Gegenwind

“Es ist völlig in Ordnung, dass du Vorsorge triffst vor dem nächsten Schub” sagt sie.
Ich seh’ sie vor mir. Sie ist wie einer der Bäume auf der Insel, auf der sie lebt: die dem Wind trotzen und dabei eindrückliche Formen annehmen. (Die Male in meinem Leben, die ich mit ihr gesprochen habe, kann ich an einer Hand abzählen. Schade eigentlich. Ich mag resolute Familienmitglieder)
“Ich hab’ immer diese Stimme im Kopf” erwidere ich.
“Sagt die zufällig ‘Stell’ dich nicht so an?'”
“Ja.”
Sie lacht: “Bingo, das ist unsere Familienstimme. Hör’ nicht auf sie.”
“Haben wir denn wirklich so viele Fälle?”
Sie beginnt, Namen aufzuzählen. Manche sind mir vertraut, andere höre ich zum ersten Mal. Wie wenig ich weiß von unserem Clan. Wenig auch davon, welches Erbe ich trage.
“Es ist nie abhängig von der Situation, in der ich mich befinde” sage ich. “Es kommt ohne Vorwarnung.”
“Und legt dich lahm.”
“Ja.”
“Du hast es geerbt, du kannst nichts dafür. Bei mir ist es nur die mütterliche Linie, bei dir kommt die väterliche noch dazu, du hast es doppelt. Denk an…”
Sie zählt weitere Namen auf. Ich bin verblüfft. Und merkwürdig erleichtert. So viele?
“Ich denke jedes Mal, ich komm’ da alleine wieder raus” sage ich.
“Tust du ja auch. Aber es kostet viel Kraft. Die du aufwendest, ohne darüber zu sprechen, oder?”
“Gerade tu ich’s.”
“Nimmst du Medikamente?”
“Nein, nicht mehr.”
“Schon mal Johanniskraut probiert?”
“Nee.”
Wir reden noch eine Weile. Sie ist keine, die sich in ihren Symptomen suhlt, ich ebensowenig. Trotzdem wirkt ein Aberglaube in mir, dass dieses Erbe aus meinem Sprechen darüber Nahrung beziehen könnte. Doch besser schweigen? Gewinnt man durch Benennung Kraft, oder verliert man welche? Mal so, mal so, vermute ich. Im Grunde schreib’ ich diesen Beitrag gegen meinen Wind.
Voilà.
Soll er doch selbst sehen, wie er zurechtkommt!

22 Gedanken zu „Gegenwind

    • @Eugene Faust Werd’ ich wahrscheinlich. Allein des Umstands willen, dass ich’s noch nie probiert habe. Werde auch – mal so, mal so – gelegentlich Bezug darauf nehmen. Am liebsten eigentlich mit dem Zeichenstift – leichte Linien. Worte sind immer Schraffur. Kann schnell zu schwerfällig werden.
      Danke für den Link!

    • Ich betonte gelegentlich, dass ich kein Befindlichkeitsblog führe. Trotzdem habe ich mich nach längerer Zeit mal eher indirekt zu meiner Situation geäußert, weil es mir inzwischen ein Bedürfnis war, dass der eine oder andere ein wenig um mich weiß. Das habe ich bisher nicht bereut!

    • Ja, setzen Sie es frei in Linien aber “bannen” oder “disziplinieren” Sie es nicht nur auf diese. Ich weiß nämlich um dieses “BefindlichkeitsAchHerrje”. Das Netz ist voll davon. Sei es sich selbst unter die Lupe nehmend oder andere, unter ihrer Lupeneinstellung, beäugend und ich weiß wie schnell man selbst versucht ist ach herrje zu denken. Was für Ihre Personen im Fettberg gilt kann bei Ihnen selbst doch nicht weniger poetisch erwähnenswert sein, oder? Wissen Sie was mich dazu getrieben hat, es war und ist dieses Lust, die vielleicht auch daraus entstand, darüber etwas entstehen zu lassen. Und das mit “Suhlen” erlebe ich nun genau anders herum. Es ist ein Suhlen in täglichen Dingen, eigentlich Grundbedürfnisse, vielleicht Dinge, die einem vorher gefehlt haben, was auch immer. Ich glaube jemand, der in seiner Wahrnehmung auf seine Symptome heruntergefahren ist, würde es nicht als ein Suhlen bezeichen. Das hat mich ein bischen geschürft beim Lesen. Ich weiß ja, resolut sind wir alle gern, denn wer möchte schon Schwäche (das schreibe ich jetzt, ich weiß, in Ihrem Text steht es ja nicht!) eingestehen? Aber das ist vielleicht das Resolute daran, es für sich selbst schon einmal nicht als Schwäche zu werten, hinzunehmen, dass man offenbar nicht immer alle Lebensstricke fest in der Hand führt, davon zu sprechen, es weiter zu wandeln, es mitzunehmen. Aber nichts muss. Ich würde das auch nicht jedem empfehlen.

    • Dieser Text und Ihre Kommentare Frau Faust werfen in meine Richtung gleich mehrfach Identifizierungsschlingen aus: familiäre Dispositionen kenne ich auch (mein Clan ist mit Ähnlichem infiziert, vielleicht sollte ich auch einmal versuchen das Virus zu beschreiben).. und meinen Blog versuche ich auch von allem Persönlichem rein zu halten (wenn dann auch ab und an eine gehörige Portion Selbstnegativität durchschlägt)

      Thanx for das Text, der mich ins Identifizierungsschlingern brachte.

      PS. Aber der Impostor isses nicht?.. Dieser Widerspruch scheint mir gut getroffen (wenn so gemeint): Gerade der Befehlston, der den inneren Schweinhund so kleinmacht, lähmt nur weiter, führt gerade nicht dazu, dass die Klippe zum Tätigwerden endlich überwunden wird. (Das geht bei mir nur mit Stress, den ich, ups, eigentlich schon habe..)

    • @read an Dass Sie über das Resolutsein stolpern, wundert mich gar nicht: ging mir ebenso. Aber die Vokabel passt einfach so gut zu dieser Selbsteinstellerei, die man mit den Jahren perfektioniert, diesem kernigen “Gefahr erkannt, Gefahr gebannt” – Mythos. Als ob sich alle Lasten heben ließen. Tun sie aber nicht. Manche bleiben einfach liegen. Man kann sie nur einzeichnen, aber nicht wegschaffen.

      Gestern schrieb mir ein Leser privat, er habe erst zu seinen Möglichkeiten gefunden, nachdem er alle Zügel habe fahren lassen, mittels derer er sich die letzten Jahre auf Kurs gehalten habe…

      Vielleicht wird Kurs halten ja überbewertet.

    • @Phorkyas Ich frage mich, woher diese Abwehr kommt, die Blogs von Persönlichem “freizuhalten”. Ich selbst kann viel besser mitdenken, wenn ich etwas von der Verfasstheit der Person weiß, die den Anstoß zu einem bestimmten Thema gibt.

      Nee, der Impostor isses nicht. Aus meiner Sicht. Andere Baustelle.

      Gute Nerven wünsch’ ich! Aber nicht wie Drahtseile.. ; )

    • @Eugene, Nachtrag Las eben noch einmal Ihren mit jenem einen winzigen Buchstaben verlinkten Text. Mitsamt der vielen Kommentare. Und bedauerte, meine guten Wünsche damals nicht auch darunter geschrieben zu haben. Dafür schicke ich ihnen jetzt ganz herzlich und nachdenklich zugeneigte.

  1. lichtempfindlichkeit ich möchte, weil sie mir am herzen liegen, darauf hinweisen, dass johanniskraut tatsächlich lichtempfindlich macht und nicht nur vielleicht.
    so zu beobachten bei buntflecken kühen, die auf den weißen fell stellen sonnenbrand entwickelten nach dem in der futterration johannikraut war…

  2. Ich habe vor vielen Jahren Johanniskraut über einen längeren Zeitraum eingenommen. Hochdosiert, unter ärztlicher Aufsicht. Die Sonne musste ich tatsächlich meiden. Was die Wirkung anbelangt … es stimmte mich milde. Der Zustand hatte ein wenig von seinem “Kratzigen” verloren.
    Und @Kurs halten: Schlingern ist erlaubt, oder? (Das können wir dann immer noch als Tanz verkaufen.)

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