, sondern erst einmal welche aus dem „das bringt doch nichts“ – Raum fischen.
Ich weiß nur am Rande, wie das in Firmen läuft. Vermute aber, ein solches Angebot an Mitarbeiter resultiert aus der Erkenntnis, dass ein paar derartige Erfolgserlebnisse sich positiv auf die Leistungsbereitschaft auswirken. So what, schaden kann’s nicht. Glaub’ ich. Wenn die Person, die das Seminar steuert, geeignet ist, eine Art Fremdheit zu repräsentieren, über die man als Teilnehmer stolpern darf. Doch wie gesagt, ich weiß nichts von Firmen – ich arbeite nicht für Firmen. Vielleicht haben Sie Recht mit Ihrem Abscheu. Doch wer weiß schon, ob dem ein- oder anderen Mitarbeiter nicht ein Glühwürmchen zurück bleibt?
Ich selbst gebe Schreibseminare im Auftrag von Stiftungen. Wir spielen da. Laden uns auf, gegenseitig. Testen, was Sätze bewirken, was Geschichten anrichten. Riskieren die Ernstwerdung, immer wieder. Es wird viel gelacht und geweint. Meine Seminare sind, um im gestrigen Bild zu bleiben, Ladestationen, keiner geht da so raus, wie er reingekommen ist. Sagen die jungen Leute. Es ist niemals egal, was dort passiert, für keinen von uns. Das muss man hinkriegen: ein Kraftfeld erzeugen.
Ob das mit Kreativübungen gelingt?
Nö.
Es passiert aber trotzdem. Dazwischen.

23:12
Das Getriebensein, der Selbstanspruch, die Kunst, die etwas riesig verpflichtendes sei und das Leben Material: Meine Güte, die Schaufeln, die ich rief, graben das ganz große Loch.
Ich hoffe ernstlich, ich hab’ in den letzten Tagen nicht den Eindruck erweckt, als käme künstlerische Arbeit nur mit zusammengebissenen Zähnen zustande? Grrr. Schlimm wär’ mir zumut, wenn Sie das dächten.

Bin in Bad Honnef.
N’Abend!
Raten Sie mal, Sie ahnen es schon – ein Schreibseminar…
Erschöpft jetzt. Und doch lässt mich dieses Ding nicht los, dieser Klang, der für mein Gefühl durch die gestrigen und heutigen Kommentare streicht: es gäbe da vielleicht ja doch kein Müssen im Künstlerischen, keinen Zwang, keine Verpflichtung.
Man könne. Auch anders.
Den Elephanten nicht verschlucken. Einen kleineren nehmen. Die Fußfessel ablegen. Oder einfach alles in der Pfeife rauchen.
Nein, ich will Sie nicht zu einem Mischmasch zusammenfassen, liebe Gäste. Ich hab’ mich nur ein bißchen erschrocken. Nicht vor Ihnen, eher vor meinem eigenen hochtrabenden Zähneknirschen. So geht’s mir immer, wenn ich anfange, über Kunst als Idee zu reden, deswegen mach’ ich’s so selten ernsthaft.
Himmel, bin müde…
Schlafen Sie gut : )

TTag, Donnerstag, 30. September 2010. Hunger.

Alles ist Material. Unsere Energielevel sind gar nicht so verschieden, zu Anfang: wir pumpen und atmen, führen zu und scheiden aus. Basta. Bissi Fortpflanzung noch.
Alles, was drüber hinaus geht, ist Ergebnis zusätzlich erzeugter Energie. Überschuss erzeugen ist verdammt anstrengend, deswegen braucht man eine Motivation. Die kann man sich entweder draußen leihen oder selbst herstellen. Tut man letzteres, oje, ein ständiger Kraftakt.
Wupps, sind wir bei den Künstlern.
Nein, Unfug: bei allen, die mehr Hunger haben als das, was vorgegeben ist, zur Sättigung bereitstellen kann.
Die, ob Künstler oder nicht, können – je nachdem, wie groß ihr Hunger ist, und vor allem wie zuverlässig über die Langstrecke – mit ihrem Handeln soundsoviele Passive ausgleichen. Sie sind so was wie Ladestationen für Andere.
Man erkennt sie ziemlich leicht. Machen Sie den Test, stellen Sie Kontakt her: wenn die Birne plötzlich heller leuchtet, haben Sie so jemanden gefunden. Ein schöner Moment.
Aber so hell! Und was hier überall herumliegt! Will man das wirklich wissen? Nein? Dann bleiben Sie einfach weg von Ladestationen. Es gibt genug Fassungen draußen, in die man sich einfach reindrehen kann.
Und fertig.

13:53
Eben merke ich, der obige Text klingt pampig. So war’s gar nicht gemeint.

17:01
Eben fand ich eine edle Einladung des L.-Clubs im Briefkasten, dort 2011 einen Vortrag über meine schöpferische Arbeit zu halten.
Ui.
Muss noch ein wenig an meinen Manieren arbeiten bis dahin ; )

23:36
Drüben las ich eben diese Geschichte von den Affen

TTag, Mittwoch, 29. September 2010. … muss man ihm ins Auge sehen.

11:01
Er nimmt den Zeitungsausschnitt zur Hand, der immer noch auf meinem Tisch herumliegt. „Du siehst zu harmlos aus auf dieser Zeichnung.“
„Der Beitrag ist gut, aber das Porträt hätte ich lieber selbst gezeichnet.“
„Deswegen hast Du ihn wieder runtergenommen?“
„Es passt einfach nicht zu Tainted Talents, einen Zeitungsartikel über mich einzustellen. Es ist ein Webtagebuch, keine Selbstdarstellungsmappe.“
(Lustig, das Wort Mappe. Ein Pappmaul, das sich über Dokumenten schließt)
Anyway. Eigentlich wollte ich etwas über Privatsphäre sagen. In Weblogs. Obwohl ich lachen muss: Weblogs sind einfach nicht diskret, nicht jene, die unter realen Namen geführt werden. Man zeigt sich. Und setzt sich, mit allen Vor- und Nachteilen, die das hat, aus. Abwägungssache: ich beispielsweise will unter Pseudonym nicht arbeiten – widerspräche meinem Naturell. Was ein Spiel mit solchen nicht ausschließt, doch dann mach’ ich’s als Spiel kenntlich.
Andere Personen nenne ich hier auf TT nicht beim Namen – außer in Absprache. Die meisten wollen anonym bleiben. Sollen sie. Man siezt sich hier. Ein legitimer Puffer vor dem allzu privaten.
Natürlich gibt es Andere. Es kann zum Konzept gehören, kein Blatt, auch kein virtuelles, vor den Mund zu nehmen. Trifft man sich mit einem solchen Autor, kann man damit rechnen, am nächsten Morgen in dessen Weblog aufzutauchen. Vielleicht fühlt man sich erstmal merkwürdig dabei: als ich heute drüben bei ANH meinen Namen las, zuckte ich kurz zusammen. Obwohl ich’s ja weiß, schließlich lese ich dort seit langer Zeit, so laufen die Hasen eben in Die Dschungel. Schreiben Sie nichts darüber, hätte ich sagen können. Aber warum? Außerdem war’s eine schöne Begegnung, und mein Dschungelbuch ist jetzt auch da, wo es hingehört ; )
Den einen, wichtigen Satz über Diskretion im Netz hab’ ich bisher nicht zu fassen bekommen: er hängt noch weiter unten fest – da, wo auch das schwarze Schaf ist. Werde später noch einmal nachsehen; falls es ihn nicht gefressen hat, füge ich ihn noch an.
Würde mich allerdings auch mächtig interessieren, was Sie dazu denken, werte Leser:innen.

14:27
Immer noch nicht…

16:54
Also, solange das Schaf da steht, kann ich unmöglich…

19:32
Aber Hauptsache nicht vorbeschaft.

(Sorry. Mein Gehirn springt heute umeinander wie ein Haufen Flöhe)

00:11
Früher, als ich noch häufiger in der Werbung arbeitete, galt folgende Regel: Tiere funktionieren eigentlich immer. Man findet sie süß/will sie beschützen, oder gefährlich/will sich identifizieren. Das Problem? Die Kunden merken sich das Tier, nicht das Produkt.
Für meinen heutigen Textbeitrag gilt das auch: Das Schaf hat haushoch gewonnen.