Zwischen uns

Es gibt da eine Sache, die mir nachgeht. Zu der ich gerne noch etwas sagen würde und Sie vielleicht auch. Wer weiß.
Komme aber erst nachmittags dazu, weil, heute Vormittag warten neunundzwanzig Zwölfjährige auf mich. Eine Altersgruppe, mit der ich noch nicht viel Erfahrung habe. Und dann gleich so viele auf einmal. Jaul.

Guten Morgen, allerseits!
Und bis später.

Nieder mit der Supervision!

Zwölfuhrdreizehn. Mal wieder nicht schnell genug, kommentiert mein innerer Supervisor. Andere, sagt er, sind um diese Zeit intellektuell schon volles Rohr am Produzieren, und Du? Immer noch am Gedankenfischen?
Ich konzipiere, grolle ich. Morgen geht’s wieder ran an die kids. Neue Truppe. Ich nehm’ das ernst.
Ich auch, sagt mein Supervisor. Aber wenn Du elende Schleichkatze mal einen Zahn zulegen würdest, könntest Du Dich endlich den achtzig angefangenen Spinnereien widmen, mit denen Du mir hier die Basis blockierst.
Halt’s Maul, schnappe ich. Lass’ mich arbeiten.

Der IQ, schreibt der vorletzte SPIEGEL, steigt nach neuesten Tests an Kindern seit Jahren beständig an; die neuen Generationen werden kontinuierlich schlauer. Dass das so ist (sei??), stünde nicht einfach für besseres Denkvermögen, sondern für einen modernen, wissenschaftlich geprägten Denkstil, im Gegensatz zum praktisch-konkreten früherer Jahre. Beim Lesen überfällt mich nagender Zweifel, ob mein Denken nicht doch der letztgenannten, plastischen Methode frönt, obwohl ich mit vier an einem Institut mit bemerkenswerten Ergebnissen getestet wurde. Scheint alles paletti zu sein mit meinem Gehirn, auch wenn ich die Unterlagen vor einiger Zeit mal in die Finger bekam und keine meiner Antworten verstand, geschweige denn die Auswertung derselben. (Wer warst Du, kleine Phyllis?)
(Kenia holt einen Prozentpunkt pro Jahr auf, übrigens.)
Regentag. Eben brachte ein ziemlich hübscher Kurier ein kleines Päckchen, darinnen ein Miniaturflacon des Parfüms, das ich seit vielen Jahren als den unwiderstehlichsten Männerduft aller Zeiten einstufe. Der Flacon ist Bestandteil einer geheimen Versuchsanordnung, für die mir momentan die Zeit fehlt. Nein, die Verfasstheit, präziser noch, die emotionale Intelligenz. Aber dieser Duft! Irre. Wer braucht da noch IQ.

Ich wünsche einen trotz Regenbefall melancholiefreien Tag, geschätzte Leser:innen!
Und mach’ mich mal an die Kursvorbereitungen für morgen.
Die Pädagogin, mit der ich eben telefonierte, sagte, von ihren dreiundzwanzig Schüler:innen würden sich ihrer Einschätzung nach sechs bis sieben auf das Schreibtraining mit mir einlassen.
Und die anderen?, fragte ich.
Die Gruppe ist sehr heterogen, erwiderte sie.
D a s Wort kenne ich schon von Pädagogen… : )

Intensität und Übersetzung, erste Mitteilung

Bin auf der Suche nach neuen Wegen, wie sich im Draußen erlebte Intensität hier auf TT mitteilen lässt, ohne indiskret zu werden, zu privat und zu unübersetzt. Zudem bin ich auch leicht erschöpft, mes amis. Ein Freund merkte vor ein paar Tagen an, die Gedankentiefe habe nachgelassen auf TT, wir Schreibenden seien uns im Atelier in letzter Zeit so einig und gewogen, da ließe Schärfe nach und Relevanz.
Ob es meinen Beiträgen an Tiefe fehle, fragte ich.
„Nein“, erwiderte er, „die haben nicht an Dringlichkeit verloren, außer an jenen Tagen, an denen es offensichtlich nur für ein Lebenszeichen langt. Die Kommentarebene – auch Ihre! – ist allerdings…“
„…Freundlich, ja. Gutgelaunt. Ein wenig oberflächlich manchmal.“
„Was durchaus daran liegen mag, dass es Ihren Gästen ebenso geht wie mir: einen fundierten Kommentar zu schreiben braucht mehr Muße, als ich für gewöhnlich habe…“
„Glauben Sie, ich nähme mich davon aus?“ frage ich. „Ein gut gedachter und formulierter Text nimmt Stunden in Anspruch, ein ambitionierter Kommentar ebenso. Ich weiß einfach oft nicht, wo die Zeit hernehmen.“

Der Mann, mit dem ich frühstücke, nennt mich neuerdings Wuselwipp.
Wenn das mal kein Name ist.

Grübelkoller, ff

Hat jemand ein Gegenmittel?
(Und jetzt sagen Sie bloß nicht, ich solle Sport treiben oder meditieren, denn beides gehört bereits zu meinem Tagesablauf…)

Irgendetwas läuft gerade unrund, ich weiß nur noch nicht, was. An meinen zunehmenden Lehrtätigkeiten liegt’s nicht – die sind erfüllend. Muss Ihnen später unbedingt noch erzählen, wie sich gestern Morgen das Blatt wendete in dieser zu Anfang so widerstrebenden Gruppe. Was für ein Geschenk, wenn so etwas passiert.

Dennoch Grübelkoller. Oder vielleicht gerade deswegen.

*seufz*

Hochsaison

Biographieworkshop mit Halbstarken diese Woche: die Jungs indes haben zero Interesse für wohlmeinende Projekte – außer jenem, die Mädels in der Gruppe auf Touren zu bringen. Gegen d i e Energie muss eine erstmal ankommen als Schreibtrainerin! Trete heute im Spezialdress auf, weite Kung-Fu Hose in Schwarz, eng anliegendes ärmelloses Shirt, ebenfalls schwarz, klotziger Schmuck, Sneakers. Dazu einige seltsame Objekte zur Klangerzeugung. Die sind sehr nötig, um gegen die Grundlautstärke anzukommen. Ein As hab’ ich auch noch im nichtvorhandenen Ärmel. Mal sehen, ob’s klappt.
Werde berichten! : )

20:08
Ah, wie ich das Schneckendasein grad’ vermisse! Bin noch voll in den Vorbereitungen für den morgigen Workshoptag. Hab’ heute so laut geschrien, dass der Putz von den Wänden…
da waren die Jungs ruhig. Sahen plötzlich zufrieden aus. Ein Mädchen sagte: “Jetzt bist Du zum ersten Mal ausgeflippt.” Sie lächelte. Ein anderes kam später zu mir und sagte: “Das hast Du genau richtig gemacht, die verstehen nix anderes.” Und was für eine Sozialkitschtante wäre ich, wenn ich ihnen nicht geben würde, was sie verstehen? Hm? Ich bin keine Magierin, kann keine Muster rückgängig machen. Noch nicht einmal aufweichen. Nicht in einer Woche…
… und wer weiß, ob ihnen das gut bekommen würde. Da, wo diese jungen Männer beruflich hingehen, müssen sie auf Zack sein. Schreiben? Nebensache. Wenn überhaupt. Ich arbeite mit jungen Menschen jeglicher Couleur, und gerne.
Die Sache ist ja die: ich mag auch Rasselbanden und die, ihrerseits, mögen mich auch. Sie wären nur lieber woanders und ich bin die Barriere.
Trotzdem haben sie geschrieben. Manche wildes Zeug, andere Erinnerungen. Haben schon viel erlebt. Ein Mädchen schrieb ihrer verstorbenen Großmutter einen Brief, der mich nach Luft schnappen ließ. Ein junger Mann, der keine drei Minuten still sitzen kann, schrieb mit großer, krakeliger Schrift die Beschreibung einer Drogenübergabe, hatte seinen Spaß dabei. Ich eigentlich auch.

Na, mal sehen, wie es morgen wird. Ich weiß nur eines: wenn die am Ende der Woche ihr selbst gebundenes Buch mit ihren Texten in der Hand haben, sind sie stolz. Ich mach’ diesen speziellen Kurs seit über zwölf Jahren. Der Moment, in dem sie aus ihrem Buch vorlesen, ist Belohnung für alle – nicht nur für mich. Bis dahin: durchhalten.
Und manchmal rumschreien : )

Frisch getippt …

… und abends gleich damit auf die Bühne damit, mit Hut und Haaren.

Eben vom Kreativen TSchreiben in Neuss zurück, stolz auf die neun jungen Leute in meinem Seminar, die bis vier Uhr morgens feiern und dann immer noch tolle Texte schreiben können.
Ich nicht! Bin keine sechzehn mehr. Deswegen war’s das auch für heute von mir : )

Schönen Sonntagabend, allerseits!
Miss TT sinkt jetzt voll deep in die Badewanne.