…. fragen, was Sie hier machen?
Ja, Sie!
Wenn Ihnen jetzt nicht sofort etwas Vernünftiges einfällt, ist das ein verdammt guter Grund, den Rechner runterzufahren und ins Freie zu gehen!
Yalla!
…. fragen, was Sie hier machen?
Ja, Sie!
Wenn Ihnen jetzt nicht sofort etwas Vernünftiges einfällt, ist das ein verdammt guter Grund, den Rechner runterzufahren und ins Freie zu gehen!
Yalla!
“Ich möchte mich verorten” sage ich. “Alle diese Jahre, und ich habe kein Haus.”
Sie sieht mich an. Komisch, da kenne ich sie so lange und merke eben erst, wie schön sie ist; offenbar hab’ ich ihr noch nie wirklich ins Gesicht gesehen. Fast türkis dieser Blick. Sind das goldene Einsprengsel da in ihrer Pupille? Ich fass’ es nicht: Die Frau hat Flitteraugen. Und einen so ruhigen Mund. Wie in einen Kahn möchte man sich reinlegen in den, auf den Rücken, und in die Sonne gucken. Dies aber ist ein Arbeitsgespräch.
“Die Leute sollen wissen, wo sie mich finden können” sage ich. “Ich seh’ mir das jetzt lange genug an, wie sie kommen und schreiben und wieder gehen, und danach kreuzen sich unsere Wege nie wieder. Fast schon zynisch, wie ich etwas in ihnen zum Keimen bringe und angieße und dann nie wieder Gelegenheit habe, daran anzuknüpfen.”
“Was schwebt dir vor?”
“Na, ein Haus. Regelmäßig geöffnet. Kontinuierlich Kurse, Biographiewerkstätten, Schreibanregungen, Veranstaltungen. Dazu eine Webpage, besser noch ein Weblog, auf dem die Akteure ihre Texte und Bilder veröffentlichen können. Mit mir als Bezugsperson.”
“Du kannst mit jungen Leuten umgehen…”
“Ich bin nah dran. Mein pubertäres Selbst ist von meinem jetzigen nur einen Schrittweit entfernt, ich komm’ da sofort hin, wenn ich will. Ich weiß ganz genau, wie es sich anfühlt, siebzehn zu sein. Viele dieser alten Gefühle drängen sich auch heute noch in mein Handeln, wenn ich nicht aufpasse.”
Sie geht darüber hinweg.
“Willst du nur mit ausländischstämmigen Jugendlichen arbeiten?” fragt sie.
“Die anderen nehme ich auch.”
“Und mit Alten?”
“Ich stell’ mir sogar vor, dass wir die Kurse mischen, gar nicht auf Kategorien festlegen, keine Etiketten, nichts mit Migranten oder Frauen oder Senioren, einfach gemischte Gruppen.”
(…)
“Wie willst du werben? Wird das dann nicht zu breit vom Angebot her?”
“Gib mir Kontinuität und einen Ort, den ich besetzen kann. Den Rest kannst Du mir überlassen. Ich trage das mit meiner Person. Die Kurse und die Kommunikation nach außen.”
“Ich habe eine Idee, wie wir’s machen können” sagt sie. “Wenn du etwas Zeit hast. Könnte noch ein- zwei Jahre dauern, bis wir’s fix haben. Das Ding ist noch im Bau.”
“Wer wird darüber entscheiden?”
“Ich.”
“Gut.”
“Wir machen das” sagt sie.
“Es ist nicht eilig. Aber ich will langsam friedlich werden, verstehst du?”
“Ja” erwidert sie.
“Ich wurde nur dafür geliebt, dass ich die Bedürfnisse der anderen erfüllte. Ich komme aus einer Familie, in der Wut nicht erlaubt und Übergriffigkeit normal war. Die Grenzen der Anderen waren wichtiger als meine eigenen und wurden besser verteidigt, als ich meine verteidigen konnte.”
Aus einer privaten email-Korrespondenz vom 21. April 2011
Das Frühlingsschaf
tritt gern ins Freie:
Wiese, Freiheit, reichlich Bläue!
Das Schaf streift weit umher –
da werden die Hufe schwer.
Am Gatter kommt es jäh zum Stehn:
Ist es nicht nicht edel, ist es nicht schön?
Ist es nicht aufrecht und stabil?
Schaf überkommt ein Schafgefühl.
Mit einmal ist es schwer verknallt
in dieses Gatter:
Endlich Halt.
13:41
Stellen Sie sich nur mal kurz vor, morgen wäre unser aller letzter Tag auf Erden, und Sie hätten noch nie ein Schafgedicht geschrieben. Noch nicht mal ein kleines! Wäre das nicht traurig? Worauf also warten Sie noch?
(Meins kam mir übrigens heute Morgen, als ich einen Artikel über die “wahren Finnen” las. Tja, da sehen Sie mal wieder, was passiert, wenn TT sich mit Politik beschäftigt…)
19:18
Hiermit verleihe ich meiner Begeisterung Ausdruck, geschätzte Mitdichter:innen. Zu was man alles fähig ist, nicht wahr, wenn …
“… man Waschpulver in den Brunnen schüttet?”
“Nein.”
“Man ins Gras beißen darf, ohne dass was Schlimmes passiert?”
“Schon besser.”
Sie brechen durch die Fassade, um mir einen Balkon an die Wohnung zu hängen. Wohnung im Ausnahmezustand, Geräuschpegel ebenfalls. Roter Backsteinstaub überall. Die Umstände sind zum Schreiben ungeeignet; ich verzieh’ mich ins Freie. Ein Hund wäre gut. Bin mürrisch. Sauviel zu tun. Mein Geduldspuffer ist gerade ziemlich abgeschabt.
18:35
Sò. Gehantelt ist. Vorsichtig die Wohnung wieder betreten: noch Handwerker drin? Nö. Also zwei der fünf bis morgen Abend zu schreibenden Texte geschrieben, ein wirklich erstklassiges Projekt für 2012 mit einer starken Frau eingefädelt (die auch die Fäden in der Hand hält, um das durchziehen zu können), ersten Text mit Lob und Minimalkorrekturen zurück erhalten, korrigiert, erneut versandt, mit Frau Mama telefoniert, zweiter Text ohne Korrekturen abgenickt, mit einem lieben Freund geskyped, mails beantwortet, sodann die Balkontür inspiziert (hat noch keinen Griff, weil draußen noch kein Balkon vorhanden), Schreibtisch aufgeräumt, gekocht (Tofu und grüne Bohnen, wer bringt mir (sabber) ein Steak vorbei??), Buchhaltung erstes Quartal sortiert, Material für nächsten Text bereitgelegt. Weiter geht’s. Viel angenehmer als morgendlichen to-do-Listen hinterher zu hetzen ist ja, stattdessen abends kurz zu notieren, was man geschafft hat.
Keine Angst, geschätzte Leser:innen! Ich werd’ mir das nicht zur Gewohnheit machen hier auf TT.
Manchmal ist’s nur einfach so, dass alles Hehre, das zu tun man imstande wäre, in diesem W u s t von extrem sinnvollen Erledigungen einfach zu Schlick wird. Dafür kann man sich dann prima hassen.
Oder weiterbuddeln ; )
(Dauert noch… ; )
19:09
(“… Dann aber morgen!”)
Manchmal frag’ ich mich ernsthaft, wie das gehen soll, erleben und erschreiben gleichermaßen intensiv hinzukriegen, als Nichtworkaholic. Denn ich brauche auch Müßiggang, so zwischen Tat und Schrift. Früher nannte man das “ruhen”, eine gesellschaftlich anerkannte Tätigkeit, vor allem für die Dame.
Nun, diese Dame hier zieht sich jetzt erstmal wieder in den Salon zurück und lächelt ein bißchen vor sich hin. Ganz ohne Finger und Tastaturen. Der Leib will ruhen? Soll er.
“Du warst schon immer hochmütig” behauptet der Athlet.
“Quatsch.”
“Und wie. Du bist eine ‘dann eben nicht’ – Frau.”
“Was soll das heißen?”
“Du erwartest, dass die Menschen sich so verhalten, wie du es dir vorstellst. Tun sie’s nicht, lässt du sie fallen.”
“Du verwechselst mich mit jemandem” sage ich.
“Unmöglich.” Der Blick, den er mir zuwirft, ist hochmütiger, als meiner je sein könnte. Lange her. Er ist um keinen Tag gealtert, der Mistkerl, wie macht er das? Oh, ich weiß, wie. Ich lege mein Messer neben dem Steak ab, tupfe mir die Lippen.
“Ziehst du dein Hemd aus?” Ich will das sehen. Die rippeln sich ja geradezu unter dem Stoff.
“Was bietest du?”
“Ich widme dir meinen nächsten Roman, reicht das?”
Da ist er wieder, dieser Blick. “D’accord” grinst er.
“Bei dem Preis sollte ich es eigentlich selbst ausziehen dürfen.”
“Bedien’ dich.”