Die Sprache der Anderen, 31 [Schienen und Ketten]

“Aus mir quellen die Texte nicht. Mein Stimmchen ist so dünn, es ist schon längst verstummt. In eine Ecke sollte ich mich kriechen und warten, dass es vorbei geht. Was vorbeigeht?
Dieser Text.
Die Worte darin sollen vorbeifahren wie ferne Wolken. Pink angerotzt von der Sonne, die sich auch schon lieber verpisst. Fern, starr, ziehen sie vorbei wie an Gestänge. Auch uns haben wir arretiert. Der Zombie steigt aus dem Bus und betritt sein Büro. Er könnte doch seine Arme kommandieren und seine Beine. Er kann doch sagen: Arm heb’ dich in die Höhe. Und dieser kleine Moment, in dem er es sagen könnte oder auch nicht, wie leicht könnte da die Materie werden, die er bewegt oder nicht bewegt, könnte nicht alles transparent werden in dieser Bewegung oder Nichtbewegung. Aber er glotzt nur auf die Wolke und hängt weiter an der Schiene.
Sagt: Ich.”

Phorkyas auf >>> Lafcadios Blog, 20. Oktober 2011

“Dich gelüste nicht nach unserem Opfer, sprachst du. Unsere Hände lagen wie tote Götzen auf dem kalten Stein. Noch kannten wir keine Fesseln. Dass du uns zurichtest nach deinem Bilde, schufen wir dir eine Schmiede und feuerten dich an. ‘Es ist kein Hort für euch, Niedergeschmetterte’, sagtest du. ‘Ich weiß keinen.’ Wir flehten dich an, uns zu binden. Du legtest Ketten um unsere Gelenke und zogst uns durch Wüsten und Gebirge hinter dir drein. Schorf bildete sich über den blutigen Wunden. Wir wurden warm und fühlten unsere Lust. Auf unseren Knien dankten wir dir für die Bestrafung. Doch dann wuchsen in unseren Mutterleibern deine Nachfolger heran. Als wir gebaren, höhnten wir deiner. Unsere Schmerzensschreie vollendeten deinen Niedergang. Zärtlich strichen wir den Gezeugten über die Köpfe und legten die Hände vor ihre Augen. Sie sollen deinen Namen nicht kennen und dein Antlitz nicht schauen. An dich gekettet besingen wir die Lüge, die dich verrät.”

MelusineB auf >>> Gleisbauarbeiten, 22. Oktober 2011

Zärtliche Infektionen

Liebe Frau Berg, die Welt geht nicht unter, das dürfen Sie sich nicht >>> einreden. Wenn der Planet, wie Sie anklingen lassen, aber tatsächlich nur von Einspeichlern bevölkert wäre, sollte man ihn besser den Schaben übergeben. Im Grunde sprechen Sie ja aus, was wir alle denken, aber nicht so zackig formuliert kriegen – ich jedenfalls unterschreib’ Ihre Klage in allen Punkten. Vieles davon hab’ ich selbst schon moniert, fehlende Verwegenheit, zunehmende Ausgrenzung oder ganz einfach diese verdammte Übereinkunft, immer Maß zu halten – sei’s nun im Kopf oder am Bauchspeck. Es ist schwierig, in einer Gesellschaft zu bestehen, die den Individualismus verehrt, aber industriell gefertigte Flügel vorschreibt – selbst gebaute fallen da oft durch den TÜV. Besser, man ist Schwarmintelligenzler, da kommen Kollisionen nicht vor und Abweichler werden gefressen.
So. Mein Tribut ist gezollt, jetzt zum Kleingedruckten.
Ich glaube, Ihre aufmüpfige Klage erreicht nur jene, die eh schon Bescheid wissen, und wenn die was ändern wollten, sie hätten es längst getan. Insofern sind Ihre Worte – neben allem anderen – natürlich auch ein gut verkäufliches Produkt. Nur, wie rauskommen aus dem Marketing? Die Wonnen der Konformität sind schließlich nicht zu unterschätzen – fern vom Schwarm muss man oft Luftkuchen backen, weil kein echter im Angebot ist. Fern vom Schwarm ist g a r nichts im Angebot. Auch nicht die Zügellosigkeit, das Saufenrauchenfressenficken, dem Sie nachlächeln. Ich hab’ nichts dagegen (iwo!), aber jene, die fernab vom Schwarm fliegen, sind oft getriebener und härter zu sich selbst als der Pulk sich das vorstellen kann – da bleibt für hochdosierte Orgien oft keine Zeit. Oder Kraft. Oder Lust.
Zeit zu überlegen, was ich sagen will. Vielleicht erstmal nur dieses: Die wahnsinnige Angst vor der Armut, den Terroristen, dem Verlust von Identität, von der Sie schreiben – jene, die so schnell in Hass auf Andersartige umschlägt – sie ist weder mit Ihrem noch mit meinem Text zu bändigen, sie wird uns antrainiert, und die Rebellion der Texte, es braucht nicht lange, bis ihre Geschütze kommerziell eingemeindet werden. Da kennt der Schwarm keine Hemmung und der Vermieter kein Pardon. Es ist die alte Frage, ob eine von innerhalb oder von außerhalb des Systems ihre Hebel ansetzt… und natürlich, ob sie der Entropie widerstehen, die Maßnahmen. Ich frage mich oft, ob der Triumph, verbal ins Schwarze treffen zu können, nicht darüber hinwegtäuscht, dass die Grauzone des Konformismus immer weiter wächst, und wenn wir ihn noch so gekonnt anprangern. Ob es nicht eher die Liebe ist, die Potential in Potenz verwandeln kann, nicht der Zynismus. Und falls ja – ob die über Hebel wirksam wird, oder doch eher über zärtliche Infektionen im Schwarm.

16:40
Sprachverschillerungsmodus:

“das blog als der undefinierte ort zum austausch von vertraulichkeiten, von hingebungsvollem wörtlich-sein neben freilich auch eifrig liebenden, das blog, die permanente indulgenz sich zuweilen inhibieren-könnender interpretationslust von sphärisch-sein-wollenden, wohlfeil versehen durchwegs mit hingebungsagierenden, vielfach verlitzbar mit überordenbaren glitzernden vorstellungsgeweben, welche wie floureszierende moskitonetze sich nahtlos schimmernd zusammenschmiegen lassen und nur den weichen schein von schillernden silhouetten so langsam dem sich erfrischen wollenden auge zur hochgleitenden erleuchtungsszenerie weiterreichen.”

{Gefunden bei >>> Synchrash}

Melancholia

Gestern blickte ich durch den Drahtring und sah Ihren Stern heranrasen, saß auf dem Hügel und erwartete das Ende der Welt. Später, längst verglüht im Feuersturm, verschlang ich Unmengen Currywurst und Griesbrei mit Zimt, ein gieriges Kinderessen gegen Ihren Abgesang. Sie Fiesling, Sie wollen, dass wir Ihr Seelendunkel teilen, nicht wahr? Abkacken sollen wir, grandios zwar, aber dennoch. Ich aber mach’ bei Ihrem Anti-Zeugs nicht mit! Nee, von Trier. Ich pfeif’ auf das halbleere Glas, ich trinke aus der Flasche, Mann. Meine Verbündeten machen sich nicht mit Schaum vor dem Mund vom Hof, wenn ich sie am nötigsten brauche, und ich ficke auch nicht den nächstbesten Mistkerl, nur weil mein Bräutigam zu nett ist. Frau Dunst, wer hätte gedacht, dass die so spielen kann? Doch mit einer, die nichts zu verlieren hat, würde ich das Ende der Welt ums Verrecken nicht erwarten wollen. Oder doch? Wir verdienen es also, ausgelöscht zu werden? Für diesen Zweifel könnte ich Ihnen eine knallen, im Ernst.
Reden wir darüber. Ich erwarte Sie am > Tree of Life. Aber wundern Sie sich nicht, wenn er bei Ihrem Anblick die Wurzeln aus dem Boden zieht und davonstapft.

Please hold the line

Geschätzte Leser:innen,

selbst starke Gemüter (zu denen ich meines gar nicht mitunter zähle) hätten Schwierigkeiten, nach der gestrigen Sprech- und Sauftour am nächsten Morgen die Tasten zu erkennen. Es gibt aber durchaus ein-, zwei Dinge, von denen ich gerne berichten will. Please stay tuned. Irgendwann heute im Laufe des Tages wird’s vielleicht bestimmt noch was.

Meine Güte…

16:08
World wide web und world wild life sind manchmal einfach nicht unter einen Hut zu kriegen. Miss TT kapituliert, zieht die Riesensonnenbrille auf und wankt zum nächsten Fest.