Gummizügel. Dienstag, 22. März 2011

Bin noch überreizt von Klein- und Großwelt, die Zügel schnalzen mir aus den Händen, die Selbstdisziplin liegt unter irgendeinem dieser Bücherstapel, erstmal raus, Sonne aufs Gehirn. Bis später.

13:31

14:38

(Trepanation irgendwie schief gelaufen)

20:26
War ja klar, wo ich sie finde, die Selbstdisziplin: sie lag unter dem “Pflicht”-Stapel. Arbeite mich gerade in ein Projekt ein, das ich im Rahmen meiner redaktionellen Tätigkeit für die Stiftung verstehen und vertexten muss. Der “Kür”-Stapel liegt noch so, wie ich ihn nach der Buchmesse aufgeschichtet hab’, doch der muss warten.
Hm. Bis Mitte April auch noch haufenweise Seminare. Komme mir gerade etwas geharkt vor. Vermisse Wildwuchs. Waghalsigkeit. Wonne. Mein Atelier. Nu gut, hilft nix, ich mach’ mal weiter…

Nachtrag: falls Sie sich, geschätzte Leser:innen, fragen sollten, ob ich mich nicht geniere, aus meinem Arbeitskosmos zu schreiben, anstatt mich auf’s brisante Weltgeschehen zu beziehen – ja, tu ich. Will mich aber nicht zwingen. TT ist, was es ist.

Vom Tragen. Montag, 21. März 2011

Concurrere. Was man zu bieten hat: Schaf soff. Zettel des Tages : hier.
Immer die Anderen. Wie man sich trägt. Wie man klarsichtig ist und an sich selbst nicht klein wird. (Oder zum Wasserkopf) Dazwischen Kitsch: Hunderte als Mangafiguren verkleideter Jugendlicher zwischen ätherisch und Füllenspeck, die kommen umsonst rein. Olga dagegen gewandt und so klug, Pagenkopf und Sonnenbrille, erst Abends im Hotel nimmt sie die ab. Ich trug Schaf. (Selbst ich vergaß, wie schwer es in meinen Armen lag, da es so freundlich übersehen wurde) Ulrich Holbein, gesehen, gesprochen, verschroben, zum Merken. Eh toll: Gezeichnete. Defekte, Prothesen, Überspielungen, sich aus dem Kreuz herausbiegen. Wie man einträgt: diese sich selbst, jene nur ihr Programm, die Hallen durchpflügt von Mähmaschinen, die ihre Ernte taxieren, schnippschnapp und hopp. (Der Hüne bei der Arno Schmidt Stiftung indes trägt sein Jackett so lässig, dass man grinsen will.) Träum weiter, Zettel.
Ansonsten Impulskonkurrenzen, Punkte machen. Polkadots. Meine künftige Verlegerin trägt sowas nicht, dafür Lächeln und die heftigste Mähne der Stadt. Andere scheren sich den Schädel blank, wie Mimen ohne Haarversteck, noch die kleinste pulsierende Ader ins Licht tragend. Ich werde immer fremd sein. Das ist keine Koketterie. Ich kann Können nicht: da ist immer das Korkschaf, das obenauf schwimmt, nicht eindringt, wo ich tauchen will. Es hasst Straßenbahnen, Menschenmengen, nicht müde sein dürfen, und von Schlagfertigkeit wird ihm leider schwindelig. Es mag Firlefanz, ruhige Ecken und die Dinger von Sabine Scho. Auch Herbsts Bamberger Elegien, von elegant beringter Verlegerhand aus dem Fenster des Elfenbeinturms winkend. Den Gesichtsausdruck von Alea Torik (Halle 5, Gang 116), die helle Klugdachsigkeit von Schlinkert, Gregor, Christine, Johann, Peter, Alban, Ingo, Simone, Leander. Einzelne Menschen schaukel’ ich prima, Schaf auch, doch ich will mich ins Außen eintragen. Das ist der Plan. Nächstes Jahr um diese Zeit liegt dort mein eigener Roman: dann lernen Sie Ebba kennen. Die braucht kein Schaf, um ein Schwergewicht zu sein.

Eintag ohne Eintrag. Mittwoch, 16. März 2011.

.

00:03
Geschätzte Leser:innen, ich werde mich morgen zur Buchmesse nach Leipzig aufmachen. Auch besser so; ich krieg’ momentan eh den Kopf nicht richtig frei für anderes. Hab’ allerdings heute eine Schreibwerkstatt mit ziemlich schwierigen jungen Leuten ziemlich heiter (für die Beteiligten) abgeschlossen – also die Pflicht funktioniert noch, sogar so gut, dass ich gestern bis tief in die Nacht neue, nein, maßgeschneiderte Schreibübungen entwickelte. Die vorbereiteten, vielfach getesteten hatten die Aufmerksamkeit der jungen Leute nicht wecken können, die neuen indes waren ein voller Erfolg. Alles stabil bei uns soweit also…
Morgen dann raus. Ich mag die Leipziger Messe sehr. Und bekomme hoffentlich auch wieder Lust auf mein eigenes Schreiben. Bin die Alpträume leid.

Schutt

Heute Nacht stürzte ich von einem Berghang in die Tiefe. Nicht, ohne mich von meiner Familie zu verabschieden: sie standen an der Kante, während ich fiel. Nein, gewunken haben sie nicht. Ich fiel mit Bedacht, erwartete den Aufschlag, schlug auf. Sterben üben. So macht mein Hirn das. Es sterben grad so viele, da lässt man sich in seiner Hilflosigkeit nachts etwas einfallen. Wie Gift aus einer fremden Wunde saugen und selbst daran eingehen. Später kommt mir eine kleine alte Frau entgegen, immer noch adrett wie ein Veilchen. Sie legt sich hin. Meine Magengeige spielt, sagt sie noch. Als ich wieder hinsehe, lächelt sie.
Auch mixe ich Menschen, die aus schwer versehrten Stadtlandschaften fliehen, mit Rudeln, die auf Müllhalden leben: Kinder. Ratten. Vögel. Schutthalden schlucken Geräusche, sie riechen aber. Mir ist vom Sterben noch übel. Ich höre den Klang leerer Wasserkanister, die auf Kies gestellt werden, und ferne Baggermotoren. Ich denke: Atom. Ein Männername. Atom Egoyan, guter Filmemacher. Selbst, während ich nur atme, denke ich: Atem. Alles ist Scherenschnitt in diesen Tagen, harte Konturen, im Inneren schwarz. Die Narzissen auf meinem Schreibtisch sind riesengroß. Wie Mutanten, denke ich. Sie riechen schwül, als sei schon Sommer.

Ent-erdet. Sonntag, 13. März 2011

Manchmal ist das Außen so übermächtig, dass das tägliche Apfelbäumchen die Wurzeln einrollt und sich weigert, gepflanzt zu werden. Seit Tagen geht mir das so. Ich schreibe drei Sätze und lösche zehn, die sieben noch unformulierten gleich mit. Von den nächsten drei lösche ich zwanzig – wenn ich so weiter mache, werde ich unsichtbar. Nun, es ist nicht das erste Mal, dass ich derart ins Schlingern gerate: immer dann, wenn mir die Außenperspektive zu massiv ins Gemüt drängt, die Membran zu durchlässig wird.
Ich weiß, wie ich da wieder herauskomme. Und bitte um etwas Geduld, geschätzte Leser:innen.

19:20
Ich lese hier und da: immer wieder unterbrochen von Überlegungen, warum jetzt dieses und kein anderes katastrophales Ereignis mir so die Gleise zerschmettert.
Vielleicht, weil meine Familie schon immer eine Anti-AkW Familie war, auch meine Großmutter mischte da kräftig mit, die bei uns im Hause lebte. Als Teenager war ich’s dann leid und zog mich aus der Farbe Grün zurück. Und erinnere mich noch gut, mit welch schlechtem Gewissen ich als Studentin meine erste Rolle Küchenpapier kaufte – so etwas umweltschädigendes hatte es im Elternhaus nicht gegeben. Auch laufendes Wasser war verpönt. Und Verpackungen. Heutzutage ist das ganze vermeintliche Biozeug in Plastik verpackt – meine Oma, würde sie noch leben, sie würde es den Supermarktsleitern vor die Füße werfen.

Tag des Schlupflids. Mittwoch, 9. März 2011

Manchmal, nicht selten sogar, sind Eingebungen begrüßenswert, im Falle des Schlupflids indes bin ich etwas ratlos. Ich meine, wozu braucht es einen eigenen Tag? Und wird man, es derart herausstellend, ihm überhaupt gerecht, seinen Eigen- und Besonderheiten? Sollte nicht eigentlich jeder Tag ein Schlupflidtag sein, oder zumindest jeder zweite? Wo findet man Orientierung, was Form und Maße anbelangt, und wie, zum Henker, verhindert man, dabei dem Diktat der Norm anheim zu fallen?
Ah! Viele Fragen und keine Zeit, mich drum zu kümmern, zwei Artikel für die Stiftung sind zu schreiben, die Aufgaben für das nächste Schreibseminar warten auf Überarbeitung, abends muss das Denktier dann auch mal Sport machen, sonst –
Mein Spieltrieb wird heute schmählich zu kurz kommen.
Also, los.

20:21
Keine Sorge, geschätzte Leser:innen – ich werde nicht wie eine alte Platte auf diesen Namenstagen hängen bleiben. War auch tatsächlich die einzige Portion Unfug, die heute drin war. Fertig jetze. Bevor ich morgen die Ateliertür aufschließe, nein, noch während ich die Treppen hoch steige, werde ich alles Angewandte, das ich heute andernorts geschrieben habe, in meinen inneren Pappkarton stopfen. Free the bees.