Der berüchtigte freie Wille

“Es gibt keinen Masterplan”, sage ich zu einem Freund. “Niemand klopft dir auf die Schulter, wenn du diese Welt verlässt und sagt, bravo, du hast meinen Erwartungen entsprochen, jetzt sollst du dafür belohnt werden.”
Die Kunst ist, herauszufinden, was man von sich erwartet. Mit der Erfindung des Selbst schafft man sich seine eigene Realität. Niemand kann einem das abnehmen. Niemand kann einem sagen, wo man eigentlich hingehört. Wo man eigentlich stehen müsste:
In der Gesellschaft. Auf der Erfolgsleiter. Wo auch immer.
“Du bist deinem Talent etwas schuldig”, insistiert der Freund.
“Stimmt.”
“Du musst danach streben, Spuren in der Welt zu hinterlassen.”
“Tue ich doch.”
“Nicht genug!”
“Nein, nicht genug.”

Es ist so, dass er mir, an einem wichtigen Punkt in meiner Geschichte, noch einmal bewusst gemacht hat, dass es etwas zu wollen gilt. Man muss einen Willen entwickeln. Bei mir ist es, als habe sich dort, wo bei anderen Leuten der Willen sitzt, eine Art Phantom eingerichtet, ein flüchtiges Wesen, das sich gerne unsichtbar macht und im obskuren herumtreibt. Ich weiß nie, wo er sich gerade aufhält, mein Willen, deswegen ist es auch so schwer, mich auf ihn zu verlassen.
Ich glaube, ich muss ihn langsam mal an die Kandare nehmen. Ihn ausmachen, fixieren und mit fluoreszierender Farbe ansprühen, damit er sichtbar bleibt, auch Nachts.
Er wird sich wehren! Er wird sagen, du hast mich doch immer streifen lassen, warum jetzt nicht mehr.
Ich brauch dich, werde ich sagen.
Wofür? wird er fragen.
Du musst mal deinen verdammten Pflichten nachkommen, werde ich erwidern. Du spielst dich auf wie ein Teenager. Du lässt es zu, dass ich Sachen anfange und nicht zu Ende bringe, dass mich der Zufall umeinander wirft, dass ich mich von Leuten beeindrucken lasse, die mir nichts voraus haben als das: Dass sie einen Willen haben, während der meinige herumstreunt wie ein Fohlen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.