Der schwarze Schwan. Montag, 31. Januar 2011.

Wollten Sie als Schülerin mit dem Klassenprimus ins Bett, als Schüler das fleißigste Mädchen küssen?
Oder lieber den schwarzen Schwan?
Doch zum Anfang.
Zunächst.
Ist da die junge Balletttänzerin von androgyner Statur mit feinem Gesichtchen, in das sich die Spuren der leidenschaftlichen Schinderei noch nicht eingegraben haben. Im Bann der Mutter, in deren Miene sich alles zeigt, was der Tochter bevorstünde, versagte sie in ihrem Ehrgeiz.
Dazu, wen wundert’s, gibt es die Konkurrentin, Das Andere Mädchen. Nicht so edel, nicht so gewissenhaft, dafür mit der Prise Leichtfertigkeit, die ihre Bewegungen mit einem Sex ausstattet, von dem die andere, weiße, nur träumen kann.
Nein, träumen muss: denn der Choreograph, Mr. Cassel höchstselbst, verlangt, die Solistin seiner Wahl müsse den weißen und den schwarzen, verführerischen, Schwan in gleicher Perfektion verkörpern.
Er wählt die Edle. Wider besseres Wissen – ihre Erweckung stellt die größere Herausforderung dar. Er hat eine Ahnung, was aus ihr werden könnte: sie biss ihn in die Zunge, als er sie zu küssen versuchte. Ein einziger Hinweis, dass sie die Wut, die sich in grausam autoaggressiven Akten äußert, nach außen kehren könnte.
Schon einen Tag später allerdings ist es, als habe dieser Biss nie stattgefunden. Sie tanzt, doch sie tanzt ohne Fleisch. Würdest Du sie ficken wollen, fragt Kassel ihren Tanzpartner nach einer Probe, nein, würdest Du nicht. Und zu ihr: suchte ich nur einen weißen Schwan, Du wärest perfekt.
Es ist der schwarze, den sie in sich suchen muss, die Verwegenheit, doch Verführung ist nicht in ihr. Sie entschuldigt sich. Sie bestraft sich. Sie weiß nicht, was Kunst ist.
Der Regisseur weiß es.
Der Choreograph weiß es.
Die Andere Frau weiß es nicht, doch darauf kommt’s nicht an, denn sie hat es einfach.
Also.
Wie hoch ist der Preis, den die Weiße zahlen muss, um aus ihrem Können Kunst zu machen? Und mit wem macht man den deal? Mit dem Teufel?
Der Film behauptet, es müsse der höchste Preis bezahlt werden; die Ballerina, im Wahn, sticht ihrer Konkurrentin eine Glasscherbe in den Bauch, wir ahnen allerdings, die Leiche ist halluziniert, die Scherbe steckt in ihrem eigenen.
Das ist der Moment, in dem der Film aus Angst, sein eigenes Kunst-Prädikat zu verlieren, die Möglichkeit eines glücklichen Endes ausschlägt.
In der Realität muss niemand sterben, um Kunst zu schaffen – und, davon abgesehen, mit einer tödlichen Bauchverletzung kann man eh nicht tanzen. Ich habe sie gespürt, die Perfektion, haucht die Ballerina im Moment ihres Todes. Das ließ mich unzufrieden zurück: Perfektion ist das, wonach der weiße Schwan giert. Der schwarze sollte im Augenblick seines Triumphs ein eigenes Vokabular finden. Und auch nicht sterben! Sondern weitermachen, jetzt, da die Schwelle überschritten ist.

Der Film ist absolut heftig und sehenswert. Du bist nicht sie, murmelte Tusker, meine Hand nehmend, schon nach zehn Minuten – so versank ich in dieser Frau. In der es sich weiß Gott höllisch anfühlte.
Diese unbändige Sehnsucht, alles „richtig“ zu machen, sie ist das Gegenteil von Kunst. Und dennoch: wie gut ich sie kenne.

Nachtrag: keine Kritiken lesen, solang der eigene Text noch nicht steht, soviel Mut zur eigenen Wahrnehmung muss sein. Jetzt aber werd’ ich’s tun.

45 Gedanken zu „Der schwarze Schwan. Montag, 31. Januar 2011.

  1. Black & White Der selbe (oder fast selbe) Film in s/w wäre eine Klasse besser gewesen! Dann hätte man auch auf billige Gruseleffekte verzichten können, die immer dann eingesetzt werden, wenn der Film nicht weiter weiß. Die Portman allerdings spielt grandios, und dafür lohnt sich der Kinobesuch dann doch. Auch das Thema ist schön, ein Kunstthema, das tatsächlich immer präsent ist: wie bekomme ich ohne Gesichtsverlust meine “Perfektion” über die Rampe zum Publikum. Was das Ende des Films angeht, das die liebe Phyllis ja schon verraten hat, so ist es zwar konsequent, aber zu schlicht und zu nah an der Theaterästhetik, denn ein Heldinnentod, aus dem niemand etwas lernen kann, ist Mythologie und versinkt in einem Raunen.

    • Hm, lieber nicht verraten, das Ende? Zu spät.
      Ich denke übrigens, wir sollten etwas lernen. Nur gefällt mir das nicht, was wir lernen sollen; die Schlussfolgerung des Films lehne ich ab.
      Aber, pssst… ich halte an mich ; )

      Frau Portmann, stimmt, spielt irre gut. Dieses dürre Schnittchen. Die hatte ich völlig unterschätzt bisher.

  2. kleiner versuch “Diese unbändige Sehnsucht, alles „richtig“ zu machen, sie ist das Gegenteil von Kunst.”

    man muss also sagen : ich mach jetzt mal alles “falsch”, nur so kann kunst entstehen. 🙂
    ( das setzte aber wohl voraus, dass dieses man bereits wüsste was “richtig” ist.)

    so sollte vielleicht jemand z.b. dies sagen :

    “richtig ist es, wenn es so eindeutig wie möglich ist, dann aber is es halt keine kunst. demzufolge muss ich es “falsch” machen, sprich so mehrdeutig wie möglich, will ich kunst machen” – was allerdings das richtige in diesem fall ebenfalls vorher schon persönlich definieren konnte.

    ich sage noch dazu : wenn leute auf musik tanzen, und ein komponist wollte dies mit dieser musik bewirkt haben, so hat er etwas richtig gemacht im sinne seiner zielsetzung, etwas durchaus planbares oder einschätzbares. er hat dies allerdings auch schon vorher richtig gemacht, wenn er alleine auf seine musik tanzen konnte vor einer veröffentlichung, ganz egal wie er tanzt oder ob man auf kunst tanzen können müsste 🙂

    nun, sag ich : “ich will es das nächste mal besser machen” so befinde ich mich auf optimierungskurs.
    will ich ultimativ an die sache rangehen, komm ich aber wohl um einen “alles richtig machen vorsatz” nicht drumrum, wobei ich dabei aber schwer verkrampfen kann und womöglich alles andere als ein für mich aktuelles optimum aus mir heraushole.

    • @lobster Mit Musik kenne ich mich so rein gar nicht aus – ich höre noch nicht einmal welche. Nur beim Zeichnen.

      Nein, meinen Satz umzukehren ist keine Lösung. Es gibt auch gar keine allgemein gültige Lösung. Mir selbst schadet es, wenn ich mir Perfektion abverlange, denn dann fange ich oft gar nicht erst an. Dass die Sehnsucht nach ihr sich nicht austricksen lässt, und auch für den Fortgang, die Überarbeitungsphase wichtig ist, will ich gar nicht bestreiten. Ich stemme mich nur instinktiv gegen diese übersteigerten Selbstansprüche. Eben weil ich zu jenen gehöre, die dann krampfen. Andere tun das nicht. Schön für sie.

  3. Schon der Wrestler hat mich nicht überzeugt, wenngleich das Wrack O’Rourke absolut sehenswert war, aber die Psychologie ist seit Requiem for a Dream immer banaler geworden.
    Und, ich wollte als Schülerin mit dem Klassenprimus ins Bett, da wusste ich allerdings noch nicht, dass er einer war, denn es gibt Klassenprimusse, die entsprechen nun mal nicht ihrem Klischee und ebenso gibt es wohl schwarze und weiße Schwäne, die in ihrer Jugend eh alle ziemlich graue Vögel sind, die letztlich vielleicht mehr zum bunten Hund tendieren, als es für einen, wie war er noch angekündigtm “psychosexueller Thriller” erlaubt gewesen wäre.
    Ich wollte auch unbedingt mal wieder Vincent Gallo sehen, aber Coppolas Tetro war belanglos, leider.

    • erweiterung des kleinen versuchs diese unbändige sehnsucht, alles “falsch” zu machen, sie ist das gegenteil von kunst, und dennoch, wie gut ich sie kenne, aus eigener erfahrung.
      nach dem motto : “es kann sein dass er kommt, es kann sein dass er nicht kommt, wenn er aber kommt, gibt es garantiert ärger.”
      alles bloss nicht konvention, schon gemacht, angepasst.
      klingt nach dem anders sein wollen, was meist aber auch konventionalisiert sein könnte, wäre nicht das meiste in der kunst bereits konvention.
      und so wirklich radikal auch gegen den eigenen geschmack ?
      soweit mein persönliches fragestellen.

    • @sowieso Wahrscheinlich eine Frage des Timings, ob man gerade für so einen Stoff empfänglich ist oder nicht. Mich hat er ziemlich erwischt. Das ist umso verwunderlicher, als mir weder das Thema nahe steht, noch die Hauptfigur – als Typ. Zu dürr, zu besessen. Hat aber etwas unbestreitbares, das mich überzeugt.

    • phyllis optimieren lässt sich wohl nur die eigene methode, insofern man methodisches als eigen sein könnendes fand.

      ansonsten, bemerkte ich soeben auch, dass man ihren satz wohl schwerlich gänzlich umdrehen kann oder sollte, gut – alleine geh ich dem aber auch nicht weiter nach.
      er piekste mich halt irgendwie und verwies mich letztlich wohl auf psychologisches oder so.
      ( bin grad schon was zerstreut, sorry )

  4. Ein großartiger Film, der verlogen ist. Ich bin im meisten Ihrer Meinung, Frau Phyllis. Aber ich denke, das – immer noch großartige – Scheitern des Films hat darin seinen Grund, daß “ans Publikum gedacht” wurde – es sollen ja Kassen gefüllt werden. Man merkt das immer dann, wenn, Schlinkert hat es eben schon angedeutet, mit unnötigen Effekten gespielt wird, die ich aus dem Trash-Horror kenne: etwa die orangenen Augen, die dann leuchten, wenn es “böse” wird, oder einmal das Wegknicken der Beine wie bei einer Werwolf-Verwandlung. Während ich allerdings glaube, daß die Farbe des Films nötig ist; Schwarzweiß würde ihn verkünstlichen. In Schwarzweiß hätte der unglaubwürdige Tod der Ballerina dann nämlich wieder Wahrheit – weil er einen Topos zitierte, der allerdings dem Realismus einer nicht eignet, die ihre Stofftiere (endlich!) wegwirft. In Schwarzweiß wäre auch der von Ihnen völlig richtig bemerkte Umstand möglich gewesen, daß diese offenbar an Audrey Hepburn gecastete Tänzerin mit einer solchen Bauchwunde noch tanzte – Kunsttanz nämlich, nicht etwas Herumbewege in einem Club.
    Der Film will seine eigenen Konsequenzen nicht; auch die Frage nach der Perfektion – das lese ich beim Lobster heraus und stimme ihm zu – ist nicht “einfach” zu beantworten, geschweige zu lösen. Tatsächlich b e d a r f es der Perfektion, um zu erreichen, wohin die junge Tänzerin will, und zwar absoluter Perfektion. Die kann tatsächlich nur trainiert werden, bis die Füße bluten. Wer mal Tänzerinnen in seinen Freundeskreis zählte, weiß, was ich meine. Es ist in allen Leistungssportarten so, und auch in der Kunst. Nur, wie die Tänzerin-Konkurrentin (mit ihrer unglaublich erotischen) Rückentätowierung “ein schwarzer Schwan” zu sein, genügt nämlich ebenso wenig. Auch das weiß der Regisseur. Ich fürchte nur, die Produzenten wollten es nicht wissen. Solche Filme entstehen mit ausschließlich industriellem Kalkül – weshalb solche Künstlerfilme fast immer lügen. Als Ausnahme sind mir auf Anhieb nur Faßbinders genialer Spielfilm “Eine Reise ins Licht” und das poetische Meisterstück Jacques Rivettes in Erinnerung, nämlich “La Belle Noiseuse”.

    • ich meinte damit natürlich, dass das meiste ist in der kunst bereits konvention ist und nicht “wäre…”.
      ( dafür spricht vielleicht auch das wissen des regisseurs und des choreografs, aber das wäre ne andere, womöglich konkretere baustelle, dürfte man um dieses wissen derer wissen, vielleicht ist deren wissen ja nur kommerzielles kalkül, sozusagen statistisch erfassbar )
      sorry, zerstreut.

    • Ein Nachtrag zu Black Swan. Eines aber – ich vergaß, es zu erwähnen, und das ist ungerecht – hat dieser Spielfilm beeindruckend vermocht: er brachte mir das Klassische Ballett nahe, das mir stets unangenehm und langweilig, auch immer klebrig vorkam. So etwas für Höhere Töchter haftet daran – eben genau das zwischengeschlechtlich Asexuelle, das mir, vor allem in sublimierter Form, unerträglich ist. Der Film macht eben das ja zum Thema. Im übrigen hat der Überhang männlicher Homosexueller in diesem Metier seinen Grund – weshalb mir schon die von Frau Phyllis zitierte Frage des Choreographen an seinen Tänzer (“Würdest du sie ficken wollen?”) verlogen vorkam. Denn weshalb hätte er wollen wollen so oder so?
      In diesem Film war plötzlich Klassisches Ballett etwas mir sehr Nahes, sehr geschlechtlich Aufgeladenes, und deshalb erfaßte es mich. Wenn es jemand schafft, einen, der einer Sache mit starkem Vorbehalt gegenübersteht, ja mit Langeweile, dann h a t er etwas geschafft. Und nicht wenig.

    • Die Bestie in einem selbst bzw. Selbst soll hinaus, um das Publikum und vor allem die Mäzene der Ballett-Truppe zu begeistern. Das Kalkül der Filmproduzenten findet seine Spiegelung im Kalkül des Choreographen, dem es nicht nur um die Kunst gehen kann. Alles ist Mittel zum Zweck, und dieser heiligt nunmal die Mittel. Insofern stimme ich ANH zu, die Kasse muß offensichtlich in jedem Fall gefüllt werden, der Verschleiß an “Engeln “ist eingeplant in dieser kleinen, fast klaustrophobischen Welt. So ist etwa Winona Ryder, die komischerweise beklaut wird, worauf sie sich selbst entstellt und sich ihres Potentials endgültig beraubt, der gebrochene, der gefallene Engel für beide “Systeme”, Hollywood und das Ballettensemble. Jeder neue Engel, jeder neue weiße Schwan sieht ja das Elend der Ausgebooteten, ja er entsteht erst aus der Asche der Verbrannten. Auch das Ansichnehmen der Erfolgsinsignien der anderen Frau, Lippenstift und Nagelfeile, sind Zeichen dieses Machtwechsels – die Königin ist tot, es lebe die Königin. Dieser Konflikt des alten und neuen Schwans ist leider aber kaum in Szene gesetzt worden, es bleibt fast nur bei Andeutungen und einer besoffenen Schuldzuweisung. Was hätte man daraus nicht alles machen können, anstatt nur auf den Kampf mit dem anderen Ich zu setzen und dies mit Gruselschockelementen zu garnieren? All dies führt tatsächlich zu einer Verlogenheit im Film, vor allem wenn das Ende ein doppeltes ist, Schwanensee in Schwanensee sozusagen. Bei der letzten Szene hatte ich seltsamerweise kurzzeitig fast Angst, daß das Gesicht der Tänzerin kurz überblendet wird und dann genau so auf dem Krankenbett wieder auftaucht, umringt von allen Beteiligten, die glücklich sind, daß der Engel lebt – auch wenn dies fast konsequenter gewesen wäre.

    • Wie viele Filme passen in einen Film?
      Auch jener, der den Konflikt alte/neue Königin mehr in den Vordergrund gerückt hätte, hätte mich interessiert – doch das wäre, nach allem, was Sie gegen die bestehende Fassung einwenden, ein ganz anderer Film geworden.

      Mich beeindruckte die Unmittelbarkeit meines Erlebens, trotz der offensichtlichen Zugeständnisse an den mainstream. Passiert mir nicht oft, dass ich in eine mir mehr als ferne Welt so hinein gerissen werde, ohne dass meine innere Analytikerin ständig die Teile neu zusammenbauen will.

    • Der innere Film Ich denke, man hätte den Konflikt der “Königinnen” nicht in den Vordergrund rücken müssen, sondern ihn nur ein wenig ernster nehmen sollen. Das ist mir natürlich auch erst n a c h dem Film aufgefallen, doch die Erwartung hatte ich schon im Kino. Außerdem spricht ja nichts dagegen, den Film länger zu machen, der ist ja nicht mal zwei Stunden lang.

      Was die ferne Welt angeht, die dort dem Zuschauer nahegebracht wird: Ich war mal eine kleine Weile Bühnenhandwerker an der Oper in Dortmund, da habe ich mehrere Male klassisches Ballett ziemlich nah mitbekommen, unter anderem auch, daß die Tänzerinnen auch nach kurzen Auftritten oft sehr außer Atem sind und sich einfach auf den Boden legen und keuchen. Und die sind durchtrainiert bis in die Fingernägel. Von dieser körperlichen Härte habe ich im Film aber nichts gesehen, was natürlich seinen Grund darin hat, daß monothematisch Haut und Blut und Federn immer wieder in Szene gesetzt werden mußten.

    • wir gehen tanzen
      und atmen schwer
      wir gehen zum militär
      und sterben jung
      wir sind so fromm
      wir sind so klein
      oh mutter mutter
      lass uns wieder rein

    • rein hypothetisch noch das anzustrebende ideal in der kunst ist ja die konkurrenzlosigkeit durch eigenheit.
      diese eigenheit muss weder kämpfen – ausser gegen ihre eigene unvollkommenheit innerhalb ihrer eigens sich entwickelt habenden & sich weiterentwickelnden methodik ( gar als methode ? – ich muss mich korrigieren, an eine eigene methode glaub ich irgendwie nicht ) noch anderen was wegnehmen (wollen) und wird dadurch zum reinen geben, insofern sie nicht zur lehrstunde mutiert, sich in ihren grundzügen offenbart und sich selbst dadurch konkurrenz schafft.
      eigenheit kann sich erzwingen wollen ( durch strikte vermeidung von adaptionen ) oder vielleicht sogar irgendwann sich vorfinden im umherschauen, folgte sie konsequent ihrem geschmack.
      alles andere ist wahrscheinlich kalkül.

    • Wow, lobster, Sie sind heute ganz schön konkret, meine Fresse.
      Entschuldigen Sie den Ausdruck, aber ich bin so verblüfft.
      Meine Konzentration driftet gerade ins offline, aber auf die Sache mit der Methodik und der Eigenheit komme ich nochmal zurück.

    • methodik und eigenheit ( und reinheit und geschmack ) – das lässt sich bestimmt noch genauer formulieren, wenn diesem hypothetischen nicht gar widersprochen werden sollte, aber auf die suche nach eigenheit sich zu begeben sollte zumindest nicht geheissen haben, sich von “der gesellschaft” komplett verabschiedet zu haben.
      interessant aber dass wir anscheinend irgendwo d’accord sind, ich such imgrunde seit ein paar tagen nach den roots meiner kreativen existenz, imgrunde nach dem experimentellen, ohne welches eigenheit wohl kaum denkbar ist ( in folge, als dessen resultiernde ) sieht man mal von dem auf den eigenen geschmack zielende aktivität ab ( dem vielleicht “rein spielerischen” )
      nö ich hab deutliche formulierungsschwächen heute, ich hätte eingangs schon mal nicht den tanz vieler auf den komponistentanz runterbrechen dürfen in einem logisch sein wollenden gedankenzug, z.b. _ nö ich brech jetzt auch erstmal ab und erwarte eigentlich ( & instinktiv ) widerspruch.
      lieben abend

    • @lobster. diese eigenheit muss weder kämpfen noch anderen was wegnehmen (wollen) und wird dadurch zum reinen geben.
      Sofern man sie annimmt. Es sind aber Fälle – viele – bekannt, in denen sie n i c h t angenommen, sondern bekämpft wird. Immerhin steht Eigenheit in einem Konkurrenzverhältnis zu anderem Eigenen, das gleichfalls beachtet werden will. Die Aufnahmekapazität der Zeitgenossen ist äußerst begrenzt – oft aus Gründen, die sie nicht zu vertreten haben. Was dann beachtet wird, ist letztlich eine Frage von Machtverhältnissen. Erst über Jahrzehnte und darüber hinaus schleift sich recht vieles zurecht. Beispiele hierfür ist die Kunst u.a. Kleists und Hölderlins, besonders aber die Johann Sebastian Bachs, der ohne den Einsatz Mendelssohns, den Bach noch gar nicht kennen konnte, heute vergessen wäre.
      Ich finde Ihren Satz insofern naiv, auch wenn er eine Gewißheit ausstrahlt, deren Wärme mir sympathisch ist.

    • @ihnen, herr herbst hm.
      ich würde dann sagen per se in einem konkurrenzverhältnis innerhalb eines marktes, der nur konkurrenz kennt oder kennen will.
      konkurrenz kann sich aber nur aus ähnlichem ergeben, oder aus etwas das ähneln will bishin zum übertreffen innerhalb eines irgendwie noch definierbaren oder genauer eines durchschaubaren eigenen.
      ( gut, da alles früher oder später durchschaut wird, hat man als eigenheitsproduzent
      ohne eigenes lehranliegen hinsichtlich einer eigenständig entwickelten verfahrenstechnik, insofern diese systematisierbar wäre, allenfalls einen vorsprung vor dem konkurrieren wollenden )
      methodik war wohl nicht das günstigste wort, “eigenheitsstrukturgenerierungen” relativ autonom gedanklich zu betreuen.
      das argument der aufnahmekapazität zeckt natürlich, was aber auch nur funktioniert, insofern ein rezipient nicht mehr verstehen will als seine geschmackliche ausgerichtetheit und meist das dazugehörige psychosoziale umfeld, das sicherlich seltenst frei von festgefrorenen machtverhältnissen ist.
      macht mich gerade etwas nachdenklich, zumal ein stringentes formulieren wohl auch morgen mir etwas versagt sein wird, wenn nicht noch länger,

    • @lobster/ANH ich finde das ziemlich gelungen, wie herr lobster das formuliert hat. und teile mein erstaunen über diese/seine klarheit, aber darum solls ja nicht gehen… 🙂

      im atelier habe ich frieden. ich muss dort nicht kämpfen, gegen niemanden, ausgenommen vielleicht gegen mich selbst, das material oder ein paar vorgänger. kunst ist ja immer auch ‘kunst über kunst’, dennoch sollte das nie im zentrum des künstlerischen interesses stehen, diese ewige abgrenzung im jetzt. sehe ich so etwas, nenne ichs ‘abgrenzungskunst’, langweilig! ob und wie aber etwas dann im “aussen” wahrgenommen, ggf. von vermeintlichen zeitgenössischen ‘konkurrenten’ reflektiert und bearbeitet wird, das hat zunächst nicht mit der eigenen arbeit an sich zu tun. das ist eine andere ebene, der man sich, wohl oder übel, natürlich zu lebzeiten auch stellen muss. das werk aber, dass entstanden ist, interessiert sich nicht für das system. genau das mag ich: es ist einfach da! das empfinde ich immer wieder als ein wunder, so blöd das klingt.

      und es hat etwas ungemein beruhigendes. richtig: es ist etwas ‘gebendes’. ob das dann ‘gut’ oder ‘schlecht’ im zeitgenössischen aussenkontext ist, das spielt keine rolle. das eigene werk existiert, und wenn man glück hat, dann wirft es später niemand weg oder übersieht es gänzlich, im besten falle wird man sogar reich (aber auch das hat mit dem werk und dessen inhaltlichkeiten im eigentlichen nichts zu tun). über die jahre habe ich bei mir ebenfalls eine zunehmende distanz bzw. reifung der eigenen wahrnehmung künstlerischen outputs erfahren. nach 30 jahren werden die dinge anders beurteilt, als zu zeiten ihrer entstehung. der gesamtzusammenhang wird dann sichtbar, relevant vielleicht, oder unsichtbar. es kann dann gut sein, dass alles auch nicht relevant genug war. was ich meine: in unserer zeitgenössischen hand liegt das alles nicht. eben das schätze ich als ungemein versöhnlich. mich jedenfalls entlastet es idS., dass ich sowie nur schaffen kann, was ich eben schaffen kann. ich brauche mich irgendwann nicht mehr verstellen, im inneren meines schaffens. einerseits. und andererseits: ich darf mich und das meine gelassen auch geniessen, jenseits aller strebenden spekulation. das dient, auch, dem werk.

      für den literaten gibt es (soviel ich weiss) agenten. für den bildenden künstler arbeiten galerien. im besten falle schirmen diese den ‘hersteller’ ab bei seiner zentralen tätigkeit von ebendieser teilnahme an der un-werklichen jetztzeit, dem drumherum.

      insofern finde ich lobsters ansatz weniger ‘naiv’, als anstrebenswert und fast ‘weise’.

    • nein eigentlich darf ich auch so einen satz nicht schreiben :
      “hinsichtlich einer eigenständig entwickelten verfahrenstechnik, insofern diese systematisierbar wäre” – sie kann ja dann nur systematisiebrar sein, gut mir verschwimmen die begriffe geht es meist in der kunst ja noch um kultur, egal,
      sorry, solcherlei unpräzisheiten heute in meinen komms nerven mich bereits seit heute nachmittag.
      muss mal ein bisschen aufpassen.

    • ihr kommentar gefällt mir komplett schneck ( vielleicht bis auf das weise ), ich bin auch aus konkurrenzdenken raus,
      klar und da prüft man lieber das material hinsichtlich ausbaumöglichkeit usw. und lässt den anderen gerne ihre highlights, die ich dann aber nicht mal mehr analysiere, gefallen sie mir.
      ich muss dazu sagen, dass ich längere phasen zwar nicht aus konkurrenzdenken aber aus widerstand heraus sachen machte, das musste wohl so gewesen sein, war ne andere zeit.
      ihr kommentar macht mir gerade noch mehr interesse, experimentell ausschliesslich meinem geschmack zu folgen, insofern ich ihn noch erkenne.
      ( das ist aber wohl eh eher das primat der bildenden künste oder der musik als der literatur, sag ich nochmals hypothetisch, weil ich das noch nicht genauer reflektierte )

    • @Schneck zu “für den literaten gibt es (soviel ich weiss) agenten.” Kennen Sie welche? Ihre Mächte und Ohmächte und Abhängigkeiten, Hilflosigkeiten? Agenten machen es einem, wenn sie sehr gut sind (und nicht ihrerseits, was sie aber müßten, Hundertschaften Autoren vertreten) in der Verhandlung mit den Verlagen leichter, nicht aber mit dem Betrieb. Diese Weisheit – als Praktiker gesprochen, der von seiner Arbeit lebt, was auch ein Aspekt ist, der von naiven Kunstpositionen gerne weggewischt wird – b l e i b t deshalb jenseits der Realität. Das Problem verschärft sich enorm, wenn man zudem Kinder hat. Also… @lobster und schneck: Leben Sie von Ihrer Kunst? Wollen Sie von ihr leben? Oder ist es Ihnen lieber, sie in der quasi Freizeit zu schaffen und von anderen Einflüssen vermittels eines Brotberufes freizuhalten? – Das geht, zweifellos, und es kommen bisweilen große Werke dabei heraus, vor allem, wenn man Lyriker ist und nicht den Zeitaufwand der großen Bögen hat; es geht ebenfalls, wenn man die Familie belastet und sich seinen Kindern entzieht. Aber eben n u r dann.
      Wer das nicht will, kommt ums Kämpfen nicht rum – es sei denn, daß er (sie) das Glück gehabt hat, von allem Anfang an einen begehrten Ton zu treffen, “der in der Zeit liegt”. Vielen Großen ist das aber gar nicht gelungen, sie arbeiten sogar g e g e n “die Zeit”; ihre Zeit kam erst später. Ich hab da schon Namen genannt. – Dem in dieser Kommentarfolge bereits erwähnten Günter Grass ist es mit der Blechtrommel gelungen, die ihm zu recht, neben seinem Stand bei der SPD und entsprechendem Lobby-Protektorat, die spätere Aufmerksamkeit und Bedeutung garantierte. Überhaupt spielt politische Parteilichkeit oft eine Rolle, siehe die öffentliche Vernichtung des Heinrich Böll dichterisch weit überlegenen Gerd Gaisers durch Reich-Ranicki und Jens eben zugunsten des politisch opportuneren Bölls. Bei Beckett wiederum lag’s an dem Umstand seiner Nähe zum Joyce-Kreis. Man kann nahezu jeden Einzelfall gut analysieren. Andere, wie Arno Schmidt, gelangten zu Bedeutung allein durch Mäzene – die für sie den Kampf übernahmen. Und so weiter.

    • Brotberuf & Freizeit & Literaturagenten & literarische Propaganda Am Ende kommt es natürlich nur auf die Qualität an. Wie diese errungen wurde, das ist “der Welt” egal, sobald sie das Erschaffene akzeptiert, honoriert und vielleicht sogar liebt, auch wenn es bis dahin für manche ein langer Weg ist, der natürlich auch im Nichts enden kann. Die Frage ANHs “Leben Sie von Ihrer Kunst? Wollen Sie von ihr leben?” ist allerdings in mehrfacher Hinsicht zentral, da er die vollkommene Symbiose von Leben und Kunst anspricht. Hat Franz Kafka in seiner “Freizeit” geschrieben? Ja, hat er, wohl oder übel, doch er verrichtete die Lohnarbeit, um letztlich seine Kunst ausüben, sein Leben leben zu können. Das Bedienen eines Marktes lag ihm dabei aber sicher nicht im Sinn, dies jedoch ist das einzige Ansinnen von Literaturagenten, verbunden natürlich mit dem Erzielen eines möglichst hohen Gewinns, wogegen nichts zu sagen ist (wäre), wenn die Qualität stimmt. (Für ein literarisches Propagandaministerium wie die Gruppe 47 ist auf jeden Fall, das nur am Rande, kein Platz mehr.)

      Ganz passend zu einer Diskussion um die Erschaffung von Literatur finde ich den Klappentext zu Halldór Laxness’ ‘Weltlicht’ (Steidl, Taschenbuchausgabe). Dort heißt es:
      ‘Olafur Karason ist ein Fremdling. Seine Leidenschaft und sein Talent gelten einzig der Dichtkunst. In den Augen seiner Mitmenschen ist er daher nur ein Faulpelz, der Krankheiten vortäuscht und auf Kosten anderer lebt. Was immer er versucht und wohin er sich auch zurückziehen möchte, seine Umgebung duldet ihn nur voller Unwillen.’

    • @Schlinkert. Ich habe >>>> meine Stellungnahme zugespitzt, um klarzustellen, worum es eben a u c h geht: den Selbstmord Kleists und den verzweifelten Wahnsinn van Goghs zu vermeiden, und zugleich um die Frage: Was bin ich zu opfern bereit? Das Böse an ihr ist, daß das Fragepronomen auch “Wen” heißen kann. Thomas Manns Familie war dafür ein Beispiel. Sich selbst auf den Opferstein seiner Kunst zu legen, hat noch was Luxuriöses, das auch berauschen kann. Anders aber, wenn Kinder “im Spiel” sind, – jedenfalls Abhängige, die sich, mit einem Künstler zu leben, nicht aussuchen konnten. In diesen Bereichen ist man höchst erpreßbar und muß schon gewieft sein, um das Lebensrecht der Kinder und das seiner Kunst zu bewahren.

    • @ANH Der Zusammenhang von Wahnsinn, Selbstdeformation, Selbstmord & Literatur ist evident, allein weil er seit je her Thema von Literatur und Kunst ist. Die wahnsinnigen Kinder der Literaten, von Thomas Mann, James Joyce usw., scheinen tatsächlich gelegentlich wie der Preis, den das Genie zahlen muß, und dabei sind nicht einmal die verrückt gewordenen und unglücklich gemachten Ehehälften oder die sich in Sorge marternden Eltern berücksichtigt. W a s bin ich zu opfern bereit, diese Frage hat ja, wie Sie richtig anmerken, etwas Rauschhaftes, Heldenhaftes, vielleicht etwas zutiefst Männliches / Aktives / Fatalistisches. Das “Opfern” der Kinder (eben ist ja das Buch von Helmut Kohls Sohn erschienen, der sich auch lange als Opfer des politischen Ehrgeizes des Vaters empfand) ist damit natürlich nicht zu vergleichen, da deren Wohlergehen über die Kunst hinaus geht – sich selbst aber dann nicht mehr für die Kunst zu opfern, sondern für die Kinder, kann auch nicht richtig sein, denke ich, denn weder das eine noch das andere ist per se gut. Sich seine Kunst nicht erkaufen, sondern sie sich ehrlich erkämpfen und erarbeiten, das mag am Ende der einzige Weg sein, der für alle verläßlich ist. Von Opfern hat keiner was. Und natürlich ist Gewieftsein in jedem Fall nicht falsch!

      Was den Selbstmord angeht, so denkt ja der shakespearsche Hamlet über diese Option nach, verwirft sie aber aus Glaubensgründen; dennoch aber findet er bald den Tod, imgrunde weil sein Vater ihn opfert, um als Geist nicht ruhelos wandern zu müssen auf ewig. Die Familienbande sind eben unzerreißbar.

    • @Schlinkert ff. Aber Hamlet ist Literatur wie der Tristan, der zudem noch Musik ist.

      sich selbst aber dann nicht mehr für die Kunst zu opfern, sondern für die Kinder, kann auch nicht richtig sein
      Ich finde den Opfergedanken schon falsch, er flirtet mit dem Tod, statt mit dem Leben zu schlafen; da steckt zutiefst die monotheistische Körperfeindlichkeit drin, die das Sekret ablehnt und also, das Wortspiel aus den Bamberger Elegien wiederhole ich mal, the secrets. Ich akzeptiere schlicht die Alternative nicht. Damit man das aber kann, braucht es, was ich Gewieftheit nenne: gegen alles Genie ein Erwachsensein, das mit Ambivalenzen zurechtkommt.
      Ich hätte auch nicht gewollt, daß sich mein Vater für mich opfert; bereits der Opfertod des Nazareners ist in meinen Augen Geschäftsführung ohne Auftrag gewesen. Den Frauen mag ihr Bauch gehören, doch mir gehören meine Sünden. Daß jemand sie mir abnimmt, ist in meinen Augen ein Übergriff.

    • @ANH ff. Ja, das Sich-Opfern beendet das bisherige Leben oder es gleich ganz, und wenn der “Nazarener” sich im Selbstauftrag opfert, dann sicher nicht für die, die ihm nachfolgen. (An Jesus zu glauben müßte wahrscheinlich ohnehin bedeuten, ihn strikt als Zeitgenossen zu begreifen.) Der Glaube an dieses Opfer gebiert dann allerdings eine Art Bringschuld, Grundlage dafür, stolz für Gott und Vaterland ins Feld zu ziehen, um Weihnachten wieder zuhause zu sein. Damit kann ich im Leben auch nichts anfangen, hier ist das Opfer tatsächlich zerstörend und führt zu neuen Sünden. Was sich aber durchaus opfern läßt, ist Zeit, die ich für den Anderen habe, und diese “fehlt” der Kunst dann ja unter Umständen, es sei denn, man ist überaus gewieft, denn dann kriegt man das schon hin!

    • @Sturznest. Da haben Sie recht.
      Ich war eine Zeit lang mit ihm gut bekannt, dann verschwand er für mich – was mit einem Wechsel der Kreise zusammenhing, in denen ich mich bewegen mochte. Anders’ Problem ist ein wenig, daß er sich selbst nie aus dem Kreis der Surrealisten herausbegeben hat. Er ist, so nahm ich das immer wahr, stets ein Diener seiner Vorbilder gewesen, obwohl er ganz Eigenes beizusteuern hat(te). – Daß aber keiner von ihm rede, ist so nicht ganz richtig. Zumindest in den Berliner Kreisen um Literaturhaus und LCB ist er eine Größe und wird mit hohem Respekt behandelt.

      Wollen Sie uns wohl einen Ersten Satz Richard Anders’ geben?

    • “Dies könnte ein Ruinenbild aus dem neunzehnten Jahrhundert sein, denkt R., als er zusammen mit seiner Frau Regina und seinem Bruder H. am Südrand vn O, der einstmals zwölftausend Seelen zählenden maurischen Kreisstadt, aus einem polnischen Taxi steigt und sein Elternhaus, oder vielmehr was davon übriggeblieben ist, betrachten:”

      der macht einfach keinen Punkt…..
      der Roman heißt Ein Lieblingssohn und ist bei Ulstein erschie, das schreibt man doch, wo er erschienen ist, damit die Leute gleich bei Ulstein anrufen und bestellen..)

    • lieber herr herbst, obwohl ja das gespräch im laufe des tages noch weitergegangen ist, dennoch hier noch eine schnelle antwort:

      ja ich kann (davon leben). seit 25 jahren. in mageren jahren verdiene ich mir das fehlende mit meinem “zweitberuf” (der restaurierung von wandmalerei) dazu, den ich übrigens noch vor dem “erstberuf”, dem der herstellung von bildwerken, erlernt habe. ich liege weder einer familie, der allgemeinheit noch dem kind auf der tasche. soviel dazu.

      es ist auch nicht so, dass ich mich diesem “kampf” entziehen würde. mir ist aber stets wichtig die trennung zwischen aussen und innen, zwischen markt, (selbst)darstellung, berufstaktischen verhaltens, socialising etc. und der – wie ich es eben nun mal nenne – “eigentlichen” arbeit. nach ihrem kommentar wird vielleicht noch etwas klarer, was sie mit ‘naiv’ meinen und da gebe ich ihnen recht, es gibt diese naivität, bei den bildenden ist es oft das pochen auf die ‘komplettablehnung des kunstmarktes und seiner mechanismen…’ oder die ‘unwesentlichkeit der rezeption durch andere…’, durch die das werk an sich vermeintlich “rein” und “unbeschmutzt” gehalten werden soll usw.

      das alles steht für mich aber in keinerlei widerspruch zu lobsters äusserung, wonach (sinngem.) “diese eigenheit weder kämpfen noch anderen etwas wegnehmen wollen muss und dadurch zum reinen ‘geben’ wird”, so wie ich es verstanden habe.

      vielleicht ist die art des verständnisses über dies alles ja auch schlicht eine typfrage. ich bin mir sogar ziemlich sicher 🙂

      beste grüße,
      schneck

    • Von seiner Kunst leben zu können ist natürlich immer auch ein bäriges Vergnügen. Das Pekuniäre ist dabei garnicht so wichtig, dennoch aber nicht zu vernachlässigen. Daß es dabei immer wieder zu Konkurrenzsituationen kommen kann, ist der keineswegs naturgegebenen Knappheit der Mittel geschuldet, wie es sich ja im Moment auch im Bereich der Geisteswissenschaften zeigt, wo viele Jüngere zu Hungerlöhnen arbeiten, um dabei zu sein – auch im alten Griechenland gab es ja hochgebildete Sklaven, jetzt eben auch in der von Mutti ausgerufenen Bildungsrepublik. (Daß ihr das aber keiner übel nimmt – die ist direkt aus der Diktatur in die Kohl-CDU gegangen, die hat Freiheit nie erlebt.) Doch immerhin, schlechte Zeiten gebären ja gemeinhin gute Ideen und gute Kunst, doch da sind wir bereits wieder beim Opfern, aber auch beim Durchhalten – wer gleich nach dem ersten Spiel auf wahrscheinlich sogar roter Asche aufhört (wer mal auf schwarzer Asche, Schlacke, alles gegeben hat, kann über rote Asche nur lachen), der wird es in diesem Bereich nie zu was bringen 😉 Aber zurück zu – ja was eigentlich? Ach ja, ich wollte sagen: ich habe zwei Berufe, von denen ich pekuniär gesehen nicht leben kann. Das kleckert sich zusammen, ja, irgendwie, aber ich müßte schon meine Gesundheit opfern, um das nachhaltig zu ändern, oder gar meine Überzeugungen. Zum Bärigsein gehört eben auch eine gewisse Bissigkeit.

    • @a23h Danke für den link: Deleuze hatte ich noch nie sprechen hören.
      Als könne man die “neuen Becketts” erkennen, wenn man ihnen mit einer Art Geigerzähler über den Kopf führe … köstlich.

    • Interessante Diskussion Es ging viel um die Kompromisslosigkeit eines Künstlers und die Notwendigkeit, dennoch sein Leben und das seiner Familie zu finanzieren, Seien wir ehrlich, den wenigsten gelingt es und ich kenne viele Leidensgeschichten von Künstlerkindern. Den Preis für die Kompromisslosigkeit zahlen oft sie. Denn zu den finanziellen Problemen kommt oft eine ausgesprochen egozentrische Persönlichkeit, ohne die der Künstler wahrscheinlich auch nicht in der Lage wäre ausserordentliches zu leisten.

      Aber es geht hier ursprünglich um einen Film und da liegen wir wir finanziell in einer ganz anderen Dimension. Die Produktionskosten dieses Films waren 13 Millionen USD. Dafür einen Mäzen zu finden ist wohl so gut wie aussichtslos. Dass heisst für mich, wenn sich ein Künstler über das Medium Film ausdrücken will, ist er gezwungen Kompromisse zu machen. Dem sollte man bei aller Kritik Rechnung tragen.

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