Hochsaison

Biographieworkshop mit Halbstarken diese Woche: die Jungs indes haben zero Interesse für wohlmeinende Projekte – außer jenem, die Mädels in der Gruppe auf Touren zu bringen. Gegen d i e Energie muss eine erstmal ankommen als Schreibtrainerin! Trete heute im Spezialdress auf, weite Kung-Fu Hose in Schwarz, eng anliegendes ärmelloses Shirt, ebenfalls schwarz, klotziger Schmuck, Sneakers. Dazu einige seltsame Objekte zur Klangerzeugung. Die sind sehr nötig, um gegen die Grundlautstärke anzukommen. Ein As hab‘ ich auch noch im nichtvorhandenen Ärmel. Mal sehen, ob’s klappt.
Werde berichten! : )

20:08
Ah, wie ich das Schneckendasein grad‘ vermisse! Bin noch voll in den Vorbereitungen für den morgigen Workshoptag. Hab‘ heute so laut geschrien, dass der Putz von den Wänden…
da waren die Jungs ruhig. Sahen plötzlich zufrieden aus. Ein Mädchen sagte: „Jetzt bist Du zum ersten Mal ausgeflippt.“ Sie lächelte. Ein anderes kam später zu mir und sagte: „Das hast Du genau richtig gemacht, die verstehen nix anderes.“ Und was für eine Sozialkitschtante wäre ich, wenn ich ihnen nicht geben würde, was sie verstehen? Hm? Ich bin keine Magierin, kann keine Muster rückgängig machen. Noch nicht einmal aufweichen. Nicht in einer Woche…
… und wer weiß, ob ihnen das gut bekommen würde. Da, wo diese jungen Männer beruflich hingehen, müssen sie auf Zack sein. Schreiben? Nebensache. Wenn überhaupt. Ich arbeite mit jungen Menschen jeglicher Couleur, und gerne.
Die Sache ist ja die: ich mag auch Rasselbanden und die, ihrerseits, mögen mich auch. Sie wären nur lieber woanders und ich bin die Barriere.
Trotzdem haben sie geschrieben. Manche wildes Zeug, andere Erinnerungen. Haben schon viel erlebt. Ein Mädchen schrieb ihrer verstorbenen Großmutter einen Brief, der mich nach Luft schnappen ließ. Ein junger Mann, der keine drei Minuten still sitzen kann, schrieb mit großer, krakeliger Schrift die Beschreibung einer Drogenübergabe, hatte seinen Spaß dabei. Ich eigentlich auch.

Na, mal sehen, wie es morgen wird. Ich weiß nur eines: wenn die am Ende der Woche ihr selbst gebundenes Buch mit ihren Texten in der Hand haben, sind sie stolz. Ich mach‘ diesen speziellen Kurs seit über zwölf Jahren. Der Moment, in dem sie aus ihrem Buch vorlesen, ist Belohnung für alle – nicht nur für mich. Bis dahin: durchhalten.
Und manchmal rumschreien : )

4 Gedanken zu „Hochsaison

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