Günter Grass / Die Blechtrommel

“Zugegeben, ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, lässt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann.”

Die Blechtrommel, Steidl, 1959

(Übermittelt von Bel)

Sören Kierkegaard alias Constantin Constantius / Die Wiederholung

“Als die Eleaten die Bewegung leugneten, trat, wie jedermann weiß, Diogenes als Opponent auf; er trat wirklich auf; denn er sagte kein Wort; sondern ging nur ein paarmal auf und ab, wodurch er jene hinreichend widerlegt zu haben glaubte. Als ich mich längere Zeit hindurch wenigstens gelegentlich mit dem Problem beschäftigt hatte, ob eine Wiederholung möglich sei und welche Bedeutung sie hat, ob eine Sache durch Wiederholung gewinnt oder verliert, fiel mir plötzlich ein: du kannst ja nach Berlin reisen, da bist du früher einmal gewesen, und dich jetzt davon überzeugen, ob eine Wiederholung möglich ist und was sie zu bedeuten hat.”

Die Wiederholung, 1843

(Übermittelt von Norbert W. Schlinkert)

Nick Cave / Und die Eselin sah den Engel

“Es war sein Bruder, der an diesem Morgen, dem Morgen ihrer Geburt, das Netz zerriss, und als sollte dieser einzige Akt der Selbstbehauptung einen negativen Präzedenzfall für die Trägheit seines künftigen Lebens schaffen, packte Euchrid, noch namenlos, die Fersen seines Bruders, um mit der ganzen Herrlichkeit eines ungebetenen Gastes in die Welt zu plumpsen.”

“And the Ass Saw the Angel”, Erstveröffentlichung bei Black Spring Press, 1989

(Übermittelt von Schneck08)

Sondermüll. Freitag, 28. Januar 2011.

Ich versuche, der Müllabfuhr, die draußen lärmt, schnell ein mit nächtlichen Kommentaren gefülltes Säckchen anzudrehen, Sondermüll nehmen wir aber nicht, protestieren die Männer, da müssen Sie sich schon selbst. Tja. Stelle also die gestrige Zeichnung erstmal offline, hab’ keine Zeit, jetzt darunter aufzuräumen; erstmal Ortsbegehung in der Bücherei, in deren Räumen ein neuer Auftraggeber mich dieses Jahr Workshops abhalten lassen will, dann Training. Es ist lausekalt, ich nehm’ dennoch das Rad, mein Gehirn kann einen Sauerstoffschock vertragen heute Morgen. Acht Uhr zwei. Wir sehen uns später, geschätzte Leser:innen.

15:17
Man kann ja immer behaupten, im offline kolossal beschäftigt zu sein und deswegen (mit Beteuerungen des Bedauerns, selbstverständlich) nicht bloggen zu können.
Tatsache ist aber, wenn ich Lust habe, hier zu schreiben, kann mich fast kein Termin dieses Planeten davon abhalten.
Nur hab’ ich grad keine.
Eingefleischte Exhibitionistinnen sind sich ja nicht zu schade, auch solche Nicht-Meldungen zu posten.
*grinst*

23:33
Seitdem ich heute Nachmittag auf die Idee kam, meine innere Sparringpartnerin unter einem Berg aus drei Schafffellen, mehreren Brokatkissen und zwei schweren schottischen Decken zu begraben, hat sie sich nicht mehr gerührt. Himmlisch, diese Ruhe…

Ateliertag. Donnerstag, 27. Januar 2011.

Heute zeichne ich einen

Eine mir noch nicht persönlich bekannte Sammlerin mit Herz und Sachverstand wird die Zeichnung am 27. August dieses Jahres gegen Mittag erwerben, rahmen lassen, und sich (während sie, den Kopf etwas geneigt, überlegt, ob sie sie direkt in die Nähe von Aubrey Beardsley, oder doch lieber an die gegenüberliegende Wand hängen soll) zu ihrem Kauf gratulieren. Sie wird, dessen bin ich gewiss, zu einer kleinen Soirée einladen, um die Meinung ihrer Freunde dazu einzuholen. Ich werde selbstverständlich auch dort sein, um ihre Petersburger Hängung zu bewundern und der Entscheidung, falls nötig, einen kleinen Stups in die mir angemessen scheinende Richtung zu geben.

Sie sehen, geschätzte Leser:innen, ich muss los, zum Plaudern ist heute tagsüber nicht viel Zeit, vielleicht auch Abends nicht, sonst wird das alles nicht passieren.

19:01(im Atelier)
Grrrr. Wissen Sie, woran ich merke, dass ich definitiv zuviel am Computer sitze? Eben, einen misslungenen Strich korrigieren wollend, hab’ ich mit Daumen und Zeigefinger versucht, auf der Zeichnung “Apfel Z” zu drücken.
Mac-User wissen, was ich meine.
Zurück zum Blatt, Phyllis, verdammt nochmal

Entspannen Sie sich. Aber nicht zu sehr. Mittwoch, 26. Januar 2011.

(…) “Hier finde ich es entspannt, auf den beiden anderen blogs ist es mir irgendwie zu ambitioniert und anscheinend von “Denkgebäudeanskizzierungen” da schon besetzt” (…)

Aussagen wie diese, die gestern im Zusammenhang mit der Bilderdiskussion auftauchte, machen mich nachdenklich. Zum einen, ja, auch ich bin gern entspannt. Zum anderen las ich gestern leicht irritiert den Überlegungen hinterher, die andernorts zum Thema weiter gingen, während von Intensität (geschweige denn Relevanz) auf TT fast nichts mehr zu spüren war.

Was, zum Henker, ist gegen Ambition einzuwenden? Gegen Denkgebäude? Wenn die verhindern, dass interessante Themen in der Verbalschaumparty verenden, ist mir das allemal lieber als Entspannung.
Woran mir allerdings liegt, ist eine gewisse Durchlässigkeit.

Früher, während des Studiums, hatte ich ein riesiges Atelier mit anderen zusammen. Da war man, außer sehr früh morgens, eigentlich nie allein. Ein paar von uns malten, die anderen hingen auf den ausgeleierten Sofas rum, tranken Unmengen Kaffee (jaja, nicht immer nur Kaffee) und gaben ihre Meinungen ab, falls man sie denn hören wollte. Gelegentlich auch, wenn man sie partout nicht hören wollte. (Meinungen werden überschätzt)
Klar, klingt genau so, wie man sich’s vorstellt bei Kunststudenten, aber so war das eben. Es wurde endlos geredet, aber auch unmäßig viel gearbeitet. Und da wir alle voneinander wussten, womit wir uns gerade abquälten (soll keiner behaupten, Malen sei entspannend), wusste man auch immer, von welchem Punkt aus ein bestimmtes Argument, eine bestimmte Meinung, losgeschossen wurde: man gestand sich gegenseitig – wenn schon nichts anderes – eine gewisse Maßgeblichkeit zu. Wer arbeitet, darf auch ausreden.

Tja, so war das.
Sie ahnen, worauf ich hinaus will.

Hier auf TT spüre ich immer wieder, ich komme mit jenen Kommentator:innen am besten zurecht, die eine eigene Präsenz im Netz haben, völlig unabhängig davon, ob sie sich dort mit ihrem Privatleben zeigen, mit Kunst, Literatur, was auch immer; ich lasse mich gerne in andere Welten locken. Anonyme dagegen bleiben Phantome. Das wäre – um das Bild der Studentin zu bemühen, again – so, als wenn damals durch die offenstehende Ateliertür ein Windhauch gegangen wäre. Ein paar Minuten später wäre dann auf einem freien Stück Wand aus dem Nichts ein Satz aufgetaucht.
Wir hätten uns gefreut über diesen wundersamen Akt. Den Satz gelesen. Meinetwegen auch diskutiert und in eine neue Arbeit eingebaut, vorausgesetzt, er hätte etwas magisches gehabt. Wenn allerdings ständig neue, redundante, Sätze unsere Wände langsam so vereinnahmt hätten, dass kein Platz für unsere Bilder mehr gewesen wäre, wir hätten angefangen, uns zu ärgern. Und den Kram übermalt.

Verzeihen Sie mir die Schlichtheit meiner Nachtigall… mir liegt daran, dass mich die Phantome verstehen, deren Zeug ich immer wieder löschen muss. Was mir nicht immer fix gelingt, weil ich parallel zu diesem Weblog auch noch ein, zwei andere Kleinigkeiten in Arbeit habe.

Sie, geschätzte Leser:innen, sind übrigens nicht gemeint – ich habe nichts gegen Pseudonyme. Nur gegen Beliebigkeit.

To whom it may concern: Sie sind, so leid mir das tut (und das meine ich ernst) nicht maßgeblich für mich. Ich muss auch keine Wand übermalen, um Sie loszuwerden. Die Löscherei ist ein bißchen lästig manchmal, aber was solls. Nein, was mich als Künstlerin wirklich betrübt, ist, wie freiwillig Sie darauf verzichten, sich Gewicht zu verschaffen.
Sie kennen das Ding mit dem Satz, der Berge versetzen kann, oder? Sie aber kriegen nicht mal einen Maulwurfshaufen aus der Achse gerückt.
Try harder, kann ich da nur sagen.

Und vergessen Sie die Entspannung. Die kommt danach, for god’s sake.

Entzauberungen. Dienstag, 25. Januar 2011.

Guten Morgen!
Zu “Entzauberungen” geht’s hier lang…

13:15
Und zur Zähmung des Auges auf den Gleisbauarbeiten…

15:13
Nur ein Wort zu dem Vorwurf, der unter diesem Text als Kommentar geäußert wird: die Diskussion würde sich mittlerweile “kleinlaut” in mehrere Weblogs “zurückziehen”.
Seh’ ich ganz anders. Wir sind im Netz! Die Diskussion Verschleiern versus Enttarnen muss weder auf einen Tag, noch auf ein einzelnes Weblog begrenzt werden; schließlich geht es um mehr als ein einzelnes Bild.
Und davon abgesehen: wer will schon immer in den gleichen Garten zum Grillen… ?

Nachgefasst: Zwei Cindys und ein Joker

Sehen Sie, ich spiele nicht in der gleichen Liga wie Cindy Sherman, und mit Cindy aus Marzahns grellem Humor kann (und will) ich’s auch nicht aufnehmen – um nur zwei Künstlerinnen zu nennen, die sich konzeptuell mit Fragen von Identität, Rollenbildern, Körperlichkeit und Sexualität auseinandersetzen. Beides Frauen, unnötig zu sagen, die ich bewundere.
Ich bin ein Joker. Ich weigere mich, konventionelle Ausstellungen zu machen. Ich betrete auch keine Bühnen, außer der virtuellen. Beides war mal anders, doch das liegt ein paar Jahre zurück. Auf meinen Vernissagen langweilte ich mich wegen der ewig zu wiederholenden Aussagen die eigene Arbeit betreffend, auf der Bühne ging’s mir, einmal hinunter gestiegen, schlecht, weil ich mir einbildete, die Leute würden mich fressen wollen. Also ging ich ins Netz.
Wenn das mal keine saugute Entscheidung war.
Klar, auch eine Bühne. Aber eine, auf der ich den Kontext, innerhalb dessen ich künstlerisch wirken will, erstmal schaffen muss. So ein Weblog ist ein inflationäres Produkt. Es ist verdammt leicht, eins zu machen. Und durchaus schwer, ihm eine Gestalt zu geben, die über Äußerungen privater Meinungen und Befindlichkeiten hinausgeht. Muss man ja auch nicht.
Ich aber schon. Ich muss. Künstlerisches Handeln ist kein Spaziergang im Grünen. Es treibt einen. Und man versucht ständig, die Zügel in der Hand zu behalten, obwohl man weiß, ohne Zügel wird’s aufregender.
Ich schreib’ das absichtlich so schlicht, theoretisieren war noch nie attraktiv für mich, das können andere besser. Die meisten Künstler:innen sind heilfroh, wenn die ersten Kunstgeschichtler und Kulturwissenschaftler beginnen, sich auf das Werk einzulassen – dann müssen sie diese Verkontextualisierung nicht mehr selbst leisten. Am besten sind natürlich Doktorarbeiten ; )
Anyway, in meinem Fall ist das nur ansatzweise geschehen bisher, deshalb bin ich noch zuständig. Vielleicht auch besser so.
Eine meiner guten Entscheidungen war die, TT vor einiger Zeit mit „Ateliertagebuch“ zu untertiteln. (Obwohl ich immer noch dem damals von Alea Torik vorgeschlagenen „Künstlertastaturin“ nachtrauere, doch das klang einfach zu textlastig)
Ich lasse Sie, Leser:innen, an Prozessen teilhaben: d a s wird durch das Tagebuch möglich. Mir selbst gestehe ich zu, Zwischenständen ebenso viel Gewicht einräumen zu dürfen wie Ergebnissen – auch d a s ermöglicht die Tagebuchform.
Manchmal schreibe ich literarische Texte, manchmal auch Unfug – Ungefügtes. Manchmal zeige ich hingeworfene Zeichnungen, manchmal welche, an denen ich lange gearbeitet habe. Zwischendurch zeig’ ich so ziemlich alles, was mir Vergnügen macht. Ich robbe mich hier auf TT so langsam an etwas heran, das ich ganz heimlich für mich selbst „Profil“ nennen würde.
Ich will ein Revier markieren. Ganz ohne Theorie wird das nicht klappen, aber ich hoffe immer noch, dass die nach und nach – nicht nur durch meine Hand – den Knochen liefern wird, an dem das Fleisch sitzen kann. (Mit Fleisch kenne ich mich aus)

TT, und auch die Reihe „Einmal geübt, schon gekonnt“ ist verwandt mit Ansätzen, die andere Künstlerinnen in anderen Territorien erfolgreich veranschaulichen. Dass ich sie im Netz zeige, macht sie allerdings verwundbar. Würde ich ein Foto wie das jüngste im Zuge einer Gruppenausstellung zum Thema weibliche Rollenbilder zeigen, käme wohl niemand auf die Idee, mit einem anderen Besucher darüber zu diskutieren, ob die Künstlerin nun ein Höschen trägt oder nicht. Dass das im Netz anders läuft, ist gleichzeitig Vor- wie Nachteil, interessant für mich ist es allemal. Auch riskanter. Aber interessant. Für mich ist die Serie vor allem anderen eine Neuinszenierung von Identität: ich markiere ein Frausein mittels unterschiedlicher Szenarien; ich vergewissere mich meines eigenen Blickes. Die Fotos entstehen mit Selbstauslöser: wäre ein Fotograf anwesend, sie würden viel zu perfekt, um dem Werden, das mich interessiert, noch entsprechen zu können. Es geht darum, nicht üben zu müssen. Auch das Frausein nicht. Sondern eine zu sein. Mit allem.

(to be continued)

p.s. Eben lese ich, Melusine B.zitiert >>>hier den Kontext, in dem sie die Serie wahrnimmt… uff ; )

21:23
Bin ein bißchen außer Atem. Und danke Ihnen, Leser:innen, für die Welle. Vieles von dem, was Sie heute geschrieben haben, wird noch eine ganze Weile nachwirken.