Zweitens: Die Furcht

Stattdessen stellen wir uns Handlungen eher als Weichenstellungen auf einer inneren Landkarte vor. Falls wir uns überhaupt etwas vorstellen: Massive Selbstreflexion behindert Handeln. Wenn man Pech hat, fabriziert man sich einen Stau auf einer bislang völlig leeren Bewusstseinsautobahn. Was sich da von einer Sekunde auf die andere alles auftürmt! Furcht erregend kann das werden. Manche tendieren deshalb dazu, fast völlig auf Verbildlichung ihrer Denkprozesse zu verzichten. Für die anderen gilt – die Landkarte, die Landschaft, was auch immer, entsteht aus unserer Wahrnehmungsleistung. Man kann links, rechts, geradeaus oder zurück gehen und glauben, es sei immer die gleiche. Wir markieren die Punkte auf der Karte, an denen wir Richtungs-Entscheidungen getroffen haben (oder welche für uns getroffen wurden), mit besonders intensiven Erinnerungen und Bildern. Manchmal gehen wir dorthin zurück, vergegenwärtigen uns, wie es zu einer bestimmten Entscheidung kam. Wir finden den Weg zurück, weil wir ihn markiert haben. Ein Bild. Ein Objekt. Ein Datum.
Auch nach vorne, in die Zukunft projiziert, gilt oft: Ein Bild, ein Objekt, ein Datum. Wir markieren unsere Handlungsstränge nach vorne und nach hinten. So orientieren wir uns. Die Gegenwart? Nehmen wir kaum wahr. Verharren, da doch das Herz ständig weiter schlägt, der Atem eingesogen wird und wieder entweicht, die Lider regelmäßig auf- und nieder klappen? Wie soll das gehen? Wäre das nicht Stasis?
Nur die Toten wissen, was Gegenwart ist. Alle anderen fürchten sie, weil es zu viel schöpferische Energie erfordern würde, sie herzustellen. Und weil sie in ihrer Natur diffus ist: Wir haben keine Möglichkeit, sie zu markieren. Wir können nur nach vorne und nach hinten markieren, Vergangenheit und Zukunft. Also lassen wir sie lieber ganz weg, die Gegenwart. Sie bringt weder Orientierung noch Gewinn. Oder?

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