Gewebeprobe: Drogen

Nimm meine Drogen. Nichts ist gebunden; du kannst alles haben. Erschaffe das, was du haben willst. NIMM SIE. Es ist dein Haus. Es ist dein riesiges Haus. Ich werde dich versorgen; heute besuche ich dich, morgen wohne ich in deinem Haus. Wie viele Arme brauchst du? Wie viele? Wir nähren dich. Laß uns in deinem Bett schlafen. Wir werden alle in deinem Bett schlafen, doch du bist das Fest, du liegst immer in der Mitte. Das ist es doch, was du willst. Wieviele bunte Bilder brauchst du? NIMM SIE. Wir begießen dich mit flüssigem Gold aus kleinen Karaffen. NIMM SIE. Wir bestreichen deine Stirn mit zweifarbigem Nougat und baden deine Hände in reinstem Paraffin, wir lecken dir die Falten aus dem Gesicht und spicken dein Gehirn mit seltenen Gewürzen, NIMM SIE. Du willst ein Schwein sein? Wir machen den Schlamm für dich. Wir sind da, wenn du dich wälzt, wir sind da, wenn du laut bist. NIMM SIE. Du willst feinsinnig und tief sein? Wir stützen deinen Kopf, massieren deine Schläfen, zerstreuen den Schatten des Zweifels auf deiner Stirn, wir sind voller Ehrfurcht. Wir schützen, schnüren, treiben dich, wir beschimpfen dich, wir verschleudern dein Verdienst. NIMM SIE. Alles ist billig, du musst dich um nichts kümmern, wir waschen dein Geschlecht, wir verzieren deinen Körper mit hunderten kleiner Bilder und bürsten deine Haut mit unseren Wimpern. Wir salben dich und breiten dich aus. Wieviele Arme brauchst du?
NIMM SIE blind und sieh dich nicht um. Nichts ist gebunden, alles ist billig, alles ist schlecht. Vergiß’ das. Wir sind alle zusammen. NIMM SIE. Laß dir nichts eine Lehre sein. Schließ’ die Augen und NIMM SIE, dick und fett und von allen Seiten. So macht man das. Leg’ dich auf den Bauch und erwarte das Schönste. Es ist dein Haus. Wer bestimmt in deinem Haus? Wieviele Arme brauchst du? Alles gehört dir. Für immer. Du willst das? Dann tu es. Jetzt. TU ES JETZT.

Thomas Bernhard / Holzfällen

“Während alle auf den Schauspieler warteten, der ihnen versprochen hatte, nach der Aufführung der Wildente gegen halbzwölf zu ihrem Abendessen in die Genzgasse zu kommen, beobachtete ich die Eheleute Auersberger genau von jenem Ohrensessel aus, in welchem ich in den frühen Fünfzigerjahren beinahe täglich gesessen war und dachte, daß es ein gravierender Fehler gewesen ist, die Einladung der Auersberger anzunehmen.”

“Holzfällen”, Suhrkamp, 1988

(Zugetragen von man:
“Dieser Anfang sog mich damals, als ich es entdeckte, unerbittlich in das Buch hinein; noch in der Buchhandlung las ich, am Bücherregal für österreichische Literatur stehenbleibend, die ersten 20 oder 25 Seiten, und den Rest in wenigen Tagen.”)

Landflucht de luxe. Donnerstag, 5. Mai 2011

So langsam beginnen die Nerven zu flattern, vier Tage noch, der Koffer füllt sich mit Garderobe für K****, das Laptop mit zu bearbeitenden Dateien, gestern flatterte noch eine Option auf Verlängerung ins Haus … den Juni, hieß es, könne ich ebenfalls noch bleiben, wenn ich wolle. Hm. Das wäre dann aber eine richtige, wirkliche, ernstzunehmende Arbeitsphase im Exil, Zweitkoffer und Heimweh inklusive. Hab mir kurze Bedenkzeit erbeten. Dieser Tage ergreift mich schon manchmal ein schlechtes Gewissen, weil sich alles so wunderbar fügt gerade, während gleichzeitig Menschen durch alle möglichen Höllen gehen. Doch was für eine Gabe wäre das, würde ich mich freiwillig dazulegen, stellen, setzen? Ich brauche Zeiten wie die kommende, während derer ich mich kaum mit anderen synchronisieren muss, ich hab’ mein Leben und Arbeiten so eingerichtet, dass ich genau solche Dinge tun kann. (Das Abreißen von den liebsten Menschen fällt mir allerdings kurz vorher immer so schwer, dass ich fast nicht fahre. Fast.)
„Du hast ein Hochleistungsgemüt“ behauptete gestern jemand, der das eigentlich gar nicht sollte einschätzen können. Ich unterschreib’ trotzdem. Auch mein Denkapparat ist nicht ohne, zumindest phasenweise. Der will allerdings immer mal wieder grasen und Abends den Hafersack umgehängt kriegen, sonst wird er flach. Ich hasse das, wenn er flach wird, denn danach kommt gleich das Schrumpeln, und wenn’s erstmal soweit gekommen ist, brauche ich ewig, um das Ding wieder auf Vordermann zu bringen, tschuldigung, Vorderfrau.
(Ein Monat oder zwei????)

17:13
Ich will ja nicht meckern, aber ein kleines verbales piep ab und an, Leser:innen, das kostet Sie doch nur ein paar taktile Einheiten auf der Tastatur. Im Ernst. Sie schweigen mir ja die Hucke voll. Muss ich erst über Obamas Katze schreiben, damit hier mal eine(r) einen Mucks macht?

00:16
Sie sehen mich entzückt: mein Aufruf blieb nicht ungehört! Den größten Teil des nun mächtig angewachsenen Kommentarschwanzes macht allerdings ein Gespräch zwischen Cruiser/Lobster und Kienspan aus. Letzterem gilt heute mein besonderer Dank, denn er hat den wahrhaft ritterlichen Versuch unternommen, durch die Hartschale seines Gegenübers dringen zu wollen. Für mich und TT. Und für uns alle, die wir zumHenkernochmalohneScheißDrogenundKiffsprechundMonologgeseiere hier lesen und denken und schreiben. Ich h a s s e Drogengelaber, und dieser Hass wird nur noch übertroffen von jenem auf n o c h m e h r Drogengelaber. Ich ernenne Kienspan hiermit mit sofortiger Wirkung und vollen Bezügen zum Ehrenritter von TT.

Flirt du jour

„Schau mal aus dem Fenster.“
Sie öffnet, er sieht nach oben, Mobiltelefon am Ohr, das Cabriolet ist minuscule und ein Oldtimer, der Mann weder noch.
„Ich komme!“
Sie rauscht aus der Tür, schwarz mit viel Haar.
„Das hier ist mein Revier. Ich nehme an, wir verlassen die Stadt?“
Er nickt und lässt den Motor an.
„Sag mir wenigstens, wie er heißt!“
„Das spielt keine Rolle.“
„Sind wir angekündigt?“
„Hiermit.“
Er zieht einen Briefumschlag aus der Tasche seines Jacketts und reicht ihn ihr. Sie wirft einen Blick auf den Inhalt, lässt langsam die Hand mit dem Couvert sinken.
„Zufrieden?“
„Fahren wir.“