Wohl wollen. Freitag, 27. Mai 2011

Mein Tag ist zersplittert heute, geschätzte Leser:innen, dennoch werde ich immer mal wieder hierherkommen, um zu sehen, ob Sie da sind. Um sich, beispielsweise, an diesem Gespräch zu beteiligen. (Wohlgemerkt, Gespräch ; )
Oder weil Sie eine Idee haben, was 1980 in Venedig geschah…
Sollten Sie weder auf das eine noch das andere Appetit haben, tja, morgen gibt’s dann wieder Schnitzel! ; )

Ihnen allen einen (wohl)wollenden Tag.

Herzlich
TT

Out there.


©www.thelasttuesdaysociety.org

“Ich verfolgte Unbekannte auf den Straßen. Nur so zum Spaß. Eines Tages, im Januar 1980, bin ich einem Mann nachgegangen, dessen Spur ich Minuten später verlor. Zufälligerweise wurde er mir noch am gleichen Abend vorgestellt und erzählte mir von seiner bevorstehenden Reise nach Venedig. Ich beschloss, ihm zu folgen.”
Sophie Calle

Assoziationsräume: BildText-Paare

Der Impostor

Fies, das Ding. Besonders, da die Frauen betroffen zu sein scheinen. Also ran. Beherzt. Geben wir ihm den Namen: Impostor. Man sagt, es sei ein Syndrom. (frau, übrigens, sagt das auch)
Ich werde mich langsam reinwinden, denn, ich bitte um etwas Geduld, leicht ist es nicht. Wer möchte so ein Syndrom schon … nein, dann fast lieber burnout, das klackt wenigstens für die Krankenkasse. Tatsache ist, den Impostor zieht man sich nicht an. Er sitzt unter der Haut. Unausziehbar, sozusagen. Oder wie Semioticghosts, ihres Zeichens Psychologin, erklärt: Das sind Frauen, die immer darauf gefasst sind, dass ihnen jemand von hinten auf die Schulter tippt und sagt: „Sie da. Sie haben sich hier unter falschen Behauptungen eingeschlichen. Sie gehören hier nicht hin. Ihre vermeintliche Kompetenz ist ein Fake. Sie sind ein Blender.“
So sieht’s aus.
Der Impostor, Studien zufolge, ist besonders bei gescheiten, starken Frauen anzutreffen. Und sehen Sie! Obwohl ich eben noch schreiben wollte, mir sei Semighosts Erklärung extrem vertraut, nun wage ich es nicht mehr. Denn dann würde ich mich ja selbst als gescheit und stark bezeichnen, und allein das fühlt sich bereits wie ein Täuschungsversuch an. Ich sage: es fühlt sich an. Ich weiß durchaus um meine Fähigkeiten. Meine Ratio weiß es; mein Bauch sagt etwas anderes. Der Jemand, der mir von hinten auf die Schulter tippt, sagt: „Du bist eine Simulantin. Wenn die erst einmal rauskriegen, dass Du gemogelt hast, werden sie dich fallen lassen. Mach’ dich darauf gefasst. Nichts, was Du geschaffen und dir erarbeitet hast, hält einer Überprüfung stand. Nur deinem Charme (Glück, gutem Timing…) ist es zu verdanken, dass sie dich bisher noch nicht erwischt haben.“
Sie glauben das nicht? Glauben Sie’s ruhig.
Der Impostor, er bleibt ja immer innen. Das reicht ihm völlig – Sie kriegen davon gar nichts mit, außer, Sie haben selbst einen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin einem gesunden Zweifel durchaus zugeneigt. (Wäre.) Ich habe nichts gegen konstruktive Kritik, und meine Prüfungsangst hält sich in Grenzen.
Der Impostor aber setzt an einem ganz anderen Punkt an: Er ist ein Entwertungsmechanismus im Inneren, ohne dass sich auch nur ein Fitzelchen davon an der Oberfläche zeigt. Das macht ihn so fies. Dass es ein Mechanismus ist. Vernünftigen Argumenten gegenüber ist er völlig immun. Einfach ein aggressiver, gewiefter alter Mechanismus, der seinen Ursprung verspiegelt hat, so dass man immer nur sich selbst sieht, wenn man versucht, die Quelle zu finden. Aber jetzt rücke ich ihm doch zu Leibe: Ich zerre, wenn nicht ihn, so doch seinen Namen ans Licht. Ich wette, damit hat er nicht gerechnet.

(Von Kommentatorenseite wurde inzwischen zurecht moniert, dies sei kein reines Frauenthema. Ich nehme das hiermit zur Kenntnis! Den nächsten Text in dieser Rubrik schreibe ich über Siewissenschon.)

Lockstoff: Zeitnetz

“Sie erkennt, dass sie den Täuschungen anheimgefallen ist. Dass sie nie geglaubt hat, was sie sah, was sie fühlte, nur das was zu sehen erwartet wurde.
Die Tür ist offen. Sie verlässt den Raum. Sie macht sich keine Gedanken über die Papiere, die auf dem Tisch zurückbleiben. Was dort geschrieben steht, diese Geschichte, war nur für sie bestimmt.
Die Möwen schreien. Einige Fischer kehren heim. Mit halbvollen Netzen. Sie grüßt die fremden Männer, setzt sich zu ihnen, bewundert ihren Fang, bedauert mit ihnen, dass es immer schwerer wird zu leben, auszukommen. Bedauert, dass es keine aufrechten Worte des Bedauerns gibt. Keine, die denjenigen, der sie ausspricht, mit Stolz erfüllen könnten.
Kann man stolz sein, auf seine leeren Hände, fragt sie sich. Warum nicht, denkt sie. Das ist der Moment, in dem sie anfängt zu zeichnen.
Sie wählt eine Farbe, zeichnet eine Straße, Häuser am Straßenrand, viele, eng beieinander stehende, identische Häuser. Sie folgt dem Stift. Sie hat keinen Willen, zeichnet, was ihre Hände ihr diktieren.
Sie fühlt sich frei. Solange ihre Hand sich bewegt, ist alles gut. Sie vergisst. Es gibt kein Gestern und kein Morgen. Kein Bild. Nur den Moment, der sie zeichnet, den sie zeichnet.”
(“Leere”)

Go to: Weberin im >>> Zeitnetz

Aschewolke, klein. Mittwoch, 25. Mai 2011

Es gibt bessere Fehden zu führen, jenseits des Randes.
Ja. Doch wer auf dem Teller bleibt, kann sich nicht eingraben und warten, bis die Luft wieder rein ist.
Ist doch egal.
Nichts ist egal. Ich vermisse die Frauen. Merken Sie nicht, wie die weg bleiben, wenn die Raucherecke
der Flegel den ganzen Hof in Beschlag nimmt?
Das ist doch reine Behauptung jetzt.
Nein. Beobachtung.
Zicke!
Rüpel!
Fahrlässigkeit gibt’s überall im Sonderangebot. Ich behalte mir vor.

(übrigens)

20:23
Zwei Drittel der ersten Überarbeitung des Manuskripts geschafft. Wenn ich durch bin, kommen die neuen Kapitel dran. In regelmäßigen Abständen packt mich die Panik, Sie kennen das sicher, falls Sie selbst schreiben. Nein, ich verliere jetzt kein Wort über Zweifel: die neigen dazu, sich gemütlich einzunisten, sobald man sie formuliert.
Bin matt. Eben noch geturnt, ein erstes Mal hier in K**** nicht an den Hanteln, sondern inmitten fremder, größtenteils dunkelhäutiger Frauen in einem Raum, der nach kurzer Zeit von arbeitenden Körpern nur so dampfte. Kurzer Glücksmoment, dass ich das wieder kann. Ich hinke zwar nicht mehr, doch mein linkes Bein ist immer noch stellenweise taub, auch die Fußkante. Immerhin, es fühlt sich nicht mehr wie ein Alien an, das ich am liebsten abschneiden würde. Nur, wenn ich drüberstreiche über die Stellen – und spüre, dass ich dort nichts spüre. (Nicht nachlassen, Phyllis.) Die Trainerin vorne gibt ihre Anweisungen in Englisch und schreit alle paar Minuten “courage, ladies!” durch den Raum, dazu die Wummermusik, die sie immer auflegen, wenn sie einen motivieren wollen. Für das hier brauche ich keinen Mut, denke ich. Da kenn’ ich ganz andere Sachen.