Drittens: Originales Handeln

Wir machen Pläne. Und setzen automatisch voraus, dass es eine Struktur gibt, eine Gegenwart, die unsere Schritte trägt. Dass wir nicht einkrachen. Dass die Karte überschaubar ist. Horizontal.
Unser Bewusstsein ist nämlich faul.
Es arbeitet sehr ökonomisch; es spart Energie. Wer weiß denn, wofür man plötzlich einen Haufen Energie brauchen wird? Da ist es besser, möglichst viel davon in Reserve zu haben, denkt sich das Gehirn. Die Entscheidungen, die keine große Denkleistung erfordern, werden daher täglich und sekündlich automatisch getroffen. Das Bewusstsein hat dafür irgendwann einmal Handlungsmuster, so genannte “Mind Frames” angelegt, auf die wir jederzeit zugreifen können, ohne dass aktives Denken stattfindet. Neunzig Prozent unseres Handelns gehen so vonstatten. Automatisch.
Manche dieser Automatismen sind einfach: Eine Treppe hinuntersteigen. Ein Brot essen. Wir stolpern nicht, wir beißen uns nicht in die Finger. Das ist einfach. Kaum eine Handlung zu nennen, mehr reflexhaft. (Schönes Wort, “reflexhaft”: Man wird von den Reflexen in Haft genommen..) Durchaus nachvollziehbar, dass sich für solche Vorgänge nicht der ganze, mächtige Bewusstseinsapparat einschalten muss.
Komplexere Handlungen sind in bestimmten Regionen unseres Bewusstseins als etwas größere Päckchen abgespeichert, auf die wir ebenfalls jederzeit zugreifen können: Auto fahren. Uns in einer Menschenmenge bewegen. Mit Leuten auskommen. Prioritätenlisten erstellen. Diese Dinge sind schon schwieriger, aber immer noch reichlich automatisiert.
Wir denken nicht, während wir diese Handlungen vollziehen: Wir denken nach. Nicht ohne Grund gibt es diese beiden Bezeichnungen. Nach-denken bedeutet zurück-denken, zeitlich betrachtet. Wir beziehen uns dabei auf etwas, das schon angelegt und markiert ist in uns. Nachdenken bedeutet, gedanklich an einem bestimmten, festgelegten Punkt unserer Landkarte anzusetzen, ihn als gegeben zu akzeptieren, und von diesem Punkt aus Schlussfolgerungen zu ziehen, die zu einem bestimmten Ergebnis führen. Das Ergebnis ist zwar nicht vorherseh-, der Ausgangsspunkt scheint aber lokalisierbar. Wir verorten ihn auf unserer inneren Landkarte, dann marschieren wir los.
Was gibt es noch?
Jene Handlungen – seien sie praktisch oder rein theoretische Gedankengebilde – für die man immer wieder die Wahl hat, ob man automatisiertes Nach-Denken oder bewusstes Denken einsetzt: Kinder verstehen. Eine Vision entwickeln. Einen künstlerischen Akt vollziehen. An einem intensiven geistigen Austausch teilnehmen.
Wer hier innehält und sich weigert, auf automatisierte Denkmuster zuzugreifen, erhebt den Anspruch auf Originalität, aus welchem Grund auch immer. Und damit ent-ortet er sich. Er kann die Landkarte nicht wie gewohnt horizontal benutzen.
Oft ist das ein panikartiger Zustand. Von wegen Inspiration: Man fühlt sich schrecklich verloren, so ohne Markierung. Ohne Markierung kein Anfangspunkt, ohne Anfangspunkt kein Wissen, ohne Wissen kein Impuls, ohne Impuls keine Handlung. So fühlt es sich an. Man kommt nicht mehr von der Stelle.

Das Einzige, was jetzt helfen kann, ist die Vertikale: Das Oben und das Unten. Das Oben, um den Maßstab zu wechseln, um das, was scheinbar ist, außerhalb der gewohnten Perspektive zu betrachten. Das Unten, um jene Prozesse anzusteuern, die zwar unterbewusst, jedoch keineswegs automatisch ablaufen, um aus ihnen Überraschungsmomente zu extrahieren. Beide Richtungen haben keine Endpunkte.

Wie gelangt man in die Vertikale?
Eine Möglichkeit besteht darin, die Existenz von parallelen Wirklichkeiten anzuerkennen: Schicht um Schicht um Schicht, obenwärts und untenwärts, die sich ins Unendliche fortsetzen. In die Breite können sie sich nicht ausdehnen, die parallelen Wirklichkeiten, da laufen schon diese ganzen automatischen Prozesse ab, die Landkarte, die Markierungen.
Wer also in die Vertikale will, muss sich erheben, oder versenken. Und in jenem plötzlich dreidimensionalen Raum die Realitäten durchstreifen, all diejenigen, die, abgelegt aus alten oder zukünftigen Handlungssträngen, aus der Horizontale in die Vertikale übergegangen sind.
Und siehe da: Das ist die Gegenwart.

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