Unvergessen:

Der Kaiser und Spätstoiker Marc Aurel, geboren 121(!) nach Christus.
Weil ich in seiner Schrift “Selbstbetrachtungen” das Konzept der multiplen Persönlichkeit vorgefunden habe. Und da der Kaiser meiner Aneignung nicht mehr widersprechen kann, lest mal diesen Auszug:

… “Was für einen Gebrauch mache ich eigentlich jetzt von meiner Seele? In jedem Einzelfall sollte man sich danach fragen und darauf prüfen: Was geht jetzt in diesem Teile von mir vor, den man den herrschenden nennt, und was für eine Seele habe ich zur Zeit? Doch nicht die eines kleinen Kindes, eines unreifen Knaben, eines schwachen Weibes oder die eines Tyrannen, eines Haus- oder Raubtieres?”

(Na ja, die Sache mit dem schwachen Weib müssen wir ihm durchgehen lassen)

Sehr interessantes Buch auf jeden Fall. Kurze Gedankenpäckchen, man kann einfach irgendwo aufschlagen und loslesen. Insgesamt geht es ihm um den Willen der “Weltvernunft”, den man bejahend in den eigenen aufnehmen möge. Muss beruhigend sein, daran zu glauben, dass die Welt eine übergeordnete, von unseren Bemühungen unabhängige Qualität von Vernunft besitzt.

Der Rand

Die meisten Menschen sind dann isoliert, wenn gerade kein interessantes „Außen“ stattfindet. Im Prinzip bevorzugen sie das taktile Kruschel-Wuschel der Herde. Andere begeben sich in Gesellschaft, um später als Belohnung wieder unbehelligt sein zu dürfen. Sie bevorzugen es, für sich zu sein.
Haben sie besseres zu tun, als sich mit der Herde zu verbinden? Gilt die berühmte alte Regel noch, dass irgendwann (möglichst früh) zu entscheiden sei, ob man Wolf oder Schaf ist? (Was ist mit den dicken Wölfen und den wehrhaften Schafen?)

Die Frage ist doch, ob man sich an einem Rand, welchem auch immer, wohl fühlt.
Da, wo die Impulsfrequenz der sozialen Selbstverständlichkeiten und Anforderungen schwächer wird. Und wie man es sich leisten kann, am Rand zu bleiben, während so viele andere zum Inneren der Herde streben, mit suchenden Fingerspitzen hin zum Kern des gesellschaftlichen Organismus, dorthin, wo der Puls schlägt: Geteilter Status. Gleichgesinnte. Gemeinschaft mit anderen Fingerspitzen.
Unsere derzeitige Gesellschaftsauffassung beruht darauf, sich zu verbinden. Immer zu verbinden. Kontextualisieren, mitmachen, manifestieren.
Am Rand indes werden diese verbindenden Energien diffus. Dafür tauchen andere auf: Welche?

blogger-ehrgeiz

Ich weiss nicht, ob Ihr euch in diesen Welten bewegt und ob es euch überhaupt interessiert: Habe heute zum ersten Mal recherchiert, was andere blogger so treiben. Da gibt es Rankings. Hitlisten. Alle nur erdenklichen Tricks, die Besucherzahlen für das eigene Blog in die Höhe zu treiben. Ich hab’ drei Stunden damit verbracht, die blogs von wildfremden Leuten zu lesen. Kommentare. Links. Seitenhiebe. Ein paar lustige sind mir untergekommen. Ein paar ernsthafte. Es gibt jemanden, der sich hinter dem Pseudonym “Spreeblick” verbirgt, der scheint meiner layenhaften Recherche zufolge so etwas wie ein Guru unter den deutschsprachigen bloggern zu sein. Warum? Hatte heute nicht genug Muße, dieses Geheimnis zu ergründen. http://www.spreeblick.com
Die Leute scheinen viel Zeit zu haben. Und juckende Fingerspitzen. Ich jedenfalls komme zu dem Schluss, dass mir die Rankingmania eine Nummer zu aufwendig ist (schreibt man inzwischen übrigens wieder mit “e”). Wer mein etwas träges blog mag, kann es weiter empfehlen. Das muss genügen.

Kunstinteressiert?

Marc Spiegler, zukünftiger Direktor der Art Basel, schreibt ein Kunst-Blog, das sich gut lesen lässt und trotzdem fundiert ist. Trotzdem eher was für Insider. Naja. Ich hab’s gerade entdeckt und dachte, ich geb’s mal weiter.
Und wenn Ihr nur reinschaut, um Damien Hirsts juwelenbesetzten Totenkopf zu begutachten, der gerade in London Furore macht 🙂

http://www.artworldsalon.com/blog

Der berüchtigte freie Wille

“Es gibt keinen Masterplan”, sage ich zu einem Freund. “Niemand klopft dir auf die Schulter, wenn du diese Welt verlässt und sagt, bravo, du hast meinen Erwartungen entsprochen, jetzt sollst du dafür belohnt werden.”
Die Kunst ist, herauszufinden, was man von sich erwartet. Mit der Erfindung des Selbst schafft man sich seine eigene Realität. Niemand kann einem das abnehmen. Niemand kann einem sagen, wo man eigentlich hingehört. Wo man eigentlich stehen müsste:
In der Gesellschaft. Auf der Erfolgsleiter. Wo auch immer.
“Du bist deinem Talent etwas schuldig”, insistiert der Freund.
“Stimmt.”
“Du musst danach streben, Spuren in der Welt zu hinterlassen.”
“Tue ich doch.”
“Nicht genug!”
“Nein, nicht genug.”

Es ist so, dass er mir, an einem wichtigen Punkt in meiner Geschichte, noch einmal bewusst gemacht hat, dass es etwas zu wollen gilt. Man muss einen Willen entwickeln. Bei mir ist es, als habe sich dort, wo bei anderen Leuten der Willen sitzt, eine Art Phantom eingerichtet, ein flüchtiges Wesen, das sich gerne unsichtbar macht und im obskuren herumtreibt. Ich weiß nie, wo er sich gerade aufhält, mein Willen, deswegen ist es auch so schwer, mich auf ihn zu verlassen.
Ich glaube, ich muss ihn langsam mal an die Kandare nehmen. Ihn ausmachen, fixieren und mit fluoreszierender Farbe ansprühen, damit er sichtbar bleibt, auch Nachts.
Er wird sich wehren! Er wird sagen, du hast mich doch immer streifen lassen, warum jetzt nicht mehr.
Ich brauch dich, werde ich sagen.
Wofür? wird er fragen.
Du musst mal deinen verdammten Pflichten nachkommen, werde ich erwidern. Du spielst dich auf wie ein Teenager. Du lässt es zu, dass ich Sachen anfange und nicht zu Ende bringe, dass mich der Zufall umeinander wirft, dass ich mich von Leuten beeindrucken lasse, die mir nichts voraus haben als das: Dass sie einen Willen haben, während der meinige herumstreunt wie ein Fohlen.

passt

Sonntags kann man ja ruhig mal was lernen.
Hier fünf Wörter/Redewendungen, die in den Sprachgebrauch zurückgeführt werden sollten, meiner Meinung nach.

Der Ruhe pflegen – ein Schläfchen machen
Unbilden – Unannehmlichkeiten
Zu welchem Behufe – zu welchem Zweck
Maulheld – Angeber
Sich zu Gemüte führen – sich mit etwas beschäftigen

Ich bin ständig auf der Suche nach veralteten Begriffen. Wer Lust hat, mir ein Häppchen zukommen zu lassen, wäre meines Wohlwollens gewiss 🙂

Fixe Idee

Kommt mir vor, als hätte ich schon immer vor dem Rechner gesessen. Die letzten zehn Jahre ganz bestimmt. Wie eigenartig. Ich sollte mehr raus, einfache Sachen machen. Vor meinem Fenster ist eine enorme Baustelle, da ackern sie von morgens sieben bis abends. Ich könnte über die Straße laufen, mich in den Bagger setzen und ein paar Balkone von den Fassaden kratzen. Oder mit dem Schlauch, der aus der Zementmischmaschine ragt, die hässliche Grillhütte auf dem Hof vom Nachbarhaus ausgießen. Heute, ich geb’s offen zu, ist mir nach etwas ganz und gar unkonstruktivem.
Ob ich den Arbeitern heute Nacht etwas auf ihre Mischmaschine male? Ich sitz’ hier blass und weich in meinem Kubus, mir raucht der Kopf. Draußen scheint hemmungslos die Sonne. Ich glaub’, ich geh’ ins Sportstudio. Schluss mit der Schreiberei. Hat jemand Lust, ein paar Worte zu tippen? Ist ganz leicht. Nur zu. Oder ihr kommt heute Nacht vorbei und helft, die Zementmischmaschine zu bemalen. Einer muss es tun, so quittengelb kann sie nicht bleiben.

Über Nacht

hat das ewige Licht vor dem Foto meines Vaters weiter gebrannt. Ich hatte vergessen, es auszupusten – normalerweise tue ich das, bevor ich schlafen gehe. Ich träume wildes Zeug in diesen Wochen, seitdem er tot ist, die Erfahrung, ihn zu verlieren, hat mein Inneres aufschäumen lassen. Tagsüber regiert die Vernunft, doch mein Unterbewusstsein geht eigene Wege; es wirft mir die Brocken hin, nachts.
Manchmal habe ich das Gefühl, wenn ich mich nur weit genug strecke, die Vorstellung dessen, was ist, bis in seine feinsten Verästelungen in Besitz nehme, spüre ich ihn an den Rändern des Wahrnehmbaren. Sein Tod. Mein Leben. Nur ein paar Atemzüge voneinander entfernt.
Er hat mich immer angezogen, mein Vater. Warum nicht auch jetzt, durch alle Dimensionen hindurch? Existenz endet nicht. Es ist ja nicht er, der verschwunden ist, nur sein Körper hat sich verbraucht. Nichts und niemand geht mit dem Verlust der körperlichen Substanz verloren: Er ist nun wieder dort, wo alles ineinander fließt.
Wir schlüpfen in Fleisch und verlassen es wieder.
Das, was unsere körperliche Erscheinungsform, unsere Gestalt, an Möglichkeiten bietet, ist limitiert: Wie oft glaube ich zu spüren, wie groß der Raum des Wahrnehmbaren sein könnte, wenn der Geist nicht an die Begrenzungen des Körpers, des Gehirns, der neuronalen Pfade gebunden wäre, die sich in seiner Substanz ausprägen. In den Zeiten vor der Geburt und nach dem Tod, in denen wir keinen Körper innehaben, gibt es diese Beschränkungen nicht.
Im Verhältnis dazu sind die achzig oder hundert Jahre Leben in Gestalt ziemlich kurz. Aber das wunderbare, originäre, manifestierende kann man nur als Mensch erledigen. Eben, weil wir uns dann innerhalb der spezifischen Grenzen bewegen, die diese Form mit sich bringt. Wo keine Grenzen mehr sind, kann kein Widerstand entstehen, wo nicht gerungen wird, gibt es keine Entwicklung, kein Wachsen: Als körperlose Energie kann man noch nicht einmal eine Tür aufmachen. Geschweige denn Bücher schreiben, Raumschiffe bauen, Sex haben oder einen Witz erzählen. Das Fleisch limitiert uns; eben darin liegt seine Stärke.

Drittens: Originales Handeln

Wir machen Pläne. Und setzen automatisch voraus, dass es eine Struktur gibt, eine Gegenwart, die unsere Schritte trägt. Dass wir nicht einkrachen. Dass die Karte überschaubar ist. Horizontal.
Unser Bewusstsein ist nämlich faul.
Es arbeitet sehr ökonomisch; es spart Energie. Wer weiß denn, wofür man plötzlich einen Haufen Energie brauchen wird? Da ist es besser, möglichst viel davon in Reserve zu haben, denkt sich das Gehirn. Die Entscheidungen, die keine große Denkleistung erfordern, werden daher täglich und sekündlich automatisch getroffen. Das Bewusstsein hat dafür irgendwann einmal Handlungsmuster, so genannte “Mind Frames” angelegt, auf die wir jederzeit zugreifen können, ohne dass aktives Denken stattfindet. Neunzig Prozent unseres Handelns gehen so vonstatten. Automatisch.
Manche dieser Automatismen sind einfach: Eine Treppe hinuntersteigen. Ein Brot essen. Wir stolpern nicht, wir beißen uns nicht in die Finger. Das ist einfach. Kaum eine Handlung zu nennen, mehr reflexhaft. (Schönes Wort, “reflexhaft”: Man wird von den Reflexen in Haft genommen..) Durchaus nachvollziehbar, dass sich für solche Vorgänge nicht der ganze, mächtige Bewusstseinsapparat einschalten muss.
Komplexere Handlungen sind in bestimmten Regionen unseres Bewusstseins als etwas größere Päckchen abgespeichert, auf die wir ebenfalls jederzeit zugreifen können: Auto fahren. Uns in einer Menschenmenge bewegen. Mit Leuten auskommen. Prioritätenlisten erstellen. Diese Dinge sind schon schwieriger, aber immer noch reichlich automatisiert.
Wir denken nicht, während wir diese Handlungen vollziehen: Wir denken nach. Nicht ohne Grund gibt es diese beiden Bezeichnungen. Nach-denken bedeutet zurück-denken, zeitlich betrachtet. Wir beziehen uns dabei auf etwas, das schon angelegt und markiert ist in uns. Nachdenken bedeutet, gedanklich an einem bestimmten, festgelegten Punkt unserer Landkarte anzusetzen, ihn als gegeben zu akzeptieren, und von diesem Punkt aus Schlussfolgerungen zu ziehen, die zu einem bestimmten Ergebnis führen. Das Ergebnis ist zwar nicht vorherseh-, der Ausgangsspunkt scheint aber lokalisierbar. Wir verorten ihn auf unserer inneren Landkarte, dann marschieren wir los.
Was gibt es noch?
Jene Handlungen – seien sie praktisch oder rein theoretische Gedankengebilde – für die man immer wieder die Wahl hat, ob man automatisiertes Nach-Denken oder bewusstes Denken einsetzt: Kinder verstehen. Eine Vision entwickeln. Einen künstlerischen Akt vollziehen. An einem intensiven geistigen Austausch teilnehmen.
Wer hier innehält und sich weigert, auf automatisierte Denkmuster zuzugreifen, erhebt den Anspruch auf Originalität, aus welchem Grund auch immer. Und damit ent-ortet er sich. Er kann die Landkarte nicht wie gewohnt horizontal benutzen.
Oft ist das ein panikartiger Zustand. Von wegen Inspiration: Man fühlt sich schrecklich verloren, so ohne Markierung. Ohne Markierung kein Anfangspunkt, ohne Anfangspunkt kein Wissen, ohne Wissen kein Impuls, ohne Impuls keine Handlung. So fühlt es sich an. Man kommt nicht mehr von der Stelle.

Das Einzige, was jetzt helfen kann, ist die Vertikale: Das Oben und das Unten. Das Oben, um den Maßstab zu wechseln, um das, was scheinbar ist, außerhalb der gewohnten Perspektive zu betrachten. Das Unten, um jene Prozesse anzusteuern, die zwar unterbewusst, jedoch keineswegs automatisch ablaufen, um aus ihnen Überraschungsmomente zu extrahieren. Beide Richtungen haben keine Endpunkte.

Wie gelangt man in die Vertikale?
Eine Möglichkeit besteht darin, die Existenz von parallelen Wirklichkeiten anzuerkennen: Schicht um Schicht um Schicht, obenwärts und untenwärts, die sich ins Unendliche fortsetzen. In die Breite können sie sich nicht ausdehnen, die parallelen Wirklichkeiten, da laufen schon diese ganzen automatischen Prozesse ab, die Landkarte, die Markierungen.
Wer also in die Vertikale will, muss sich erheben, oder versenken. Und in jenem plötzlich dreidimensionalen Raum die Realitäten durchstreifen, all diejenigen, die, abgelegt aus alten oder zukünftigen Handlungssträngen, aus der Horizontale in die Vertikale übergegangen sind.
Und siehe da: Das ist die Gegenwart.