Zärtliche Infektionen

Liebe Frau Berg, die Welt geht nicht unter, das dürfen Sie sich nicht >>> einreden. Wenn der Planet, wie Sie anklingen lassen, aber tatsächlich nur von Einspeichlern bevölkert wäre, sollte man ihn besser den Schaben übergeben. Im Grunde sprechen Sie ja aus, was wir alle denken, aber nicht so zackig formuliert kriegen – ich jedenfalls unterschreib’ Ihre Klage in allen Punkten. Vieles davon hab’ ich selbst schon moniert, fehlende Verwegenheit, zunehmende Ausgrenzung oder ganz einfach diese verdammte Übereinkunft, immer Maß zu halten – sei’s nun im Kopf oder am Bauchspeck. Es ist schwierig, in einer Gesellschaft zu bestehen, die den Individualismus verehrt, aber industriell gefertigte Flügel vorschreibt – selbst gebaute fallen da oft durch den TÜV. Besser, man ist Schwarmintelligenzler, da kommen Kollisionen nicht vor und Abweichler werden gefressen.
So. Mein Tribut ist gezollt, jetzt zum Kleingedruckten.
Ich glaube, Ihre aufmüpfige Klage erreicht nur jene, die eh schon Bescheid wissen, und wenn die was ändern wollten, sie hätten es längst getan. Insofern sind Ihre Worte – neben allem anderen – natürlich auch ein gut verkäufliches Produkt. Nur, wie rauskommen aus dem Marketing? Die Wonnen der Konformität sind schließlich nicht zu unterschätzen – fern vom Schwarm muss man oft Luftkuchen backen, weil kein echter im Angebot ist. Fern vom Schwarm ist g a r nichts im Angebot. Auch nicht die Zügellosigkeit, das Saufenrauchenfressenficken, dem Sie nachlächeln. Ich hab’ nichts dagegen (iwo!), aber jene, die fernab vom Schwarm fliegen, sind oft getriebener und härter zu sich selbst als der Pulk sich das vorstellen kann – da bleibt für hochdosierte Orgien oft keine Zeit. Oder Kraft. Oder Lust.
Zeit zu überlegen, was ich sagen will. Vielleicht erstmal nur dieses: Die wahnsinnige Angst vor der Armut, den Terroristen, dem Verlust von Identität, von der Sie schreiben – jene, die so schnell in Hass auf Andersartige umschlägt – sie ist weder mit Ihrem noch mit meinem Text zu bändigen, sie wird uns antrainiert, und die Rebellion der Texte, es braucht nicht lange, bis ihre Geschütze kommerziell eingemeindet werden. Da kennt der Schwarm keine Hemmung und der Vermieter kein Pardon. Es ist die alte Frage, ob eine von innerhalb oder von außerhalb des Systems ihre Hebel ansetzt… und natürlich, ob sie der Entropie widerstehen, die Maßnahmen. Ich frage mich oft, ob der Triumph, verbal ins Schwarze treffen zu können, nicht darüber hinwegtäuscht, dass die Grauzone des Konformismus immer weiter wächst, und wenn wir ihn noch so gekonnt anprangern. Ob es nicht eher die Liebe ist, die Potential in Potenz verwandeln kann, nicht der Zynismus. Und falls ja – ob die über Hebel wirksam wird, oder doch eher über zärtliche Infektionen im Schwarm.

16:40
Sprachverschillerungsmodus:

“das blog als der undefinierte ort zum austausch von vertraulichkeiten, von hingebungsvollem wörtlich-sein neben freilich auch eifrig liebenden, das blog, die permanente indulgenz sich zuweilen inhibieren-könnender interpretationslust von sphärisch-sein-wollenden, wohlfeil versehen durchwegs mit hingebungsagierenden, vielfach verlitzbar mit überordenbaren glitzernden vorstellungsgeweben, welche wie floureszierende moskitonetze sich nahtlos schimmernd zusammenschmiegen lassen und nur den weichen schein von schillernden silhouetten so langsam dem sich erfrischen wollenden auge zur hochgleitenden erleuchtungsszenerie weiterreichen.”

{Gefunden bei >>> Synchrash}

28 Gedanken zu „Zärtliche Infektionen

  1. Über sechzig Jahre Demokratie, davon mindestens vierzig beim Wahlvolk gekauft durch das Versprechen auf immer mehr Wohlstand und Glück für alle – daß sich nun aber die, die sich zugehörig fühlen, im Kern alle gleich ängstlich benehmen, ist doch kein Wunder. Und natürlich hat Frau Berg ebenso recht wie Phyllis mit ihren Einwänden im zweiten Absatz ihres Beitrages. Jahrzehnte der Besitzstandserschaffung führen eben zur Besitzstandswahrung, wie man es gut bei der Stuttgarter Provinzposse um diesen Bahnhof beobachten kann, denn all diese Spießbürger mit Wut wollen nichts weiter behalten als ihren Status Quo (Haus, Auto, Konto – warum der neue Bahnhof da stört, weiß ich auch nicht), und da führt der Mensch nun mal gerne Krieg, nicht gegen fremde Völker, das ist im Moment nicht mehrheitsfähig, sondern gegen die bösen Politiker, die sie selbst jahrelang gewählt haben. Die einfache Tatsache, daß die Bahnhofspläne keineswegs Geheimsache waren, davon wußten auch viele Nicht-Stuttgarter durch die Presse, zeigt zudem die Beschränktheit der Wutbürger in all ihrer Angepaßtheit. Aber das ist natürlich nur e i n Beispiel, wohin Selbstzensur und vermeintliche Vernunft führt, nämlich zu Angst und selbstgefälliger Empörung. Am Ende werden die Stuttgarter ihren neuen unterirdischen Bahnhof lieben, auch wieder alle gemeinsam. Gegen Spießer ist eben kein Kraut gewachsen, und in die Szene einzusickern und alles von innen zu zerstören, hilft auch nicht!

    • @Norbert W. Schlinkert Nein, Ängstlichkeit ist kein Wunder angesichts der in Masse ausgestreuten Botschaft, Glück wäre ohne Wohlstand und Sicherheit nicht zu haben. Woran ja auch was ist. Für viele. Die deswegen gering zu schätzen ich mich weigere – zumal ich auch selbst nicht gerade auf Messers Schneide lebe. Selbst wenn sich’s oft so anfühlt, doch die Bedrohung ist eher im Kopf; mein Handeln unterliegt keiner Zensur und mein Körper ist zumindest krankenversichert. Auch ich spreche also eher vom Strand aus als vom lecken Kahn. Umso mehr Grund, Courage zu zeigen, wenn’s darauf ankommt und die Kapsel zu sprengen, die sich immer wieder um das unangepasste Denken schließen will. (Mistding!)

    • Ein gewisser Alban Nikolai Herbst schreibt auf S.19 seiner Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens: “Die Matrix vereinigt und globalisiert Interessen, Struktur und Positionen der gesellschaftlichen Kräfte in einander gleichende und schließlich gleiche Identitäten: Die Äquivalenzform hat auf Subjekt und Objekt durchgegriffen.” Matrix steht hier wohl für ein hyperkapitalistisches System, in dem die Fronten keineswegs klar sind, weil alle die gleichen Interessen haben, ganz gleich, wie nah sie einer Interessensbefriedigung sind. Es geht um den gemeinsamen Nenner, es hat gleichsam etwas Religiöses, ein Tanz ums Goldene Kalb!

  2. Und nicht warten bis man viele genug ist. Mit der Liebe, meine ich. Und möglichst überhaupt keiner Gruppe (auch keiner losen Gruppierung), keiner Bewegung (auch keiner “dagegen”) angehören wollen. Nicht im Chor nicken. Zu keinem Text.
    Ich stimme Ihnen beiden zu, in Teilen, auch mich beunruhigt das Graue, das Brave, das Konforme. Aber eine verallgemeinernde Formulierung um der schärferen Wirksamkeit willen, egal aus welcher und in welche Richtung, löst bei mir schnell eine spontane Abwehr aus, reduziert sie doch häufig nicht AUF, sondern UM Wesentliches. Und wenn ich mich von einer Allgemeinheit nicht vereinnahmen lassen will, weder zu den Abstinenzlern noch zu den sich Berauschenden gehören will, dann stehe ich allein, aber kann dennoch (oder erst recht) Freund, Kommunikationspartner, Mitredner, Widersprechler, Liebende sein. Und genau das will ich, Fehlbarkeit inklusive.
    Da fühle ich mich Ihnen nah, liebe Phyllis, und Ihrem Gedanken “Ob es nicht eher die Liebe ist, die Potential in Potenz verwandeln kann, nicht der Zynismus.”

    • Liebe Iris, Ihren Einwand, Verallgemeinerungen führten zum Verlust von Sinn-Anteilen, kann ich gut nachvollziehen. Obwohl ich selbst hier oft in der Wir-Form formuliere – allerdings nicht, um mir gemütliche oder gar selbstgerechte Zustimmung herbeizuschreiben. Oder meinen eigenen Schwarm zu bilden. (Hätte ich bloß gestern diese Dokumentation über Schwarmintelligenz nicht gesehen, die verfolgt mich seitdem.)
      Trotzdem: ohne liebende Bündnisse wäre ich nur ein einfaches Tainted, und das Talent wäre nach und nach den Bach runtergegangen.

    • @ 16.40

      naja – hab da aber noch nicht abgeschlossen, also die frage ist ja ob ich das nicht verflüssige ( “von sphärisch-sein-wollenden” rausnehme und etwas zwischen “mit” und “hingebungsagierenden” harmonsisierend einfüge.
      und das ironieangebot “erleuchtungsszenerie” im fast schon intimen zwiegespräch mit wein paar weizenbierchen später strengstens hinterfrage.

      ähem.

    • nönö – bloss nicht alles vorweg nehmen wollen – ich mag ja nun mal performative herangehensweisen ( und in diesem “blog” sollte sich noch einiges verändern, die frage ist ja wohin, aber das sollte ich denn doch versuchen individuell-ganzheitlich anzugehen und diese rauschwässerchen nicht gänzlich dabei aussperrt haben wollen – imgrunde versucht das ding ja mit dem wohl allzu restringierten beobachter ding auf tuchfühlung zu gehen – das ist erstmal der antezipierte rauschpfad – weiter nicht – ja gut streng ist ein dehnbarer begriff oder so – hm )

      klein’s bottle fliegt sicherlich noch raus

      is ja auch egal.

  3. Welch wunderbare Metapher: “zärtliche Infektionen”
    Daran mangelt’s.
    Wir alle kennen “psychische Infektionen” mit pathologischer Konnotation.
    Ich würde gerne einiges zu Ihrem Beitrag schreiben.
    Allein, mir fehlen eben die Nerven.

  4. What a fuck Beim industriell gefertigten Flügel habe ich aufgehorcht. Und musste sofort an meinen 97 Jahre alten denken, der noch handpoliert wurde. Der lebt noch – und wie. Während die industriell gefertigten Yamaha nach 7 Jahren ihren Geist oder ihren Ton aufgeben.
    Hat nicht “Babyficken” einmal in Klagenfurt am Bachmann-Literaturpreis “nicht einmal” Aufruhr erweckt.
    Die Studien behaupten jetzt, dass sogar das Vögeln seine Attraktion verloren hat. Hesse hätte sich sein “doch heimlich dürsten wir” wohl anders vorgestellt, als diese rabiate Gier nach Krieg, nach Dreinstechen oder wenigstens Zuschauen Dürfen, wenn jemand anderer abgemurkst wird.
    Wir sind nicht für den Frieden geboren. Viel zu langweilig.
    Wir wollen töten und wenn’s geht, auch noch möglichst grausam.
    Wenn ich jung wäre, würde ich in die militärische Forschung gehen. Zielsetzung, eine Waffe, die möglichst umfassend alles zerstört.
    Allerdings muss man erst alt werden und viel beobachtet haben, um derart morbid zu werden. Wenn man so könnte, wie man wollte, kann man nicht mehr wie man will. Oder so ähnlich hat es Marie von Ebner-Eschenbach ausgedrückt.
    In Wirklichkeit sind wir alles Vandalen, die Parkbänke beschmieren oder Graffiti sprayen. Weil wir nicht in der Lage sind, produktiv zu sein, bleibt uns nur mehr die Lust am Zerstören.

    Wer immer die “Auswerwählten” sein sollten, w i r sind es nicht.

    • Huch, Herr Steppenhund, angesichts dieser Breitseite erfasst mich vorerst das Schweigen. Doch das wird nicht währen: wenn ich mit meinem abendlichen Telefonzellenkaputthauen fertig bin, komm’ ich zurück und entgegne was Vernünftiges!

    • Die Japaner sind nicht nur beim Vögeln schnell, so hab ich das von einer KGB-Agentin gehört, sondern sie erzeugen einen Flügel auch in 2 Wochen, wozu ein alter Österreicher 26 Wochen braucht.
      Die Geschichte mit dem Vögeln ist aber zu schön, um sie zu unterschlagen.
      Ich sitze in der Bar im Meshdunarodnaja (Moskau), wo damals jede Nutte auch für den KGB gearbeitet hat. Unterhalten konnte man sich blendend mit ihnen. Da sagt meine Gesprächspartnerin: “Du! bist du noch in 15 Minuten da, dann komme ich wieder”. Fragender Blick meinerseits. “Ein Stammgast ist gerade ins Hotel eingetroffen, der will mich. Braucht aber nie länger als 10 Minuten, ist ein Japaner.”
      Was soll man sagen. In 15 Minuten war sie wieder da. Ich erfuhr noch, dass die Bezahlung damals in besseren Firmen noch abschreibbar war und als Reisespesen verrechnet werden durfte.

      “Man ist ja nicht aus Holz.” sagt der Herr Meier als er eine ähnliche Abrechnung zum zehnten Mal seinem Chef präsentiert. Der grunzt verächtlich, unterzeichnet und meint nur sardonisch: “Man ist aber auch nicht aus Stein.”
      (alter jüdischer Witz, gefunden bei Salcia Landmann)

  5. Wie sagte Calamity Jane in der (phantastischen) Fernsehserie ‘Deadwood’ ganz richtig: “Every day takes figuring out all over again how to fucking live.” Yeah! (Synchronisiert ist’s gleich braver: “Jeder neue Tag erfordert neue Klarheit darüber, wie man leben will.”) Stimmen tut’s so oder so.

  6. Was für ein schöner Text… den ich erst heute richtig lesen kann, so schlecht war die Funkverbindung in der Mark.
    Recht haben ist müßig, da bleiben die Visiere hochgeklappt. Die Angst loslassen…floaten, das ist es! Und infizieren…alles überfluten mit d i e s e n Viren…

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