Gegenwind

“Es ist völlig in Ordnung, dass du Vorsorge triffst vor dem nächsten Schub” sagt sie.
Ich seh’ sie vor mir. Sie ist wie einer der Bäume auf der Insel, auf der sie lebt: die dem Wind trotzen und dabei eindrückliche Formen annehmen. (Die Male in meinem Leben, die ich mit ihr gesprochen habe, kann ich an einer Hand abzählen. Schade eigentlich. Ich mag resolute Familienmitglieder)
“Ich hab’ immer diese Stimme im Kopf” erwidere ich.
“Sagt die zufällig ‘Stell’ dich nicht so an?'”
“Ja.”
Sie lacht: “Bingo, das ist unsere Familienstimme. Hör’ nicht auf sie.”
“Haben wir denn wirklich so viele Fälle?”
Sie beginnt, Namen aufzuzählen. Manche sind mir vertraut, andere höre ich zum ersten Mal. Wie wenig ich weiß von unserem Clan. Wenig auch davon, welches Erbe ich trage.
“Es ist nie abhängig von der Situation, in der ich mich befinde” sage ich. “Es kommt ohne Vorwarnung.”
“Und legt dich lahm.”
“Ja.”
“Du hast es geerbt, du kannst nichts dafür. Bei mir ist es nur die mütterliche Linie, bei dir kommt die väterliche noch dazu, du hast es doppelt. Denk an…”
Sie zählt weitere Namen auf. Ich bin verblüfft. Und merkwürdig erleichtert. So viele?
“Ich denke jedes Mal, ich komm’ da alleine wieder raus” sage ich.
“Tust du ja auch. Aber es kostet viel Kraft. Die du aufwendest, ohne darüber zu sprechen, oder?”
“Gerade tu ich’s.”
“Nimmst du Medikamente?”
“Nein, nicht mehr.”
“Schon mal Johanniskraut probiert?”
“Nee.”
Wir reden noch eine Weile. Sie ist keine, die sich in ihren Symptomen suhlt, ich ebensowenig. Trotzdem wirkt ein Aberglaube in mir, dass dieses Erbe aus meinem Sprechen darüber Nahrung beziehen könnte. Doch besser schweigen? Gewinnt man durch Benennung Kraft, oder verliert man welche? Mal so, mal so, vermute ich. Im Grunde schreib’ ich diesen Beitrag gegen meinen Wind.
Voilà.
Soll er doch selbst sehen, wie er zurechtkommt!

Tree of life

Schauen Sie sich >>> diesen Film an. Unbedingt! Er traf mich Gänschen, das nur unterhalten werden wollte, ins Mark.
Bin von guten Einflüssen umgeben dieser Tage, manchmal sogar Güte. Allein der Herbst! Gestern auf dem Lande gegen Abend ein rosagold’nes Zwitterlicht über Gras und Bäumen, ein freundliches Winken wie von Feenhänden. Sich trauen, ergriffen zu werden. (Das, besonders, ist auch die Wucht von “Tree of life”. Hymne? Gottesdienst? Unzweifelhaft aber: Hingabe.)
Es müssen die Orden des Abgeklärtseins nicht immer hergezeigt werden.
Beim Lesen von Lewitscharoffs “Blumenberg” dachte ich kurz darüber nach, welchen Finger ich zu opfern bereit wäre, um so schreiben zu können. Den kleinen, befand ich. Und gleich darauf: keinen. Zuviel Respekt für andere betrübt den drolligen kleinen Kerl, der mir auf der Schulter sitzt. Zuviel Respekt, da rauft er sich die Haare aus.
Eigentun:
dagegen ist jedes Eigentum nur ein Pips.

Fei’rn Sie den Tag!

Nouvelle vage.

Waschmaschine läuft. Handwaschgang. Die Suche nach Herbstzeitlosen scheitert an hektischen Armbewegungen. Draußen, wie plötzlich angestellt, Kinderstimmen: in die Pause ploppende Schüler. Gestern die Frage, was mich inspiriert hätte und meine Überlegung, wie oft Schlüsselmomente verstreichen und ihre Türen mitnehmen. Nachlässige Antennen? Oder überbeschäftigte. Je größer die Anspannung, desto mehr tröstende Tiere stellen sich bei mir ein. Keines davon real: bin zu oft weg. Gestern Woody Allen aus meinem Adressbuch gestrichen. Der Mann beleidigt die Künstler. Grottenschlecht, dieser Parisfilm, reines Namedropping ohne Herz und Verstand. Der Mann ist zum Ausstatter seiner selbst mutiert. Unverschämtheit. Mein Gehirn wurde während der Nacht anscheinend auf Steno geschaltet, ich werd’ noch nicht schlau aus den Kürzeln. Macht nichts, bliebe eh lieber diffus heute.
Guten Morgen, geschätzte Leser:innen.

Paul

»Komm. Lass das Glänzen sein. Folge mir. Öffne die Lippen. Sieh mich an. Öffne deine Lippen. Ich nehme deine Luft. Du verstehst das. Du willst es. Du bist nichts. Entspanne dich. Hör auf zu denken. Ich bin schwer. Entspanne dich. Du bist leicht für mich. Ich verstehe diesen Blick. Ich verstehe ihn. Es gibt hier nichts. Nur dich. Es ist gut, hier zu sein. Leg’ dich hin. Dieser Platz ist für dich. Du spürst das. Es ist erlaubt. Alles ist erlaubt. Vergiss, was vorher war. Es bedeutet mir nichts. Es bedeutet mir gar nichts. Du kannst mir nichts geben. Also entspanne dich. Ich wähle selbst. Entspanne dich. Ich wähle das richtige.

Deine Muskeln sind schön lang. Sie sind schön geflochten. Ich sehe sie. Ich werde sie führen. Ich sehe, wie aufgeregt sie sind. Ich kenne das. Es macht gar nichts. Ich kann sie bedienen. Sie legen sich in meine Hand. Sie erinnern sich. Sie kommen zu mir, ich werde keine vergessen, ich werde keine übersehen. Ich kümmere mich um diese Dinge. Öffne die Lippen. Ich werde dich leeren. Du kannst das nicht selbst tun. Ich werde es tun. Du darfst vergessen. Vergiss, wer du bist. Du bist nichts. Ich sage dir, wer du bist. Ich sage dir, was du denkst. Du denkst nichts. Dein Kopf ist leer. Du erkennst mich nicht. Es ist gut. Deine Augen sehen nichts. Ich kenne das. Ich bin alles, was du willst. Es dauert lange. Ich verspreche es. Ich will es so.
Es bedeutet nichts.

Ich halte dich. Meine Worte glätten dich. Du gibst nach. Ich kann das sehen. Ich sehe, wie du verlierst. Gib auf. Du kannst nicht gegen mich kämpfen. Du hast keine Chance. Ich sehe nur zu. Ich brauche nichts zu tun. Ich weiß, dass du wartest. Du kannst nicht gegen mich kämpfen. Ich biete dir nichts. Ich glätte dich. Ich lasse dir keine Wahl. Ich lasse dir nichts. Du wirst mir alles geben. Du wirst alles vergessen. Du musst nichts bezahlen. Nachher wirst du gehen. Du wirst dich an nichts erinnern. Es wird nicht wehtun. Es ist keine Geschichte. Es bedeutet nichts.

Du liegst jetzt gut. Ich sehe auf den Puls an deinem Hals. Ich weiß, was du willst. Ich kenne dich. Du bist glatt. Du räkelst dich in meiner Hand. Du glaubst mir. Ich bewahre dich.
Du gibst nach. Ich nehme alles.
Ich treffe Entscheidungen. Vergiss die Geräusche. Es ist nicht wichtig. Ich treffe genau die richtigen Entscheidungen. Es spielt keine Rolle, wenn etwas passiert. Es darf passieren. Es spielt überhaupt keine Rolle. Ich mache keine Fehler. Das Blut klopft gegen die Haut. Es will zu mir. Ich berühre dich. Du glaubst mir. Es passiert jetzt. Es passiert immer.
Es ist das, was du kennst.
Es ist das, was du willst.
Du bist erfreut.
Du bist scheu.
Du bist leer.«