args,

ich schreib so kitschiges Zeug im Moment! (Peitsch!)
Dieser verdammte Januar. Jedes Jahr dasselbe, eine Orgie der Gefühlsduselei.
Gebietet mir Einhalt, wenn’s zuviel wird 😉

Vier Wörter,

die mir heute ein leichtes Ziehen im Brustkorb verursachten:

Klarheit, die
Integrität, die
Gerechtigkeitssinn, der
Kühnheit der Visionen, die

Vier Attribute, die ein Autor namens Romain Leick im letzten SPIEGEL Simone de Beauvoir zusprach.
Ich las den Artikel so runter (ein ungewöhnlich saftiger, guter SPIEGEL war das übrigens letzte Woche, voller Dinge, über die ich gerne mehr wissen wollte, was durchaus nicht immer der Fall ist) – also ich las so den Artikel und dachte, wow.
Die Beauvoir. Stimmt. Diese Wörter passen zu ihr.
Und erinnerte mich daran, wie fasziniert ich war, als ich als junge Erwachsene zum ersten Mal in eines ihrer Bücher eintauchte: Ich glaube, es war ihr erstes, “Sie kam und blieb” heißt es im Deutschen.

Sie hat es, glaube ich, aus Wut auf J.P. Sartre geschrieben.
Egal. Wut ist ein prima Motor. Das Buch ist übrigens beeindruckend und ein ganz guter Einstieg in ihr Werk.

Aber das wollte ich gar nicht erzählen. Nicht wirklich.
Ich wollte euch eigentlich nur diese vier Dinger hier hinschreiben, bevor der SPIEGEL ins Altpapier wandert:

Klarheit. Integrität. Gerechtigkeitssinn. Kühnheit der Visionen.

Wie zynisch muss man werden, um solche Worter nicht mehr toll zu finden?

Aus den Aufzeichnungen eines Kugelfischs

Jener Freund, der mir immer wieder verkündet, die Welt verändern zu wollen: Er meint das genau so. Erstaunlich. Unnötig zu erwähnen, dass es ihm recht wäre, wenn ich dabei mitmachte. Er gehört nicht zu jenen, die sich in der Rolle des einsamen Helden gefallen.
Warum, frage ich. Was soll dieser Impuls, gleich die ganze Welt? Warum so groß? Verlierst du da nicht den Blick fürs Detail?
Mag sein, raunzt er. Aber Kleinklein machen zu viele, bringt nichts.
Du meinst, wenn schon, muss man das ganze Ding ins Auge fassen, sage ich. Den Planeten.
Yes.
Nun muss erwähnt werden, dass dieser Freund die Welt tatsächlich bereits verändert hat. Er macht eine Menge Spuren, weithin sichtbare, er hat Werte geschaffen und beeinflusst, Laufbahnen ins Rollen gebracht, gelegentlich auch ausgebremst. Ein Angeber ist er nicht.
Ich schon. Ich zähle mich zur Gattung der Kugelfische. Wenn mich die Lust an der Prahlerei packt, beäuge ich, was gerade so in meinem Leben herumtreibt, Plankton von Handlungen, sauge ein paar Liter davon ein und blase mich auf zu beeindruckender Größe. Die hohe Kunst des Angebens besteht darin, auch scheinbar belanglosen Dingen Bedeutung verleihen zu können. Was ist schon eine Tat? Ein fast unmerkliches Zucken im Gesellschaftskörper. Erst durch die flankierenden kommunikativen Maßnahmen gewinnt sie ihr Format.
Sagt mir, ob ich mich irre 😉

Ich sehe mich also befreundet mit jemandem, der allen Ernstes ankündigt, wichtige Dinge tun zu wollen, im großen Maßstab und mit dem Anspruch, damit die Richtung zu verändern, die der Gesellschaftskörper einschlägt. Ich selbst beobachte eher, was im Detail geschieht und entscheide im Nachhinein, was ich als wichtig ansehe, weiter interpretiere, dokumentiere, verknüpfe – und was ich ins Vergessen absinken lasse.

Um es einmal anders zu sagen – jener Freund will bestimmen, welchen Abzweigung der Gesellschaftskörper nimmt, während ich sehr zufrieden damit bin, als lebende Lupe auf demselben herumzutasten und zu untersuchen, wo er am interessantesten aussieht. Wie ihr euch vorstellen könnt, haben wir nie den gleichen Maßstab. Weder im Sprechen noch im Handeln.

Ich mag keine ehrgeizigen Leute, bemerkt er zu einem anderen Zeitpunkt.
Was soll denn das nun schon wieder heißen?
Die Ehrgeizigen! stöhnt er. Die sind anstrengend. Mit denen hast du keine ruhige Minute. Wenn sie noch jung und am Aufsteigen sind, zappeln sie dir endlos am Bein. Sind sie älter und glauben, sie könnten es mit dir aufnehmen, versuchen sie, dich mit ihren Flitzegedanken einzuwickeln und alles zum Strahlen zu bringen, bis du vor lauter Großartigkeit Kopfschmerzen kriegst.
Wie sollte man denn stattdessen sein, deiner Meinung nach? frage ich. Zu deutlich klingt mir seine Aufforderung in den Ohren, DEN neuen deutschen Roman zu schreiben. Und dafür (das denkt er selbstverständlich gleich mit) den Preis zu bekommen, DEN Preis, am besten natürlich Nobel oder so was. Von wegen kein Ehrgeiz: Mich betreffend hat er sich da nie irgendwelche Hemmungen auferlegt. Mit einem mächtigen Hieb soll ich mich durch das Dickicht des Mainstream hauen, weit ausholend, Bedeutung schaffend, FOKUSSIERT und klug, mein Stahl runter bis ins Magma, während rechts und links meiner Schneide die Redundanz wegspritzt!
Himmel und Arsch, Phyllis, es gibt schon zu viel Plauderton auf der Welt! höre ich ihn rufen.
Sogar jetzt.
Ehrlich gesagt, glaube ich, er macht sich was vor. Einer der Gründe, weshalb mir immer die Synapsen so nervös anschwellen, wenn ich mit ihm zusammen bin, ist nämlich genau der: Dass es in seiner Welt immer nur um Wettbewerb geht.

Ich hab nichts gegen Wettbewerb. Meinetwegen. Wettbewerb treibt viele Leute zu dem an, was sie tun. Das Normalbenzin der Gesellschaft sozusagen. Verblüffend ist aber doch, wie viel Irritation man mit der einen Frage anrichten kann, der Kinderfrage: „Warum“?
Warum das Buch schreiben wollen, das alle anderen zu Makulatur macht?
Warum andere an Klugheit, Schönheit oder Macht übertreffen wollen? Was passiert denn, wenn man’s ‚geschafft’ hat? (Abgesehen von der ganz offensichtlichen Tatsache, dass man es natürlich nie schaffen kann?)
Was passiert andererseits, wenn man sich die Frage stellt, ob das eigene Handeln tatsächlich für den Lauf der Welt von Bedeutung ist?

Okay. Ich sag’s euch.

….Nee.

Hab’s mir anders überlegt.

Mark Twain hat gesagt:

“Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen.”

Mich dünkt, da ist was dran. Nur, dass man überhaupt erstmal Wörter zusammengetippt haben muss, um die falschen darin identifizieren zu können.

Ich arbeite die ganze Zeit an einem Konzept für ein Seminar, dessen Struktur mich sehr beschäftigt; kaum hab ich einen Abschnitt einigermaßen im Griff, tun sich neue Möglichkeiten auf, das Ding noch weiter auszubauen, zu präzisieren, inzwischen weiß ich kaum noch, ob überhaupt in den letzten Stunden etwas verbessert worden ist.

Meine Schultern haben sich schon vor Stunden in Beton verwnadelt. (verwnadelt?) Ich glaub, die Stadt wird heut Abend auf mich verzichten müssen.
Schwärmt aus und sprecht an meiner statt, ja? Irgendeiner muss es tun. Ich geh in die Wanne.

hab

leider keine Zeit heute für Tainted Talents. Überhaupt keine.
Was euch aber nicht hindern soll, hier ein Sätzchen zu hinterlassen. Oder zwei. Ihr Unsichtbaren.

heftig anderweitig tippend, grüßend, wunden Auges in die Gegend winkend,

phyllis

von wegen “the power of now”

und dieser ganzen esoterischen Slogans, die einem in den letzten Jahren wie Kirmesballons unter die Nase gehalten werden: Den Aufruf zur Vergegenwärtigung hat Michel de Montaigne, französischer Schriftsteller und Philosoph, schon 1580 besser formuliert, als er in seinen Essays schrieb:

“Furcht, Verlangen und Hoffnung schleudern uns der Zukunft entgegen und berauben uns des Gefühls und der Wertschätzung dessen, was ist, um uns mit dem in Anspruch zu nehmen, was sein wird – selbst wenn wir nicht mehr sind. Unglücklich der Geist, der um Künftiges bangt.”

Das tät ich gerne noch kommentieren, 427 Jahre später.
Aber wie?
Vielleicht so:

Grüne Laterne

über folgenden link findet ihr findet ihr das Superhero-Quiz bei dem ihr rausfindet (endlich, gell?) zu welcher Kategorie Helden ihr denn nun gehört. Ist schließlich Sonntag. Da will man doch was lernen.
Ich bin eine grüne Laterne.
Potzblitz.
Noch nie von gehört.

Bei Wikipedia nachgelesen:
Die Green Lanterns beziehen ihre besonderen Kräfte nicht aus einer außerirdischen Herkunft oder einer Mutation, wie die meisten Helden des Konkurrenzverlages Marvel, sondern aus einer hochentwickelten, außerirdischen Technologie in Form eines Ringes. Bei der ersten Green Lantern Alan Scott war der Ring nicht außerirdischer Herkunft, sondern magischer Natur. Mit Hilfe dieses Rings können Green Lanterns alles, was sie sich vorstellen können, lebendig werden lassen.

Na, die grüne Laterne ist zumindest nicht so’n Mainstream-Talent wie die ganzen geflügelten…

Das Jucken des Exhibitionismus

Dieses Journal ist jetzt ein knappes Jahr online: Seitdem hab ich mich zum ersten Mal damit beschäftigt, was sich in der Sphäre der Blogger so entwickelt im Netz. Welche Kategorien es gibt. Aus welchen Motiven heraus die Leute schreiben. Ein erstaunlicher Haufen von Leuten ist da zugange.
Meine früher geäußerte, zutiefst hochnäsige Einschätzung, das meiste online publizierte Blogzeug sei Schrott, nehme ich hiermit angemessen beschämt zurück: Es sind einfach zu viele Autoren da draußen. Man kann nicht einfach behaupten, die meisten von ihnen hätten nichts drauf. Das ist, als würde man sagen, die Qualität des Angebots auf dem klassischen Buchmarkt sei insgesamt mies – mag stimmen oder nicht, die Aussage als solche ist überflüssig, völlig uninspiriert und beweist nur, dass man es nicht geschafft hat, passgenaue Suchkriterien zu entwickeln.

Interessant übrigens die blogspezifischen Diskussionen, die inzwischen on- und offline an der Tagesordung sind: Da fühlen sich insbesondere Journalisten gerne dazu berufen, Blogger als Spezies zu diffamieren. Als im „wahren“ Publikationskontext gescheiterte. Redundante. Unqualifizierte. Selbstdarsteller. Bärg. Besonders letzteres wird als Merkmal eines persönlichen Defizits an fachlicher Durchsetzungskompetenz angesehen.
Das ist natürlich pure Missgunst. Es ist so unverschämt, so inflationär einfach heutzutage, Autor zu sein! Die eigenen Ideen online rauszuhauen. Tausende von Lesern zu haben, einfach so, in relativ kurzer Zeit. Da müssen natürlich all jene kotzen, die Jahre gebraucht haben, um einen Verlag oder eine Zeitung zu finden, die ihre Texte publiziert.
Zum anderen vermute ich mal, ist es die Vermischung der Ebenen, die Abwehrreaktionen gegen die diese Art der Publikationsform provoziert. Blogger neigen dazu, ein bestimmtes Tabu zu ignorieren: Es gehört sich einfach nicht im Leben eines „Profis“, fachliches mit privatem zu vermischen. Wer über die Farbe seiner Höschen genauso gerne schreibt wie über ein, meinetwegen gesellschaftlich etwas relevanteres Thema, macht sich fachlich unglaubwürdig. Schon gar, wenn’s im gleichen Text geschieht… und erst recht, wenn man nach der Lektüre ahnt, dass es die Einbettung in private, magnetisierende Kontexte ist, die (vermeintlich) relevantere Inhalte geschmeidig macht.
Wer Lust hat, dazu noch eine andere, wunderbar bissige Stimme zu lesen, möge sich hier bei Frau Diener und ihrem Beitrag The poesiealbum strikes back einfinden. (Runterscrollen bis ans untere Ende jener Seite)

Meine Neugier gilt definitiv den Selbstdarstellern. Ich mag privaten Stoff. Ich mag auch Leute, die sich immer wieder neu erfinden, den Aneignungsswillen, den ich dahinter spüre. Leute, die Parallelwelten entwickeln und anderen großzügig die Schlüssel nachmachen. Das Jucken des Exhibitionismus. Aus dieser offenbarenden Haltung heraus dann doch wieder Geheimnis zu erzeugen, Assoziationsräume zu schaffen: Da beginnt es, spannend zu werden. Immer wieder denke ich darüber nach, wie das gelingen kann.

Es regnet. Die Meisen auf der Birke draußen sind pitschnass. Ich hab ihnen ein Bällchen an einen Ast gehängt.
Guten Morgen, ihr Leser.