“Es lag ein Bischof tot in einer Mur am Zederngebirge fünf Stunden schon unter strömenden Wolkenbrüchen.”
Die Kinder der Finsternis, Diederichs, 1959
(zugetragen von ANH)
“Es lag ein Bischof tot in einer Mur am Zederngebirge fünf Stunden schon unter strömenden Wolkenbrüchen.”
Die Kinder der Finsternis, Diederichs, 1959
(zugetragen von ANH)
Stahlblau und leicht, bewegt von einem leisen, kaum merklichen Gegenwind, waren die Wellen des adriatisches Meeres dem kaiserlichen Geschwader entgegengeströmt, als dieses, die mählich anrückenden Flachhügel der kalabrischen Küste zur Linken, dem Hafen Brundisium zusteuerte, und jetzt, da die sonnige, dennoch so todesahnende Einsamkeit der See sich ins friedvoll Freudige der menschlichen Tätigkeit wandelte, da die Fluten, sanft überglänzt von der Nähe menschlichen Seins und Hausens, sich mit vielerlei Schiffen bevölkerten, mit solchen, die gleicherweise dem Hafen zustrebten, mit solchen, die aus ihm ausgelaufen waren, jetzt, da die braunsegeligen Fischerboote bereits überall die kleinen Schutzmolen all der vielen Dörfer und Ansiedlungen längs der weißbespülten Ufer verließen, um zum abendlichen Fang auszuziehen, da war das Wasser beinahe spiegelglatt geworden; perlmuttern war darüber die Muschel des Himmels geöffnet, es wurde Abend, und man roch das Holzfeuer der Herdstätten, so oft die Töne des Lebens, ein Hämmern oder ein Ruf von dort hergeweht und herangetragen wurden.
“Der Tod des Vergil”, Rhein-Verlag, 1958
(zugetragen von ANH)
“Das Fatale an Romanen”, sagte John Rivers, “ist, daß sie zuviel Sinn ergeben. Die Wirklichkeit ergibt nie einen Sinn.”
“The genius and the goddess”, Chatto and Windus, 1955
(zugetragen von shhhhh)
Ich bin müde, ich schaue nur zu.
Warum mich dieser Satz, den Alea Torik kürzlich mal in Die Dschungel schrieb, so berührte? Ist ein Kindersatz. Ich glaub’, ich hab’ ihn früher oft gesagt.
Und heute.
«Das Licht blendete, die Cafés ergossen sich bis auf die stickige Straße.»
“Fin août”, in: «Je… ils…», Paris, 1969
(Zugetragen von brsma: “Die meines Wissens nach wie vor einzige deutsche Übersetzung dieser großartigen kleinen Erzählung voll von mit sanfter, aber nie verräterisch abgewandter Ironie beflügelter Leichtigkeit, Lakonie und Abgrund fand ich vor ca. 20 Jahren als dank alfabetischer Ordnung ersten Beitrag in der Matthes&Seitz-Anthologie «Ich gestatte mir die Revolte». Der Rest von Adamovs meines Wissens nach letztem Buch ist nie auf deutsch erschienen. Ich warte noch immer darauf.”)
Wollten Sie als Schülerin mit dem Klassenprimus ins Bett, als Schüler das fleißigste Mädchen küssen?
Oder lieber den schwarzen Schwan?
Doch zum Anfang.
Zunächst.
Ist da die junge Balletttänzerin von androgyner Statur mit feinem Gesichtchen, in das sich die Spuren der leidenschaftlichen Schinderei noch nicht eingegraben haben. Im Bann der Mutter, in deren Miene sich alles zeigt, was der Tochter bevorstünde, versagte sie in ihrem Ehrgeiz.
Dazu, wen wundert’s, gibt es die Konkurrentin, Das Andere Mädchen. Nicht so edel, nicht so gewissenhaft, dafür mit der Prise Leichtfertigkeit, die ihre Bewegungen mit einem Sex ausstattet, von dem die andere, weiße, nur träumen kann.
Nein, träumen muss: denn der Choreograph, Mr. Cassel höchstselbst, verlangt, die Solistin seiner Wahl müsse den weißen und den schwarzen, verführerischen, Schwan in gleicher Perfektion verkörpern.
Er wählt die Edle. Wider besseres Wissen – ihre Erweckung stellt die größere Herausforderung dar. Er hat eine Ahnung, was aus ihr werden könnte: sie biss ihn in die Zunge, als er sie zu küssen versuchte. Ein einziger Hinweis, dass sie die Wut, die sich in grausam autoaggressiven Akten äußert, nach außen kehren könnte.
Schon einen Tag später allerdings ist es, als habe dieser Biss nie stattgefunden. Sie tanzt, doch sie tanzt ohne Fleisch. Würdest Du sie ficken wollen, fragt Kassel ihren Tanzpartner nach einer Probe, nein, würdest Du nicht. Und zu ihr: suchte ich nur einen weißen Schwan, Du wärest perfekt.
Es ist der schwarze, den sie in sich suchen muss, die Verwegenheit, doch Verführung ist nicht in ihr. Sie entschuldigt sich. Sie bestraft sich. Sie weiß nicht, was Kunst ist.
Der Regisseur weiß es.
Der Choreograph weiß es.
Die Andere Frau weiß es nicht, doch darauf kommt’s nicht an, denn sie hat es einfach.
Also.
Wie hoch ist der Preis, den die Weiße zahlen muss, um aus ihrem Können Kunst zu machen? Und mit wem macht man den deal? Mit dem Teufel?
Der Film behauptet, es müsse der höchste Preis bezahlt werden; die Ballerina, im Wahn, sticht ihrer Konkurrentin eine Glasscherbe in den Bauch, wir ahnen allerdings, die Leiche ist halluziniert, die Scherbe steckt in ihrem eigenen.
Das ist der Moment, in dem der Film aus Angst, sein eigenes Kunst-Prädikat zu verlieren, die Möglichkeit eines glücklichen Endes ausschlägt.
In der Realität muss niemand sterben, um Kunst zu schaffen – und, davon abgesehen, mit einer tödlichen Bauchverletzung kann man eh nicht tanzen. Ich habe sie gespürt, die Perfektion, haucht die Ballerina im Moment ihres Todes. Das ließ mich unzufrieden zurück: Perfektion ist das, wonach der weiße Schwan giert. Der schwarze sollte im Augenblick seines Triumphs ein eigenes Vokabular finden. Und auch nicht sterben! Sondern weitermachen, jetzt, da die Schwelle überschritten ist.
Der Film ist absolut heftig und sehenswert. Du bist nicht sie, murmelte Tusker, meine Hand nehmend, schon nach zehn Minuten – so versank ich in dieser Frau. In der es sich weiß Gott höllisch anfühlte.
Diese unbändige Sehnsucht, alles „richtig“ zu machen, sie ist das Gegenteil von Kunst. Und dennoch: wie gut ich sie kenne.
Nachtrag: keine Kritiken lesen, solang der eigene Text noch nicht steht, soviel Mut zur eigenen Wahrnehmung muss sein. Jetzt aber werd’ ich’s tun.
[…]
“You know, we’re very different, you and me,” Katz said. “I don’t do vision. I don’t do belief. And I’m impatient with the kiddies. You remember that about me, right?”
“I remember that you’re often wrong about yourself. I think you believe in a lot more than you give yourself credit for. You’ve got a whole cult following because of your integrity.”
“Integrity’s a neutral value. Hyenas have integrity, too. They’re pure hyena.”
[…]
Katz und Walter im Gespräch.
aus: Jonathan Franzen, “Freedom”, Farrar, Straus & Giroux, 2010
(Das Buch packt mich. Werde, hoffentlich, mehr darüber schreiben, wenn ich durch bin)
Großmut?
Kleinmut?
Unmut?
Sanftmut?
Langmut?
Hochmut?
Freimut?
Wankelmut?
Missmut?
Zumutung?
Anmutung?
Scheint, als ließe sich ein ziemlich realistisches Psychokorsett allein aus den Ableitungen von Mut fabrizieren.
»Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues.«
“Murphy”, Grove Press, 1957
(Zugetragen von Noemix)
“Ich bin auf Abteilung “Zwei”. Das ist die Beobachtungsstation für die “Leichteren”, und man kommt eigentlich von Rechts wegen nur hinein, wenn man “Drei” schon hinter sich hat. Ich habe “Drei” noch nicht hinter mir, und das nehmen mir die meiste übel”
“Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus” Otto Müller Verlag, 2001
(Zugetragen von Sturznest)